27. September 2013

Umkämpfte Erinnerungen

Entpolitisiertes Label »Tito«: Die Erinnerungen an den Präsidenten Jugoslawiens werden kommerzialisiert und an zahlungskräftige Touristen verkauft - Fotoquelle: Wikipedia

Geschichtsrevisionismus bestimmt die offizielle Gedenkpolitik in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens. Die Vergangenheit wird für nationalistische, neoliberale und antikommunistische Interessen instrumentalisiert

Todor Kuljic

Nach dem blutigen Zerfall Jugoslawiens wurden in den neu entstandenen Staaten »eigene Versionen der Geschichte« geschrieben. Ein Kernelement war die Darstellung der »jeweiligen Nation als Opfer«. Auf den Krieg der Waffen folgte der Krieg der Erinnerungen – der nach wie vor im Gange ist. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stand der Kommunismus als Hauptschuldiger für den Krieg und die soziale Misere. Besonders in den nationalistisch aufgeheizten Jahren 1990 bis 1995 diente die Idee vom »nationenfeindlichen Titoismus« als Argument gegen den Vielvölkerstaat.

Die Aufarbeitung des Titoismus1 läßt sich entlang der politischen Umschwünge der Jahre 1990 bis 2010 verfolgen. Sie erfolgt zwar nicht auf die gleiche, aber auf eine strukturell ähnliche Weise. (…)

Bei der Untersuchung der Vergangenheitspolitik bedarf es eines kritischen Zugangs. Man sollte dabei die identitätsstiftenden Konstruktionen von Vergangenheit in Nationalismus- und Gedächtnistheorien sowie in den Konzepten der »Geschichts- und Vergangenheitspolitik« in Frage stellen. Nützlich sind dafür vor allem die Methoden der Ideologiekritik. Auch deshalb, weil auf allen Seiten immer nur die eigene Nation als Opfer gesehen wird – die Täter sind grundsätzlich die anderen. Eine reflektierte Erinnerungskultur kann aber nicht eindimensional, sondern nur synchron sein: »Wir sind alle Opfer«.

Neuschreibung der Geschichte

In den nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens neu entstandenen Staaten kam es zu einer radikalen Wendung in der Vergangenheitspolitik (verstanden als diskursiver Umgang mit dem titoistischen Regime). Sie handelt davon, welche Vorstellungen von Jugoslawien und dem Sozialismus heute vorherrschend sind und von der Rolle, die Tito im heutigen Serbien, Kroatien und Bosnien und Herzegowina – noch immer oder wieder – spielt. (…) Auffallend ist hierfür die neokonservativ und neoliberal motivierte Revision der Geschichte der vergangenen 20 Jahre, wodurch die Frage nach einer Verschiebung der kulturellen Hegemonie im Hinblick auf die Geschichtspolitik aktuell wird.

Die Gemeinsamkeit aller dieser Diskurse ist jedoch, daß sie an die Stelle der Klassenfrage die Nation setzen. So wurde die Geschichte spätestens seit Beginn der 1990er Jahre national – ja eigentlich nationalistisch konnotiert und ethnozentrisch – geschrieben. Mit dieser nationalistischen Geschichtsschreibung wurden nicht nur die Deutungsmuster der jugoslawischen, einer sich selbst als kommunistisch verstehenden, Gesellschaft abgelöst.

Die postsozialistische Historiografie weist eine völlig neue Beurteilung Titos auf. Er wurde zu Recht seiner Unantastbarkeit beraubt. Diese veränderte Sichtweise erzeugte jedoch neue Ausschließlichkeiten. Der Antititoismus ist der Schlüssel der offiziellen Erinnerungsordnung und der neuen persönlichen Einstellung der »konvertierten Historiker«. Mehr noch, der jugoslawische Staat mit seinem Übervater Josip Broz Tito wird als mehr oder weniger antinational gefaßt und den jeweiligen nationalen Interessen feindlich gesinnt entgegengesetzt.

