21. März 2014

Tod in den Höhlen

Kalkulierte Aktion zur Einschüchterung der Italiener: Willkürliche Festnahme von Fußgängern in der Nähe des Palazzo Barberini in Rom (23.3.1944) - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 101I-312-0983-03 / Koch / CC-BY-SA

Vor 70 Jahren griffen Partisanen in Rom eine nazistische Polizeikolonne an. Wehrmacht und SS nahmen grausam Rache

Martin Seckendorf

Am 23. März 1944 ereigneten sich in der Via Rasella im Zentrum der von deutschen Faschisten besetzten Ewigen Stadt mehrere Explosionen. Dabei starben 33 Nazipolizisten, 45 wurden schwer verletzt. Auch zwei Italiener kamen ums Leben. Der Anschlag war eine der spektakulärsten Operationen des italienischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung. Ausgeführt wurde er von einer Einheit der der Kommunistischen Partei nahestehenden Stadtpartisanen unter Leitung von Mario Fiorentini. Die fünf bis sechs Mann starken Gruppi d’Azione Patriottica (GAP, Gruppen für patriotische Aktionen) waren streng konspirativ organisiert. Sie führten bewaffnete Aktionen in Städten gegen die deutschen Eroberer und ihre italienischen Helfer durch.

Die GAP waren dem militärischen Arm des Comitato di Liberazione Nazionale, dem »Komitee der nationalen Befreiung« (CLN) unterstellt, das den Widerstand koordinierte und die Zusammenarbeit mit den anglo-amerikanischen Truppen organisierte. Das nach der deutschen Besetzung am 8. September 1943 in Rom gebildete Gremium war eine politisch breite Koalition von sechs Parteien – von den Kommunisten über Sozialisten und Sozialdemokraten bis hin zu bürgerlichen Liberalen und konservativen Christen. Da der König Viktor Emanuel III. und die Regierung des Marschalls Pietro Badoglio in das von den Alliierten befreite Brindisi geflohen waren (siehe jW-Thema vom 9.9.2013), betrachtete sich der CLN als Regierung im Untergrund und als provisorische Regierung für Italien nach der Befreiung.

Der Antifaschist Mario Fiorentini hatte beobachtet, daß eine deutsche Polizeieinheit täglich zur gleichen Zeit durch die Via Rasella marschierte. So entstand der Plan, sie in der engen Straße anzugreifen. Die Kolonne, die in das Visier der GAP-Aufklärer geriet, war die 11. Kompanie des Polizeiregiments »Bozen«. Der Verband wurde nach der Okkupation Italiens aus Angehörigen der deutschen Minderheit in Alto Adige (Südtirol) aufgestellt. Die Führung der Minderheit hatte nach dem Einmarsch der Wehrmacht Funktionen der Besatzungsmacht in Norditalien übernommen. Die italienische Bevölkerung wurde unterdrückt, das Gebiet »rassisch« und politisch »gesäubert«, »eingedeutscht« und de facto dem Nazireich angeschlossen. Die Polizeiverbände, deren Mannschaftsgrade Südtiroler, die Offiziere und Unterführer sogenannte Reichsdeutsche waren, wurden für den Kampf gegen den bewaffneten Widerstand in Italien und im Grenzgebiet zu Jugoslawien eingesetzt. Die Männer waren wegen ihres Hasses gegen alles Italienische und ihrer besonderen Brutalität im Kampf gegen die Resistenza bekannt. Michael Wedekind, ein an der Universität Wien arbeitender Historiker, bestätigt, daß der gegen »die oft pronazistischen, italienfeindlichen ›Bozener‹« erhobene Vorwurf, sie wären »besonders fanatisch und brutal in Erscheinung getreten« »weitgehend zutreffend« sei. Er meint, das Verhalten der Südtiroler Polizeiregimenter »war (…) insgesamt von einer überraschenden Härte und Konsequenz gegenüber den italienischen Partisanen und der Zivilbevölkerung gekennzeichnet«.1 Im April 1944 wurde der Verband in »SS-Polizei-Regiment« umbenannt.

