2. Januar 2012

Terroristische Diktatur

Zwei Arten von Faschismus: Während der ungarische unter Miklós Horthy (hier auf der Donaubrücke von Komárom an der Grenze zwischen Ungarn und der Slowakei, 5. November 1938) sich vorwiegend auf die Armee stützte, … - Quelle: jW-Archiv

Vorabdruck. Bemerkungen zu Typen und Entwicklungsetappen des Faschismus

Kurt Gossweiler

1982 erschien erstmals Kurt Gossweilers »Kapital, Reichswehr und NSDAP. Die Frühgeschichte – 1919 bis 1924«. Der Historiker, damals am Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR tätig, geht darin dem Charakter, der Genese und den sozialen wie gesellschaftlichen Ursprüngen des Faschismus im Allgemeinen und seiner »nationalsozialistischen« Variante im Besonderen nach. Der Kölner PapyRossa-Verlag gab in diesen Tagen eine Neuauflage des Buches heraus. jW veröffentlicht einen um Fußnoten gekürzten Auszug aus zwei Abschnitten (»Zwei Grundtypen faschistischer Diktaturen« und »Überlegungen zu Entwicklungsetappen des Faschismus«) vorab.

Auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale 1935 wurde im Referat Georgi Dimitroffs und in der Diskussion zu diesem eine umfassende, tiefgründige Analyse des Faschismus gegeben, in deren Mittelpunkt die Kennzeichnung der Klassennatur des Faschismus an der Macht als »offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals« stand. Diese Wesensbestimmung des Faschismus hat allen Prüfungen durch die Geschichte standgehalten.

Das bedeutet jedoch nicht, daß mit ihr alle Fragen der Faschismusproblematik ein für allemal gelöst wurden. Gegen eine solche dogmatische Auffassung wandte sich Georgi Dimitroff ausdrücklich in seinem Schlußwort zur Diskussion über sein Referat, indem er folgenden wichtigen Hinweis für das richtige Herangehen an die konkrete Analyse des Faschismus gab: Keinerlei allgemeine Charakteristik des Faschismus, so sagte er, sie möge an sich noch so richtig sein, enthebe die Kommunisten der Pflicht, »die Eigenart der Entwicklung des Faschismus und der verschiedenen Formen der faschistischen Diktatur in einzelnen Ländern und in verschiedenen Etappen konkret zu studieren und zu berücksichtigen«.

Dimitroff verwies darauf, daß der Faschismus ungeachtet seines gleichbleibenden Wesens zum einen in verschiedenen nationalen Spielarten auftritt und zum anderen eine geschichtliche Entwicklung durchläuft, bei der auf jeder Entwicklungsstufe neue Besonderheiten auftreten. Dies nicht zu berücksichtigen und statt dessen irgendein allgemeines Entwicklungsschema für alle Länder und alle Völker aufstellen zu wollen, würde uns nicht helfen, sondern uns hindern, den Kampf gegen den Faschismus in richtiger Weise zu führen. (…)

Es sei hier darauf verwiesen, daß bereits in den ersten Jahren seines Erscheinens der Faschismus an der Macht in zwei Spielarten auftrat, die bis zum heutigen Tag die beiden Hauptformen faschistischer Diktaturen geblieben sind: 1919/20 in Ungarn als eine durch die Armee errichtete und sich vorwiegend auf die Armee stützende Diktatur, 1922 in Italien als ein mit Hilfe einer faschistischen Massenpartei installiertes und sich auf diese Partei neben dem staatlichen Gewaltapparat stützendes Diktaturregime.

Gesamtnationale Krise

Auf die Existenz dieser beiden Spielarten des Faschismus an der Macht und die Besonderheiten der erstgenannten ging Georgi Dimitroff im Jahre 1928 ein. Im Hinblick auf Ungarn und Bulgarien führte er aus, die Eigentümlichkeit des Faschismus in den Ländern Südosteuropas bestehe darin, daß er sich dort »zum Unterschied vom Faschismus in Italien zum Beispiel, vorwiegend nicht von unten, durch eine Massenbewegung (…) durchsetzt, sondern im Gegenteil von oben. Sich auf die usurpierte Staatsmacht, die militärischen Kräfte der Bourgeoisie und die Finanzmacht des Bankkapitals stützend, versucht der Faschismus, in die Massen einzudringen und sich unter ihnen eine ideologische, politische und organisatorische Stütze zu schaffen«.

