16. Januar 2014

Unglückselige Spaltung

»Westlicher Marxismus« und »östlicher Marxismus«

Domenico Losurdo

Welches sind die entscheidenden Gründe, die im Westen und im Osten zum Anschluß an die kommunistische Bewegung führten, die als Folge der Oktoberrevolution Gestalt anzunehmen begann? Die beiden Wege weisen merkliche Unterschiede auf. (…) In Italien und in Europa wuchs die Empörung über (…) den Ersten Weltkrieg. Es war diese Empörung, die der entstehenden kommunistischen Bewegung Zulauf verschaffte. (…)

So ist Gramscis Schlußfolgerung begreiflich: Die Volksmassen, seit jeher wie ein Haufen von Kleinkindern behandelt und deshalb als unfähig zu politischem Verständnis und Wollen betrachtet, können von der herrschenden Klasse ruhig auf dem Altar ihrer imperialen Projekte geopfert werden. Deshalb ist es nötig, dafür zu sorgen, daß das »werktätige Volk« nicht länger eine »leichte Beute für alle« und »Rohmaterial für die Geschichte der privilegierten Klassen« bleibt. Aufgabe der Kommunisten ist es, die Wiederholung der ungeheuren Tragödie, die sich 1914 bis 1918 vollzogen hat, zu verhindern.

Anders dagegen die wesentlichen Motive, die im Osten den Zustrom zur kommunistischen Bewegung beflügelten. Die Tragödie der Kolonialvölker und das, was die »Kreuzigung« Chinas genannt wurde, zeigten sich nicht erst 1914. Außerhalb Europas und des Westens hatte sich der bürgerliche Staat schon einige Zeit früher als »organisierte Tuberkulose« entlarvt. Das geht aus dem Beitrag hervor, den »der Vertreter Indochinas«, so nennt ihn der stenographische Bericht, am 26. Dezember 1920 auf dem Kongreß der Französischen Sozialistischen Partei hielt: »Vor einem halben Jahrhundert ist der französische Kapitalismus nach Indochina gekommen; er hat uns auf Bajonettspitzen und im Namen des Kapitalismus erobert: Seither sind wir nicht nur schamlos schikaniert und ausgebeutet worden, sondern auch entsetzlich gequält und vergiftet (und ich unterstreiche das Wort vergiftet – mit Opium, Alkohol usw.). […] Jeder Eingeborene, von dem man annimmt, daß er sozialistische Ideen habe, wird eingekerkert, und manchmal ohne Gerichtsverfahren zum Tod verurteilt.« (…)

In (der Republik; d. Red.) China (…) begrüßte deren erster Präsident Sun Yat-sen, obwohl er weder Marxist noch Kommunist war, den Machtantritt der Bolschewiki. Die Erklärung, die er einige Jahre später für seine Haltung lieferte, ist eine heftige Anklage des Kolonialismus und Imperialismus: »Die Rothäute Amerikas sind schon vernichtet worden«, und »Vernichtung« drohe auch den anderen Kolonialvölkern. Deren Lage sei tragisch. »Plötzlich haben sich 150 Millionen Menschen slawischer Rasse erhoben, um sich im Interesse der Menschheit dem Imperialismus, dem Kapitalismus, den Ungerechtigkeiten zu widersetzen.« Und so »wurde, ohne daß jemand das erwartet hätte, eine große Menschheitshoffnung geboren: die russische Revolution«. (…)

Man könnte sagen, daß im Westen in erster Linie die Leninsche Analyse und Verurteilung des Imperialismus als Synonym nicht nur für Kriege und Massaker, sondern auch für Militarisierung und Totalmobilmachung, für der Bevölkerung aufgezwungene »militärische Sklaverei« Schule machte. Im Osten dagegen wurde ein ungeheures Echo ausgelöst durch Lenins Analyse und Verurteilung des Imperialismus als Anmaßung »der Ausbeuter in wenigen auserwählten Nationen«, den eigenen »Wohlstand« und das eigene Primat auf die Ausplünderung und die Herrschaft über den Rest der Menschheit zu gründen (Lenin, Werke, Band 26, S. 425) und als Anmaßung vorgeblicher »Modellnation[en]«, sich selbst »das ausschließliche Privileg auf staatliche Konstituierung« zuzusprechen (LW 20, S. 442). Natürlich besteht da kein Widerspruch: Wir haben es mit zwei unterschiedlichen Aspekten desselben gesellschaftlichen Subjekts, des Kapitalismus-Imperialismus zu tun, die (…) von der Analyse Lenins ausgehen. Der Kapitalismus-Imperialismus wird von zwei Kämpfen um Anerkennung in Frage gestellt: Die Protagonisten des ersten sind die Arbeiterklasse und die Volksmassen, die es ablehnen, den Eliten als »Rohmaterial« zur Verfügung zu stehen; die Protagonisten des zweiten sind ganze Nationen, welche die der Kolonialherrschaft innewohnende Unterdrückung, Erniedrigung und Entmenschlichung abschütteln.