Am 23. März deponierte der als Straßenfeger verkleidete Medizinstudent Rosario Bentivegna (1922–2012) mehrere Sprengkörper in einem für seine Arbeiten am Straßenrand abgestellten Karren. In einem Interview mit der Züricher WOZ vom 12. April 2012 sagte Bentivegna, er sei seiner »starken Nerven wegen« für diese Aufgabe ausgewählt worden. Die brauchte er auch. Ausgerechnet an diesem Tag hielten sich die Faschisten nicht an »la famosa puntualità tedesca«, an die berühmte deutsche Pünktlichkeit. Die Polizeikolonne verspätete sich um fast zwei Stunden. Als die Polizisten in Dreierreihen marschierend den Karren passierten, zündete Bentivegna die Sprengsätze. Andere Partisanen griffen das Ende der Kolonne mit Handgranaten an. In dem Chaos konnten sich die Untergrundkämpfer unerkannt zurückziehen.

Nicht nur die Anzahl der getöteten Nazipolizisten erregte Aufmerksamkeit. Der Anschlag fand an einem symbolträchtigen Ort statt. Die Sprengsätze detonierten im Zentrum Roms in der Nähe des Palazzo Barberini, der heute die bedeutenden Kunstsammlungen der Galleria Nazionale d’Arte Antica enthält, und unweit des Palazzo del Quirinale, einst Sommersitz der Päpste, seit der Einigung Italiens im 19. Jahrhundert Sitz der italienischen Könige, heute Amtssitz des Staatspräsidenten. Auch das Datum war bewußt gewählt. An jenem 23. März 1944 feierten die Mussolini-Faschisten und ihre deutschen Dienstherren mit großem Pomp den 25. Jahrestag der Gründung des Partito Nazionale Fascista (PNF, National-Faschistische Partei Italiens).

Tod in den Adreatinischen Höhlen

Die Besatzer durchsuchten die anliegenden Häuser und nahmen wahllos Verhaftungen vor. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels notierte am 25. März in seinem Tagebuch, es seien »die umliegenden Bezirke abgesperrt und in den Kellern der Häuser italienische Saboteure gefunden (worden). Die sind sofort an Ort und Stelle an die Wand gestellt worden.« Der Reichsbevollmächtigte in Italien, Rudolf Rahn, telegraphierte nach Berlin, vom Stadtkommandanten von Rom, Generalleutnant Kurt Mälzer, werden »schärfste Sühnemaßnahmen eingeleitet«. Ursprünglich wollte Mälzer das ganze Stadtviertel in Schutt und Asche legen. Der Plan wurde verworfen. Statt dessen verständigten sich der Stadtkommandant und der für das Gebiet Rom zuständige Oberbefehlshaber der 14. Armee, Eberhard von Mackensen, sowie der für ganz Italien verantwortliche Oberbefehlshaber Südwest, Albert Kesselring, darauf, eine kühl durchdachte Aktion durchzuführen. Es sollte Rache geübt werden, die zugleich vorbeugend wirken könne. Man wollte lähmendes Entsetzen erzeugen. Die Italiener sollten derart eingeschüchtert werden, daß weiterer Widerstand unterbliebe. Für jeden toten deutschen Polizisten sollten demnach zehn Italiener ermordet werden. Rahn betonte in dem Telegramm vom 24. März nach Berlin, daß »meist Kommunisten« hingerichtet werden sollen. In seinem Tagebuch kommentierte Goebbels die Entscheidung im Hinblick auf Abschreckung: »Ich glaube, daß den Italienern (…) dann sehr bald die Lust zum Durchführen von Attentaten vergehen wird.«

