2. Juli 2011

Türen geöffnet

Nazis triumphieren im Juli 1926: »Das dritte Reich zieht auf!«

Manfred Weißbecker

Weimar am 3. und 4. Juli des Jahres 1926: In der thüringischen Landeshauptstadt führt die NSDAP einige Veranstaltungen durch und bezeichnet sie als den ersten Reichsparteitag nach ihrer Wiedergründung im Februar des Vorjahres. Am Eröffnungstag, einem Sonnabend, bestand er aus sechs sogenannten Sondertagungen, die in einzelnen Gaststätten absolviert wurden. Sie galten Beamten-, Frauen-, Presse- und Gewerkschaftsfragen, zudem den Themen Finanzen, Propaganda und Organisation. Ungefähr zwei Stunden waren jeweils dafür vorgesehen, ebenso mehrere Referenten, was offensichtlich Zeit für Anfragen oder gar für Debatten kaum erlaubte. Abstimmungen waren verboten, Entscheidungen sollten allein die »Vorsitzenden« treffen. Am Abend wurden in den Sälen der »Armbrust«, des »Stadthauses« und der »Berggesellschaft« Gäste »begrüßt«, so der Stahlhelm-Führer Theodor Duesterberg und August Wilhelm von Preußen, der Sohn des letzten Kaisers. Aus Bayreuth war Winifred Wagner angereist, aus München die Verlegersgattin Elsa Bruckmann. Zu ihnen sprachen Arthur Dinter, thüringischer Gauleiter und Verfasser soeben erschienener »197 Thesen zur Vollendung der Reformation«, Hans Severus Ziegler als Mitglied der »Landesleitung« sowie Fritz Sauckel als Geschäftsführer des Gauverbandes. Das Programm wies aus, Hitler werde nach den Ansprachen »erwidern«.

»Einmütige Stärke«

Der Sonntag begann um sieben Uhr mit einem »christlichen Laienfeldgottesdienst« im Park. Zu ihm sollten sich die einzelnen Verbände »zwanglos, möglichst geschlossen« begeben. Danach fanden weitere drei Sondertagungen statt. Sie befaßten sich mit Schulfragen, Jugendfragen und mit den paramilitärischen Parteiformationen. Was vielleicht als »Parteitag« zu nennen möglich gewesen wäre, passierte zwischen zehn bis 13 Uhr im Deutschen Nationaltheater. Bewußt war der Ort gewählt worden, wollte man doch einen Kontrapunkt gegen die Verfassunggebende Nationalversammlung des Jahres 1919 setzen. Hier referierten Arthur Dinter, Gregor Straßer und Gottfried Feder sowie Berichterstatter aus den einzelnen Veranstaltungen. Auch hier bestand die Aufgabe der Teilnehmer darin, geduldig zuzuhören und beifällig zu klatschen. Rein formal wurden die gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben einer Partei erledigt, stets darauf bedacht, nach außen »ein Bild der einmütigen Stärke« zu bieten. In den Richtlinien der Parteioberen zur Vorbereitung des Parteitages hatte gestanden, dieser sei nicht mit Fragen zu »belasten, deren Entscheidung oder Klärung in einem solchen Rahmen weder möglich noch von Dauer sein würde«.

Hitler hatte sich indessen für seine Rede das Thema »Politik, Idee und Organisation« gewählt, vom Völkischen Beobachter apostrophiert als eine mit »ganz große (n) Gedanken, aus einem naturhaft-mystischen Urgrund quellend«. Tief hatte er in die Geschichte von Völkern zu blicken versucht, um daraus die entscheidende Aufgabe von Politik abzuleiten: Dienen für das Volkstum, jedoch nicht theoretisch. Nein, man benötige dazu ein »ausgezeichnetes brutales Brecheisen«. Im »Daseinskampf« komme es auf blinden Glauben und Tatkraft an. Nur eine disziplinierte Organisation wie seine Partei könne die Gegner an den Punkt bringen, »an dem der Feind den Stoß ins Herz hinein erhält«.

Als eigentlicher Höhepunkt des ganzen Spektakels galt am Nachmittag ein Marsch von etwa 5000 Mitgliedern und Anhängern der NSDAP durch die Straßen der Klassikerstadt. Angereist waren sie aus allen Teilen Deutschlands, ein großer Teil davon aus Bayern. Vor dem Theater grüßte Hitler erstmals mit der erhobenen rechten Hand, dem importierten »römischen« Gruß. Ihn hatte man gewählt, um nicht allzu offensichtlich die Nähe zum Gruß deutscher Militärs zu bezeugen. SA und SS formierten sich zu einem »Generalappell«. Pseudoreligiöse Rituale wie die »Fahnenweihen« bezeugten die künftige szenische Selbstdarstellung der Nazis. Für den Abend waren »öffentliche Massenversammlungen« in drei Sälen vorgesehen.