»Geldwirtschaft« in West und Ost

Der Erste Weltkrieg – verstanden als eine Folge der imperialistischen Konkurrenz um die Plünderung der Kolonien, um die Eroberung der Märkte und Rohstoffe, als kapitalistische Jagd nach Profit und Superprofit – schuf im Westen ein geistiges Klima, das sich auch im Werk hervorragender westlicher Philosophen niederschlug. 1918 rief der junge Ernst Bloch die Sowjets auf, nicht nur mit »aller Privatwirtschaft«, sondern auch mit aller »Geldwirtschaft« und damit »der alles Böseste im Menschen preiskrönenden Kaufmannsmoral« Schluß zu machen. Auch in Sowjetrußland selbst verbreitete sich nach der Oktoberrevolution eine Auffassung, deren Vertreter mit Verachtung auf die Welt der Wirtschaft in ihrer Gesamtheit blickten und sich über die Einführung der Neuen Ökonomischen Politik empört zeigten. (…)

Nur mit großer Mühe gelang es Lenin und dann Stalin, dem Vorwurf des Verrats zu trotzen und die Aufmerksamkeit auf das Problem der wirtschaftlichen Entwicklung eines zurückgebliebenen Landes zu konzentrieren, das aus dem Weltkrieg, dann dem Bürgerkrieg erschöpft hervorgegangen war und sich vor eine äußerst gefahrvolle internationale Lage gestellt sah.

Ein anderes geistiges Klima (als beispielsweise bei Bloch; d. Red.) herrschte in China, und zwar noch vor der Gründung der Volksrepublik, in den schon »befreiten« und von der kommunistischen Partei regierten Gebieten: Die Kuomintang und die Regierung von Nanking versuchten, die Gegenseite zur Kapitulation zu zwingen, und setzten dabei neben der militärischen Gewalt auf ökonomische Einkreisung und Strangulierung. Auf seiner Reise beobachtete der US-Journalist und spätere Mao-Biograph Edgar Snow: »Der Handel zwischen Roten und Weißen Distrikten war von Nanking verboten worden; aber indem die Roten kleine Gebirgspfade benutzten und den Grenzwachen Schmiergelder zahlten, brachten sie zeitweilig ein recht lebendiges Exportgeschäft zustande und verschafften sich so ›wichtige Verbrauchsgüter‹.« In Rußland und Europa als Ausdruck einer alten, gierigen und morschen Welt verteufelt, die es ein für alle Mal zu beseitigen galt, sind »Geldwirtschaft« und Handel synonym mit physischem Überleben und der Rettung des revolutionären Projekts, mit dem eine neue und bessere Welt errichtet werden sollte.

Im China der 30er Jahre war das Bemühen, in den »befreiten« Gebieten die Entwicklung der Wirtschaft zu fördern, so stark, daß man zu den unterschiedlichsten Eigentumsformen griff. Snow bemerkt: »Die Sowjetökonomie im Nordwesten war eine sonderbare Mischung von Privatkapitalismus, Staatskapitalismus und primitivem Sozialismus. Privatunternehmen und -industrie wurden erlaubt und unterstützt, ebenso – mit Einschränkungen – privater An- und Verkauf von Land und Agrarprodukten. Gleichzeitig besaß der Staat Unternehmen, wie Ölquellen, Salzquellen und Kohlebergwerke, und beutete sie aus und handelte mit Vieh, Fellen, Wolle, Salz, Baumwolle, Papier und anderen Rohstoffen. Aber er hatte kein Monopol auf diese Artikel, und auf all diesen Gebieten konnten Privatunternehmen konkurrieren – was sie auch in gewissem Ausmaß taten. Eine dritte Art von Ökonomie wurde mit der Errichtung von Kooperativen geschaffen, an denen die Regierung und die Massen als Partner Anteil hatten und die nicht nur mit dem Privatkapitalismus, sondern auch mit dem Staatskapitalismus konkurrierten!«

