26. Februar 2014

Universelle Harmonie

Hans Heinz Holz

Hans Heinz Holz als Leibnizforscher

Hannes A. Fellner

Im Jahre 1866 wurde das Haus des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) in Hannover preußischer Staatsbesitz und danach, nachdem es sich 150 Jahre in privatem Besitz befunden hatte, renoviert. Ein Kampfgenosse von Karl Marx und Friedrich Engels, der Arzt Louis Kugelmann, dürfte im Renovierungsschutt zwei Stück Tapete aus Leibniz’ vormaligem Arbeitszimmer aufgelesen haben und schenkte diese Marx 1870 zum Geburtstag. Marx berichtete Engels in einem Brief kurz darauf begeistert vom Geschenk Kugelmanns. Er schildert dem Freund, daß er die Tapetenstücke in seinem eigenen Arbeitszimmer aufgehängt habe und hebt in Englisch nachdrücklich hervor: »You know my admiration for Leibniz« (Du kennst meine Bewunderung für Leibniz).

Diese Episode ließe sich ohne weiteres als eine der vielen Anekdoten über die beiden Klassiker abtun, gäbe es nicht berechtigten Grund zur Annahme, daß die von Marx zum Ausdruck gebrachte und mit Engels geteilte Begeisterung für Leibniz mehr war als Schrulle oder bloße Anerkennung der Leibnizschen Leistungen. Marx und Engels waren sich wohl bewußt, daß Leibniz gleichsam als erster Vertreter zu jener klassischen deutschen Philosophie gehörte, über die Lenin später schreiben sollte, daß sie gleichzeitig zu den Quellen und Bestandteilen des Marxismus zähle.

Früher Zugang

Es war der marxistische Philosoph Hans Heinz Holz, der die Linie in der Philosophiegeschichte von Leibniz über Hegel zu Marx und Engels bis hin zu Lenin herausgearbeitet hat. Während sich die Leibniz-Forschung der letzten Jahrzehnte überwiegend mit Einzelfacetten des Universalgenies beschäftigte, rekonstruierte der Universalgelehrte Holz den Systemgehalt der Leibnizschen Philosophie in umfassender Weise und legte dessen dialektischen Kern frei.

Die Beschäftigung mit Leibniz bildet den roten Faden des Holzschen Werks. Eines der ersten Bücher von Holz sowie seine spätere Dissertation waren Leibniz gewidmet. Er betreute als Herausgeber und Übersetzer die in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienene Edition von Leibniz’ metaphysischen und politischen Schriften. Die vor kurzem aus Holz’ Nachlaß erschienene Leibniz-Monographie ist krönendes Resultat seiner jahrzehntelangen Forschung. Sie ist eine der letzten noch von ihm selbst fertiggestellten Schriften. Der neuzeitliche Denker war zentraler Bezugspunkt der wissenschaftlichen Lebensarbeit von Holz und ist mit Hegel und den marxistischen Klassikern für sein philosophisches Werk von entscheidender Bedeutung.

Die Beschäftigung des marxistischen Philosophen mit Leibniz begann in den ersten Nachkriegsjahren. Geprägt von den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges, zu dessen Ende er – kaum achtzehn Jahre alt – wegen Widerstands gegen das Naziregime mehrere Monate in Gestapohaft zubrachte, wandte sich Holz in seinem Studium der Philosophie zu. Wie andere junge Fortschrittliche dieser Zeit wollte er am Aufbau einer neuen Welt mitwirken und suchte in der Philosophie eine praktische weltanschauliche Orientierung. Als Autor der Frankfurter Rundschau hatte der junge Student 1946 die Aufgabe, über verschiedene Vortragsveranstaltungen zu Leibniz’ 300. Geburtstag zu berichten, was ihn nachhaltig beeinflussen sollte.

