6. Dezember 2012

Träumer, Sorger, Mensch

Sein Ansatz heißt Aufklärung: Peter Handke bringt zu Papier, was niemand so kann wie er. Ohne zu »ideologisieren« – was ihm immer suspekt war - Fotoquelle: Wikipedia

Noch einmal Jugoslawien oder: Auch »Menschenrechtskriege« sind zuallererst Kriege. Peter Handke zum 70. Geburtstag

Gerd Schumann

In seinem jüngsten Werk »Versuch über den Stillen Ort« erzählt Peter Handke eher nebenbei, was ihn »Zeit des Aufschreibens« plagte. Ihm habe ein Bild zugesetzt, »ein ganz und gar gegenläufiges von dem, was ich mit dem Versuch über den Stillen Ort zu umreißen im Sinne hatte«. Das Bild zeigt jenes kleine Mädchen, »welches im Frühjahr neunzehnhundertneunundneunzig, während des westeuropäischen Bombenkriegs gegen die Bundesrepublik Jugoslawien, spätabends die Toilette des Mietshauses in der Stadt Batajnica nordwestlich von Belgrad aufsuchte und dort – sämtliche Haus- und Stadtbewohner, in der fraglichen Nacht zumindest, heil – von einem Bombensplitter, quer durch die Klosettwand, getötet worden ist«.

Auf immer, so scheint es, wird den Dichter beschäftigen, was er sah. Niemals wird er aufhören zu erzählen von dem, was erzählt werden muß. Er bringt zu Papier, was niemand so kann wie er. Ohne zu »ideologisieren« – das war ihm immer suspekt. Sein Ansatz ist die Aufklärung. Also wurde Handke in den Neunzigern zum ersten Literaten überhaupt, der inmitten einer gespenstisch anmutenden, entfesselten Kampagne zur Etablierung von »Menschenrechtskriegen« Sachlichkeit im Umgang mit der Wahrheit verlangt. Er kennt sie selbst nicht, aber er sucht sie. Dafür landet er am Pranger, wird isoliert und mit ihm die Vernunft. Er sei »jugophil« und ein »Serbenfreund«, so der mediale Massenkanon, in den eigenartigerweise mancher einfällt, der Handkes große Reiseerzählungen sogar gelesen haben müßte. Kriegszeiten sind Zeiten der Verblendung.

Blei oder Filz

Peter Handke, geboren am 6. Dezember 1942 im österreichischen Griffen/Kärnten, war immer auch Reisender. Er schrieb darüber, und er schrieb darüber durchweg hochkarätig. Einmal, das war 1976, hatte ihn eine schwere Sinnkrise erwischt, Schreibblockade eingeschlossen. Es ging an die Existenz. Erst nach Jahren überwand er sie –wobei: Bis heute ist er sich dessen noch nicht ganz sicher. »Sorger«, wie er den Protagonisten seiner Erzählung »Langsame Heimkehr« nennt, mit der er seine Probleme peu à peu überwindet und zurückkehrt, bleibt »zu leicht kränkbar von den übermächtigen Tatsachen«. Er erkannte »die Verlorenheit, wollte die Verantwortung und war durchdrungen von der Suche nach Formen, ihrer Unterscheidung und Beschreibung (…)«.

Ab dann, also 1979, schrieb Handke, der zuvor am stakkatohaften Wortbilden seiner Schreibmaschine (»Das knallt so schön«) Gefallen hatte, mit spitzen Stiften, mittels Blei oder Filz, zeichnete zudem in seine Notizblöcke oder Hefte, die er immer und bis heute auf Reisen bei sich trägt. Nun käme ihm »auch seine Sprache weicher vor«, wird ein namenloser Freund in Malte Herwegs Biographie von 2010 (»Meister der Dämmerung«) zitiert.