Nachdem das Einverständnis Hitlers vorlag, wurde der Kommandeur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes in Rom, Herbert Kappler, mit der Durchführung der Tötungen beauftragt. Am 24. März sollte der Massenmord vollzogen werden. Kapplers Apparat suchte in Gefängnissen und Lagern 335 Todeskandidaten aus, die nichts mit dem Attentat zu tun hatten. Auch einige der nach dem Anschlag in der Nähe des Palazzo Barberini festgenommene Zivilisten, die zufällig dort vorbeigekommen waren, wurden auf die Todesliste gesetzt. Als Ort der Hinrichtung wählte man ein Stollensystem im Südosten der Hauptstadt, die Ardeatinischen Höhlen. Die Gefangenen wurden mit auf dem Rücken gefesselten Händen in den Höhlen durch Genickschuß getötet. Das Massaker währte mehr als fünf Stunden. Am Abend des 24. März wurden die Höhleneingänge gesprengt. Erst dadurch verloren viele der durch ungenaues Schießen der SS-Leute nur verletzten Opfer auf qualvolle Weise ihr Leben. Alliierte und italienische Richter hoben nach dem Krieg bei der Bewertung des Massenmords vor allem die unsagbar grausame Begehungsweise hervor.

Die Erschießungen erfolgten unter strengster Geheimhaltung, da man eine scharfe Reaktion des Widerstands gegen den Massenmord erwartete. Deswegen befahl der Oberbefehlshaber der 14. Armee, von Mackensen, noch während der Aktion in den Fosse Ardeatine dem Kommandanten von Rom vermehrte Sicherheitsmaßnahmen und im Fall eines Angriffs, sofortige schärfste Maßnahmen »ohne Rücksicht auf Unbeteiligte« durchzuführen. Erst am 25. März gegen Mittag gaben die Okkupanten die Massenerschießung bekannt. Darüber hinaus wurden im April 1944 als weitere Vergeltungsmaßnahme 700 Zivilisten deportiert.

Die Römer waren geschockt. Eine solche Eruption pervertierter Gewalt war nicht erwartet worden. Zwar hatten die Nazis auch schon vor dem 24. März bei Partisanenangriffen in der Stadt mit dem Tötungsproporz 1:10 geantwortet. Doch betraf das Einzelfälle. So enthält das Kriegstagebuch der 14. Armee die Meldung, am 30. Januar 1944 sei ein Doppelposten der Wehrmacht auf einer Tiber-Brücke beschossen worden. Ein Soldat starb, der andere wurde verletzt. »Als Vergeltungsmaßnahme«, heißt es, seien »je fünf anderweitig belastete Kommunisten und Badoglio-Anhänger (am) 31.1. erschossen« worden. Doch jetzt betraf es 335 an der Bezugsoperation völlig unbeteiligte Menschen, die auf besonders grausame Weise umgebracht wurden.

Der unerwartete Gewaltausbruch am 24. März war keine »Ausschreitung« der Naziführer. Er war eine kalkulierte Aktion zur Einschüchterung der Italiener. Die Eskalation erklärt sich daraus, daß das Okkupationsregime seit Januar 1944 in eine sich schnell verschärfende Krise geraten war.

Prekäre militärische Lage

Jeder Widerstand wurde von den Nazis als existentielle Bedrohung, als mit den »Feindmächten« der nahen Front abgesprochen, aufgefaßt und entsprechend reagiert. Entscheidend für die Krise war die sich seit Anfang 1944 dramatisch wandelnde militärische Situation und die wachsende Gewißheit, daß es 1944 zu alliierten Großlandungen an den Küsten des faschistischen Imperiums kommen werde.

