3. August 2013

Unaufhörlich warnen

»Wir haben den Bau dieser neuen Waffe gefördert, um die Feinde der Menschheit daran zu verhindern, daß sie uns zuvorkämen.« – Albert Einstein und Robert Oppenheimer (undatiertes Foto) - Fotoquelle: jW-Archiv

Nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki wandte sich Albert Einstein wiederholt an die Weltöffentlichkeit, um auf die nukleare Gefahr aufmerksam zu machen

Die Physiker sehen sich heute in eine Lage versetzte, die lebhaft an Alfred Nobels Dilemma erinnnert. Alfred Nobel erfand einen Explosivstoff von bis dahin unerreichter destruktiver Gewalt (…) Um für seine »Leistung« zu büßen und sein Gewissen zu erleichtern, stiftete er seinen Friedenspreis.

Heute sind die Physiker, die die mächtigste Waffe der Welt bauen halfen, von ähnlicher Verantwortungs-, um nicht zu sagen Schuldgefühlen geplagt.

Als Wissenschaftler müssen wir unaufhörlich vor der Gefahr dieser Waffe warnen. Unaufhörlich müssen wir den Völkern und insbesondere den Regierungen der Welt die unsagbare Katastrophe vor Augen führen, die sie heraufbeschwören würden, falls sie nicht ihr Verhältnis zueinander ändern und ihre Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft erkennen.

Wir haben den Bau dieser neuen Waffe gefördert, um die Feinde der Menschheit daran zu verhindern, daß sie uns zuvorkämen; bedenkt man die Mentalität der Nazis, so kann man sich die unbeschreibliche Zerstörung und die Versklavung der Welt vorstellen, die die Folge ihrer Priorität im Bau der Bombe gewesen wären. Diese Waffe wurde dem amerikanischen und britischen Volk als Treuhändern der ganzen Menschheit, als Kämpfern für Frieden und Freiheit übergeben.

Aber bisher ist weder der Friede noch irgendeine der in der Atlantik-Charta versprochenen Freiheiten gesichert. Der Krieg ist gewonnen – aber nicht der Friede. Die Großmächte, die im Krieg vereint waren, sind in den Fragen des Friedensschlusses uneinig geworden.

Man hat der Welt Freiheit von Angst versprochen. Aber die Angst unter den Nationen der Welt ist seit Kriegsende außerordentlich gestiegen.

Man hat der Welt Freiheit von Entbehrung und Gerechtigkeit verbürgt. Aber gerade in diesen Tagen erleben wir das traurige Schauspiel, wie »Befreiungsheere« auf Menschen schießen, die politische Unabhängigkeit und soziale Gleichheit verlangen, und wie sie auf der anderen Seite jene Individuen und politischen Parteien stützen, die ihnen für die Verteidigung ihrer eigenen engen Sonderinteressen am geeignetsten erscheinen. Gebietsstreitigkeiten und Machtpolitik, so überholt sie auch als Methoden nationaler Politik erscheinen mögen, triumphieren immer noch über die höheren Gebote menschlicher Wohlfahrt und Gerechtigkeit.

Der Ausblick für unsere Nachkriegswelt ist nicht rosig. Wir Physiker sind keine Politiker. Nie haben wir daran gedacht, uns in politische Angelegenheiten einzumischen. Aber wir wissen einiges, was die Politiker nicht wissen, und betrachten es als unsere Pflicht, die Verantwortlichen daran zu erinnern, daß es keine bequeme Flucht in die Gleichgültigkeit gibt und daß die Zeit für kleine Finessen oder Auf-der-Stelle-Treten vorbei ist.

Die Welt erfordert kühne Taten und einen radikalen Wandel unserer Mentalität und politischen Konzeptionen. Möge der Geist, der Alfred Nobel erfüllte, der Geist des Glaubens und Vertrauens, der Großzügigkeit und Menschenbrüderschaft, all jene beherrschen, deren Entscheidungen unserer Schicksal bestimmen. Sonst wird unsere Zivilisation dem Untergang geweiht sein.

Albert Einstein: Der Krieg ist gewonnen – nicht aber der Friede. In: New York Times, 11. Dezember 1945. Hier zitiert nach: Albert Einstein: Über den Frieden. Melzer Verlag, Neu Isenburg 2004, Seiten 364/365

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