Die weitere Geschichte hat gezeigt, daß dieser Typ des Faschismus nicht auf Südosteuropa beschränkt blieb, sondern überhaupt für den Faschismus in Ländern mit ähnlicher Wirtschaftsstruktur und ungefähr gleichem Entwicklungsgrad des Kapitalismus charakteristisch ist (Portugal, Lateinamerika).

Die Geschichte hat weiter gezeigt, daß der Weg der Errichtung der faschistischen Diktatur »von oben«, mit Hilfe eines Militärputsches, viel häufiger ist als der pseudolegale Weg über eine faschistische Massenbewegung. Für den letztgenannten gibt es bis jetzt nur zwei Beispiele, Italien und Deutschland (…).

Es stellt sich also heraus, daß der »klassische Weg« zur faschistischen Diktatur und ihr »klassischer« Typ gar nicht die Regel, sondern die Ausnahme war. Das hat seinen Grund darin, daß die Entwicklung faschistischer Parteien zu Massenparteien Bedingungen zur Voraussetzung hat, die man als Ausnahmebedingungen bezeichnen muß. In Italien wie in Deutschland wurden diese Parteien zu Massenparteien in der Situation einer über Jahre andauernden und sich verschärfenden gesamtnationalen Krise, aus der die herrschende Klasse mit den Mitteln des bürgerlichen Parlamentarismus nicht mehr herauskommen konnte (Italien) oder die sie vorsätzlich mit anderen als den Mitteln des bürgerlichen Parlamentarismus überwinden wollte, um ihre imperialistischen Expansionsziele nicht preisgeben zu müssen (Deutschland); eine gesamtnationale Krise auch deshalb, weil die Unterschichten nicht mehr wie bisher leben wollten.

Aus einer solchen Situation kann, wie Lenin lehrt, die Revolution hervorgehen, sofern die Mehrheit der Arbeiter oder wenigstens – wie Lenin präzisierte – »die Mehrheit der klassenbewußten, denkenden, politisch aktiven Arbeiter« die Notwendigkeit des Umsturzes völlig begreift »und bereit ist, seinetwegen in den Tod zu gehen«, und wenn es den Arbeitern darüber hinaus gelingt, die nichtproletarischen Massen – wenigstens zu bedeutenden Teilen – in den Kampf zum Sturz der bestehenden Ordnung mitzureißen. Eine solche Lösung hatten die italienischen Kommunisten 1921/22, die deutschen Kommunisten 1932/33 erwartet, auf eine solche Lösung hatten sie mit allen Kräften hingearbeitet.

Revolution oder Reaktion

Aus einer solchen gesamtnationalen Krise kann die Bourgeoisie aber auch einen extrem reaktionären Ausweg finden, wenn die Mehrheit der Arbeiter, gelähmt vom Einfluß des Opportunismus, sich nicht zur revolutionären Tat zu erheben vermag. Dann kann die Stunde faschistischer Putsche oder auch faschistischer Massenparteien schlagen; dann erhalten diese Parteien die Chance, sich den von der Arbeiterklasse enttäuschten, verzweifelt nach einem Ausweg Ausschau haltenden kleinbürgerlichen Massen als entschlossene, tatkräftige, zur Rettung der Nation berufene Partei vorzustellen.

Wir können somit für die Entwicklung faschistischer Parteien zu Massenparteien zunächst folgende Bedingungen auf seiten der herrschenden Klasse namhaft machen:

1. Die Existenz einer gesamtnationalen Krise; 2. Die Entschlossenheit der maßgeblichen Kreise der herrschenden Klasse zur Beseitigung des Parlamentarismus, zur Vernichtung der Arbeiterbewegung durch Errichtung einer offenen, terroristischen Diktatur; 3. Ein Klassenkräfteverhältnis, das es der herrschenden Klasse unmöglich oder für sie außerordentlich riskant macht, die Diktatur auf dem Wege des Staatsstreiches errichten zu wollen, wodurch sie veranlaßt wird, nach einem »legalen« Weg der Beseitigung des bürgerlichen Parlamentarismus zu suchen; 4. Eine starke materielle und politische Unterstützung der faschistischen Bewegung durch Vertreter und Organisationen (Verbände, Parteien usw.) der herrschenden Klasse (Monopolkapitalisten und Großgrundbesitzer); 5. Eine massive Begünstigung der faschistischen Bewegung und ihres Terrors gegen die Arbeiterorganisationen durch die Staatsorgane (Armee, Polizei, Justiz, Bürokratie).