Sei es drum: Handkes Sprache unterschied sich immer von der anderer, ragte heraus, wurde unverwechselbar und allzeit erkennbar. Schon in frühen Jahren hatte er darum gekämpft, anerzogene Klischees, sprachliche Wendungen, Allerweltsweisheiten zu vermeiden und durch Genauigkeit der Beschreibung eine neue, zumindest andere Sicht auf die Dinge zu gewinnen. Es sei die Möglichkeit gegeben, »für das, was geschieht und geschehen ist, gleichsam einen neuen Sinn zu gewinnen, einen Zeitsinn, einen Sinn für das, was man gemeinhin Geschichtlichkeit nennt« (1965). Ebendas versuchte der Dichter durch die Jahrzehnte und deren Wenden und Wirren hindurch.

»Beatle-Frisur«

1965 durchgestartet mit dem Erstling »Die Hornissen« erschien kurz darauf sein Stück »Publikumsbeschimpfung«, das die verstaubte westdeutsche Theaterszenerie 1966 in hellen Aufruhr versetzte – ebenso wie etwa zeitgleich sein spektakulärer Auftritt in Princeton/USA das, so der Akteur, satte Schriftsteller-Establishment der Gruppe 47. Dieser wirft Handke »Beschreibungsimpotenz« vor und wird medial – auch wegen seiner »Beatle-Frisur« und der getönten Brillengläser – als Popliterat und »Enfant terrible« abgetan. Doch kann der Shootingstar der deutschsprachigen Literatur von der bürgerlichen Kritik in Zeit, Welt und Spiegel auch deswegen nicht dauerhaft in die Schmuddelecke gestellt werden, weil die von ihm vertretene Meinung aus vielen Mündern kommt: Er steht nicht allein da, wenn er gegen den Freispruch des Mörders von Benno Ohnesorg spricht. Oder gegen Waldheim, den österreichischen Bundespräsidenten mit der Nazivergangenheit. Oder gegen die braun eingefärbte bessere Gesellschaft Wiens. Ja, er äußerst sich politisch, jedoch wird er sich nicht parteipolitisch festlegen lassen, bespöttelt Handke besonders diejenigen, die von der Kulturszene trendige Bekenntnisse zur Arbeiterklasse verlangen. Unter denen befinden sich manche, die ihn später wegen seines Engagements für Jugoslawien der Psychiatrie anempfehlen, oder die versuchen werden, ihn in eine Reihe mit Antisemiten und Faschisten zu quetschen. »The times they are a-changin’«, hatte Bob Dylan prophezeit –sie änderten sich tatsächlich, nur leider in die falsche Richtung.

Die Kronzeugen

Also nennt der »neue Philosoph Alain Finkielkraut« (Handke) den Schriftsteller im Zuge des Jugoslawien-Krieges ein »ideologisches Monster«; der österreichische Autor Michael Scharang fragt doch allen Ernstes, freischwebend im luftleeren Raum: »Handke hält die NATO für verbrecherisch. Tangiert das die NATO? Ich halte Milosevic für verbrecherisch. Tangiert das Milosevic?« Hans Christoph Buch, ein inzwischen notorischer Eiferer gegen links, möchte Handke am liebsten in einen Käfig sperren und öffentlich ausstellen, derweil es Altachtundsechziger Peter Schneider bereits Jahre zuvor als »bedrückend« empfunden hatte, daß Handke »den Bosniern ausgerechnet als Interpret ihrer Belagerer« entgegentrete.

Der allseits Beschimpfte, nicht schlecht im Nehmen, aber auch nicht im Austeilen, kontert mit einer netten Anekdote, die zugleich die beklagenswerte Konformität Schneiders wie deren wohlformulierte L’art-pour-L’art-Sicht auf das Thema »Krieg« bitterböse karikiert. Der »Genosse Peter Schneider« habe ihm mal erzählt, daß er immer ganz enge Jeans anlege, um beim Schreiben sein Geschlecht zu spüren. Handke: »Immer wenn ich seine Sachen lese, sehe ich ihn in diesen engen Jeans und mit nacktem muskulösen Oberkörper an seinen gewaltigen Werken sitzen.«

