24. August 2011

Tabakkartell auf Beutezug

Vorabdruck. »Reemtsma auf der Krim«

Karl Heinz Roth und Jan-Peter Abraham

Der Überfall Nazideutschlands auf die UdSSR am 22. Juni 1941 ermöglichte dem Reemtsma-Konzern den Zugriff auf die Tabakwirtschaft der südlichen Sowjetunion. Das Management sah darin eine Gelegenheit, seine Kontrolle über den Tabaksektor in Europa abzusichern und das Unternehmen in einen Global Player der Lebens- und Genußmittelindustrie zu verwandeln. Im Schatten der Wehrmacht etablierte der Konzern auf der Krim ein brutales Ausbeutungsregime: Etwa 20000 Menschen wurden zur Arbeit auf den Tabakfeldern und in den Verarbeitungsbetrieben gezwungen.

Eine heute in der Edition Nautilus erscheinende Studie von Karl Heinz Roth und Jan-Peter Abraham beleuchtet dieses bis dato kaum bekannte Kapitel des faschistischen Raubzugs im Osten sowohl aus der Perspektive der Konzernmanager als auch der der Ausgebeuteten. Entstanden ist zugleich eine Gesamtgeschichte der Krim unter der deutschen Besatzungsherrschaft. Wir veröffentlichen aus dem Buch, um Fußnoten und einige Passagen gekürzt, einen Abschnitt, der die taktischen und strategischen Gründe für das »Engagement« des Reemtsma-Konzerns auf der Halbinsel am Schwarzen Meer darstellt.

Was brachte den Reemtsma-Konzern dazu, sich ausgerechnet auf der Krim zu engagieren, nachdem die 11. Armee der Heeresgruppe Süd die an den Rändern des Schwarzen und des Asowschen Meers gelegene Halbinsel im November 1941 weitgehend erobert hatte? Dafür gab es eine Reihe von Gründen, die mit taktischen und strategischen Unternehmenszielen verknüpft waren. Sie alle basierten jedoch auf einer einzigen Voraussetzung: Reemtsma agierte als De-facto-Monopolist der deutschen Zigarettenindustrie. Mit seinen offenen und verdeckten Beteiligungen beherrschte er zwei Drittel des Zigarettenmarkts, und durch seine gleichzeitige Kontrolle über die Kartelle der mittleren und kleinen Zigarettenunternehmen steuerte er das wichtigste Segment der deutschen Tabakindustrie, das seit dem Ersten Weltkrieg kontinuierlich auf Kosten der übrigen Sektoren – insbesondere der Zigarren- und der Rauchtabakindustrie – gewachsen war. Dieses faktische Marktmonopol war auch behördlich fest verankert. Als Leiter der Fachuntergruppe Zigarettenindustrie der Wirtschaftsgruppe Lebensmittelindustrie und als Konsortialführer der Tabakeinkäufe in der wichtigsten Exportregion Südosteuropa regulierte Philipp F. Reemtsma, der strategische Kopf des Konzerns, zusammen mit den Mitgliedern seiner Geschäftsleitung die gesamte Produktionskette der Zigarette vom Anbau bis zur Verteilung auch wirtschaftspolitisch. Das Ergebnis dieses Zusammenspiels war ein fein gefugtes Regulierungssystem, das den wirtschafts- und finanzpolitischen Spitzenbehörden ausgehend von der in Hamburg-Bahrenfeld ansässigen Zentrale die Planungsdaten vorgab.

Droge der Superlative

Diese fast unumschränkte Macht über das mental wohl wichtigste Genußmittel der auf die Entbehrungen des Zweiten Weltkriegs zusteuernden NS-Diktatur hatte jedoch eine gravierende Kehrseite: Der Reemtsma-Konzern – und eben nicht die Tabakreferate des Reichswirtschafts- und des Reichsfinanzministeriums sowie deren Mittelinstanzen – war für die Befriedigung der Zigarettennachfrage verantwortlich. Die aber wuchs seit der Wiedererlangung der Vollbeschäftigung und nochmals nach dem Übergang zu den zunächst unterhalb der Kriegsschwelle vorangetriebenen Annexionsakten gegen Österreich und die Tschechoslowakische Republik im März bzw. Oktober 1938 sowie im März 1939 in großem Umfang. Wie kein anderes Genußmittel schien die Inhalationsdroge Zigarette geeignet, Ängste und Nervosität zu besänftigen und im buchstäblich selben Atemzug die Konzentrationsfähigkeit und Leistungsbereitschaft zu steigern. Seit dem Übergang zum offenen Krieg etablierte sich die Zigarette vollends als Droge der Superlative. Denn ihr Hauptwirkstoff Nikotin aktiviert und sediert nicht nur das Gehirn, sondern hat auch einen Angriffspunkt im vegetativen Nervensystem und unterdrückt Hungergefühle. Wer rauchte, machte sich fit, brachte seinen Streß unter Kontrolle und hungerte nicht oder zumindest weniger, wenn er nicht genug zu essen hatte.