Der Gegensatz zum Westen verschärfte sich weiter in den folgenden Jahren. Vor allem nach dem Machtantritt des Faschismus in Ländern wie Italien, Deutschland und Japan stellte der Kampf um den Lohn und bessere Lebensverhältnisse zugleich das Produktionswachstum, die kriegerischen Anstrengungen und die Kriegsmaschine der Aggressoren und Vertreter des Kolonialexpansionismus in Frage. In China dagegen, wo die japanische Invasion (…) wütete, wurde das deutlich, was Mao im November 1938 die »Identität des nationalen Kampfes und des Klassenkampfes« genannt hatte. Von nun an wurde das Engagement in der Produktion und in der Entwicklung der Wirtschaft vor allem in den befreiten und von der kommunistischen Partei kontrollierten Gebieten zugleich integraler Bestandteil des nationalen und Klassenkampfs. Auch mit der Gründung der Volksrepublik änderte sich nichts an diesem Bild. (…)

Als Ende 1979 die Politik der Reform und Öffnung begann, nahm dieser Kampf neue Gestalt an: Die USA und die entwickeltsten kapitalistischen Länder wollten China zum Absatzmarkt für ihre Hightechwaren und zum abhängigen Lieferanten billiger Arbeitskraft und billiger einfacher Waren machen. Seither war die chinesische Führung dagegen bestrebt, rasch auf dem Weg der wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung voranzukommen, um das westliche Monopol auf Hochtechnologie, ein Erbe des Kolonialismus und Imperialismus, zu brechen und damit auch jene internationale Arbeitsteilung zu beseitigen, die den USA und dem Westen die neokoloniale Kontrolle über formal unabhängige Länder erlaubt.

Wissenschaft und Technik

Aus welchem Grund durchreiste Ho Chi Minh so lange den Westen? Um dessen Kultur »und auch seine Wissenschaft und Technik« kennenzulernen. Ähnlich verhielten sich auch die chinesischen Revolutionäre, beginnend mit Sun Yat-sen, der sich von 1896 bis 1898 in Europa aufhielt (…): Das Hauptinteresse Suns galt dem »Geheimnis« des Westens, das heißt der Technik in ihren verschiedenen Aspekten, und vor allem in militärischer Hinsicht. (…) Der eine wie die anderen waren davon überzeugt, daß es für Chinas nationale Befreiung notwendig war, sich Wissenschaft und Technik der fortgeschrittensten Länder kritisch anzueignen.

Dieses Vertrauen in Wissenschaft und Technik wurde im Westen nicht geteilt. Bucharin, der von 1911 bis Sommer 1917 zwischen Europa und den USA pendelte, beklagte die monströse Aufblähung des Staatsapparats, die sich seit dem Ausbruch des Krieges vollzogen habe: ein »neuer Leviathan, demgegenüber die Phantasie von Thomas Hobbes als ein Kinderspiel erscheint«. Nun war »alles ›mobilisiert‹ und ›militarisiert‹ worden«; und diesem Schicksal entgingen nicht einmal »die Medizin«, »die Chemie und Bakteriologie«, »die ganze grandiose Technikmaschine«, die sich faktisch in eine »enorme Todesmaschine« verwandelt habe. (…)

Im Westen wurden Wissenschaft und Technik als Teil des »neuen Leviathan« gesehen. Sie werden von der kapitalistischen Bourgeoisie in erster Linie dazu benutzt, den der Lohnarbeit abgepreßten Profit zu vermehren und die »technische Maschine« (die »Todesmaschine«), mit der sie den Kampf um die Weltherrschaft führt, zu verstärken. Im Osten ist die Sicht eine andere: Hier sind Wissenschaft und Technik erforderlich, um den Widerstand gegen die Politik der Unterwerfung und Unterdrückung zu entwickeln, die von dem »neuen Leviathan« geführt wird.