Es hatte mehrere Gründe, daß Holz intellektuell von Leibniz fasziniert war und zu ihm eine emotionale Nähe verspürte. Zum einen hatte sich der Politiker und Diplomat Leibniz in den Nachwehen der Katastrophe im Dreißigjährigen Krieg für eine europäische Friedensordnung engagiert. Ein Engagement, das angesichts der historischen Parallele mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Beginn der Systemauseinandersetzungen des Kalten Krieges, eine Aktualität für fortschrittliche Intellektuelle haben mußte. Zum anderen schien die Leibnizsche Praxis nicht von seinen philosophischen Anschauungen zu trennen zu sein. In ihnen sah Holz nicht nur den geistigen Umbruch hin zu modernen Entwürfen wissenschaftlicher Weltanschauung, sondern erkannte in ihnen zugleich die problemgeschichtliche Kontinuität dialektischer Philosophie.

Unendlicher Erkenntnisfortschritt

Leibniz’ Philosophie steht an der Schwelle der beginnenden Neuzeit. Der sich gegen Ende des Mittelalters vollziehende umfassende sozioökonomische und technische Wandel hatte eine Reihe widersprüchlicher Ergebnisse. Auf der einen Seite trat durch die Ablösung der Wissenschaften von der Philosophie die methodisch gesicherte Erfahrung an die Stelle bloßer Konstruktion aus Verstandesüberlegungen. Dies führte dazu, daß das zunächst unzusammenhängende neugewonnene Wissen sich nicht mehr widerspruchsfrei in alte (noch theologisch geprägte) philosophische Systeme integrieren ließ, was die Aufgabe des Einheits- und Universalitätsprinzips in der wissenschaftlichen Forschung zur Folge hatte. Auf der anderen Seite führte die gewonnene Autonomie der Wissenschaft gleichzeitig zur Suche nach einer die Einzelheiten der wissenschaftlichen Erkenntnisse verknüpfenden, verallgemeinernden und integrierenden Philosophie auf wissenschaftlicher Grundlage. Die Frage nach Erkenntnisgewißheit und in der Folge die Suche nach einer Methode, die es gestatten sollte, die notwendige Ordnung einer Vielheit von Einzelheiten in der Welt als Ganzes zu begreifen, stellte die Philosophie vor neue Aufgaben.

»Nicht Dualismus von Rationalismus und Empirismus, der die Wissenschaftsgeschichte seit Descartes durchzieht, ist das Signum der Moderne; sondern die Konzeption eines prinzipiell unendlichen Erkenntnisfortschritts, der jeden gegenwärtigen Erkenntnisstand zu einer Zeit relativiert und vorläufig macht. Philosophische Systeme können den Anspruch auf absolute Wahrheit nicht mehr erheben. Sie sind Modelle, die das Ganze oder den Sinn ausdrücken und durch Ausweis ihres Konstruktionsverfahrens die Konstitutionsbedingungen ihres Entwurfs klarlegen und seine Überzeugungskraft beurteilbar und seinen Aussagengehalt interpretierbar machen. Philosophie wird zur Hypothese – und anders hat Leibniz sein System nicht vorgetragen.« (Hans Heinz Holz, Leibniz – Das Lebenswerk eines Universalgelehrten. Darmstadt, 2013, S. 22)

Mit dieser Modellfunktion der Philosophie kam ihr am Übergang in ein wissenschaftliches Zeitalter die Aufgabe zu, drei unterschiedliche und widersprüchliche Bereiche der Erkenntnis methodologisch und systematisch zu vereinen: den Bereich der experimentell erschließbaren und mathematisch ausdrückbaren Gesetzmäßigkeiten der Natur; weiters das zur damaligen Zeit gerade ins Bewußtsein tretende Feld der durch Unwiederholbarkeit und das Zusammenspiel von Individuen bestimmten menschlichen Gattungsgeschichte; und schließlich jene die Welt ideell reproduzierende Reflexionstätigkeit des Menschen, welche zusammen mit den wachsenden Erkenntnissen der beiden anderen Sachbereiche die Frage nach dem Verhältnis von Denken und Sein auf neue Weise aufwarf.

