19. Juni 2013

Ungesühntes Massaker

»Keiner kann ein Leben lang hassen«, sagt Georgios Basdekis. Gedenkstätte im griechischen Distomo - Fotoquelle: Albtalkourtaki/ Wikimedia Commons

1944 metzelte die Waffen-SS ein ganzes Dorf nieder. Ein Überlebender des Verbrechens im ­griechischen Distomo erzählt

Elena Moschou

Georgios Basdekis war fünf Jahre alt, als eine Einheit der Waffen-SS sein Dorf, Distomo, in Schutt und Asche legte. Vor kurzem, wie jedes Jahr am 10. Juni, hat er das Denkmal für die Opfer in der Stadt in Mittelgriechenland besucht. Es liegt auf einem Hügel über Distomo an den Ausläufern des Parnassos-Gebirges. In der Gedenkzeremonie wurden die Namen aller 218 Toten verlesen, darunter die Namen seiner Mutter, seiner dreijährigen Schwester, seines Großvaters und seiner Tante. »Solange ich auf meinen Beinen stehen kann, werde ich diesen Ort immer besuchen«, sagt der heute 74jährige Überlebende des Massakers der Nazis.

Seinen Schmerz spürt er immer noch. »Man muß damit leben. Keiner kann aber ein Leben lang Haß empfinden«, fügt Basdekis hinzu. Es war ihm schwergefallen, später »in das Land der Täter« zu ziehen, trotzdem hat er zehn Jahre lang in Deutschland gelebt und gearbeitet. Nun sitzt er in seinem Wohnzimmer in Petroupoli, einem Vorort im Nordwesten von Athen. Der alte Mann schaut ins Leere, wenn er von der »dunklen Zeit« zu erzählen beginnt. Sein Blick richtet sich auf ein Schwarzweißfoto, das an der Wand hängt. Darauf sind eine Frau und ein kleines Mädchen zu sehen. Das ist das einzige Andenken, das er von seiner Mutter und von seiner Schwester noch besitzt. Für Sekunden spricht er kein Wort. Die Zeit bleibt stehen, wie damals im Sommer 1944, am 10. Juni.

»Es war warm, um die Mittagszeit, wir waren bei meinem Opa zu Hause. Meine Mutter und meine Tante waren in der Küche am Backen. Meine dreijährige Schwester Irini ging in den Hof. Plötzlich fielen Schüsse. Meine Mutter rannte erschrocken zum Hof, um Irini in das Haus zu holen. Bevor sie die Treppe des Hauses erreichte, wurde sie von einem deutschen Soldaten erschossen. Irinis schmaler Körper lag bereits reglos auf der Erde, wenige Meter entfernt«, erinnert sich Georgios Basdekis und setzt seine Erzählung atemlos fort: »Der SS-Mann drang in das Haus ein, ich kann mich nicht mehr an sein Gesicht erinnern, aber sein Gewehr habe ich immer noch vor Augen. Er schießt und tötet dabei meinen Opa. Mein älterer Bruder versteckt sich hinter der Haustür. Mein Cousin schafft es und versteckt sich unter dem Bett. In dem Moment, wo ich mich zu ihm hinbeugen wollte, traf mich eine Kugel in den Mund. Diese bohrte sich in die Oberlippe und traf weiter meine Schulter. Ich fiel in Ohnmacht. Der Deutsche dachte, ich sei tot. Dann erschoß er meine Tante.«

An jenem Tag wurde Distomo zum Ort des Grauens. 218 unbewaffnete Dorfbewohner, vor allem alte Menschen, Frauen und Kinder, sogar Säuglinge, wurden von Männern der 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division ermordet. Mit ihrem Massenmord nahmen die Nazis Rache für einen Partisanenangriff im Nachbardorf Stiri. Das Distomo-Massaker zählt zu den grausamsten Naziverbrechen gegen Zivilisten in Griechenland.

Der fünfjährige Georgios, sein Vater und sein älterer Bruder konnten flüchten und sich verstecken. Die Kugel steckte noch in der Schulter des Jungen. Zwei Tage später wurde er vom Roten Kreuz aufgenommen und versorgt. Von dem Zeitpunkt an war er auf sich selbst gestellt. Sein Vater war nicht in der Lage, sich um die Jungen zu kümmern.

Mitte der 60er Jahre machte Georgios Basdekis sich, wie Hunderttausende Griechen, auf den Weg nach Deutschland, als »Gastarbeiter«. »Anfangs wollte ich nicht, ich mußte damals Mut fassen, mich überwinden, nach Deutschland zu gehen. Ich habe es aber nicht bereut«, erklärt Basdekis. Er blieb bis 1975, dann kehrte er nach Griechenland zurück. »Es war eine harte, aber auch schöne Zeit. Ich hatte gute deutsche Freunde gefunden. Einige wunderten sich, wieso ich keine Entschädigung bekommen habe. Es sei mein Recht.« Dies ist immer noch eine offene Wunde sowohl für Basdekis als auch für die anderen Opfer und Hinterbliebenen des faschistischen Verbrechens von Distomo. Der Kampf um die Kriegsentschädigungen ist immer noch nicht entschieden, die deutsche Regierung hat sich bis jetzt geweigert, uns zu entschädigen. Warum?« fragt Basdekis empört und blickt zurück auf das Schwarzweißfoto an der Wand.

Er ist auch empört darüber, wie in Deutschland über die griechische Bevölkerung seit dem Ausbruch der Krise berichtet wird: »Ich sehe, wie die deutschen Medien uns bloßstellen. Wir essen saures Brot. Die Jugendlichen haben gar keine Zukunft, und wir Älteren werden in die Armut getrieben, nach so vielen Jahren harter Arbeit. Wir verdienen diese Erniedrigung nicht.«

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