Die Zigarette war – und ist – folglich das ideale Genußmittel für gefährliche und entbehrungsreiche Zeiten. Zudem ließ sie sich leichter handhaben als die Zigarre oder die Tabakpfeife und war zunächst auch in steigenden Mengen verfügbar, weil ihre Rohstoffe im Vergleich zu denjenigen der konkurrierenden Genußmittel Tee, Kaffee und Kakao leichter beschafft werden konnten. Im Übergang zur Kriegsbewirtschaftung war die Zigarette das faktisch einzige Beruhigungs- und Stimulierungsmittel, das die emotionalen Extrem­erfahrungen und Hungerzustände der kleinen Leute und einfachen Soldaten kompensierte, ohne sie wie etwa beim übermäßigen Alkoholgenuß handlungsunfähig zu machen.

So stieg der Zigarettenkonsum trotz aller gegensteuernden Propagandakampagnen und Begrenzungsversuche unaufhaltsam, und die Rohtabakabteilung des Reemtsma-Konzerns steigerte die Aufkäufe der verschiedenen Qualitätssorten des für die Zigarettenproduktion benutzten leichten und aromatischen Orienttabaks aus Bulgarien, Griechenland und der Türkei bis 1940 von Jahr zu Jahr. Dadurch gelang es den Managern des Zigarettenkartells zunächst, Nachfrage und Angebot einigermaßen auszugleichen: Wie die Tabelle (auf Seite 11) zeigt, stand bei Reemtsma der Zunahme des Zigarettenverkaufs von aufgerundet 26,8 Milliarden Stück im Jahr 1937 auf 39 Milliarden im Jahr 1940 ein Anstieg der Importe von 54000 auf 63000 Tonnen Rohtabak gegenüber. Aber schon im Verlauf des ersten Kriegsjahres wurde absehbar, daß die allein zwischen 1937 und 1940 um fast 50 Prozent gesteigerte Verbrauchsquote zu einer raschen Erschöpfung der Rohtabakvorräte führen würde, weil es immer schwieriger wurde, sie durch gesteigerte Importe aufzustocken.

Zunächst wagte jedoch niemand, die Zigarettenproduktion wegen ihrer zentralen Bedeutung für die Aufrechterhaltung der Kriegsmoral zu drosseln. Eine weitere Steigerung war aber nicht mehr möglich. Deshalb wurde im Anschluß an die Einführung eines wirkungslos verpufften Kriegszuschlags auf die Tabaksteuer das bisherige Erzeugerkartell mit einem Verfahren zur Verbrauchslenkung gekoppelt, dem als Ausgangsgröße der durchschnittliche Zigarettenkonsum der Monate Januar bis September 1939 mit der Indexziffer 100 zugrunde lag. Bis Juli 1940 wurde die Obergrenze der Erzeugung für das Gebiet des »Großdeutschen Reichs« schrittweise auf 120 Prozent angehoben und im Frühjahr 1941 nochmals um weitere fünf Prozentpunkte gesteigert. Diese Erhöhungen wurden durch das Reichswirtschaftsministerium ausdrücklich gedeckt und »trotz der ungesicherten Rohtabaklage« wegen der immer weiter zunehmenden »Anforderungen der Wehrmacht, der Rüstungsbetriebe und des zivilen Marktes« für »notwendig gehalten«. Parallel dazu wurden nach und nach auch die besetzten Gebiete in das Bewirtschaftungssystem einbezogen, wobei die Akteure des Zigarettenkartells ihren Bevölkerungen je nach dem ihnen zudiktierten sozialrassistischen Bewertungsprofil unterschiedliche Quoten zugestanden.

