26. April 2014

Ujamaa-Sozialismus

Julius Nyerere, erster Präsident Tansanias, verfolgte einen »afrikanischen« Sozialismus (Aufnahme vom 11.7.1961 im UN-Hauptquartier) - Fotoquelle: UN Photo/MB

Vor 50 Jahren wurde der Staat Tansania gegründet

Simon Loidl

Am 26. April 1964 entstand an der Küste Ostafrikas ein neuer Staat. Tanganjika und Sansibar vereinigten sich zu einer politischen Union, deren Name »Tansania« sich aus den Anfangssilben der beiden Staatsteile sowie dem Wort »Asania« zusammensetzte. Die Anknüpfung an diese antike Bezeichnung für Landstriche des östlichen Afrika sollte die historische Bedeutung der Vereinigung der beiden Länder unterstreichen. Die Gründung von Tansania bedeutete das endgültige Ende der Kolonialherrschaft in diesem Teil des Kontinents. Zwar erlangten Tanganjika und Sansibar bereits 1961 bzw. 1963 die Unabhängigkeit, doch mit der Vereinigung der beiden Staaten nach einem politischen Umsturz in Sansibar begann nun ein neues Kapitel postkolonialer Politik in Afrika.

Während Sansibar innerhalb des neuen Staates Autonomierechte genoß, spielte das ehemalige Tanganjika nicht zuletzt aufgrund der Größe und Einwohnerzahl die für Tansania bestimmende Rolle. So wurde der seit 1962 als Präsident Tanganjikas amtierende Julius Nyerere zum Staatsoberhaupt des neuen Staates und behielt dieses Amt bis 1985. Nyerere war die zentrale Figur der politischen Veränderungen in Ostafrika. Wie viele andere antikoloniale Kämpfer hatte der 1922 in Butiama östlich des Viktoriasees geborene Nyerere eine Ausbildung an einer europäischen Universität genossen, nachdem er zuvor in der ugandischen Hauptstadt Kampala zum Lehrer ausgebildet worden war. Nach seiner Rückkehr aus dem schottischen Edinburgh, wo er Geschichte und Politikwissenschaften studiert hatte, beteiligte sich Nyerere an der Gründung der Befreiungsbewegung Tanganyika African National Union (TANU). Nyerere übernahm die Führung der Organisation, wurde nach der Unabhängigkeit Tanganjikas 1961 erster Premierminister und im Jahr darauf zum Präsidenten gewählt.

Familie im Mittelpunkt

Eng mit dem Namen Julius Nyerere und mit der Entstehung Tansanias verbunden ist das Konzept eines »afrikanischen Sozialismus«. Kern dieses Programms ist die Entwicklung der Potentiale des eigenen Landes und das Streben nach völliger Unabhängigkeit – von Kolonialherren genauso wie von ausländischen Investoren oder »Entwicklungshelfern«. Nach der Gründung Tansanias wurden sofort umfangreiche wirtschaftspolitische Maßnahmen eingeleitet, die eine autonome Entwicklung des neuen Staates ermöglichen sollten. Neben der Stärkung kommunaler und landwirtschaftlicher Produzenten wurden umfangreiche Sozialprogramme gestartet und gleichzeitig ausländische Unternehmen verstaatlicht. Im Westen war man nicht besonders erfreut über diese Entwicklung – doch auch im Einflußbereich der Sowjetunion stießen die Maßnahmen und Vorstellungen Nyereres nicht auf ungetrübte Zustimmung. Nyerere betonte in seinen Schriften immer wieder, daß Tansania einen eigenständigen Weg jenseits der Blöcke suchen müsse.

Das Modell des europäischen Sozialismus sah er als für die afrikanischen Verhältnisse völlig ungeeignet an. Dies begründete er vor allem mit den unterschiedlichen Voraussetzungen. Während sich der europäische Sozialismus auf der Grundlage kapitalistischer Verhältnisse entwickelt habe, müsse in Afrika an vorkoloniale Organisationsformen angeknüpft werden (siehe dazu auch die Ausführung von Denis Goldberg in der Broschüre zur diesjährigen Rosa-Luxemburg-Konferenz). Eine wichtige Rolle für den »afrikanischen Sozialismus« sollte dabei die traditionelle »Großfamilie« spielen, die Nyerere als Modell für neue Formen gemeinschaftlichen Lebens darstellte. »Die Grundlage und das Ziel des afrikanischen Sozialismus ist die Großfamilie«, schrieb Nyerere in einem Aufsatz 1962: »Der wirkliche afrikanische Sozialist sieht nicht eine Klasse als seine Brüder an und eine andere als seine natürlichen Feinde. Er geht mit den ›Brüdern‹ kein Bündnis ein, um seine ›Nicht-Brüder‹ zu vernichten. Eher betrachtet er alle Menschen als seine Brüder – als Mitglieder seiner sich ständig erweiternden Familie.« Dementsprechend wurde auch der Suaheli-Begriff »Ujamaa« zur Bezeichnung dieses Sozialismusmodells gewählt. Der Begriff umfaßt Bedeutungen wie »Familie«, »Gemeinschaftssinn« oder »Einheit«.