Ende 1943 hatten die von Kalabrien überraschend langsam vorstoßenden angelsächsischen Truppen mit zwei Armeen, der britischen 8. an der Adria und der US-amerikanischen 5. am Tyrrhenischen Meer, die »Gustav-Linie« erreicht. Das 100 Kilometer südlich von Rom über die ganze Halbinsel von Gaeta im Westen bis Ortona an der Adria verlaufende deutsche Sperrwerk war stark befestigt. Dort, so der Plan, sollten starke alliierte Verbände mit geringen deutschen Kräften für längere Zeit gefesselt werden, auch, um deren Einsatz bei einer Landung in Frankreich zu verhindern. Nach heftigen Attacken an der Adria verlagerte sich ab 15. Januar das operative Geschehen an die westliche Seite der »Gustav-Linie«. Der Großkampf um die Zugänge nach Rom hatte begonnen. Für längere Zeit standen die Stadt und der Berg Cassino mit der berühmten Benediktinerabtei im Mittelpunkt der Gefechte (siehe jW-Geschichte vom 18.1.2014).

Um den Durchbruch der 5. US-Armee durch die »Gustav-Linie« in diesem Abschnitt taktisch zu unterstützen, landeten am 22. Januar bei Anzio und Nettuno starke angelsächsische Kräfte im Rücken der deutschen Stellungen. Sie konnten ohne nennenswerten Widerstand einen Landekopf bilden, in dem nach kurzer Zeit Zehntausende Soldaten mit Tausenden Fahrzeugen, Panzern und Geschützen versammelt waren. Die Alliierten standen nur noch 40 Kilometer südlich von Rom. Die italienische Kapitale war zur frontnahen Stadt erklärt worden.

Die Naziführung maß dem Brückenkopf herausragende militärische und politisch-propagandistische Bedeutung bei. Seit Ende 1943 ging sie davon aus, daß die Anglo-Amerikaner im Frühjahr 1944 mit Großlandungen den Sturm auf die faschistische Festung Europa beginnen und damit eine zweite Front eröffnen werden. In der Weisung Nummer 51a des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) vom 27. Dezember 1943 heißt es, »ab Mitte Februar (1944; M. S.) ist jederzeit mit dem Beginn der feindlichen Großlandung zu rechnen«.

Landung bei Anzio

Die Landung bei Anzio schien den Nazis Auftakt der Großangriffe zu sein. Am 24. Januar erging an den Oberbefehlshaber Südwest, Kesselring, der Befehl, den »Feind« bei Nettuno wieder ins Meer zu werfen. Vier Tage später schrieb Hitler: »Der Kampf um Rom« sei entbrannt, der »nicht nur über die Verteidigung Mittelitaliens« entscheide, sondern »in seiner Bedeutung noch darüber hinausgeht«. Mit der Landung habe »die für das Jahr 1944 geplante Invasion in Europa begonnen«. Der Kampf müsse »mit dem fanatischen Willen« geführt werden – »bis der letzte Gegner vernichtet oder wieder ins Meer geworfen ist«. Die Anglo-Amerikaner sollten erkennen, »daß die Großinvasion ein Unterfangen ist, das im Blut der angelsächsischen Soldaten ersticken wird«.

Die Naziführung fieberte den Großkämpfen regelrecht entgegen. Das Konzept war ebenso simpel wie realitätsfremd. In der Lagebesprechung am 29. Januar äußerte Hitler: »Wenn es uns gelingt, die Geschichte da unten (bei Anzio; M.S.) zu erledigen, gibt es keine weitere Landung mehr.« Am 6. Februar wies er »nochmals eindringlich auf den politischen und militärischen Wert eines Erfolges« bei der Liquidierung des Landekopfs hin. Man ging davon aus, den Alliierten bei der Invasion eine schwere Niederlage beibringen zu können, die sie von weiteren Landungsversuchen auch in Westeuropa in nächster Zeit abhalten würde. Damit hätte sich die Kriegslage auch auf dem Propagandafeld zugunsten Nazideutschlands gewandelt. Die Wehrmacht hätte sich wieder dem »Hauptfeind im Osten« zuwenden können.

Ein wie ursprünglich von den alliierten Stabschefs geplanter Stoß aus dem noch nicht von deutschen Truppen eingeschlossenen Landekopf bei Anzio in den Rücken der 10. Deutschen Armee an der »Gustav-Linie« hätte den westlichen Teil dieses Bollwerks zum Einsturz gebracht und der 5. US-Armee den Weg nach Rom geöffnet. Doch der Befehlshaber der Truppen, Generalleutnant John P. Lucas, verblieb mit mehreren Divisionen im Landekopf.