Diese Differenz ist aber keine zwischen Ost und West, sondern eine zwischen ökonomisch und politisch zurückgebliebenen Ländern, in denen die Kommunisten das noch unerforschte Terrain des Aufbaus einer nachkapitalistischen Gesellschaft erkunden, und fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, in denen sie lediglich als kritische Opposition wirken können. Worum es sich handelt, wird durch die Entwicklung Lenins bestätigt: In den Jahren, die dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges vorausgehen, geißelte er den Taylorismus als »ein ›wissenschaftliches‹ System zur Schweißauspressung« aus den »Lohnsklaven« (LW 18, S. 588). (…)

Später, als es um die Erfordernisse des Aufbaus einer neuen Gesellschaft geht, wurde für Lenin der Unterschied zwischen Wissenschaft und kapitalistischer Anwendung der Wissenschaft auch in der Beziehung zum Taylorismus klarer: »Das letzte Wort des Kapitalismus in dieser Hinsicht, das Taylorsystem, vereinigt in sich – wie alle Fortschritte des Kapitalismus – die raffinierte Bestialität der bürgerlichen Ausbeutung und eine Reihe wertvollster wissenschaftlicher Errungenschaften in der Analyse der mechanischen Bewegungen bei der Arbeit, der Ausschaltung überflüssiger und ungeschickter Bewegungen, der Ausarbeitung der richtigsten Arbeitsmethoden, der Einführung der besten Systeme der Rechnungsführung und Kontrolle usw. Die Sowjetrepublik muß um jeden Preis alles Wertvolle übernehmen, was Wissenschaft und Technik auf diesem Gebiet errungen haben. Die Realisierbarkeit des Sozialismus hängt ab eben von unseren Erfolgen bei der Verbindung der Sowjetmacht und der sowjetischen Verwaltungsorganisation mit dem neuesten Fortschritt des Kapitalismus« (LW 27, S. 249 f.). (…)

Um zusammenzufassen: In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg und der Oktoberrevolu­tion standen Bucharin und Lenin – im westlichen Exil und ohne die Aufgabe, den Staat zu leiten – auf unterschiedliche Weise dem »westlichen Marxismus« nahe. Danach – mit dem Blick auf den Aufbau der neuen Gesellschaftsordnung – bezogen sie (auf unterschiedliche Weise) Positionen, die denen ähnlich sind, welche von den vietnamesischen und chinesischen Kommunisten, ausgehend von den Erfordernissen und Perspektiven der antikolonialen Revolution, eingenommen wurden.

Ungleichheit in West und Ost

Im Gefolge der Oktoberrevolution entstanden innerhalb weniger Jahre in Ländern sehr unterschiedlichen Entwicklungsstandes kommunistische Parteien und Organisationen: Man denke an Deutschland einerseits, an Rußland und die kolonialen und halbkolonialen Länder andrerseits. Da die Hoffnung auf die Ausdehnung der antikapitalistischen Revolution auf den Westen und die industriell entwickeltsten Länder enttäuscht wurde, wurden sich die Bolschewiki an der Macht rasch bewußt, daß die Aufgabe vor ihnen stand, nicht eine, sondern zwei unterschiedliche Ungleichheiten zu bekämpfen: Da war einerseits die Ungleichheit, die eine Gesellschaft zerriß, welche das Ancien régime noch keineswegs abgeschüttelt hatte und in der deshalb die Klassenunterschiede fast als Kastenunterschiede erschienen. Und andererseits kennzeichnete gerade diese Rückständigkeit die tiefe Ungleichheit zwischen Sowjetrußland, das mit dem Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft beschäftigt war, und den entwickeltsten kapitalistischen Ländern. Diese zweite Art Ungleichheit war gewiß nicht weniger schmerzhaft fühlbar als die erste. So mußte gegen die extreme soziale Polarisierung sowohl in Rußland wie weltweit angegangen werden.