Ausgehend von diesem Kontingentierungssystem entstand im Zusammenspiel zwischen der Geschäftsleitung des Reemtsma-Konzerns, der Fachuntergruppe Zigarettenindustrie und dem Tabakreferat des Reichswirtschaftsministeriums eine übergreifende Planung des Zigarettenverbrauchs für das expandierende deutsch beherrschte Europa. Philipp F. Reemtsma und der Geschäftsführer der Fachuntergruppe Zigarettenindustrie, Emil G. Jacob, betonten seit 1940 in ihren Denkschriften, Tätigkeitsberichten und Korrespondenzen immer wieder die Notwendigkeit, auf die Auswirkungen der britischen Überseeblockade mit einer »kontinentaleuropäischen« Tabakanbau- und Verarbeitungsplanung zu antworten, in der die uneingeschränkt vorrangige Reichsversorgung mit den Belangen der mitzubeliefernden neutralen und verbündeten Länder sowie der zigarettenpolitischen »Befriedung« der besetzten Gebiete abgestimmt wurde.

Versorgungsengpässe

Die Manager des Reemtsma-Konzerns und des Zigarettenkartells betrieben die Umsetzung dieser »kriegswichtigen« Aufgabe nicht nur effizient und planungsbewußt, sondern auch mit robuster Unverfrorenheit. Schon bei der Anne­xion Österreichs und der Zerschlagung der Tschechoslowakischen Republik hatten sie durch die Umwandlung der österreichischen Tabakregie in eine reichseigene Aktiengesellschaft (Austria Tabakwerke AG), die Neuverteilung der Märkte und umfassende Rationalisierungsmaßnahmen die Fundamente für ein europaweites Ausgreifen des »großdeutschen« Produktions- und Verteilungssyndikats gelegt. Seit Kriegsbeginn befleißigten sie sich dann einer betont weit gefaßten Auslegung der Konfiskations- und Beutebestimmungen des internationalen Kriegsrechts. Bald gingen sie aber auch zu offenen Plünderungspraktiken über, um die immer breiter klaffende Lücke zwischen den schrumpfenden und sich zunehmend verteuernden Tabakvorräten und den für »kriegswichtig« erklärten überhöhten Produktionszielen zu schließen.

Nach dem deutschen Überfall auf Polen übernahm Otto Lose, der Leiter der Kaufmännischen Abteilung des Reemtsma-Konzerns und des berüchtigten Cigaretten-Bilderdiensts Hamburg-Bahrenfeld, im Anschluß an seinen Militäreinsatz erstmals die Verteilung der Tabakvorräte, die die Tabak-Sonderkommandos des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamts des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) erkundet und konfisziert hatten. Die Ausbeute war erheblich, aber trotzdem kam es im März/April 1940 zu ersten akuten Versorgungsengpässen. Ihnen konnte jedoch wenige Monate später wieder abgeholfen werden, als den Exponenten des Bremer Tabakhandels in den besetzten Niederlanden umfangreiche überseeische Tabakvorräte in die Hände fielen. Zusätzlich übernahmen leitende Angestellte des Reemtsma-Konzerns die Tabak­referate beim Reichskommissar für die besetzten niederländischen Gebiete, beim Militärbefehlshaber in Belgien und Nordfrankreich sowie beim Militärbefehlshaber in Frankreich und integrierten die Vorräte und Kapazitäten dieser Gebiete einschließlich ihrer Kolonien in die Tabakversorgung der expandierenden deutschen Herrschaftssphäre. Aber auch diese Effekte waren nur kurzlebig. Bis zum November 1940 verschlechterte sich die Rohstofflage erneut, und die Produktions­kontingente mußten trotz der rasant weiter steigenden Nachfrage auf einem Niveau, das ein Fünftel über dem Vorkriegsstandard lag, eingefroren werden. Darauf folgte im April 1941 eine massive Zäsur, die durch den deutschen Überfall auf Griechenland und Jugoslawien herbeigeführt wurde. Denn nun gerieten mit Griechenland und dem verbündeten Bulgarien große Teile der für die Zigarettenindustrie entscheidenden Anbaugebiete des balkanischen Orienttabaks unter direkte deutsche Kontrolle, und auf den ersten Blick schienen dadurch die Rohstoffprobleme der deutschen Zigarettenindustrie gelöst zu sein.