Die monumentalen Statuen der Tito-Zeit und die Tito-Straßennamen wurden durch die Wallfahrtsorte der nationalen Geschichtskonstruktion ersetzt, etwa die Festung in Knin2, das Zollfeld in Kärnten3 oder auch verschiedene Kirchen und Moscheen. Die monumentale nationale Vergangenheit bestimmte den revisionistischen interpretatorischen Rahmen. An Stelle von Titos Partisanen traten nationalkonservative, chauvinistische und faschistische Symbole. Die Erinnerung an die Tschetniks in Serbien und an die Ustascha in Kroatien ist die Signatur des neuen Patriotismus. Besonders auffällig ist dabei die Umbenennung von Straßen und Plätzen, von denen in großen Städten nur noch wenige den Namen eines Partisanen, Kommunisten oder »großen Jugoslawen« tragen. In den verschiedenen ehemaligen jugoslawischen Staaten wurden Straßen und Plätze nach neuen Nationalhelden benannt, Denkmäler aus der kommunistischen Zeit zerstört und neue, nationale errichtet. Allein in Kroatien wurden nach dem Unabhängigkeitskrieg etwa 3000 Denkmäler für die gefallenen Partisanen und die Opfer des Ustascha- und Naziterrors zerstört oder abgebaut. Zudem wurden die Massaker der Partisanen an den Kollaborateuren der deutschen Besatzung oder der nationalistischen Rechten im Zweiten Weltkrieg umdefiniert: Die Opfer von damals sind nun die Helden von heute. (…)

Auffällig im jugoslawischen Kontext ist, daß fast alle ehemaligen Marxisten, die sich wissenschaftlich mit marxistischer Theorie, der jugoslawischen Idee der »Selbstverwaltung«, Tito oder ähnlichem auseinandergesetzt hatten, buchstäblich über Nacht zu Antikommunisten und völkischen Nationalisten wurden. Während früher die Apologie des Sozialismus im Zentrum stand, bildet heute die Kritik des Sozialismus die Basis für ihre mannigfaltigen Interessen und Identitäten. Ihre frühere Glorifizierung Titos und der Kommunistischen Partei erzeugt bei den heutigen Intellektuellen Schamgefühle. Die starke Kluft zwischen der »linken« Vergangenheit und der »rechten« Gegenwart erzeugt bei vielen Abwehrreaktionen.

Welche Ereignisse bereiteten diese geschichtspolitische Umkehr vor? Das waren vor allem der Sturz des europäischen Sozialismus und der Bürgerkrieg in Jugoslawien. Als Kernereignisse der politischen Wendejahre und als diskursive Wende- und Höhepunkte kann man in Serbien das Jahr 2000 (Milosevics Sturz) sowie in Kroatien das Jahr 1995 (die Vertreibung der Serben) bezeichnen. In Kroatien gilt der jugoslawische Sozialismus seither als »Jugokommunismus« und »Serbobolschewismus«. In Serbien wird er als Verschwörung antiserbischer, titoistischer Kräfte ausgelegt. (…)

Titoismus

Bei der Behandlung der Instrumentalisierung des Titoismus läßt sich die Asymmetrie der verschiedenen Perspektiven und hegemonialen Erinnerungsrahmen feststellen. In gewisser Weise blieb Tito die Signatur des postjugoslawischen Raums. In dem schon zu Lebzeiten kontrovers eingeschätzten Machthaber sieht man heute eine »vielschichtige Figur«, die aus drei unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden kann.

Aus der heute vorherrschenden »Froschperspektive« erscheint Tito als der große, unantastbare, totalitäre Herrscher. Diese Perspektive nehmen beispielsweise die Nationalisten ein, die davon überzeugt sind, daß der Titoismus von außen in die Nationalgemeinschaft hineingetragen worden sei. Die »Vogelperspektive« zeigt hingegen, daß Jugoslawien unter dem autoritären Herrscher Tito einen außerordentlichen Modernisierungs- und Mobilitätsschub erlebte. Die »Flugzeugperspektive« (oder, wie man sie auch nennen könnte, »Wiener Perspektive«) legt eine Sicht auf Tito als den »letzten Habsburger des Balkans« nahe – wobei Habsburg hier als »Metapher für den Herrscher in einem multinationalen Staat« zu verstehen ist.

