9. November 2011

»Uns trennen Klassen«

Etkar André

Im November 1936 wurde Etkar André in Hamburg-Fuhlsbüttel hingerichtet. Er wollte keine Gnade und starb als Kommunist

Tom Springer

Am 4. November 1936, kurz vor sechs Uhr früh, wird der 42 Jahre alte Etkar André gefesselt auf den Hof des Hamburger Untersuchungsgefängnisses zum Schafott geführt. Wachen binden ihm die Knöchel zusammen und schnallen ihn aufrecht auf ein Brett. Es wird in horizontale Lage gebracht, Andrés Kopf ragt über das eine Ende des Bretts hinaus. Darunter steht ein mit Sägemehl gefüllter Korb. Plötzlich schallt Andrés Stimme über den Hof: »Es lebe der Kommunismus! Nieder mit dem Massenmörder Adolf Hitler!« Dann herrscht Stille.

Wie wird jemand Kommunist? Durch die Lektüre marxistischer Bücher, die Schwärmerei für linke Ideale? Wie bei so vielen Angehörigen seiner Generation sind für die politische Bewußtseinsbildung Andrés Armut und das Grauen des Ersten Weltkrieges prägend. Der 1894 in Aachen zur Welt kommende verliert bereits mit fünf Jahren seinen Vater, die Mutter leidet an Tuberkulose. Sie entschließt sich schweren Herzens, den Fünfjährigen in ein Brüsseler Waisenhaus zu geben. Dort bleibt er bis zu seinem 18. Lebensjahr.

1914 bricht der Erste Weltkrieg aus. Der junge Mann meldet sich freiwillig zur kaiserlichen Armee. Als Jahre später seine Frau den Militärpaß entdeckt und ihn zur Rede stellt, sagt er: »Steck diesen Paß in die äußerste Ecke. Als Kriegsgegner schäme ich mich heute noch, daß ich mich damals freiwillig gemeldet habe.«

Das Kriegsende ist ernüchternd. Millionen Erwerbslose, tiefe Klassengegensätze und bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen prägen die deutsche Gesellschaft. André geht nach Hamburg, er wird Mitglied der SPD und verdingt sich als Schauermann. In den sozialen Kämpfen um höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und gegen Arbeitslosigkeit steht er an vorderster Front. Die bürgerliche Presse bezeichnet ihn bald als »Erwerbslosenkönig«. Diese Erfahrungen und Maßregelungen seiner Parteiführung entfremden ihn zunehmend von der SPD. Am 1. Januar 1923 tritt er der KPD bei und kämpft an führender Stelle beim Hamburger Aufstand. Ernst Thälmann überträgt ihm die Leitung des Hamburger Roten Frontkämpferbundes. 1928 wählen ihn die Arbeiter in die Bürgerschaft. Den Faschisten ist André der am meisten gefürchtete und gehaßte Kommunist Hamburgs. Mehrfach verüben sie Mordanschläge auf ihn. Einem fällt sein Freund, der Bürgerschaftsabgeordnete Ernst Henning, zum Opfer.

Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. In den kommenden Wochen und Monaten werden Tausende Kommunisten festgenommen und in Folterhölen geschleppt. Viele von ihnen werden ermordet. Am 5. März 1933 trifft es auch André. Er wird von der SA verhaftet. Im Untersuchungsgefängnis Fuhlsbüttel kommt es zu unbeschreiblichen Folterungen. Drei Jahre dauert das Martyrium, doch André ist weder zu bewegen, Mitkämpfer zu verraten, noch sich von seiner Partei zu distanzieren.

Am 4. Mai 1936 beginnt am Hamburgischen Oberlandesgericht der Prozeß gegen ihn. André wird zur Last gelegt, für den »Hamburger Blutsonntag« und den Tod mehrerer SA-Leute in den Jahren 1930 bis 1932 verantwortlich zu sein. Obwohl die Anklagepunkte einer nach dem anderen zusammenbrechen, wird er am 10. Juli 1936 – trotz zahlreicher internationaler Proteste – zum Tode verurteilt. In seinem Schlußwort sagt der Angeklagte: »Meine Herren, wenn der Oberstaatsanwalt auch Ehrverlust beantragt hat, so erkläre ich hier: Ihre Ehre ist nicht meine Ehre. Denn uns trennen Weltanschauungen, uns trennen Klassen (…) Ich will keine Gnade! Als Kämpfer habe ich gelebt, und als Kämpfer werde ich sterben mit den letzten Worten: ›Es lebe der Kommunismus.‹«

Wenige Stunden nach Andrés Hinrichtung traten die 5000 Insassen des Zuchthauses Fuhlsbüttel aus Protest in einen Streik. Aus Furcht vor weiterem Aufruhr ordnete die Gestapo an, die Beisetzung »in aller Stille und unter strengster Verschwiegenheit« vorzunehmen. Im Spanischen Bürgerkrieg zog ein Bataillon internationaler Freiwilliger unter dem Namen Etkar André in den Kampf. In der DDR wurden zahlreiche Schulen und Straßen nach ihm benannt. In der heutigen Bundesrepublik ist sein Name weitgehend vergessen.

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