18. Juni 2011

Unbeugsamer Aufklärer

Wider Klassenjustiz und Faschismus: Emil Julius Gumbel

Manfred Weißbecker

Von den rund 250 Publikationen, die aus der Feder des Mathematikers und Statistikers Emil Julius Gumbel stammen, erschien eine im Juni 1921, die sofort sowohl auf beachtliche Zustimmung als auch auf unbeherrschten Haß und politische Verfolgung stieß. Sie trug den schlichten Titel: »Zwei Jahre Mord«. Ihr folgten zahlreiche Bücher und Artikel, in denen er sich sachlich, nüchtern und akribisch mit dem Terror der Reaktion und der bürgerlichen Klassenjustiz in den frühen 20er Jahren auseinandersetzte. Bis ins Detail hinein konnte Gumbel ein umfangreiches politisches Mordgeschehen belegen, wobei er Lynchaktionen oder Erschießungen nach – sicher fragwürdigen –kriegsgerichtlichen Entscheidungen nicht in seine tabellarischen Übersichten aufnahm. Über die von ihm genutzten Quellen schrieb er: »Gerichtsakten, Urteile, Entscheidungen über Einstellungen des Verfahrens, Zeugenaussagen, Mitteilungen von Rechtsanwälten, von Hinterbliebenen, endlich Zeitungsnotizen. Die Prozeßberichte habe ich hauptsächlich in den rechtsstehenden Zeitungen studiert.«

Bereits 1922 erschien eine erweiterte Fassung seiner ersten diesem Thema gewidmeten Arbeit: »Vier Jahre politischer Mord«. Ihr kurzes, aber die Verhältnisse im Deutschland der Nachkriegszeit drastisch erhellendes Resümé lautete: »354 politische Morde von rechts; Gesamtsühne: 90 Jahre, 2 Monate Einsperrung, 730 M. Geldstrafe und 1 lebenslängliche Haft – 22 Morde von links; Gesamtsühne: 10 Erschießungen, 248 Jahre, 9 Monate Einsperrung, 3 lebenslängliche Zuchthausstrafen.«

Allein die bloße Gegenüberstellung unkommentierter Zahlen dokumentierte unwiderlegbar sowohl den politischen Mord als auch die Klassenjustiz der Weimarer Republik. Die zu erwartenden Reaktionen auf seine Übersicht benannte Gumbel 1921 mit den Worten: »Entweder die Justiz glaubt, daß ich die Wahrheit sage, dann werden die Mörder bestraft. Oder sie glaubt, daß ich lüge, dann werde ich als Verleumder bestraft.« Doch er irrte: Es gab keinen einzigen Versuch deutscher Behörden, ihn zu widerlegen, ja, es konnte auch keinen geben. Regierung und Justiz wählten andere Wege: Nachdem »Zwei Jahre Mord« an das Reichsjustizministerium sowie an alle in Betracht kommenden Staatsanwaltschaften übermittelt worden war, was einer Anzeige gleichkam, mußte die Regierung im Herbst 1921 zwar zusichern, alle benannten Fälle zu untersuchen und die Ergebnisse in einer Denkschrift zu veröffentlichen, doch man ging sehr zögerlich ans Werk. Erst im November 1923 wurde die Denkschrift, die sich eng an Gumbels Buch anschloß, dem Reichstag vorgelegt, allerdings nur in einem einzigen (!) Exemplar und nicht als Reichstagsdrucksache. Die sonst übliche Form der Veröffentlichung müsse unterbleiben, wie es hieß, wegen der Kosten und des Sparzwanges. Es lag wohl eher an den für die Regierung peinlichen Resultaten …Allerdings überließ man – selbstverständlich gegen Bezahlung – Gumbel eine Abschrift des Dokuments. Daß er es veröffentlichen würde, war wohl nicht erwartet worden. Doch mit Hilfe des von Wieland Herzfelde gegründeten linken Malik-Verlages brachte er 1924 die Denkschrift ans Licht der Öffentlichkeit. Im selben Jahr erschien auch sein Buch »Verschwörer. Beiträge zur Geschichte und Soziologie der nationalistischen Geheimbünde seit 1918«, in dem er die sogenannte Schwarze Reichswehr behandelte, jene paramilitärischen Formationen, die mit Unterstützung der Reichswehr Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages umgehen und der deutschen Wiederaufrüstung dienen sollten. Eine abschließende Darstellung zu den politischen Morden in den ersten Jahren der Weimarer Republik gab Gumbel 1929 gemeinsam mit Berthold Jacob und Ernst Falck erneut im Malik-Verlag heraus. Ihr Titel nahm Bezug auf das Statut der Organisation Consul, in dem es hieß »Verräter verfallen der Feme«.

Angefeindet von nationalkonservativen und nationalsozialistischen Kräften sah Gumbel sich Mitte der 20er auch mehreren Verfahren wegen »Landesverrats« ausgesetzt, die jedoch alle eingestellt werden mußten. Ein Sturm der Entrüstung und Beschimpfung wurde entfacht, als er im Juli 1924 in einer Veranstaltung der Deutschen Friedensgesellschaft zum Thema »Nie wieder Krieg!« um eine Ehrung der Toten sprach, die »auf dem Felde der Unehre gefallen« seien. Herr Gumbel stehe damit »außerhalb des deutschen Volkes«, tönte es in studentischen Protestversammlungen, damit auf seine Herkunft aus einer assimilierten jüdischen Bankiersfamilie anspielend. Andere forderten, man solle ihm »den Schädel einschlagen«. Vor einem zehn Monate lang tätigen Untersuchungsausschuß der Heidelberger Universität hatte er Rede und Antwort zu stehen, zeitweilig wurde er von seinen Lehrverpflichtungen suspendiert.