Was der heutigen »Aufarbeitungsdebatte« aber fehlt, ist der Blick auf den Sozialismus aus der Perspektive eines anderen Epochen- und Geschichtsbewußtseins, d.h. aus einer Perspektive, aus der die Linke im Weltmaßstab mehr bedeutete als heute. Hierin ist auch der Grund für das Fehlen einer einflußreichen hermeneutischen, alltagsgeschichtlichen Strömung innerhalb der Geschichtswissenschaften zu sehen. Die hegemoniale Ideologie des Antitotalitarismus schuf einen neuen Rahmen für den Umgang mit dem Titoismus. Er unterminierte die Sozialgeschichte und favorisierte die Politikgeschichte und stellt einen Zugang dar, der leicht in Verschwörungstheorien übergehen kann. Mit Hilfe des Antitotalitarismus wurden »alte« durch »neue« Opfer (die Arbeiterklasse durch die Nation) und »alte« durch »neue« Täter (der Kapitalismus durch den Kommunismus) ersetzt, Konservativismen verschiedener Prägung wiederbelebt, die Idee des Monarchismus und die romantische Geschichtsschreibung der Dynastien erneuert, schließlich wurden der Faschismus und seine Kollaborateure rehabilitiert usw.

Diese neue Entwicklung läßt sich auf der politischen wie auf der symbolischen Ebene betrachten, etwa anhand der Umbenennung der zahlreichen Marschall-Tito-Straßen (…). Auch die neuen Schulbücher der einzelnen Staaten und deren Schwerpunksetzung im Geschichtsunterricht sind in gleicher Hinsicht bedeutend. Hierbei kristallisiert sich heraus, daß in Serbien das Regime Milosevic die geschichtspolitische Wende vorbereitete, obgleich dieser Prozeß in den serbischen Geschichtslehrbüchern etwas langsamer als in jenen der anderen exjugoslawischen Staaten vonstatten ging.

Was ist mit dem Antifaschismus? Die neuen historischen Kontinuitäten sind nicht mehr sozial, sondern national konstruiert. Überall in Südosteuropa findet eine Nationalisierung, Relativierung, Dekommunisierung und Dezentralisierung des Anti­faschismus statt. Die Erinnerungskonflikte beruhen (…) in allen Nachfolgestaaten Jugoslawiens auf strukturell ähnlichen Prozessen. Allerorts waren es die Delegitimierung des Sozialismus auf der einen und die Delegitimierung Jugoslawiens auf der anderen Seite, die in den Vordergrund traten. Die damit verbundenen Erinnerungen mußten anti­jugoslawisch und antikommunistisch umkodiert werden. Die frühere dichotomische Gegenüberstellung von Revolution und Konterrevolution wurde durch eine andere Dichotomie ersetzt, nämlich diejenige zwischen Patrioten und Verrätern, Demokraten und Kommunisten. Die damit beabsichtigte Schwächung der Linken geht mit dem Vertauschen von Tätern und Opfern einher. Wenn der kommunistische Antifaschismus als stalinistisch und als unter dem Druck der Verhältnisse erzwungen dargestellt wird, muß folglich der nationale Anti-Antifaschismus demgegenüber als authentisch wirken.