Politischer Terror

Die Nazis spielten sich in diesen Tagen als Herren der Stadt auf, und viele Einwohner erwiesen sich durchaus als famose Gastgeber. Zwar hatte es einen Beschluß gegeben, der die Nutzung Thüringer Theater für politische Zwecke grundsätzlich untersagte, dennoch war der NSDAP von der Landesregierung am 30. April 1926 die Durchführung ihres Spektakels genehmigt worden. In der Stadt erlebten viele Bürger auf der Straße, was eine Herrschaft der Nazis bedeuten würde: Waffen wurden offen zur Schau getragen, Arbeiter von ihren Fahrrädern gezerrt, zwei über ein Brückengeländer in die Ilm geworfen. Wer jüdisch aussah oder kein Hakenkreuz trug, lief Gefahr, verprügelt zu werden. Rufe erschallten in Weimar wie »Wir scheißen auf die Judenrepublik!«, »Haut sie raus, die Judenbande, aus unserem deutschen Vaterlande!« und »Zum Putsch, zum Putsch sind wir geboren, dem Adolf Hitler haben wir’s geschworen!« Für große Aufregung sorgten Ausschreitungen randalierender Nazis, insbesondere jedoch die Tatsache, daß ein Polizeioberwachtmeister angeschossen worden war und in Lebensgefahr schwebte.

Das militante Auftreten sollte Stärke, Gewalt und Macht demonstrieren, einschüchtern und zugleich mobilisieren. Solches Gebaren empfahl Hitler generell, vor allem auch für Demonstrationen der Partei in kleineren Orten, denn – so lautete seine Begründung – geschlossen marschierende 300 Mann würden auf dem Lande besonders wirken, hingegen als ein »verlorenes Häuflein in der Steinwüste einer Stadt« untergehen.

Tatsächlich war es der NSDAP gelungen, in aller Öffentlichkeit zu demonstrieren, daß sie ihre Krisen nach dem gescheiterten Putsch in München hatte überwinden können. Sie erwies sich bereits als eine straff ausgerichtete Parteiorganisation, in der die Chefs – vor allem der »Führer« – einer disziplinierten Mitgliederschar nichts anderes als Befehle zu erteilen hatten. Es zeigte sich in erschreckendem Ausmaß, welche Ansprüche sie seit ihrer Neukonstituierung im Februar des Vorjahres hatte entwickeln können. Sie trat gefestigt in Erscheinung, erhob neue Ansprüche und erlebte wachsende Unterstützung. Terror gehörte von Anfang an zu den konstitutiven Elementen ihrer Politik.

In anderen Ländern des damaligen Deutschen Reiches wäre es der NSDAP kaum möglich gewesen, eine solche Veranstaltung durchzuführen. Selbst Proteste des Weimarer Stadtrates gegen den Naziterror verurteilte der Innenminister Thüringens, ein Mitglied der konservativen Deutschnationalen Volkspartei, ausdrücklich als falsch und voreilig. Dieses Verhalten einer rechts­orientierten Regierung und der Landtagsmehrheit bot in mancher Hinsicht einen Auftakt auch für vielgestaltige Formen einer Unterstützung der NSDAP durch Angehörige der wirtschaftlichen, militärischen, staatsbürokratischen und geistigen Eliten der deutschen Gesellschaft. Großzügige Duldung, stillschweigendes Umgehen gesetzlicher Vorschriften, tatenlose Hinnahme nazifaschistischer Terrorakte, verständnisvolle Entschuldigungen von Verstößen gegen die Weimarer Verfassung, diskrete Empfehlungen zur Verbesserung von Programm und Taktik, ständige Einbeziehung in den großen Kreis revanchistischer und chauvinistischer Organisationen sowie die fördernd-fordernde Anerkennung jedes militanten Antikommunismus – diese Faktoren bestimmten Mitte der zwanziger Jahre das Verhältnis der Herrschenden zur Partei des deutschen Faschismus.

Der Parteitag von 1926 hatte Türen geöffnet – kein Wunder, daß sein zehnter Jahrestag 1936 an gleicher Stelle mit pompösem Aufwand gefeiert werden sollte.

Aus den Quellen

Nach jahrelangen unerhörten Verfolgungen und Schikanen von seiten der ehemaligen sozialdemokratisch-kommunistischen Regierung Thüringens, verbunden mit einer der sogenannten freiheitlichen Verfassung des Juden Preuß hohnsprechenden, vollständigen Unterdrückung unserer Presse, bewies blitzartig der gewaltige Wahlerfolg der Nationalsozialisten, daß vor allem unsere nationalsozialistische Idee und deren Träger den Sturz des marxistisch-kommunistischen Systems herbeigeführt hatten. (…) Dieser rastlosen und aufopferungsvollen Agitation der thüringischen Nationalsozialisten ist es zu danken, daß das Thüringer Land wieder national geworden ist.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2011/07-02/010.php