Die Jagd auf die griechischen Tabakvorräte begann unmittelbar nach der Eröffnung der Kampfhandlungen durch das 12. Armeekorps an der bulgarischen Südgrenze. Dabei koordinierte Otto Lose diesmal die Erfassungs- und Plünderungsaktivitäten von Anfang an. Als Tabakbeauftragter des Armeewirtschaftsführers dirigierte er die Spezialtrupps der Wirtschaftskommandos in die Anbaugebiete und auf die Handelsplätze, schaltete zusätzlich aber auch die Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und des SD in die Beuteaktionen ein. Zunächst trieb er die Erfassung und Beschlagnahme der in Saloniki besonders umfangreich gespeicherten Handelsvorräte und die Konfiskation der wertvollsten Rohtabaksorten in Westthrakien voran, wobei die jüdischen Handelsfirmen besonders vermerkt wurden (»Jude«). Bis Ende Mai hatte die 12. Armee auf Loses Anweisung hin die gesamte Tabakernte der Jahre 1939 und 1940 im Umfang von 85000 Tonnen lokalisiert und beschlagnahmt. Sie wurde in den folgenden Monaten auf der Basis des Vorkriegspreisstandes von 1939 zum größten Teil an die deutschen Ankaufskonsortien veräußert, so daß für die Bündnispartner Italien und Bulgarien nur kleine Kontingente übrigblieben. In der Geschäftsbilanz des Reemtsma-Konzerns hinterließ die außerordentliche Zielstrebigkeit seines zur Südarmee delegierten Tabakexperten deutliche Spuren. Bei den Rohtabakbeständen des Jahres 1941 standen im Gegensatz zu den Vorjahren die griechischen Tabake mit 23413 Tonnen vor denjenigen aus der Türkei (9430 Tonnen) und Bulgarien (9117 Tonnen) weit an der Spitze; dabei stammten 8805 Tonnen aus den konfiszierten Beständen. Auch der Durchschnittspreis war entgegen den formalen Vorgaben mit 2,19 Reichsmark erheblich unter den Bezugspreis des Jahres 1939 (2,62 Reichsmark) gedrückt worden.

Raubwirtschaft mit System

Dieser unverhoffte Raubzug verschaffte Reemtsma und dem Zigarettenkartell eine bemerkenswerte Atempause. Zur Stützung der für den bevorstehenden Überfall auf die Sowjetunion so dringlichen Kriegsbegeisterung konnten die Produktionskontingente im Mai und Juni 1941 wieder erhöht werden, und die Zigarettenindustrie boomte wie nie zuvor. Angesichts dieses operativen Erfolgs hielten die Zigarettenmanager die gesellschaftlichen und moralischen Folgen ihres Handelns für belanglos. Sie hatten sich sozusagen im Vorübergehen an der sozialen Vernichtung der besonders stark im Tabakhandel engagierten jüdischen Gemeinden Salonikis und Nordgriechenlands beteiligt: Pauperisierung und Hungersnot setzten sofort ein, die Ghettoisierung und physische Vernichtung folgte knapp zwei Jahre später. Darüber hinaus hatten sie zum ersten Mal in diesem Krieg in Kooperation mit dem Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt des OKW und dem Armeewirtschaftsführer der 12. Armee ein raubwirtschaftliches System aufgezogen, das es ihnen gestattete, die Tabakvorräte der eroberten Gebiete innerhalb kürzester Zeit zu plündern und die Anbaugebiete danach in eine Versorgungsdomäne der Besatzungstruppen sowie der deutschen Kriegswirtschaft umzuwandeln. So waren sie auf den »Fall Barbarossa« bestens vorbereitet und konnten ihre Tabakpolitik optimal innerhalb der Strukturen des Raub- und Vernichtungskriegs positionieren. Nach dem Abschluß seiner Griechenland-Mission wurde Otto Lose zum Tabakreferenten in der Chefgruppe Wirtschaft des Wirtschaftsstabs Ost ernannt.