Mars attacks

Indem er das kalkulierte Wortgeklingel der Kritik an seiner Person bloßstellt, warnt Handke. Der an genauer Beschreibung geschulte Meister des Worts benennt die gefährliche Lage und nennt Roß und Reiter. »Mars greift an«, formuliert er in Anlehnung an Tim Burtons Filmkomödie »Mars Attacks« von 1996 und an H. G. Wells’ »Krieg der Welten«, dieser düster-satirischen Analogie von 1898 auf die britischen Kolonialkriege, durch die London mit seiner zigfach überlegenen Militärmaschinerie Völker unterwirft. Ein Jahrhundert später, überfielen unsichtbare Piloten in Tarnkappenungeheuern das unterlegene Land im europäischen Südosten.

Die Attacke auf Jugoslawien markiert den Beginn einer Ära neuartiger kriegerischer Interventionen, die das bisher verbindliche Völkerrecht mehr und mehr aushöhlen. Bei der vorgeblichen Verteidigung von Menschenrechten werden territoriale Integrität und Nichteinmischung zur Strecke gebracht, zunächst über Jahre auf den innerjugoslawischen Schlachtfeldern, dann auch offiziell von außen. Am 24. März 1999 bricht mit der Bombardierung Belgrads der Angriffskrieg offen aus. Die »Masters of war« (Dylan), bisher in den Lobbys von Politik und Rüstungsindustrie verortet, erhalten Verstärkung von ihren einstigen Gegnern. Umgekehrt setzen die, historisch betrachtet, schon immer aggressiven Kräfte des Imperiums auf einen engen Schulterschluß mit einflußreichen Teilen der vormaligen Friedensbewegung – und nicht nur mit den sozialdemokratischen wie 1914.

Die Kriegsampel springt auf Grün, unfaßbar angesichts der Hunderttausenden ermordeten Bewohner Jugoslawiens während der deutsch-italienisch-österreichischen Okkupation (1941–1944). Eine agitatorisch-propagandistische Einheitsfront aus Medien und Politik reproduziert in krassem Schwarzweiß das überkommene rassistische Bild vom Feind, jenes unkultivierten, antizivilisatorischen, womöglich kommunistischen Serben. Der Rest ist Schweigen daheim. Es begleitet zunächst die Parteinahme Berlins für die kroatischen und muslimischen Unabhängigkeitsarmeen in der Krajina und in Bosnien-Herzegowina, dann den NATO-Krieg.

Peter Handke erklärt, kurz nachdem die ersten Luftschläge die »Weiße Stadt« an Donau und Save erschüttert haben: »Seit dem 24. März sind Serbien, Montenegro, die Republik Srpska und Jugoslawien das Vaterland für alle, die keine Marsianer und grünen Schlächter geworden sind.« Eine Woche danach verwirklicht der Schriftsteller seine Ankündigung und reist nach Belgrad. Er habe sich »entschlossen, zu kommen und hier, in Serbien, mit euch zu sein«, zitiert ihn die Belgrader Zeitung Politika.

Demonstrativ tritt er aus der katholischen Kirche aus; der Papst habe in seiner Osterbotschaft »am zwölften Tag des Krieges gegen Jugoslawien« zwar den »Bruderkrieg« verurteilt, »aber nicht den Allrohrüberfall der NATO gegen ein kleines Land«. Handke: »Krieg ahoi, Christ und (!)Mensch guten Willens.« Den ihm 1973 verliehenen Georg-Büchner-Preis gibt er nebst Preisgeld –ironische Randbemerkung des Dichters: »zum Glück waren’s damals nur 10000 DM« – an die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung zurück, was ihm Hohn und Spott ausgerechnet von deren »Präsidenten« einbringt: »Ich weiß auch gar nicht, ob er überhaupt unsere Kontonummer hat. Oder schickt er einen Scheck?« Außerdem seien »ja eine Menge Zinsen und Zinseszinsen angefallen seit 1973«, so Christian Meier, ein offensichtlich außer Rand und Band geratener Historiker, Fachgebiet »Römisches Reich«, der sich einreiht in den von Haß gespeisten Anti-Handke-Mainstream und dem Zeitgeist huldigt.