Sowjetrußland mußte zunächst die vom wilhelminischen Deutschland erzwungenen drastischen Gebietsverluste hinnehmen und sah sich dann gezwungen, der Intervention der Entente zu begegnen. Auch nachdem es den Bolschewiki gelungen war, ihre Macht zu festigen und die Lage im Innern des Landes zu stabilisieren, blieb der internationale Rahmen alles andere als beruhigend. Schon nach dem Vertrag von Versailles gab es im Westen Stimmen, von sehr angesehenen Persönlichkeiten ganz unterschiedlicher Herkunft, die die Gefahr eines zweiten Weltkrieges heraufziehen sahen. Sie war ein Grund mehr für den Kampf gegen die zweite Art von Ungleichheit, da Rußland in wirtschaftlicher und technologischer Hinsicht deutlich hinter den entwickeltsten Ländern zurücklag. (…)

Die beiden Kämpfe gegen die zwei unterschiedlichen Arten von Ungleichheit sind zum einen miteinander verbunden: abgesehen von ihren offenkundigen militärischen Implikationen bildet die technische und wissenschaftliche Entwicklung die Grundlage für den Aufbau des Sozialismus, der die Überwindung der Rückständigkeit voraussetzt. Andererseits können die beiden Kämpfe nicht im Gleichschritt erfolgen: Die Beschränkung der einen Ungleichheit kann die zeitweilige Verschärfung der anderen mit sich bringen. Für eine in einem rückständigen Land an die Macht gelangte kommunistische Partei besteht die rascheste Art und Weise, den Rückstand gegenüber dem fortgeschritteneren Westen zu verringern, in der Regel darin, sich auf die relativ entwickelteren Bereiche zu konzentrieren, in denen günstigere Bedingungen für die Beschleunigung der Entwicklung bestehen. Doch drohte diese Strategie das Gefälle zwischen den verschiedenen Regionen Sowjetrußlands zu vergrößern und damit die erste Art von Ungleichheit zu verschärfen. Eine ausschließliche oder vorrangige Konzentration auf diese wiederum hätte die Gefahr mit sich gebracht, die Entwicklung der Produktivkräfte zu verlangsamen und den Rückstand gegenüber den Großmächten, die die gerade erst gewonnene Unabhängigkeit bedrohen, zu vergrößern. (…)

Genauso lassen sich auch die Geschichte (und die Tragödien) einer anderen großen Revolu­tion besser begreifen. Der »Große Sprung nach vorn« des Chinas von Mao Zedong Ende der 1950er Jahre war der Versuch, die Kämpfe gegen die zwei Ungleichheiten gleichzeitig zu führen. (…) Auch wegen des ungünstigen und feindlichen internationalen Kontexts endete dies im Bankrott. Darauf nahm Deng Xiaoping Bezug, der in einem Gespräch am 10. Oktober 1978 darauf aufmerksam machte, daß sich der technologische Abstand zu den höchstentwickelten kapitalistischen Ländern vergrößert habe. Diese entwickelten sich »mit ungeheurer Geschwindigkeit«, während China immer weiter zurückbleibe. Wenn man aber den Anschluß an die neue technologische Revolution verpasse, würde das Land sich in einer ähnlichen Lage der Schwäche befinden wie damals, als es wehrlos den Opiumkriegen und der Aggression des Imperialismus ausgesetzt war. (…)

Deng Xiaoping reagierte darauf mit dem Hinweis, daß zweifellos einige Regionen des Landes und einige Teile der Bevölkerung als erste zu Wohlstand gekommen wären, daß dies aber auch die anderen dazu angespornt hätte, sich aus Elend und Rückständigkeit zu befreien (…). Auf jeden Fall »kann es keinen Kommunismus mit Armut oder Sozialismus mit Armut geben«. Sozialismus und Kommunismus hätten nichts mit egalitärer Verteilung von Mangel und Elend zu tun: In erster Linie »bedeutet Sozialismus Beseitigung des Elends« und Entwicklung der Produktivkräfte.

Wir können heute sagen, daß der »Große Sprung nach vorn« und die Kulturrevolution schließlich beide Ungleichheiten verschärft haben. Dennoch hat China, da es die ökonomische und technologische Ungleichheit auf internationaler Ebene drastisch zu reduzieren verstand, heute dank seiner inzwischen akkumulierten wirtschaftlichen und technologischen Ressourcen bessere Möglichkeiten, den Kampf gegen die Ungleichheiten im Innern aufzunehmen. (…)

