19. April 2014

Unerbittlich gegen Augenwischerei

Lee Miller und Pablo Picasso, August/September 1944

Die antifaschistische Fotografin Lee Miller

Matthias Reichelt

Lee Miller (1907–1977) war neben Margaret Bourke-White die einzige Frau, die sich in der von Männern dominierten Kriegsfotografie im Zweiten Weltkrieg international einen Namen machte. Akkreditiert bei der 83. US-Infanteriedivision und später bei der US-Air-Force gelangen Miller herausragende Bilddokumente von der Befreiung Frankreichs und von dem besiegten Deutschland.

Ausgestattet mit einer Doppelbegabung, schrieb sie Reportagen, die, stilsicher und parteilich zugleich, detailreich vom Kampf gegen Nazideutschland berichteten. Aus ihren Ressentiments gegen die »Krauts« und »Huns« machte Miller dabei keinen Hehl. Auf der Rückseite einer unveröffentlicht gebliebenen Aufnahme von einem deutschen Soldaten notierte sie: »Dies ist ein guter Deutscher. Er ist tot.« Vorher hatte sie die Befreiung der Konzentrationslager in Dachau und Buchenwald erlebt. Sie war davon überzeugt, daß die Deutschen wußten, was in den Lagern vor sich ging.

Miller war »auf eine bissige Art brillant und dennoch vollkommen loyal, unprätentiös und unerbittlich gegenüber jeder Art von Augenwischerei«, schrieb David E. Scherman über sie.

Interessanterweise erschienen Millers Reportagen in dem eher atypischen Kontext der Modezeitschrift Vogue, für die sie schon während ihres Kunststudiums in New York als Model gearbeitet hatte. Interessiert am Surrealismus knüpfte sie Kontakt zu Man Ray, mit dem sie nicht nur eine Affäre hatte, sondern auch sowohl vor der Kamera als auch im Labor arbeitete. Gemeinsam entdeckten sie die Solarisation, die künstlerische Überbelichtung, die fortan in Man Rays Bildern eine Rolle spielen sollte.

Auf ihren eigenen Fotos portraitierte Miller die Pariser Kunstszene, so auch Picasso, der sie auf mehreren Gemälden verewigte. Auch spielte sie in einem Jean-Cocteau-Film mit, eröffnete 1930 ihr eigenes Studio in Paris, um es zwei Jahre später zu schließen und in New York in der 48. Straße für kurze Zeit neu zu eröffnen. Hals über Kopf heiratete sie einen reichen Ägypter und folgte ihm nach Kairo. Dort war sie schnell gelangweilt und kehrte wenige Jahre später nach Paris zurück, ließ sich scheiden und heiratete den britischen Künstler und Kunsthistoriker Roland Penrose, mit dem sie ab 1939 in England lebte und bis zu ihrem Tod 1977 zusammen war.

Ab 1940 arbeitete Miller in der britischen Redaktion der Vogue, zuerst im Büro und dann als Fotografin. 1944 hielt sie es nicht länger in London. Sie wollte den Krieg gegen Nazideutschland miterleben und startete mit großem Engagement ihre neue, aber nur kurze Karriere als antifaschistische Fotografin und Reporterin.

Lee Miller: Krieg. Reportagen und Fotos. Mit den Alliierten in Europa 1944–1945. Aus dem Englischen von Andreas Hahn und Norbert Hofmann, Edition Tiamat, Berlin 2013, 400 S., 24 Euro

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