Was für heutige Ohren nach dem Versuch einer Flucht in romantisierte vorkoloniale Zustände klingt, beinhaltete ein konkretes politisches Programm, dessen Bedeutung weit über den neuen Staat Tansania hinausreichte: die Vereinigung aller Afrikanerinnen und Afrikaner im Rahmen eines selbstbewußten Rückgriffs auf afrikanische Geschichte und Traditionen, die vom europäischen Kolonialismus weitgehend zerstört worden waren. Die Vereinigung Tanganjikas und Sansibars sollte nur ein erster Schritt zu einer gesamtafrikanischen Vereinigung sein und einen Prozeß anstoßen, an dessen Ende die Selbstbestimmung des gesamten Kontinents stehen sollte.

Sofortprogramm für Bildung

Im Zentrum des Programms stand Bildung. Diese sahen Nyerere und seine Mitstreiter als Schlüssel zur Befreiung und »Entwicklung«. Letzterer Begriff wurde bereits damals einseitig als vorwiegend technischer Terminus verwendet, mit dem etwa der Ausbau von Infrastruktur bezeichnet wurde. Nyerere stellte dem eine neue Definition gegenüber, nämlich die Entwicklung der Menschen. Erhöhungen der ökonomischen Kennzahlen seien wertlos, wenn dies nicht mit konkreten Verbesserungen für die Menschen einherginge, sondern sich etwa lediglich in höheren Profiten für Konzerne niederschlage.

Zudem können sich Menschen nur selbst entwickeln und nicht etwa von außen »entwickelt« werden. Aus diesem Grund wurden in Tansania sofort Maßnahmen zur Verbesserung der Bildung eingeleitet, die auch rasche Erfolge erzielten. Die Alphabetisierungsrate etwa stieg bis Ende der 1970er Jahre von zehn auf beinahe 80 Prozent an. Während vor der Unabhängigkeit nur ein Viertel aller Kinder die Schule besuchte, waren es 1979 bereits knapp 95 Prozent. Diese positive Veränderung wurde seit den 1990er Jahren wieder umgedreht, als in Folge der von Internationalem Währungsfonds und Weltbank diktierten Strukturanpassungsprogramme weitreichende Kürzungen im Bildungsbereich durchgeführt wurden. Nach einer ökonomischen Krise Mitte der 1980er Jahre hatte sich das Land in die Fänge der internationalen Institutionen begeben und den mit zahlreichen Projekten begonnen Aufbruch der 1960er und 1970er Jahre endgültig beendet.

Zentrales Dokument dieses Aufbruchs ist die Arusha-Deklaration von 1967. In dieser stellte die TANU-Führung das Konzept des afrikanischen Sozialismus und die konkreten Maßnahmen für Tansania umfassend und unter Formulierung konkreter Ziele dar. Bereits hier sind ökonomische Planvorgaben eng verschränkt mit der Forderung nach einem Ausbau von Bildungseinrichtungen, aber auch mit Vorstellungen von einer »guten Führung«, die stets ausschließlich im Interesse der Menschen zu wirken habe. Auch wenn Mitte der 1980er Jahre – etwa zeitgleich mit dem Ausscheiden Nyereres als aktivem Politiker – die Ziele der Arusha-Deklaration aufgegeben wurden, so strahlte das visionäre und selbstbewußte Programm weit über die Grenzen Tansanias aus und spielt bis heute in afrikanischen Debatten über Unabhängigkeit, Entwicklung und Selbstbestimmung eine wichtige Rolle.

Quellentext: Moderner afrikanischer Sozialismus

Ujamaa« oder »Familiengemeinsinn« beschreibt dann unseren Sozialismus. Er steht im Gegensatz zum Kapitalismus, der versucht, eine glückliche Gesellschaft zu schaffen auf der Grundlage der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

Wir in Afrika haben ebensowenig Bedarf daran, zum Sozialismus »bekehrt« zu werden wie über Demokratie »belehrt« zu werden. Beide haben ihre Wurzeln in unserer eigenen Vergangenheit – in der traditionellen Gesellschaft, aus der wir hervorgegangen sind. Moderner afrikanischer Sozialismus kann von seinem traditionellen Erbe her den Bereich von »Gesellschaft« als eine Ausweitung der Grundeinheit Familie verstehen. Aber die Idee der sozialen Familie kann nicht länger beschränkt bleiben auf die des Stammes, noch auf die der Nation. Denn kein echter afrikanischer Sozialist kann auf eine Linie sehen, die auf der Karte gezogen wurde, und sagen, »die Leute auf dieser Seite der Linie sind meine Brüder, aber jene, die zufällig auf der anderen Seite dieser Linie leben, können nichts von mir fordern.« Jeder einzelne auf diesem Kontinent ist sein Bruder.

Aus Julius Nyerere: Ujamaa. Grundlage des afrikanischen Sozialismus. April 1962 (zitiert nach: Reden und Schriften aus drei Jahrzehnten, hg. von Asit Datta. Bad Honnef 2001)

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