Die »Neutralisierung« der Kollaboration ist eine wichtige Komponente bei der Etablierung postsozialistischer Gruppenidentitäten. (…) Daneben steht die Diskreditierung des kommunistischen Antifaschismus im Zentrum revisionistischer Geschichtspolitik. So entstand in Serbien die revisionistische These, daß Draza Mihailovic4 und nicht Tito der erste Antifaschist auf dem Balkan war oder daß Milan Nedic5 und Dimitrije Ljotic6 keine Kollaborateure, sondern Patrioten waren. Der Partisanenkampf wurde überall in den neuen Staaten des Balkans im nationalistischen Sinne umgedeutet. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs wurde dabei deutlich »entjugoslawisiert« und nationalisiert.

»Jugonostalgie«

Wie sieht es mit den heutigen Meinungen der gewöhnlichen Menschen über den Titoismus aus? (…) Grob gesagt, der Nationalismus ist auf allen Seiten die propagierte Norm schlechthin, während das supranationale Jugoslawentum nicht mehr gern gesehen wird. Zwar ist die offizielle Erinnerung antititoistisch, viele Menschen erinnern sich jedoch nostalgisch an die soziale Sicherheit und den Frieden im Titoismus. (…) In einigen der exjugoslawischen Staaten dominiert heute sogar die nostalgische, verklärte Erinnerung an den verlorenen Vielvölkerstaat. Nach dem Motto »Früher war alles besser« schwelgt von Mazedonien bis Slowenien vor allem die ältere Generation in melancholischen Erinnerungen der »Jugonostalgie«.

Es gibt eine titoistische Subvariante der »Jugo­nostalgie« – die »Titostalgie« – bei der sich die Person Josip Broz Tito im Zentrum befindet. Tito ist das zentrale Symbol für die bessere, »goldene« Zeit Jugoslawiens. Die sogenannten Titostalgiker trauern der multinational verfaßten, international angesehenen und flächenmäßig großen SFRJ7 nach. Diese Art der Nostalgie ist in der gesamten Region des ehemaligen Jugoslawiens nicht unter Zwang entstanden und ließ sich bis heute selbst durch eine von politischen Eliten entworfene Neuschöpfung der Vergangenheit nicht beseitigen. Wie viele empirische Untersuchungen gezeigt haben, liegt in der »Titostalgie« auch eine der größten Gemeinsamkeiten zwischen den Nachfolgestaaten, die sich vor einigen Jahren noch blutig bekämpften. »Titostalgie« stellt sowohl eine rückblickende Utopie als auch die Kritik des ungezügelten Kapitalismus dar. Für die herrschenden, bürgerlichen Eliten hingegen bedeutet der Titoismus Totalitarismus und Gefängnis.

Die in Form von privaten Meinungen verbreitete Nostalgie in bezug auf die Zeit, in der Tito ein weltweit anerkannter Staatsmann war, ist einerseits ein Zustand der Melancholie, trägt andererseits aber auch Züge eines Vergleiches der heutigen gesellschaftlichen Situation mit jener in der Zeit des Titoismus. Zu fragen bleibt allerdings, ob die »Titostalgie« eine schwermütige oder eine kritische Art der Erinnerung ist. Die Erinnerungen an Tito und den Sozialismus sind gleichwohl mehr als bloße Nostalgie: Jugoslawien war kein künstliches Produkt, sondern vielmehr ein Ergebnis der Aufklärung, das von einer Welle der Gegenaufklärung (Nationalismus, Religion und Kapitalismus) in die Knie gezwungen wurde. In Jugoslawien unter Tito gab es viel Gutes. So hatte der jugoslawische Reisepaß in etwa die Bedeutung des EU-Passes in der heutigen Zeit (…). Zudem war die Ära Titos eine der längsten Friedensepochen in der Region.

Während also die einen Jugoslawien und den Titoismus vor dem Hintergrund neuer nationaler Ideologien dämonisieren, herrschen andernorts »Jugonostalgie« und »Titostalgie« vor. Interessant ist vor allem der Umstand, daß viele junge Menschen nostalgische Gefühle haben und Sehnsucht nach einem Land verspüren, das sie nicht einmal kennengelernt hatten. Jugoslawien war im Vergleich zu anderen Ländern des Realsozialismus ein weltoffener Staat. Touristen kamen ins Land, Jugoslawen durften ins Ausland reisen. In diesem Zusammenhang ist der symbolische Umgang mit der Vergangenheit besonders interessant, Tito taucht hier z.B. als entpolitisiertes Label auf Weinflaschen oder als Namensgeber von Cafés auf.

