16. Oktober 2013

Ungeliebter Aufklärer

Physiker Dr. Dr. Leon Grünbaum 1969 - Quelle: Dietrich Schulze

Der jüdische Physiker Léon Gruenbaum enthüllte die Nazivergangenheit westdeutscher Atommanager. Gedankt wurde es ihm nicht

Peer Heinelt

Im Juni 1975 verfaßte der jüdische Atomphysiker Léon Gruenbaum ein Rundschreiben, das er an die westdeutsche Presse, mehrere hochrangige Bonner Ministerialbeamte und zahlreiche Mitarbeiter des Kernforschungszentrums Karlsruhe (KfK) verschickte. Darin bedankte er sich bei dem ein Jahr zuvor in den Ruhestand verabschiedeten Geschäftsführer des KfK, Rudolf Greifeld, für dessen Hinweis auf Waldemar Ernst. Wie Gruenbaum weiter ausführte, sei hierdurch die Grundlage für den Nachweis gelegt worden, daß Ernst, Manager der Schwäbischen Hüttenwerke, »zu den unmittelbaren Verantwortlichen der Judenverfolgung in Paris zählte in Verbindung mit SS-Obersturmbannführer Kurt Lischka«. Gruenbaums offener Brief war an bitterer Ironie kaum zu überbieten: Greifeld, der seinen alten Kameraden Ernst hatte grüßen lassen, war während des Zweiten Weltkriegs selbst an antisemitischen Terrormaßnahmen im von deutschen Truppen besetzten Frankreich beteiligt; in Köln leitete die Staatsanwaltschaft gerade erste Ermittlungen gegen den SS-Schlächter Lischka ein.

Für diese und weitere Taten wird der »vergessene Whistleblower« Léon Gruen­baum (1934–2004) am kommenden Samstag im Karlsruher ver.di-Haus mit einem Symposium geehrt. Die Veranstalter aus dem Umfeld des nach einem badischen Antifaschisten benannten »Forums Ludwig Marum« haben zu diesem Zweck etliche kompetente Referenten versammelt. Angekündigt ist unter anderem der ehemalige Betriebsratsvorsitzende des KfK, Dietrich Schulze, der seit Jahren dafür kämpft, daß die Einrichtung, die heute als »Karlsruher Institut für Technologie« (KIT) firmiert, ihre Forschungen im Dienste von Krieg und Militär einstellt. Zu den Vortragenden zählt auch der Kölner Mediziner Wolff Geisler, der sich in den 1970er und 80er Jahren einen Namen als Kämpfer gegen die Apartheid gemacht und eng mit Léon Gruenbaum zusammengearbeitet hat. Beide werden sich insbesondere mit Gruenbaums Aktivitäten zur Aufdeckung der Nazivergangenheit bundesdeutscher Atommanager befassen.

Etliche vormals hochrangige Nazifunktionäre hatte Gruenbaum selbst kennengelernt, als er Ende der 1960er Jahre begann, für das KfK zu arbeiten – etwa den bereits erwähnten Rudolf Greifeld, der 1956 vom damaligen Minister für Atomfragen, Franz Josef Strauß (CSU), zum Geschäftsführer der Einrichtung ernannt worden war. Greifeld, der immer wieder durch rassistische und antisemitische Äußerungen gegenüber Kollegen und Untergebenen auffiel, fungierte während des Zweiten Weltkriegs als »Kriegsverwaltungsrat« der deutschen Militäradministration im besetzten Paris. Er organisierte unter anderem einen Besuch Adolf Hitlers in der französischen Hauptstadt und schlug dem von seinem Freund Waldemar Ernst geleiteten »Polizeireferat« der Besatzungsbehörde vor, die Verlängerung der Sperrstunde bei Gaststätten davon abhängig zu machen, »daß der Eigentümer ein Schild an der Tür anbringt, wonach Juden der Zutritt verboten ist«.

Auch auf die NS-Vergangenheit der KfK-Manager Gerhard Ritter und Walther Schnurr machte Léon Gruenbaum frühzeitig aufmerksam. Beide bekleideten während des Zweiten Weltkriegs führende Funktionen innerhalb des IG Farben-Konzerns und zeichneten für die Ausbeutung von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern verantwortlich. Ritter war zudem an der Entwicklung des chemischen Kampfstoffes »Sarin« beteiligt; Schnurr galt als »Sprengstoff-Papst des Dritten Reichs«. Unter der Ägide von Greifeld, Ritter und Schnurr gelangte für den Bau von Atomwaffen unabdingbare Verfahrenstechnik in die Hände der seinerzeit diktatorischen respektive rassistischen Regime in Pakistan, Argentinien und Südafrika.

Gedankt wurden Léon Gruenbaum seine Enthüllungen nicht: Nachdem seine Familie bereits durch das Naziregime verfolgt worden war, mußte er am KfK erneut rassistische Diskriminierung erdulden und die Einrichtung schließlich 1973 verlassen. Er konnte danach nie wieder als Kernphysiker beruflich Fuß fassen. Ganz anders hingegen erging es einem Mann wie Greifeld. 1974 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, führt ihn die Nachfolgeeinrichtung des KfK, das Karlsruher Institut für Technologie, bis heute als »Ehrensenator«. Wie das Präsidium des KIT einräumt, gebe es zwar »Hinweise auf eine mögliche NS-Vergangenheit von Rudolf Greifeld«, diese müßten jedoch zunächst Gegenstand einer »umfassenden und belastbaren Aufarbeitung« sein – nicht zuletzt aufgrund des »postmortalen Ehrschutzes«.

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