»Weil Leibniz begriffen hat, daß er ein Weltmodell nicht gleichsam vor das Denken hinstellen und wie ›von außen‹ betrachten kann, sondern es von dem jeweils beliebigen innerweltlichen Standpunkt des Denkens aus (›perspektivisch‹) konstruieren und dabei die Standortbezogenheit des Konstruierenden (›point de vue‹) reflektieren muß, stellte sich ihm die Frage nach einer Konstruktionsmethode, die das endliche Erkenntnisvermögen des menschlichen Verstandes mit dem unendlichen Umfeld, auf das er sich bezieht, in eine Repräsentationsbeziehung zu bringen vermag.« (Hans Heinz Holz, Gottfried Wilhelm Leibniz. Frankfurt a. M., 1992, S. 142) Holz hat herausgearbeitet, daß Leibniz unter den metaphysischen Denkern der Neuzeit als erster ein umfassendes Weltmodell zur Integration jener drei Bereiche als Relationssystem entwarf, in welchem die Einheit der Welt aus der in der Erfahrung gegebenen Vielheit der Seienden bestimmt werden muß.

Welt als Einheit

Leibniz hat so Einheit und Vielheit dialektisch zusammengedacht. Die Einheit der Welt besteht aus einer Vielheit von Seienden, und es ist diese Vielheit, die durch ihren Zusammenhang die Welt als Einheit konstituiert. Und umgekehrt ist die Welt der Zusammenhang, der die Vielheit der Seienden einschließt und in sich trägt. Als solche ist die Welt dann auch keines außerweltlichen, transzendentalen oder glaubensmäßigen Grundes mehr bedürftig. Damit konnte Leibniz im Gegensatz zu Descartes und anderen Denkern seiner Zeit die Philosophie von der Theologie entkoppeln (wenngleich auch er auf die Verwendung theologischer Begriffe, teilweise in anderen Bedeutungen, angewiesen blieb).

Das Sein der Seienden wird so aus der Struktur ihres Zusammenhangs erklärt. Leibniz’ Strukturbegriff besagt, daß Verhältnisse, Relationen, Beziehungen, die Seiendes eingeht, nicht nur durch das Seiende konstituiert werden, sondern umgekehrt Verhältnisse, Relationen, Beziehungen erst die Seienden in ihrem Sein konstituieren. Alles, was ist, ist immer schon in übergeordnete Strukturen eingefügt und nur aufgrund und innerhalb dieser existent. Der oberste Strukturbegriff ist dann die Welt als Einheit aller wirklichen und möglichen wechselseitigen Bedingungen und Beziehungen, die Seiende oder, wie es Leibniz nach der philosophischen Tradition ausdrückte, Substanzen miteinander verbinden und ihrem Wesen nach bestimmen.

Wie Holz zeigt, hat Leibniz Substanz und Struktur als dialektische Einheit begriffen, welcher er die Beizeichnung Monade verliehen hat. Bei Leibniz ist Substanz zum einen materielles Aufbauelement der Struktur, zum anderen aber eben auch ihr materielles Resultat. Substanz ist sich in der Struktur Strukturierendes und das in der Struktur Strukturierte. Seiende befinden sich in Wirkungszusammenhängen, in denen jedes mit jedem in einer näheren oder ferneren Beziehung steht; Planeten in Sonnensystemen, Zellen in einem Organismus, Menschen in einer Gesellschaft, Gedanken im Denken.

Welt als Strukturbegriff bedeutet dann die notwendige Gesamtheit der einander in allseitigem Bedingungs- und Wirkungszusammenhängen notwendig verbundenen Seienden. (Leibniz hat diesen obersten Strukturbegriff für die Einheit und Geordnetheit der Welt auch als Gott bezeichnet. Zumindest in seiner philosophischen Hypothese ist »Gott« gemäß Holz nicht im theologischen Sinne zu verstehen, sondern vielmehr als ein an Leibniz’ Infinitesimalrechnung gemahnender Grenzbegriff.)