»Neuntes Land«

Die Angriffe zur Zerschlagung nun auch »Rest-Jugoslawiens« dauerten bis zum 10. Juni 1999 an. Am Ende nimmt das westliche Militärbündnis die serbische Provinz Kosovo unter seine Kontrolle. Die Zahl der Getöteten – überwiegend Zivilisten – wird auf mehr als 3 500 geschätzt, die der Verletzten auf 10 000. »Kollateralschaden« wird – nach »ethnischer Säuberung« – zum zweiten euphemistischen Wortungetüm, das der Kampf gegen Jugoslawien erschafft. Dieser hatte lange vor seiner heißen Phase schleichend eingesetzt: auf ökonomischem Gebiet, als Weltbank und Internationaler Währungsfonds die Daumenschrauben anlegten und Kreditschuldenlasten in Privatisierung und Sozialabbau mündeten; auf Propagandaebene, auf der der jahrzehntelang funktionierende Vielvölkerstaat in ein Unterdrückungsmonstrum mit Belgrad als Zentrum verwandelt wurde.

Handke konstatiert schon 1991: Das »Gespenstergerede von einem Mitteleuropa«, mit dem die Geschichte des »großen Jugoslawien« aus den Köpfen verdrängt werden sollte, begann »nach dem Tod Titos, und es kommt mir jetzt so vor, eine große Zahl, jedenfalls die Mehrheit, innerhalb der nördlichen Völker Jugoslawiens, habe sich den Zerfall ihres Staates von außen einreden lassen«. Das »Neunte Land«, wie er »Slowenien in Jugoslawien, und mit Jugoslawien« nennt, ist verloren, hat sich abgespalten vom multiethnischen Staat, den nicht nur der Spiegel inzwischen zum »Vielvölkergefängnis« erklärt hat. Die Polit- und Medienmeute hat sich nahezu einhellig dessen Zerschlagung verschrieben, betreibt eine Aufsplittung in jeweils »Republik« genannte Einzelteile. Nord und Süd, Religionen, Stadt und Land – Unterschiede aller Art, die in der Idee vom einheitlichen Jugoslawien ein gedeihliches Mit- oder Nebeneinander genossen hatten.

Handke, der dauermobile Autor mit den – mütterlicherseits – slowenischen Wurzeln, verliert einen Teil seiner Identität: Er habe sich in seinem Leben »nirgends auf der Welt als Fremder so zu Hause gefühlt wie in dem Land Slowenien«. Auch verschwindet mit dem Land eine so andere Auffassung von Geschichte, die ihn und Teile seiner Generation geprägt hat. Im »Neunten Land« erspürte er sie hautnah: »Immer wieder habe ich in den slowenischen Dörfern die kleinen Gruppen der alten Männer als Zeugen einer ganz andern als unsrer, der deutschen und österreichischen Geschichte, eben der des großen widerständischen Jugoslawien gesehen und dieses, ich kann’s nicht anders sagen, um seine Geschichte beneidet.«

Mit der Abspaltung Sloweniens bedauert er das sich andeutende Ende Jugoslawiens mit dem ungetrübten Blick von unten auf die Geschichte. Inmitten der besonders von den ehemaligen Achsenmächten, Initiatoren des Zweiten Weltkrieges, betriebenen und herbeigeredeten Zerschlagung des Landes verfaßt der Schriftsteller ein erstes literarisches Statement zur neuen Lage. Er nennt es »Abschied des Träumers vom Neunten Land. Eine Wirklichkeit, die vergangen ist: Erinnerung an Slowenien«. Sein Traum – und der von Millionen Menschen, zudem der Blockfreien Staaten – zerplatzt in nationalistischen Sezessionskriegen. Danach übernimmt die NATO.