Die geschenkte Zeit nutzte Kesselring. In Eilmärschen wurden alle verfügbaren Einheiten an die Nettuno-Front geworfen, darunter auch einige Offensivkapazitäten. Es gelang der Wehrmacht, den Landekopf zwar einzuschließen, doch die Offensiven zu seiner Liquidierung scheiterten. Ab März herrschte an der Anzio-Front und an der »Gustav-Linie« eine für die Wehrmacht beunruhigende Pattstellung. Den deutschen Militärs war angesichts der alliierten Überlegenheit klar, daß der Ausbruch aus dem Landekopf nur eine Frage der Zeit sein werde und damit die »Gustav-Linie« nicht mehr zu halten sei. Nur wenige Kilometer südlich von Rom stand eine materiell und personell überlegene Streitmacht der Antihitlerkoalition, die auch verhinderte, daß zwei für die Abwehr alliierter Landungen in Frankreich vorgesehene deutsche Großverbände aus Italien abgezogen wurden.

Aufschwung des Widerstands

Ursache wie Folge dieser Krise des Okkupationsregimes war eine Zunahme der Partisanenbewegung. Sie untergrub die Besatzungsherrschaft und störte die rückwärtigen Verbindungen der Wehrmacht. Am 26. März 1944 telegraphierte der Reichsbevollmächtigte Rahn nach Berlin, daß »die Partisanenbewegung in den Alpen und im Apennin in jüngster Zeit (…) z.T. bedrohliche Formen angenommen« habe. Kesselring befahl, gegen die Untergrundkämpfer und die Bevölkerung in den entsprechenden Gebieten frontfähige Verbände einzusetzen. General Ludwig Kübler, nach 1945 Namenspatron westdeutscher Soldatenunterkünfte, schrieb, die Aktivitäten der Partisanen hätten in den letzten Wochen erheblich zugenommen. Er folgerte: »Das ist Großkampf auf Befehl der Feindmächte.« Außerdem bereite die Führung der Widerstandsbewegung »den allgemeinen Volksaufstand« vor. Kübler befahl, beim Kampf gegen die Partisanen »und ihre freiwilligen Helfer ist äußerste Härte geboten«.

Als besonders gefährlich empfanden die Okkupanten die häufigen Streiks in Oberitalien. Die deutschen Militärs beobachteten im Zusammenhang mit dem Ausstand eine insgesamt gesteigerte Widerstandstätigkeit, insbesondere »vermehrte Sabotageakte«. Seit Dezember 1943 wurde das Industriedreieck Genua/Turin/Mailand von Streikwellen erschüttert. Gustav-Adolf von Zangen befehligte die in Oberitalien stehende Armeegruppe. Er bezeichnete im Februar 1944 die Arbeitsniederlegung als »hochpolitisches Machtmittel« des Widerstands. Es wurde vermutet, daß die Streiks mit den Alliierten abgestimmt waren und der politischen Mobilisierung der Bevölkerung dienten. Hitler dekretierte, daß sie »als die Vorbereitung für eine feindliche Mobilmachung« betrachtet werden müßten. Da sie »dem Gegner in die Hand arbeiteten«, heißt es im Kriegstagebuch des OKW, »mußten sie als besonders gefährlich angesehen werden«. Außerdem behinderten die Ausstände die ökonomische Ausbeutung des Landes. Angesichts der für Nazideutschland ungünstigen militärischen Lage wurde der Raub italienischer Güter immer wichtiger.