»Die Tatsache also, daß alles, was ist, zu allem anderen, was ist, in Beziehung steht (weil es kein Beziehungsloses Seiendes geben kann, sobald es mehr als ein Seiendes gibt), verbürgt die Substantialität der Welt als Einheit dieser Beziehungen.« (Hans Heinz Holz, Leibniz – Das Lebenswerk eines Universalgelehrten. Darmstadt, 2013, S. 43)

Seiende in der Welt sind freilich nicht nur in ihrer Vereinzelung aufeinander bezogen, sondern stehen eben durch die Verhältnisse, Relationen, Beziehungen, die sie in verschiedener Komplexität eingehen, in unterschiedlichen Wirkungszusammenhängen. »So ergibt sich in der Welt eine Beziehungsmannigfaltigkeit, die zugleich sich als eine verschieden geartete Schichtung vom weniger Organisierten zum mehr Organisierten hin auffassen läßt. Zieht man als Vergleich und Anschauungsobjekt zum Beispiel die menschliche Gesellschaft heran, so ergibt sich in dieser folgendes Bild: Zunächst können alle Einzelmenschen zueinander in individuelle Beziehungen treten; sodann können Menschen als Angehörige bestimmter, gemeinsam operierender Gruppen mit anderen Gruppen in Zusammenhang stehen, also etwa als Fußballmannschaften. Dieselben Menschen, die diesen Mannschaften angehören, sind aber zugleich Glieder anderer, übergeordneter Gruppen, zum Beispiel von Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und so weiter, die ihr Verhalten gemäß geltenden Normen dieser Körperschaften regeln. Schließlich sind alle diese Einzelmenschen Bürger von Staaten und stehen als solche in spezifischer Beziehung zu Bürgern anderer Staaten und so weiter. So ergibt sich ein höchst komplexes Bild des Zusammenhangs der Individuen und Individuenverbände, wobei immer eine höhere, übergeordnete Schicht die niedere Schicht in sich aufnimmt, aber ihrerseits auch wieder mit der niederen Schicht, das heißt mit den Individuen in ihr, in bestimmten Wechselwirkungen steht. Und schließlich überschneiden und übergreifen sich auch noch Komplexbindungen, wie zum Beispiel die Klassenzugehörigkeit und die Staatsbürgerschaft.« (Hans Heinz Holz, Leibniz – Das Lebenswerk eines Universalgelehrten. Darmstadt, 2013, S. 44)

Repraesentatio mundi

Jedes Einzelne ist in seinen verschiedenen Zusammenhängen Wirkendes und von den verschiedenen Zusammenhängen Bewirktes. Wirken ist in seinem dialektischen Doppelcharakter sowohl aktiv als auch passiv als wechselseitiges materielles Verhältnis zu verstehen und wird von Leibniz metaphorisch als Spiegelung bezeichnet, was Holz in seiner eigenen Philosophie im Anschluß an Lenin zur Widerspiegelungtheorie ausgearbeitet hat.

Als Ausdruck einer exakten Metapher ist jedes Seiende (vom Atom bis zum biologischen Organismus über den Menschen bis zur Galaxie) ein Spiegel, der alle anderen Spiegel auf seine je eigene Art und Weise und von seinem je eigenen Ort in der Welt spiegelt. Jedes ist mit allem in unterschiedlichem Maße und zu unterschiedlichem Grad vermittelt. Jede einzelne Monade ist, wie Leibniz sagen würde, ein Spiegel des ganzen Alls, der Welt als Ganzes (Repraesentatio mundi). Die Welt ist die Einheit aller Monaden, was Leibniz als universelle Harmonie bezeichnet hat.

Die in Raum und Zeit unendliche Welt ist der Inhalt jedes einzelnen Seienden. Alles Seiende ist so miteinander identisch. Da jede Monade aber das unendliche Ganze aus ihrer je eigenen endlichen Perspektive spiegelt, gibt es kein Einzelnes, das mit einem anderen Einzelnen identisch wäre. Der Gesamtzusammenhang als das Allgemeine aller Seienden als Besondere erweist sich als ständig mit sich identisch und nicht-identisch, also im Selbstwiderspruch und somit in Bewegung. Folglich befindet sich auch jede Monade als aktiv Wirkendes und zugleich passiv Bewirktes in Widerspruch und demgemäß in Bewegung.