Winterliche Reise

Bereits 1996, nachdem sein erster Reisebericht aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg gedruckt worden war, stand Handke mit seiner Position in der vielzitierten »Öffentlichkeit« allein da. »Gerechtigkeit für Serbien. Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina« erschien in der ersten Januarhälfte in der Süddeutschen Zeitung, der Suhrkamp Verlag druckte die Reiseerzählung, die in diesem Genre bis heute ihresgleichen sucht, im selben Jahr und in mehreren Auflagen.

Auf die verbliebenen Kriegsgegner wirkten die Texte wie ein Segen. Lesegenuß wegen der Sprache natürlich. Vor allem aber wegen der langersehnten Authentizität der Eindrücke. Originale aus dem Tabuland, gespeist von vielen Zweifeln auch, denen Fragen folgten, die sich viele damals stellten – und die öffentlich nicht vernünftig behandelt werden durften. Was genau geschieht dort? Wie konnte es dazu kommen? »Unter Tränen fragend« (2000) immer wieder, immer weiter, und der Autor schreibt auf, was er sieht und hört und liest. Er sei »proserbisch«, wird in Endlosschleife behauptet, eben weil er sich bei den zu Underdogs und von Beginn an als »schuldig« Abgestempelten umgesehen hat. Er berichtet. Das ist ebensowenig erwünscht wie seine Reflexionen über die sonderbare Einstimmigkeit der Medien. Diese bringt er gar auf die Bühne – und natürlich wird »Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg« (1999) allgemein verrissen.

Um Kritik geht es längst nicht mehr. Auch nicht um Feuilleton. Das Thema »Handke« handelt von Wirkung und Folgen des aufrechten Gangs. Die wütende Heftigkeit der medialen Reaktion betraf zunächst Handkes Position zu Jugoslawien, doch zunehmend auch das – zuvor hochgeachtete – Gesamtwerk des Schriftstellers, eines Aspiranten auf den Literaturnobelpreis. Zu spekulieren, ob er die für ihn einschneidenden Folgen ahnte, als er »Gerechtigkeit für Serbien« forderte, ist müßig. Er tat es und blieb dabei, wozu Courage und die Beharrlichkeit des Suchenden und Aufschreibenden gehören. Das betrifft nicht nur die Reisen ins NATO-Target Belgrad.

Im Widerspruch

Als Handke vom seit 2001 inhaftierten Slobodan Milosevic, ehemals jugoslawischer und serbischer Präsident, gefragt wird, ob er als Zeuge vor dem Haager Jugoslawien-Tribunal auftreten wolle, besucht er den Angeklagten hinter Gittern. Er sagt schließlich nein und begründet das schlüssig (»Die Tablas von Daimiel. Ein Umwegzeugenbericht zum Prozeß gegen Slobodan Milosevic«, 2005). Nachdem der herzkranke Milosevic, dem eine medizinische Spezialbehandlung außerhalb der Scheveninger Mauern verweigert wird, am 11. März 2006 stirbt, folgt Handke dem Wunsch der Familie Milosevic und reist nach Pozarevac in die Heimatstadt des Verstorbenen, voller Zweifel auch später noch. Er weiß, was ihm blüht, wenn er der Beerdigung des als »Schlächter des Balkans« Dämonisierten beiwohnt. »Dann aber habe ich die Zeitungen gelesen, den Haß auf einen Mann, der gerade verstorben war.« Er folgt dem Sarg, und fragt sich doch, ob er dort das Wort ergreifen soll nach den »Popanzreden von Kostümgenerälen«.

Handke spricht. Daß er gewünscht hätte, hier als Schriftsteller nicht allein zu sein, sondern an der Seite eines anderen Schriftstellers, etwa Harold Pinters. Aber Handke ist allein – wieder einmal. Seine Worte markieren generell den Umgang der »so genannte (n) Welt« mit Milosevic. Sie sagen zudem alles über den Dichter und dessen Umgang mit dem Thema »Jugoslawien«. »Die Welt, die so genannte Welt, weiß alles über Slobodan Milosevic. Die sogenannte Welt weiß die Wahrheit. Deswegen ist die sogenannte Welt heute abwesend, und nicht bloß heute, und nicht bloß hier. Ich weiß, daß ich nichts weiß. Ich weiß die Wahrheit nicht. Aber ich schaue. Ich höre. Ich fühle. Ich erinnere mich. Deswegen bin ich heute anwesend, nah an Jugoslawien, nah an Serbien, nah an Slobodan Milosevic.« (Aus: »Meister der Dämmerung«)