Besonders interessant sind die verschiedenen positiv konnotierten Zusammenhänge, in die Tito in den verschiedenen früheren jugoslawischen Republiken gesetzt wird (…), aber auch die dämonisierenden Zuschreibungen (in Serbien als kommunistisch apostrophierter Feind der Serben, in Kroatien als jugoslawisch apostrophierter Feind der Kroaten). Nostalgie ist indessen sowohl das Ergebnis der enttäuschten Erwartungen als auch die gleichzeitige Kritik des starken Nationalismus. (…) Kurzum: Der »Jugonostalgiker« ist der Feind der neuen Ordnung. Die »Jugonostalgie« stört diese Harmonie der neuen nationalistisch-integrativen Erinnerungsordnung.

Der europäische Kontext

Sind die erwähnten Prozesse lokaler Art? Nein. Zur Einordnung der lokalen Erinnerungspolitik ist ein Blick auf die Politik der Europäischen Union unverzichtbar. Das Problem der Beziehung zwischen dem Titoismus und der Europäisierung der Erinnerungspraxis, d.h. zwischen den Machtstrukturen und der kollektiven Erinnerung, steht in engem Zusammenhang damit, inwieweit die »europäische Integration« eine kritische oder konformistische Aufarbeitung der sozialistischen Vergangenheit im Rahmen eines eigenen antitotalitären Diskurses nahelegt. Hierbei stellt sich die Frage, ob die erwartete Aufarbeitung des Sozialismus unter dem Diktum des Antitotalitarismus gleichzeitig die Eintrittskarte in die europäische Wertegemeinschaft ist oder sein soll. Die standardisierten Erinnerungen an den Titoismus sind Ausformungen einer spezifisch europäischen Erinnerungskultur und deren Normierungsprozesse für den Umgang mit der kommunistischen Vergangenheit. Die Erinnerungskulturen gleichen sich innerhalb der EU gleichzeitig an. So werden die Standards der Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit zunehmend durch die EU aufgezeigt – hierzu gehören die Resolutionen und Initiativen zum »richtigen« Umgang mit der sogenannten diktatorischen Vergangenheit.

So ist der Titoismus in eine zweischneidige Kultur der Erinnerung eingebettet. Auf der politischen Ebene wird dem antikommunistischen Imperativ der EU-Gedächtniskultur gefolgt, die »Titostalgie« hingegen herrscht bei der desillusionierten und verarmten Bevölkerung vor. (…)

Was sind die praktischen Konsequenzen der beschriebenen Bewegung von links nach rechts? Um diese zu verstehen, werden abschließend noch einmal die Grundmerkmale der postkommunistischen Erinnerungskulturen in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens rekapituliert. Einen differenzierten Blick auf den Titoismus, der dem Balkan fast 50 Jahre des Friedens ermöglichte, gibt es bisher nicht. Statt dessen dominiert eine einseitig dämonisierende Form der »Vergangenheitsbewältigung«. Dies führte letztlich zu einer sehr selektiven Geschichtsauffassung. Die Beurteilung des Sozialismus hängt immer noch viel stärker von nationalen Überzeugungen und Mythen ab als von individuellen oder sozial gewachsenen Zugängen. Der multinationale und internationalistische Titoismus gilt heute als wichtigster Gegenpol zur neuen Identität, die sich vor allem aus dem Nationalismus speist. Der Titoismus wird daher konsequent als »Feind der Nation« denunziert. Erst an zweiter Stelle kommt eine gewisse Kritik am antidemokratischen Einparteiensystem, das ihm zugrunde lag. Die in der kommunistischen Ära betriebene Tabuisierung historischer Konflikte zwischen den jugoslawischen Nationalitäten verhinderte nachhaltig deren öffentliche Thematisierung. Zudem begünstigte diese Tabuisierung die Reaktivierung historischer und teilweise mythologisierter Ängste und unbewältigter, schmerzlicher Verluste vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Probleme. Die pauschale Verurteilung des Titoismus als totalitäres, antinationales System zerstörte dabei viele supranationale Kompromißmöglichkeiten.