Trotzdem handelte es sich um einen sehr kurzlebigen Erfolg. Die Plünderungspraxis ermöglichte zwar die Überwindung eines kurzfristigen Engpasses, blockierte aber den Übergang zu einem nachhaltig orientierten Ausbeutungsregime von längerer Dauer. Die griechische Nationalökonomie brach aufgrund der wirtschaftlichen Raubzüge, des Kollapses ihres Außenhandels und ihrer territorialen Zerstückelung in ein deutsches, italienisches und bulgarisches Besatzungsgebiet rasch zusammen. (…)

Zwei Monate nach dem am 22. Juni 1941 begonnenen Überfall auf die Sowjetunion spitzte sich die Versorgungslage erneut zu. Dabei spielte der wachsende Zigarettenverbrauch der Wehrmacht und der paramilitärischen Einheiten, die inzwischen mehr als ein Drittel der Gesamtproduktion für sich beanspruchten, eine wichtige Rolle. Vor den Tabakläden vieler Großstädte bildeten sich lange Schlangen, und die ersten Provinzialregierungen begannen trotz der heftigen Proteste des Zigarettenkartells, mit der Einführung von Raucherkarten zu experimentieren. Bei ihrem Kampf gegen die Einführung eines zentral gesteuerten individuellen Rationierungssystems kamen der Reemtsma-Konzern und die Fachuntergruppe Zigarettenindustrie jedoch über einen Zeitaufschub nicht hinaus, denn sie sahen sich aufgrund der schrumpfenden Tabakvorräte und einer auf sie zukommenden kriegswirtschaftlichen Rationalisierungswelle gezwungen, die Produktionskontingente allmählich zu verringern. Zu Beginn des Jahres 1942 wurde der Gesamtausstoß der Zigarettenindustrie auf den Durchschnitt der letzten neun Vorkriegsmonate (100 Prozent) gesenkt, und danach folgten bis zum Frühjahr 1944 weitere Produktionseinschränkungen, die den Anteil der Zivilbevölkerung wegen des zunächst weiter ungebremsten Verbrauchs der Wehrmacht, der paramilitärischen Verbände und der Schlüsselbetriebe der Rüstungsindustrie ständig verringerten und schließlich auf weniger als die Hälfte des Vorkriegsniveaus festschrieben. Infolgedessen wurde es unumgänglich, zum 1.Januar 1942 eine »Raucherkontrollkarte« einzuführen. Bezugsberechtigt waren alle deutschen Männer ab 18 Jahre und alle deutschen Frauen im Alter zwischen 25 und 55 Jahren, soweit sie dies beantragten. Da auch Nichtraucherinnen und Nichtraucher die Kontrollkarte beziehen konnten, avancierte diese zu einem begehrten Geschenk und Tauschobjekt, und damit war aufgrund der ständig sinkenden Bezugsmengen – zuletzt gab es wöchentlich pro Erwachsenen nur noch 14 gewichtsreduzierte Einheitszigaretten schlechter Qualität – der erste Schritt zur »Zigarettenwährung« gebahnt.

Diese Entwicklung veranlaßte die Manager des Reemtsma-Konzerns und des Zigarettenkartells jedoch keineswegs zu einer Distanzierung von der NS-Diktatur. Sie machten vielmehr gute Miene zum bösen Spiel und übernahmen nun auch im Bereich der Zigarettenverteilung hoheitliche Aufgaben, wobei sie sich vor allem auf die vorrangige Versorgung der Überlebenden des Bombenkriegs konzentrierten. Die Fachuntergruppen der Tabakwirtschaft mauserten sich zu behördlichen Bewirtschaftungsstellen, und der bei Reemtsma für die Verkaufsorganisation zuständige Manager Friedrich Georg Schlickenrieder avancierte zum koordinierenden »Lenkungsbeauftragten für die Warenverteilung«.