Ohne Unterstützung durch die Kapitalistenklasse und wohlwollende Duldung durch den kapitalistischen Staat kann eine faschistische Partei nicht einmal zu einer gesamtnationalen, geschweige denn zu einer Massenpartei werden. Die Punkte 2, 4 und 5 sind deshalb Voraussetzungen, ohne die es auch noch so begabten faschistischen Demagogen und Organisatoren unmöglich ist, eine faschistische Massenpartei aufzuziehen. (…)

Aber obwohl dem Imperialismus durchgängig der Drang nach Reaktion und Gewalt eigen ist, und obwohl der Anbruch der allgemeinen Krise des Kapitalismus und insbesondere der Sieg der proletarischen Revolution in Rußland von der Bourgeoisie aller imperialistischen Länder als eine potentielle Bedrohung ihrer Herrschaft empfunden wurde, hat die Monopolbourgeoisie in solchen Hochburgen des Imperialismus wie den Vereinigten Staaten von Amerika und Großbritannien bisher noch keinen Versuch unternommen, ein faschistisches Regime zu installieren. Dies und die Tatsache, daß die Mehrzahl faschistischer Regime in kapitalistisch schwächer entwickelten Ländern errichtet wurde, wird von bürgerlicher Seite immer wieder als Widerlegung der marxistischen Erkenntnis von der imperialistischen Natur des Faschismus ins Feld geführt.

Ziehen wir jedoch in Betracht, daß nicht nur Deutschland, sondern auch Japan in den 1930er Jahren ein Regime erhielt, das von namhaften japanischen Historikern und Soziologen als eine spezifisch japanische Ausprägung des Faschismus betrachtet wird; daß ferner einflußreiche Kreise der französischen Finanzoligarchie in den dreißiger Jahren den Faschismus auch in Frankreich an die Herrschaft bringen wollten, was jedoch 1934 durch die einheitliche Abwehrfront der beiden Arbeiterparteien verhindert wurde, dann ergibt sich bereits ein ganz anderes, nämlich das folgende Bild: Von den sechs führenden imperialistischen Staaten USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan waren in den 30er Jahren drei faschistisch, in einem – Frankreich – fand ein gescheiterter faschistischer Putschversuch statt, und nur in zwei Ländern hatte es keinen ernsthaften Versuch seitens der herrschenden Klasse gegeben, den bürgerlichen Parlamentarismus durch ein faschistisches Regime abzulösen.

Es liegt auf der Hand, daß die »Enthaltsamkeit« der US-amerikanischen und englischen Monopolbourgeoisie darauf zurückzuführen ist, daß es in ihren Ländern bislang noch keine gesamtnationale Krise von annähernd gleicher Tiefe und Schwere wie in Italien und Deutschland gab. Dies wiederum ist dem Umstand verdankt, daß diese beiden imperialistischen Mächte über größere Ressourcen und Einflußgebiete außerhalb ihrer Landesgrenzen verfügten als jede andere imperialistische Macht. Hier ist daran zu erinnern, was Marx und Engels seinerzeit über die Ursachen der Verbürgerlichung großer Teile der englischen Arbeiterklasse ausführten und was Lenin über den Zusammenhang von Imperialismus und Opportunismus schrieb. Besonders auf die USA und England trafen die Worte Lenins aus dem Jahre 1916 zu: »England, Frankreich, die Vereinigten Staaten und Deutschland –, dieses Häuflein Länder hat Monopole in unermeßlichen Ausmaßen entwickelt, bezieht einen Extraprofit in Höhe von Hunderten Millionen, wenn nicht von Milliarden, saugt die anderen Länder, deren Bevölkerung nach Hunderten und aber Hunderten Millionen zählt, erbarmungslos aus.«