Der Nouvel Observateur (6.4.2006) berichtet: »Die serbische Fahne schwenkend zwängte sich Handke nach vorne, um den Leichenwagen zu berühren und seine rote Rose niederzulegen, und gab ein trauriges Bild ab.« Die selbsternannte »internationale Gemeinschaft« stellt Handkes Auftritt in den Zerrspiegel ihrer antijugoslawischen Interessen. Selbst die Provinz plustert sich auf. Der Stadtrat Düsseldorfs kritisiert, daß die Jury des Heinrich-Heine-Preises Handke auszeichnen will. Handke sei der »Barde eines Diktators« (Günter Kunert), »Sänger des serbischen Großreichs« (Gert Kaiser). Der Dichter selbst macht dem unwürdigen Umgang der Rhein-Metropole mit dem Namen Heines, ihres berühmtesten »Sohns«, ein Ende, indem er auf den Preis verzichtet.

Die Heimatfront

Weitere Interventionen im Namen der Humanität folgten seitdem. Kriege heutzutage mit Wirtschaftsinteressen zu begründen, wie es ein Bundespräsident in Sachen Afghanistan tat, kommt nicht gut an. Menschen wegen schnöder ökonomischer Interessen zu töten, wirkt unmoralisch. Moderne Krieger sind so etwas wie moderne Samariter und müssen – leider, lamentieren sie geziert – Gewalt zur Rettung von Menschen einsetzen. Wer das nicht kapiert, steht auf der Seite des Unrechts, des Massenmordes, des Fanatismus – kurz: an der Seite des Bösen. Das grobe Wildwest-Klischee wird kultiviert. Bröckelt erst die Heimatfront, wächst das Risiko einer Niederlage.

Mit Sicherheit lassen sich Jugoslawien und die postjugoslawischen Lagen andernorts nicht vergleichen. Doch sind auch Menschenrechtskriege zuallererst Kriege. In denen genießen »Rebellen« und »Freiheitskämpfer« vielerlei Couleur per se Heldenstatus. Aufklärung über sie sowie darüber, was tatsächlich los war, im ivorischen Ab­idjan 2010, in den libyschen Städten Tripolis, Bengasi und Sirte 2011, bevor und nachdem Frankreich nebst NATO-Getreuen oder Blauhelmen angriff – das wäre schon etwas gewesen.

2011 läßt Wahrheitssucher Handke in »Der Große Fall« seine Hauptperson, den »Schauspieler«, fernsehen. »In den Weltnachrichten immer wieder, in Großaufnahme, nur ein Ansatz der Schultern zu sehen, in einem dunklen Anzug der Präsident, vor einer Bücherwand, in einer feierlichen Erklärung begriffen« – eine Kriegserklärung, die sich nicht so nannte, sondern »Eingriff«, »Intervention«, »Gegenschlag«, »Reaktion«. Der Präsident sagt wörtlich: »Es bleibt uns keine Wahl, als gegen die Feinde unserer Zivilisation und Religion zu intervenieren. Noch heute nacht werden die Operationen anlaufen, damit es nicht eines Tages in unseren Geschichtsbüchern heißt, unsere Landsleute hätten für nichts und wieder nichts ihr Leben gelassen.«

Was folgen wird, ist das Bild jenes kleinen Mädchens, getötet von einem Granatsplitter quer durch die Klosettwand. Es bleibt.

Gerd Schumann ist freier Journalist aus Berlin. Zuletzt war auf den Themaseiten von ihm am 12.10.2012 über Thomas Sankara, Gründer eines antikolonialen Burkina Faso, zu lesen.

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