Bewegung und Veränderung sind in Leibniz’ System nicht beliebig, wie Holz gezeigt hat, sondern vollziehen sich gemäß der die Monade bestimmenden und von ihr bestimmten Position in ihren jeweiligen Verhältnissen. In dem Zusammenhang der unendlichen Vielheit der wechselwirkenden Seienden entsteht aus dieser Wechselwirkung der Möglichkeitshorizont, in welchem sich die Potenzen des einzelnen auf je seine Weise verwirklichen lassen. Diejenigen Möglichkeiten lassen sich verwirklichen, die mit den anderen bestehenden oder sich verwirklichenden Möglichkeiten zusammen existieren können (ohne einander gegenseitig zu annulieren), was Leibniz unter dem Prinzip der Kompossibilität gefaßt hat.

Auf den Gesamtzusammenhang hin betrachtet ergibt sich so ein offenes System. Für das menschliche Subjekt als ein sein eigenes Weltverhältnis reflektierendes Seiendes wird die Welt so planvoll veränderbar. »Da aber dieses Subjekt der Welt nicht als ein ganz Anderes entgegentritt, sondern ein Teil ihrer selbst ist, aus ihr entsteht und nur das verwirklicht, was in ihr schon als reale Möglichkeit angelegt ist (…), kommt im subjektiven Faktor die Welt zu sich selbst, zur Selbsterkenntnis und zur Freiheit, weil sie nun aus sich heraus sich umgestalten, verändern und Neues schaffen kann.« (Hans Heinz Holz, Leibniz – Das Lebenswerk eines Universalgelehrten. Darmstadt, 2013, S. 131)

Genau in diesem Sinne will Holz Leibniz auch in Hinblick auf dessen oft falsch interpretiertes Diktum in der Theodizee (Gerechtigkeit/Rechtfertigung Gottes), daß unsere Welt die beste aller möglichen sei, verstanden wissen: Die Welt als Ganzes ist die beste aller möglichen, weil sie in Hinblick auf ihre Optimierung veränderungsfähig ist und weitere Entwicklungsmöglichkeiten aufweist. Nicht eine statische Welt oder eine Welt bloß quantitativer Veränderung, in welcher alles so bleibt, wie es ist, oder alles so wird, wie es war, kann die beste aller möglichen sein. Die beste aller möglichen Welten ist nicht nur eine Welt der Wirklichkeiten, sondern eine, in welcher Wirklichkeit und Möglichkeit unterschiedliche Seiten des Seins sind. Eine Welt, in der jede verwirklichte Möglichkeit auf neue Möglichkeiten der Wirklichkeit verweist und ein unendlicher Fortschritt in Hinblick auf ihre Verbesserung denkbar ist.

Frühsozialistische Tendenzen

Hier wird die Brücke zur praktischen Tätigkeit von Leibniz geschlagen, die von dessen theoretischen Konzeptionen, wie Holz stets hervorhob, nicht zu trennen ist. Neben der umfangreichen Darstellung der diplomatischen, juristischen, geschichtswissenschaftlichen, linguistischen, mathematischen und technischen Leistungen von Leibniz hat Holz auch dessen gleichsam frühsozialistische Tendenzen herausgearbeitet. Ausgehend vom Gedanken, daß es die menschlichen Subjekte sind, die als tätige Elemente die Möglichkeiten der Welt hin zu ihrer Verbesserung verwirklichen müssen, entwirft Leibniz in seiner Rechts- und Staatsphilosophie Überlegungen zur Gestaltung menschlichen Handelns.