Nach dem Ersten Weltkrieg traf diese Schilderung, soweit sie das Aussaugen fremder Völker betraf, in vollem und uneingeschränktem Maße nur noch auf die USA, und nächst ihnen auf England zu. Das gab der Monopolbourgeoisie dieser Länder die Möglichkeit, die Auswirkungen der allgemeinen Krise des Kapitalismus und auch der Weltwirtschaftskrise zu einem guten Teil auf die beherrschten und ausgepowerten Völker außerhalb der Landesgrenzen abzuwälzen, wodurch die Krisenerscheinungen im Lande selbst nicht in voller Schärfe zutage traten und der bürgerliche Parlamentarismus nicht der gleichen Belastungsprobe ausgesetzt wurde wie etwa in Italien und Deutschland. Außerdem entfiel für die imperialistische Bourgeoisie dieser Länder jenes Motiv, das für den Entschluß der deutschen Monopolbourgeoisie zur Errichtung der faschistischen Diktatur eine Hauptrolle spielte: Die wilde Gier nach kriegerischer Neuaufteilung der Welt zu ihren Gunsten. Für sie galt es vielmehr in erster Linie, den Besitz zu verteidigen und die eigene Position mit vorwiegend ökonomischen Mitteln weiter auszubauen.

Demokratische Traditionen

Von bürgerlicher Seite wird demgegenüber behauptet, es sei vor allem den demokratischen Traditionen der Länder des Westens zu verdanken, wenn dort der Faschismus zu keiner bedrohlichen Gefahr anwuchs. In Anerkennung der Bedeutung demokratischer Traditionen als Hemmnis für den Vormarsch des Faschismus nahm Georgi Dimitroff gegen eine derartige Auffassung bereits auf dem VII. Weltkongreß sowohl in seinem Referat wie in seinem Schlußwort Stellung. Er wandte sich entschieden gegen die Ansicht, »der Faschismus habe in den Ländern der ›klassischen‹ bürgerlichen Demokratie keinen Boden«. Im Schlußwort ging er auf diese Frage mit Blick auf Frankreich ausführlicher ein. »Manche Genossen sind der Meinung«, führte er aus, »daß sich der Faschismus in Frankreich überhaupt nicht so leicht entwickeln kann wie in Deutschland. Was ist daran richtig und was unrichtig? Richtig ist, daß es in Deutschland keine so tief eingewurzelten demokratischen Traditionen gab wie in Frankreich (…). Richtig ist, daß die Hauptmassen der Bauernschaft in Frankreich republikanisch, antifaschistisch gestimmt sind …« Aber, fuhr Dimitroff fort, es sei kurzsichtig zu übersehen, daß viele Umstände in Frankreich die Entwicklung des Faschismus begünstigten; daß z.B. die Wirtschaftskrise sich in Frankreich weiter vertiefe, daß der französische Faschismus im Offizierskorps der Armee stärkere Positionen habe, als sie der Nationalsozialismus in der Reichswehr vor 1933 hatte, und daß die französische Bourgeoisie im Faschismus eine Möglichkeit sähe, ihre politische und militärische Hegemonie in Europa zu bewahren. (…)

Aber das Streben der herrschenden Klasse nach Errichtung einer faschistischen Diktatur, die Unterstützung der faschistischen Partei durch Monopolkapital und Großgrundbesitz sowie durch den imperialistischen Staat – das ist nur eine Seite der Angelegenheit. Ohne entsprechende Voraussetzungen in der Bewußtseinslage breiter Massen kann auch die massivste Unterstützung aus faschistischen Parteien keine Massenparteien machen. Eine solche, für die Aufnahme der faschistischen Propaganda günstige Bewußtseinslage ist aber ebenfalls von der Existenz einer gesamtnationalen Krise und weiteren Bedingungen abhängig, von denen oben bereits die Rede war und die in den folgenden Punkten zusammengefaßt werden können:

1. Eine akute ökonomische und politische Krise, die zum massenhaften Ruin und zur Deklassierung zahlreicher Angehöriger der Mittelschichten, zu deren Abwendung von den alten bürgerlichen Parteien und zur Suche nach Rettung aus der ausweglosen Situation führt.