Zugriff auf »Russen-Sorten«

Seit dem Spätsommer 1941 setzten die Reemtsma-Manager unter der Regie ihres Vordenkers Philipp F. Reemtsma alle Hebel in Bewegung, um diese für die Gewinn- und Zukunftsinteressen ihres Konzerns fatale Entwicklung aufzuhalten. Dabei richteten sie ihr Augenmerk immer häufiger auf den Vormarsch der Wehrmacht in der Sowjetunion, die nach der Überquerung des Dnjepr im Oktober und November in die großen Tabakanbaugebiete der Ost-Ukraine vordrang. Denn im Gegensatz zum Generalgouvernement Polen, zum Baltikum und zur Westukraine wurden in Südrußland hochwertige Orienttabake angebaut, die zur wichtigsten Rohstoffgruppe der deutschen Zigarettenindustrie gehörten. Wie schnell würde die Heeresgruppe Süd diese Anbaugebiete, nämlich die Krim, den Nordkaukasus und die östliche Schwarzmeerküste, erreichen? Die in diesen Gebieten angebauten und geernteten Tabaksorten waren den Reemtsma-Experten bestens vertraut, denn sie hatten bis Kriegsbeginn aus der Sowjetunion jährlich kleinere Mengen dieser wertvollen »Russen-Sorten« – »Schwarzmeer« und »Maikop« – zu außerordentlich günstigen Preiskonditionen importiert und ihren Zigarettenmarken zugemischt. Es konnte deshalb nicht wundernehmen, wenn in der Reemtsma-Geschäftsleitung nach der Überquerung des Dnjepr durch die Heeresgruppe Süd intensive Vorarbeiten zur Inbesitznahme und Ausbeutung dieser wohlvertrauten Bezugsquelle einsetzten.

Als die Armeen der Heeresgruppe Süd im November 1941 die Krim weitgehend eroberten und bis zur Tabakverarbeitungsmetropole Rostow am Don vordrangen, hielt Philipp F. Reemtsma die Zeit für gekommen, den engeren Kreis der Akteure des Zigarettenkartells auf die sich dadurch eröffnende Perspektive zur Überwindung der Produktions- und Verteilungsengpässe vorzubereiten. Als Forum wählte er eine Sitzung des Beirats der Fachuntergruppe Zigarettenindustrie, die am 18. November 1941 im Berliner Hotel Esplanade stattfand. Nun sei endlich die Zeit gekommen, die immer stärker schrumpfenden Lieferungen aus dem Balkan auszugleichen, sagte er in einem ersten Diskussionsbeitrag. Dafür kämen vor allem die auf der Krim angebauten Orienttabake in Frage, denn sie seien für die deutsche Zigarettenindustrie »grundsätzlich geeignet«, wie er aus eigener Erfahrung wisse. Er halte es durchaus für möglich, daß die Sowjets die Tabakernte nicht weggeschafft oder zerstört hätten. Deshalb könne man mit dem Bezug von etwa acht- bis zehntausend Tonnen Orienttabak aus der Krim rechnen und so das aktuelle Verarbeitungskontingent aufrechterhalten. Letztlich werde man aber nur aus der Mangelsituation herauskommen, wenn darüber hinaus der Zugriff auf den Nordkaukasus gelinge, dessen Ernte sich auf jährlich 40000 bis 60000 Tonnen belaufe und der an der Ostseite des Schwarzen Meers über »ein besonders gutes Anbaugebiet für Zigarettentabak« verfüge. Im weiteren Verlauf der Diskussion betonte er nochmals, nur das »Gebiet von Kaukasien biete« aufgrund des großen Volumens seiner Tabakernten »die Chance, die Abhängigkeit der Zigarettenindustrie von den Rohtabak produzierenden Ländern des Südostens zu mildern«.

Aber das war Zukunftsmusik. Zum Zeitpunkt der Beiratssitzung befanden sich nur die Krim und wenig später auch Rostow – wenn auch zunächst nur für wenige Tage – in deutscher Hand, jedoch waren die dortigen Verarbeitungskapazitäten bis auf wenige Zigarettenmaschinen zerstört. Man konnte also als erstes nur versuchen, die akute Versorgungslücke durch den Zugriff auf die Tabakvorräte der Krim zu schließen und auf der Halbinsel die nächste Anbausaison so intensiv wie möglich vorzubereiten.

aus: Karl Heinz Roth/Jan-Peter Abraham, Reemtsma auf der Krim. Tabakproduktion und Zwangsarbeit unter der deutschen Besatzungsherrschaft 1941–1944, gebunden mit Schutzumschlag, 576 Seiten, mit vielen Fotos und Karten, Edition Nautilus, Hamburg 2011, 39,90 Euro

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