Leibniz erkannte, daß die herrschende Moral des aufkommenden Kapitalismus, die der englische Philosoph Thomas Hobbes in die Formeln »Homo homini lupus« (Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) und »Bellum omnium contra omnes« (Der Krieg aller gegen alle) gekleidet hatte, sich (selbst)zerstörerisch auf das Ganze der Gesellschaft auswirken mußte. Den damals wie heute bestimmenden Merkmalen der kapitalistischen Gesellschaft – der Konkurrenz aller gegen alle, dem rücksichtslosen Individualismus – stellte Leibniz eine Moralität entgegen, die auf seinen philosophischen Konzepten der Kompossibilität und Harmonie beruht.

Vom klassischen römischen Naturrecht mit seinen drei Grundsätzen »suum cuique tribuere« (jedem das Seine zuteilen), »neminem laedere« (niemanden schädigen) und »honeste vivere« (auf ehrenhafte Weise leben) kommend, so präzisiert er letzteren in einer wesentlichen Neuerung als »omnes adiuvare« (jeden unterstützen). Dieses Prinzip des umfassenden Zusammenhaltens von allen mit allen stellt er explizit in Verbindung mit dem aus dem römischen Recht kommenden »Commune bonum«, dem allgemeinen Wohl. So ergibt sich analog zu seinen philosophischen Grundsätzen ein für die damalige Zeit utopischer Entwurf eines Gesellschaftsmodells, das – von verteilungsgerechter Harmonie (»suum cuique tribuere«), gesellschaftlicher Kompossibilität (»neminem laedere«) und gemeinschaftlicher Solidarität (»omnes adiuvare«) geleitet – wechselseitig das Wohl des Einzelnen und des Ganzen der Gesellschaft (»Commune bonum«) garantieren sollte. Und so schließt sich der Kreis vom Leibnizschen philosophischen Weltmodell zum praktischen Handeln.

Die Philosophie Leibniz’ ist, wie Engels und Lenin es später dem dialektischen Materialismus zudachten, »Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs«, wissenschaftliche Weltanschauung ihrer Zeit, die es dem Menschen ermöglichen soll, sich in der Welt zu orientieren und sein Handeln zu leiten. Als solche ist der Leibnizsche Entwurf aber nicht nur von philosophiehistorischem und problemgeschichtlichem Interesse. Wie Holz gezeigt hat, ist die Leibnizsche Hypothese der Versuch, die Grundlegung der Wirklichkeit nicht allein aus dem Denken – wie bei Hegel in umfassender Weise absolut-idealistisch als Bewegung des Begriffs zur Idee erfolgt –, sondern aus der Einheit universaler materieller Verhältnisse zu konstruieren. Darin besteht die Bedeutung und Aktualität der Philosophie Leibniz’, die Holz originell und produktiv in seine eigene Grundlegung der Dialektik verarbeitet hat.

Es ist das große Verdienst von Hans Heinz Holz, die Leibnizsche Philosophie für den dialektischen Materialismus fruchtbar gemacht zu haben. Folgt man der Holzschen Leibniz-Interpretation, so kann man mit ihm feststellen: »Die Leibnizsche Philosophie ließe sich als ein historisch konkretes Exempel oder Modell für systematische Fragen der Dialektik lesen und bewiese ihre Aktualität darin, daß ihre besondere Gestalt, eine metaphysische Hypothese über dem Wissenschaftsstand des 17. Jahrhunderts zu sein, transparent würde auf Prinzipien und Kategorien von einem Allgemeinheitsgrad, der ihre Rekonstruktion unter heutigen Bedingungen (natürlich bei Beachtung der historischen Differenz) erlaubte. Eine Erbe, das so angeeignet werden kann, ist lebendig und nicht nur antiquarischer Besitz. Meine feste Überzeugung ist, daß Leibniz in dieser Weise im dialektischen Materialismus lebendig ist.« (Hans Heinz Holz, Leibniz – Das Lebenswerk eines Universalgelehrten. Darmstadt, 2013, S. 289)

Dr. Hannes A. Fellner ist Sprachwissenschaftler und Philosoph. Er ist Vorstandsmitglied der Salzburger Gesellschaft für Philosophie, welche die Hans Heinz Holz gewidmete Zeitschrift Aufhebung herausgibt.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2014/02-26/024.php