1. Dezember 2012

Teilung zementiert

Mitglieder des »First Dáil« am 10. April 1919: Michael Collins, Arthur Griffith und Éamon de Valera (von links nach rechts) - Fotoquelle: Wikipedia

Gründung des Irischen Freistaates vor 90 Jahren war Grundstein für Unabhängigkeit im Süden und Unterdrückung im Norden Irlands

Florian Osuch

Kaum ein Ereignis spaltete Irland mehr, als die Gründung des »Irish Free State« am 6. Dezember 1922. Das Land war fortan und bis heute territorial in einen nördlichen und einen südlichen Teil getrennt. Die damals führende republikanische Partei Sinn Féin und ihr militärischer Arm, die »Irish Republican Army« (IRA), entzweiten sich in Unterstützer und Gegner dieses Staatsgebildes, welches weitgehende Autonomie besaß und trotzdem als Teil des Commonwealth an Großbritannien gefesselt war.

Die Umstände, die zur Gründung des Freistaates führten, reichen in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Im Zuge einer großen Hungersnot, dem »Great Famine« (1846–1849), starben rund eine Million Iren. Die Zentralregierung in London unternahm nach Auffassung der Bevölkerung zu wenig, um Folgen der Katastrophe zu mildern. Eine weitere Million Iren verließ die Insel, die Bevölkerung reduzierte sich binnen weniger Jahre von 8,5 auf rund sechs Millionen Menschen. Die leidvollen Erfahrungen ließen zum Ende des 19. Jahrhunderts die Unabhängigkeitsbewegung in Irland erstarken. Es bildeten sich Organisationen wie die »Irish Republican Brotherhood« oder die »Irish Socialist Republican Party«, angeführt vom Marxisten James Connolly. Starke Gewerkschaften kämpften für die Rechte der Arbeiter, Frauenorganisationen forderten Gleichberechtigung.

Zur gleichen Zeit setzten sich liberale englische Abgeordnete im britischen Parlament für eine begrenzte irische Selbstverwaltung ein, scheiterten jedoch mit ihren Vorstößen. Erst im Jahr 1914 verabschiedete London ein erstes Gesetz, das Irland eine eigene Regierung innerhalb des Vereinigten Königreichs zusicherte – wegen des Ersten Weltkrieges fand dies jedoch keine Anwendung. Die britischen Protestanten in Irland fürchteten, durch diese »­Home Rule« ihren privilegierten Status zu verlieren und organisierten eine Gegenbewegung. Sie stellten eine Miliz zur Verteidigung ihrer Vorherrschaft auf. Auf Seiten der irischen Unabhängigkeitsbewegung gründete sich die bewaffnete »Irish Citizen Army«.

Osteraufstand in Dublin

Zu Ostern im Jahr 1916 wagte eine kleine Gruppe Iren den Umsturz. Auf den Treppen des Hauptpostamtes in Dublin riefen der Gewerkschafter Connolly und der Schriftsteller Patrick Pearse die Republik aus. Die Proklamation (siehe unten) ist wohl der wichtigste Text, auf den sich irische Republikaner bis heute berufen. Der Osteraufstand scheiterte, und nach einer Woche gaben die Rebellen auf. Die britische Regierung ließ zahlreiche Anführer hinrichten, doch die historischen Folgen des Aufstandes sollten erst zwei Jahre später sichtbar werden. Zwischenzeitlich forderte der Erste Weltkrieg von Großbritannien höchste Aufmerksamkeit, und in Rußland und im Deutschen Reich gab es sozialistische Erhebungen.

Viele Iren verbanden mit dem Osteraufstand die 1905 gegründete Partei Sinn Féin, obwohl dessen Gründer, Arthur Griffith, an diesem gar nicht teilgenommen hatte. Als nach Ende des Ersten Weltkrieges in Großbritannien erstmalig wieder Wahlen angesetzt waren, kündigten die Kandidaten von Sinn Féin an, ihre Sitze im englischen Parlament nicht einzunehmen und statt dessen ein eigenes Parlament zu gründen. Aufgrund wachsender Unzufriedenheit sowie eines liberalisierten Wahlrechts – erstmalig durften auch Frauen über 30 Jahren ihre Stimme abgeben – gewann Sinn Féin 73 von 105 möglichen Sitzen. Wie angekündigt fanden sich die Abgeordneten 1919 in Dublin ein und erklärten den »Dáil Éireann« zur demokratischen Regierung Irlands. Obwohl London den Alleingang verbieten ließ, bildeten die gewählten Volksvertreter ein provisorisches Kabinett mit Éamon de Valera, damaliger Chef von Sinn ­Féin, als Präsident. IRA-Führer Michael Collins wurde Finanzminister und die bekannte Sozialistin und Frauenrechtlerin Constance Markiewicz Arbeitsministerin.