Anmerkungen

1 Der Begriff »Titoismus« wurde nach dem Bruch Jugoslawiens mit der Sowjetunion in negativer Konnotation seitens der Warschauer Vertragsstaaten verwendet. Innerhalb der politischen Organisationen im sozialistischen Jugoslawien wurde er auf Grund der ausdrücklichen Ablehnung durch den Staatspräsidenten Josip Broz Tito (1892–1980) nicht verwendet. Titos Auffassung war, daß Jugoslawien keine besondere ideologische Ausrichtung entwickelte, sondern mit der Umsetzung des Selbstverwaltungssozialismus lediglich dem marxistischen Ideal näher gekommen war als andere sozialistische Staaten. Im Text verwendet der Autor den Begriff dabei sowohl in der Bedeutung einer ideologischen Ausrichtung als auch als Bezeichnung für die Zeit der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien (29.11.45 proklamiert) bzw. der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (nach Umbenennung erstgenannter am 7.4.1963) bis zu deren Zerfall 1991.

2 Die Festungsruine in Knin ist der Schauplatz für die jährlich am 5. August stattfindenden Festivitäten zum »Tag des Sieges und der heimatlichen Dankbarkeit und Tag der kroatischen Verteidiger«, einem nationalen Feiertag in Kroatien. Am 5. August 1995 wurde die Stadt Knin, die damalige Hauptstadt der Republik Serbische Krajina (die sich für unabhängig erklärt hatte), durch kroatische Truppen im Zuge der Militäroperation »Oluja« (Sturm) eingenommen. (Anm. d. Red.)

3 Auf dem Gebiet des Kärntner Zollfelds bei Bleiburg kam es zum Ende des Zweiten Weltkrieges zu Tötungen von kroatischen Ustascha- sowie slowenischen Heim- bzw. Landwehrverbänden durch Tito-Partisanen. Die Faschisten hatten sich bei ihrem Rückzug über die Grenze in das von britischen Truppen besetzte Österreich geflüchtet, wurden aber von dort wieder zurück auf jugoslawisches Staatsgebiet abgeschoben. (Anm. d. Red.)

4 Dragoljub »Draza« Mihailovic (1893–1946) war der Anführer der serbisch-monarchistischen Truppen – der Tschetniks – im Zweiten Weltkrieg

5 Milan Nedic (1878–1946) war während des Zweiten Weltkrieges Ministerpräsident des besetzten Serbiens und kollaborierte mit den faschistischen Besatzern

6 Dimitrije Ljotic (1891–1945) war Gründer der serbischen faschistischen Partei Zbor, deren Mitglieder im Zweiten Weltkrieg auf Seite der deutschen Besatzer gegen die Partisanen kämpften

7 SFRJ ist die Abkürzung für Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien

Todor Kuljic ist Professor für Soziologie an der Philosophischen Fakultät der Universität Belgrad. Von ihm ist zuletzt in deutscher Sprache das Buch »Umkämpfte Vergangenheiten. Die Kultur der Erinnerung im postjugoslawischen Raum« erschienen.

In diesen Tagen erscheint von Djordje Tomic, Roland Zschächner, Mara Puskarevic und Allegra Schneider (Hg.): Mythos Partizan. (Dis-)Kontinuitäten der jugoslawischen Linken: Geschichte, Erinnerungen und Perspektiven. Unrast Verlag, Münster/Hamburg 2013, 440 Seiten, ca. 24 Euro

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