2. Eine Arbeiterbewegung, die dem Faschismus nicht einheitlich und entschlossen entgegentritt, somit dem Kleinbürgertum kein Vertrauen einflößen und ihm gegenüber keine oder nur geringe Anziehungskraft als Bundesgenosse gegen die Strangulierungspolitik des Finanzkapitals ausüben kann.

3. Die den Faschismus begünstigenden Wirkungen solcher Bedingungen werden noch erheblich verstärkt, wenn zu ihnen auch noch nationale Probleme hinzukommen, die sich auf die Lebenslage der Massen negativ auswirken und die von den Faschisten in demagogischer Weise zur Verleumdung des proletarischen Internationalismus, zur Schürung von Chauvinismus und Rassenhaß ausgenutzt werden können.

Die gesamte Geschichte des Faschismus beweist, daß die für die Hinwendung breiter Massen zum Faschismus erforderliche Massenstimmung nicht von der faschistischen Propaganda, sondern von den objektiven Verhältnissen geschaffen wird. In Italien wurden Mussolinis Schwarzhemden jahrelang – von 1918 bis 1920 – in der Öffentlichkeit kaum beachtet. Erst nachdem die revolutionäre Bewegung der italienischen Arbeiterklasse mit dem Scheitern der Fabrikbesetzungen im Herbst 1920 ihren Höhepunkt überschritten hatte, begannen große Teile des Kleinbürgertums und auch Arbeiter, sich der faschistischen Partei zuzuwenden. In Deutschland blieb die NSDAP nach ihrer Neugründung im Jahre 1925 lange Zeit – während der Jahre der relativen Stabilisierung 1924 bis 1928 – eine völkische Sekte. Erst mit dem Einbruch der Weltwirtschaftskrise begannen ihre Propaganda und ihr Auftreten eine bisher unbekannte Massenwirkung zu entfalten. (…)

Entwicklungsetappen

Die Entwicklung der kapitalistischen Welt zwischen 1918 und 1945 stellt einen Zyklus vom Krieg über Krisen zu neuem Krieg dar, wobei sie die bekannten Etappen durchlief: revolutionäre Nachkriegskrise (bis 1923), relative Stabilisierung des Kapitalismus (1924–1928), Weltwirtschaftskrise (1929–1933), Kriegsvorbereitung durch die faschistischen Mächte (1933–1939), Zweiter Weltkrieg (1939–1945).

In diesem Ablauf stellte das Jahr 1929 eine Art Wasserscheide dar: Was davor lag, war noch Nachkriegszeit, was darauf folgte, gehörte schon der neuen Vorkriegszeit an oder bildete zumindest den Übergang zu ihr.

Der Verlauf der Etappe von 1918 bis 1929 war zunächst (bis 1923) bestimmt durch das, was der Erste Weltkrieg an Zerrüttung und revolutionärem Sprengstoff hinterlassen hatte, sodann (1924 bis 1929) vom Einpendeln der interimperialistischen Beziehungen auf ein kurzzeitiges, äußerst labiles Gleichgewicht auf der Grundlage der durch den Kriegsausgang und die ersten Nachkriegsjahre geschaffenen Kräfteverhältnisse zwischen Siegern und Besiegten und zwischen den Siegermächten untereinander, wobei die Existenz der Sowjetunion auf diese heikle Balance nicht ohne Einfluß war.

Spätestens mit dem Einbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 nahm der deutsche Imperialismus als räuberischster, aggressivster und zugleich stärkster Imperialismus in Europa erneut – der erste Versuch war schon 1923 unternommen worden und gescheitert – Kurs auf die Revision des Versailler Vertrages, als erste Stufe zur beabsichtigten Eröffnung der zweiten Runde im Kampf um die Neuaufteilung der Welt. Deshalb liegt hier die Grenze zwischen Nachkriegs- und neuer Vorkriegs- (besser: Kriegsvorbereitungs-)zeit.