Im März 1944 kam es zum Generalstreik. Mehr als 350000 Werktätige nahmen daran teil. Es war die größte Arbeitsniederlegung in einem von den Nazis besetzten Gebiet und die bedeutendste Aktion des politischen Widerstands in Italien. Mit brachialer Gewalt, Besetzung der Betriebe durch SS- und Polizeitruppen, Aussperrungen, Einstellung der Lohnzahlungen, Deportation von Tausenden Arbeitern in deutsche KZ und Massenverhaftungen konnte die Besatzungsmacht den Generalstreik ersticken. Danach flammten aber immer wieder Streiks auf. Auch die maßlose Gewalt gegen die Zivilbevölkerung konnte die Krise des Besatzungsregimes nicht beenden.

Widersprüchliche Aufarbeitung

Bald nach Kriegsende begann die juristische Aufarbeitung der Morde in den Ardeatinischen Höhlen. 1947 wurden die hauptverantwortlichen Wehrmachtsoffiziere Kesselring, von Mackensen und Mälzer von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt. Erschossen wurde jedoch keiner. Die Strafen wurden in lebenslange Haft umgewandelt. Kesselring und von Mackensen kamen 1952 auf freien Fuß. Mälzer starb kurz vor der Haftentlassung im Gefängnis. Da die Westmächte einen »Wehrbeitrag« der Bundesrepublik im Kampf gegen den Kommunismus erwarteten, schien eine Stigmatisierung »deutscher Soldaten« als Kriegsverbrecher nicht opportun. 1948 wurde Kappler wegen der Morde in den Höhlen von einem italienischen Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt.

Von da an versandete die Aufarbeitung. Deutsche wie italienische Behörden stellten die Fahndung ein. Einige der Mörder fanden bei westlichen Geheimdiensten Verwendung. So war Carl-Theodor Schütz, als Abteilungsleiter bei Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst (SD) führend an den Morden in den Ardeatinischen Höhlen beteiligt, nach 1945 Leiter der Untervertretung Rhein-Ruhr bei der Organisation Gehlen und Abteilungsleiter im Bundesnachrichtendienst. Über den SS-Sturmbannführer Karl Hass, ebenfalls führend an den Morden beteiligt, schrieb das Nachrichtenmagazin Der Spiegel im Heft 4/1997: Nach 1945 »lebte (er) komfortabel von Gnaden westlicher Geheimdienste«. Außerdem hätte Hass »dem bundesdeutschen Amt Blank, Vorläufer des Verteidigungsministeriums, (…) kurzfristig als eine Art Verbindungsmann zwischen Rom und Bonn« gedient. Erst Ende der 90er Jahre, nach Hinweisen von privaten Rechercheuren und einem Umdenken in Italiens Politik und Justiz, kam Hass zusammen mit dem Stellvertreter Kapplers, Erich Priebke, in Rom vor Gericht. Die Strafverfolgung wurde in Italien eingestellt.

Wegen Verbrechen auf dem Appenin gab es keine Verurteilung in Westdeutschland. Dort begann man vor dem Hintergrund der Wiederbewaffnung und der massenhaften Verwendung von Wehrmachtsoffizieren in der Bundeswehr eine Gegenbewegung. Gestützt auf Memoiren der Offiziere wurde über Massenmedien die wirkmächtige Legende von der »sauberen Wehrmacht« verbreitet. In Italien, so die Kernbehauptung, habe die Wehrmacht völkerrechtskonform und ritterlich gekämpft. Die deutsche »Südfront« wurde zum Vorzeigeobjekt gegenüber den Verbündeten in der NATO.

Der Mord an 335 Menschen vor den Toren Roms hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Italiener eingebrannt. Obwohl die Nazis danach noch viele andere Verbrechen an der Zivilbevölkerung mit noch mehr Toten verübten, gilt in Italien das Massaker vom 24. März 1943 bis heute als Sinnbild deutscher Herrschaft.

Anmerkung

1 Michael Wedekind, Nationalsozialistische Besatzungs- und Annexionspolitik in Norditalien. München 2003, S. 330 f.

Dr. Martin Seckendorf ist Historiker und Mitglied der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e. V.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2014/03-21/038.php