Die wissenschaftlichen Leistungen, die Gumbel auf seinen Fachgebieten erbrachte, ließen sich nicht bestreiten. Erfolgreich konnte er sich habilitieren, und für kurze Zeit bearbeitete er in Moskau die mathematischen Exzerpte und Manuskripte von Marx für die Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA). Für ihn blieb jedoch lediglich die Stelle eines Privatdozenten. Akademische Anerkennung wurde ihm nicht zuteil. Erst am 4. August 1930 ernannte ihn der sozialdemokratische Kultusminister Badens zum außerordentlichen Professor an der Heidelberger Universität. Erneut schürten nationalkonservative Hochschullehrer und Studenten haßerfüllte Aktionen gegen ihn. Man beschimpfte ihn – er sei ein »Lump«, ein »Schandfleck«, ein »Hund und Landesverräter«. Wieder gab es Beleidigungen in Hülle und Fülle. Dem, der den politischen Mord bekämpfte, begegnete schlimmster Rufmord. Eine »Protestversammlung« folgte der anderen, die Entlassung Gumbels fordernde Erklärungen machten die Runde und zeitigten Erfolg: Im August 1932 wurde ihm die Lehrberechtigung entzogen.

Von einer Gastprofessur an der Sorbonne kehrte er nach dem 30. Januar 1933 nicht nach Deutschland zurück. Seine Werke waren die ersten, die am 10. Mai 1933 in Heidelberg auf den Scheiterhaufen landeten. Schließlich gehörte er zu jenen 33 Deutschen, die am 23. August 1933 als erste offiziell ausgebürgert wurden. Seine Bibliothek wurde beschlagnahmt und zum Teil vernichtet, sein Vermögen konfisziert.

In Frankreich beteiligte er sich aktiv an der Unterstützung anderer Schicksalsgenossen, die nicht wie er in relativ sicheren finanziellen Verhältnissen leben konnten. Intensiv bemühte er sich um eine Zusammenführung antifaschistischer Emigranten, unter anderem im »Vorbereitenden Ausschuß für eine Deutsche Volksfront«. Dem Lutetia-Kreis legte er den Entwurf eines »Minimalprogramms der Volksfront« vor, dessen 20 Punkte eine antifaschistisch-demokratische Gesellschaftskonzep­tion enthielten. Gegenseitige Schuldzuweisungen betrachtete er als falsch und sinnlos. Bisher, so schrieb er im Juni 1934, habe man es sich leicht gemacht, »… die einen leugneten die Niederlage, nur die anderen sind geschlagen. Die anderen schoben die Schuld auf die einen: ›Warum seid Ihr abseits gestanden – bei unserer Niederlagenstrategie.‹ Jede Gruppe besaß den Stein der Weisen und alle anderen waren an allem Unglück schuld.« Ohne zu resignieren, sich aber mehr und mehr seiner mathematisch-statistischen Arbeit zuwendend, sammelte er Stimmen emigrierter Gelehrter für ein Buch, das 1938 unter dem Titel »Freie Wissenschaft« erschien. 1940 floh er in die USA. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er gelegentlich zu Vorlesungen an der FU Berlin und an der Deutschen Hochschule für Politik eingeladen. Doch die deutsche Öffentlichkeit nahm davon kaum Notiz. Am 10. September 1966 starb er in New York.

Viel zu wenig ist in Bundesdeutschland über Gumbel bekannt, doch der Blick in seine Biographie lohnt. In ihr enthüllt sich der Tiefpunkt deutscher Geschichte, aber auch ein herausragendes Beispiel wahrhaftiger antifaschistischer Verantwortung eines Intellektuellen.

Dokumente. »Schweigen heißt: Hitler stärken«

Aussage eines Studenten in einer 1931 vom Asta organisierten Versammlung in der Heidelberger Stadthalle: »Wie das Verfahren gegen Gumbel auch ausgehen mag, sein Kopf wird rollen.«

Aus einem Brief Gumbels vom 8.4.1934: »Aus Ihrer Zusendung ersehe ich, daß ich noch Mitglied der Deutschen Mathematiker-Vereinigung bin. Da diese, entgegen ihren Statuten, der Zerstörung der deutschen Wissenschaft keinen Widerstand entgegengesetzt hat, beeile ich mich, die Mitgliedschaft aufzugeben und bedaure nur, daß ich dies aus Unkenntnis nicht bereits früher getan habe.«

Aus einem Brief Gumbels vom 24.1.1936: »Zu dem, was heute in Deutschland geschieht, schweigen, heißt: Hitler stärken. Gerade weil der Zusammenhang zwischen den aus Deutschland weggegangenen Wissenschaftlern zum Teil zufällig ist, scheint es mir notwendig, sie in dem Punkt, der ihnen allen gemeinsam ist: die Gegnerschaft zu Hitler, zusammenzufassen.«

Aus Gumbels Begründung für sein »Minimalprogramm« einer deutschen Volksfront (Februar 1936): »Wir wollen nicht, wie 1848 und 1918, mit dem Aufbau einer Verfassung beginnen, die zu schön ist, um der Not standzuhalten, welche politische Rechte verspricht und wirtschaftliche Sicherungen unterläßt. Wir wollen vielmehr die agrarischen und industriellen Drohnen, die das Kaiserreich, die Republik und das III. Reich beherrschen, zugunsten der Arbeitsamen enteignen, , damit wir die Not von heute durch mühsame Arbeit in den Überfluß verwandeln, den der jetzige Stand der Produktionstechnik verbürgt.«

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