Als Geschöpf des Imperialismus wurde der Faschismus damals wie heute entscheidend geprägt von den Entwicklungsetappen des Imperialismus und von der Rolle, die ihm von der Monopol­bourgeoisie, insbesondere von deren reaktionärsten Kräften, in den einzelnen Etappen zugedacht war und ist. Diese Rolle war allerdings in den verschiedenen Ländern recht unterschiedlich. Um die für die jeweilige Etappe zutreffende Charakteristik des Faschismus zu finden, kann nicht einfach ein Durchschnittswert gesucht werden. Die faschistischen Bewegungen der verschiedenen Länder orientierten sich jedoch in den Jahren von 1922 bis Anfang der dreißiger Jahre vorwiegend am italienischen, danach, besonders seit 1933, zunehmend am deutschen Faschismus. Vom italienischen und deutschen Faschismus und ihren Führern war das faschistische »Leitbild« geprägt, beide stellten – der eine in den zwanziger Jahren, der andere danach – eine Art »Leitbildfaschismus« dar. (…)

Unter Berücksichtigung des Gesagten können folgende große Entwicklungsetappen des Faschismus unterschieden werden, deren jede sich wiederum in verschiedene Phasen unterteilt:

1) Etappe des Nachkriegsfaschismus (1919–1929), mit den Phasen a) des Frühfaschismus (1919–1923/24), der zugleich auch ein Nachrevolutionsfaschismus war; b) des sich konsolidierenden Faschismus (1924–1929). Es konsolidierten sich die faschistischen Regime in Italien, Ungarn und Bulgarien; es konsolidierte sich der Nazifaschismus nach der Neugründung der NSDAP im Jahre 1925; es erweiterte sich sogar der Kreis der faschistischen Staaten durch den Hinzutritt Polens (Staatsstreich Pilsudskis am 12. Mai 1926), Portugals (Staatsstreich Marschall Gomes da Costas vom 28. Mai 1926), und Litauens (faschistischer Umsturz am 17. Dezember 1926). »Leitbildfaschismus« ist in dieser Etappe der italienische Faschismus.

2) Etappe des Vorkriegsfaschismus, richtiger: des Kriegsvorbereitungsfaschismus (1929–1939), mit den Phasen a) des »Übergangsfaschismus«, (1929–1933) was im einzelnen bedeutet: Übergang vom Nachkriegs- zum Kriegsvorbereitungsfaschismus; Überführung des Faschismus aus der Reservestellung in die vorderste Linie der Kapitaloffensive gegen die Arbeiterklasse; Beginn der Orientierung der aggressivsten Elemente des Weltimperialismus auf den deutschen Faschismus als Hauptstoßkraft des geplanten Krieges gegen die Sowjetunion; beginnender Übergang der Rolle des »Leitbildfaschismus« vom italienischen auf den deutschen Faschismus; b) Phase der direkten Kriegsvorbereitung (1933–1939).

3) Etappe des Kriegsfaschismus (1939–1945), mit den Phasen a) des vollentfalteten, seinem Kulminationspunkt zustrebenden Faschismus (1939–1942/43); b) des zerfallenden, unter den Schlägen der Völker und der Antihitlerkoalition zusammenbrechenden Faschismus.

Mit der Zertrümmerung der faschistischen Mächte – Spanien und Portugal ausgenommen – endete nicht nur eine Entwicklungsetappe, sondern ein ganzer Zyklus der Geschichte des Faschismus. Die nach 1945 folgende Geschichte des Faschismus war nicht einfach eine Fortsetzung des Vorhergehenden und konnte dies auch nicht sein, sondern ein Neubeginn, der Beginn eines neuen Zyklus unter einem gänzlich neuen Kräfteverhältnis zwischen Sozialismus und Imperialismus. Der erste Zyklus hatte den Faschismus von seiner Entstehung und Entwicklung als schärfste Waffe des Imperialismus gegen Arbeiterbewegung und Sozialismus über die volle Entfaltung seines barbarischen, menschheitsbedrohenden Charakters zum gesetzmäßigen Zusammenbruch geführt.

Aber dieser Zusammenbruch bedeutete noch nicht das Ende, weil der imperialistische Mutterboden, aus dem der Faschismus hervorwuchs, vielerorts noch erhalten blieb.

Kurt Gossweiler: Kapital, Reichswehr und NSDAP. Die Frühgeschichte – 1919 bis 1924, ­PapyRossa Verlag, Köln 2011, 471 Seiten, Subskriptionspreis (bis 15. Januar 2012) 22,40 Euro, danach cirka 28 Euro

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2012/01-02/016.php