Der Streit zwischen London und Dublin eskalierte, und drei Jahre nach dem gescheiterten Osteraufstand und gestärkt durch den Rückhalt in der Bevölkerung griff die neu formierte IRA wieder zu den Waffen. Aus dem Anglo-Irischen Krieg (1919–1921) ging keine Seite als Sieger hervor. Geld- und Waffenvorräte der IRA schwanden, aber die britische Regierung sah sich einem Jahre währenden Guerillakrieg ausgesetzt, denn ganz kriegsmüde waren beide Seiten noch nicht. Probritische Unionisten bangten derweil weiter um den Erhalt ihrer Vorherrschaft. Da sie einen Sieg des Duos De Valera/Collins nicht ausschließen konnten, stimmten sie einem britischen Vorschlag zur Teilung Irlands zu. Der »Government of Ireland Act« von 1920 sah eine eingeschränkte »Home Rule« für 26 süd­irische Grafschaften vor, während im Norden sechs Landkreise vollständig beim Vereinten Königreich verblieben.

Spaltung der Bewegung

Im Juli 1921 vereinbarten die britische Regierung und der Dáil einen Waffenstillstand. Eine Delegation unter Michael Collins und Arthur Griffith reiste zu Verhandlungen nach London, es gab jedoch keine Einigung. Großbritannien weigerte sich, den Status des kurz zuvor etablierten Nordirlands zu diskutieren und lehnte die Gründung einer völlig unabhängigen irischen Republik ab. Einziges Angebot: weitreichende Autonomie innerhalb des Commonwealth für den Süden – verbunden mit der Drohung, Großbritannien werde auf der Insel einen »sofortigen und fürchterlichen Krieg« entfesseln, wenn die Option nicht angenommen würde.

Die Abgeordneten des Dáil waren angesichts dieses Ergebnisses zutiefst gespalten. »Verrat an der irischen Sache« schrien die Gegner, »Sprungbrett in Richtung Republik« meinten Befürworter. In einer knappen Entscheidung votierte die Mehrheit der Abgeordneten im Januar 1922 für das britische Angebot. Sinn Féin spaltete sich an dieser Frage ebenso wie die IRA. Führende Politiker der Partei und Kämpfer standen sich plötzlich unversöhnlich gegenüber. Die Kritiker, angeführt von De Valera, lehnten den zu gründenden Irischen Freistaat ab, und versprengte IRA-Einheiten besetzten wichtige Gebäude in Dublin. Eine der tragischsten Perioden der irischen Geschichte begann: Kräfte der Vertragsbefürworter um Michael Collins, unterstützt von britischem Militär, richteten ihre Waffen nun gegen ehemalige Weggefährten. Am 6. Dezember 1922 wurde der Freistaat nach Vorlage des »Government of Ireland Act« gebildet; er verblieb im Commonwealth mit dem englischen König als Staatsoberhaupt. Der kurze Irische Bürgerkrieg (1922–1923) endete mit einer Waffenstillstandserklärung der besiegten IRA.

Die Gründung des »Irish Free State« war unter verschiedenen Gesichtspunkten bedeutsam: Erstens beendete sie eine mehrjährige Phase bewaffneter Aufstände und Kriege um die irische Unabhängigkeit. Zweitens wurde mit der Errichtung des irischen Teilstaates der Weg für seine uneingeschränkte Souveränität geebnet, auch wenn diese erst 1949 mit dem endgültigen Austritt Irlands aus dem britischen Commonwealth verwirktlicht wurde. Drittens wurde durch die Schaffung eines mehrheitlich protestantischen Separatstaates im Norden die politische Teilung Irlands anhand konfessioneller Linien akzeptiert und die Diskriminierung der irisch-katholischen Minderheit im Norden zementiert, was bekanntlich in den 1960/70er Jahren den Nordirlandkonflikt und den bewaffneten Kampf der IRA zur Folge hatte.

Quelle: Proklamation der Irischen Republik beim Osteraufstand 1916

Das Manifest der Revolte von 1916 war für seine Zeit revolutionär, da es etwa das uneingeschränkte Wahlrecht für Männer und Frauen sowie gleiche bürgerliche Rechte und religiöse Freiheiten »für alle Bürger« Irlands forderte.

»Irische Männer und Frauen: (…) Wir verkünden hiermit den Besitzanspruch des irischen Volkes auf Irland und auf die uneingeschränkte Kontrolle über die Geschicke Irlands auf Souveränität und deren Unantastbarkeit. Die lange Vorenthaltung dieses Rechts durch ein fremdes Volk und eine fremde Regierung hat all diese Rechte nicht ausgelöscht noch kann es jemals ausgelöscht werden, außer durch die Vernichtung des irischen Volkes. (…) Wir erklären hiermit die Republik Irland zu einem souveränen, unabhängigen Staat und opfern unser Leben und das unserer Waffenbrüder für dessen Freiheit Wohlstand und seiner Entfaltung unter den Nationen. (…). Die Republik bürgt für religiöse und bürgerliche Freiheit, gleiche Rechte und gleiche Möglichkeiten für alle seine Bürger und erklärt ihre Absicht, nach Glück und Wachstum der ganzen Nation und aller ihrer Teile zu streben, alle Kinder der Nation auf gleiche Weise zu umsorgen, unbeeindruckt von all den Unterschieden, welche durch eine fremde Regierung sorgfältig gepflegt wurden (…).«

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