Leider bringen westliche Marxisten selten das erforderliche Verständnis für die Dringlichkeit auf, mit der die Länder, die sich auf den Weg der sozialistischen Umgestaltung gemacht haben, den Rückstand gegenüber den entwickelteren Ländern aufzuholen versuchen. Im Gegenteil: Das Bemühen im Osten, sich von sozioökonomischer Rückständigkeit sowie Schwäche auf internationalem Gebiet und in geopolitischer Hinsicht zu befreien, wird im Westen gerne als Annäherung und Anpassung an den Kapitalismus gesehen. (…)

Kritik der »West«-Marxisten

An einem bestimmten Punkt haben sich die Unterschiede der Interpretation von Marx und des von der Oktoberrevolution eingeleiteten historischen Geschehens in einen regelrechten Gegensatz verwandelt. Die Verurteilung des falschen »östlichen Marxismus«, im Gegensatz zu dem authentischen »westlichen«, fand breiten Widerhall vor allem nach der Veröffentlichung eines berühmten Aufsatzes von Perry Anderson (Considerations on Western Marxism. London 1976. Deutsch: Über den westlichen Marxismus. Syndikat, Frankfurt am Main 1978; d. Red.) (…) Selten wird der geschichtliche Hintergrund des positiv gemeinten Entgegensetzens von »westlichem« und »östlichem Marxismus« bedacht. Dieses geht letztlich auf die Auseinandersetzungen in der internationalen sozialistischen Bewegung im unmittelbaren Gefolge der Oktoberrevolution zurück. In Italien warf der führende Reformist Filippo Turati den italienischen Anhängern des Bolschewismus vor, »unsere große Überlegenheit in Hinblick auf die bürgerliche Entwicklung aus historischer Sicht« aus dem Blick zu verlieren und deshalb der »Schwärmerei« für die »östliche Welt« zu verfallen. Diese vergäßen, daß die russischen »Sowjets« sich zu den westlichen »Parlamenten« verhielten wie die barbarische »Horde« zur »Stadt«. Turati formulierte seine Anklage so: In Rußland ist die neue Macht »gezwungen, sich an die anderen Staaten Europas zu wenden und sie aufzurufen, ihr höchst bürgerlich bezahlte Bourgeois, Ingenieure, Techniker zu schicken, ihr Geld, ihr Kapital zu schicken, und zur Kompensation verschleudert sie alle möglichen Konzessionen, bietet das Land zum Pfand an, da sie nicht ohne den Kapitalismus auskommt«. Hier wird eine grundlegende Tendenz des heutigen »westlichen Marxismus« (oder seiner Erben) erkennbar. Für Turati war das Sowjetrußland von 1919 letztlich ein »autoritärer Kapitalismus« ohne Demokratie, um den Begriff aufzugreifen, mit dem heutzutage Slavoj Žižek das aus den Reformen Deng Xiaopings hervorgegangene China charakterisiert. Es muß nun um eine Kritik des »westlichen Marxismus« gehen – vor allem seiner Tendenz, die Versuche zum Aufbau eine nachkapitalistischen Gesellschaft als Ausdruck eines »autoritären Kapitalismus«, eines Kapitalismus ohne Demokratie, abzufertigen. Welchen analytischen Nutzen kann eine Kategorie haben, unter welche sich die verschiedensten politisch-sozialen Regimes subsumieren lassen? Völlig formalistisch begnügt sich diese Kategorie damit, Banalitäten auszudrücken. Was gäbe es Leichteres, als kapitalistische Verhältnisse in China zu entdecken (…)? Ein Land, das in einem solchen schwierigen Übergangsprozeß steckt, das ein bislang unerforschtes Terrain erkundet (auch was die notwendigen politischen Institutionen betrifft), das darüber hinaus auch von den bis heute im Weltmaßstab dominierenden Mächten angefeindet wird. Ein solches Land kann gar nicht anders, als autoritärer zu sein als diese Großmächte, deren politisches System jahrhundertelang erprobt wurde und die, dank ihrer militärischen, ökonomischen, diplomatischen und multimedialen Macht, auf internationaler Ebene nichts zu fürchten haben. (…)

Aus dem Italienischen von Hermann Kopp

Von Domenico Losurdo erschien zuletzt auf deutsch »Das 20. Jahrhundert begreifen«, Köln 2013, 95 Seiten, 8 Euro, und »Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende«, 2. Auflage Mai 2013.

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