23. November 2011

»Unser erster großer Sieg«

Friedenskämpfer, Nazigegner: Der Publizist Carl von Ossietzky im Konzentrationslager Esterwegen (Aufnahme von 1934) - Quelle: Bundesarchiv / Bild 183 - R7057

Geschichte. Vor 75 Jahren wurde Carl von Ossietzky der Friedensnobelpreis verliehen

Kurt Pätzold

Seit an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert der Friedensnobelpreis gestiftet worden war, hatten bis zum Jahr 1935 insgesamt 37 Persönlichkeiten und Organisationen in euro­päischen Ländern und in den USA diese Auszeichnung erhalten. Der Ehrung lag die Bestimmung des Stifters des Preises, Alfred Nobel, zugrunde. Sie solle dem zuteil werden, »der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt« habe.

Unter den Geehrten waren zwei Präsidenten der Vereinigten Staaten, Außenminister und andere Diplomaten, die sich Verdienste um den Frieden erworben hatten oder denen solche zugeschrieben wurden. Unter den dieser Gruppe nicht Zugehörenden war wohl niemand bekannter als Bertha von Suttner, die Österreicherin und Autorin des Buches »Die Waffen nieder«, die den Preis 1905 erhalten hatte. Auf der im Verlauf von nahezu dreieinhalb Jahrzehnten entstandenen Liste der Preisträger figurierten auch zwei Deutsche. Der eine war Reichsaußenminister Gustav Stresemann, der 1926 gemeinsam mit seinem französischen Partner Aristide Briand ausgezeichnet worden war, weil ihm ein hoher Anteil an der Politik zur Versöhnung Deutschlands mit dem »Erbfeind« jenseits des Rheines zugemessen wurde. Der andere, Ludwig Quidde, Historiker und Preisträger des Jahres 1927, hatte sich um die deutsche wie internationale Friedensbewegung herausragende Verdienste erworben. Er war 1933 durch die Flucht in die Schweiz dem Zugriff der an die Macht gelangten Faschisten entkommen. Das galt für den Friedenskämpfer nicht, der als dritter Deutscher am 23. November 1936 den großen Preis verliehen bekam: Carl von Ossietzky.

Leidenschaftlicher Antifaschist

Daß ein Mann, der ein leidenschaftlicher Verfechter des Friedensgedankens und folglich ein ebensolcher Gegner der deutschen Faschisten war, der im Reichspräsidentenwahlkampf 1932, ohne Kommunist zu sein, für den Kandidaten Ernst Thälmann gegen Hindenburg und Hitler eingetreten war, der in seiner Zeitschrift Die Weltbühne Nazigegner von erstem publizistischen und literarischen Rang hatte zu Wort kommen lassen, den das Regime aus Rache in der Nacht des Reichstagsbrandes verhaftet hatte und seit Jahren in Konzentrationslagern festhielt –, daß ein solcher Mann den renommierten internationalen Preis erhalten sollte, alarmierte die Naziführung. Während sie durch Druck auf die norwegische Regierung und die Mitglieder des über die Verleihung entscheidenden Komitees die Ehrung zu verhindern suchte, stand ihrem Vorhaben eine organisierte internationale Front von Frauen und Männern, viele zusammengeschlossen in Zirkeln und verschiedensten Organisationen, entgegen, die begründete, warum Ossietzky diese Auszeichnung gebühre.

Bei allen Kontroversen, welche die Nominierung und Verleihung des Friedensnobelpreises in späteren Jahren begleiteten, und die hatten Gründe wie beispielsweise 1989 im Fall des 14. Dalai Lama und zwanzig Jahre später in dem des US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama: Es gibt wohl bis heute keine zweite Verleihung, deren Vorgeschichte so dramatisch verlief wie die der an den Gefangenen Ossietzky. Zu ihrem Verständnis sind ein paar Worte über den sich etablierenden Faschismus und die Reaktion des Auslands auf diesen neuen nahen und fernen Nachbarn nötig.

Nur Wochen nachdem Kurt R. Grossmann, bis 1933 Generalsekretär der Deutschen Liga für Menschenrechte, aus dem Prager Exil am 4. Juni 1934 den Vorschlag zur Ehrung Ossietzkys gemacht hatte, verübten die Faschisten das Massaker unter einem Teil ihrer eigenen SA-Führer, die verdächtig waren, sich in die Strategie der Führungskräfte um Hitler nicht einzupassen. Gleichzeitig strebte das Regime jedoch nach der ihm noch weithin versagten internationalen Anerkennung, um sein Ansehen und seinen außenpolitischen Handlungsraum zu vergrößern. Dafür investierten die Machthaber vor allem in wenig kostende propagandistische Münze. Sie schlossen mit Polen einen Nichtangriffsvertrag, versicherten jedermann ihre Friedensabsichten, insbesondere Frankreich, das erklärt bekam, nach der Rückgabe des Saargebiets würde das Reich keinerlei territoriale Ansprüche gegenüber seinem Nachbarn mehr erheben, also auf Elsaß und Lothringen verzichten usw.

Das erkennbare Interesse der Hitler-Regierung, im Ausland Renommee zu gewinnen und der Isoliertheit ganz zu entkommen, brachte einen Freundeskreis für Carl von Ossietzky, den 1933 im Pariser Exil frühere Weggefährten des Gefangenen zu formieren begonnen hatten, auf die Idee, es ließe sich der im KZ im Emsland Geschundene den Machthabern auf diplomatischem Wege gleichsam abhandeln. Dazu wollten sie, selbst im Hintergrund bleibend und aus ihm agierend, die ausländische Presse und vor allem ausländische Diplomaten, insbesondere die Großbritanniens, mobilisieren. Im Zentrum dieses Kreises wirkten aufopferungsvoll Hellmut von Gerlach, Hilde Walter und Milly Zirker, beide Autorinnen und zu den Mitarbeitern der Weltbühne gehörend, dazu deren Sekretärin und Geschäftsführerin Hedwig Hünecke und der Jurist Konrad Reisner. Sie fürchteten: Würde man Ossietzkys Namen gleichsam auf eine antifaschistische Fahne schreiben, so könnte das nur zu einer noch lebensbedrohenderen Behandlung des Gefangenen durch seine Peiniger führen. So wenig diese Bedenken zu entkräften waren, haftete ihrem Vorgehen und ihrer Erfolgshoffnung doch ein gerüttelt Maß Naivität an.

Die weisen Nichteinmischer

Zum einen war Ossietzky nicht der »Betrag«, der im Bezirk der gedachten Helfer eine eigene Initiative hätte auslösen können. Das lag nicht nur und nicht so sehr an dem geringen Grad seiner Bekanntheit, der auch bei späteren und dann zum Erfolg führenden Initiativen in Rechnung zu stellen war und dem dadurch begegnet werden mußte, daß er und sein Verdienst durch Wort und Schrift überhaupt erst bekannt zu machen waren. Zum anderen aber: Die Regierungspolitiker in den Demokratien zeigten sich – mit rühmenswerten Ausnahmen – gegenüber dem Schicksal der politischen Gegner der Faschisten im Reich desinteressiert bis gleichgültig. Sie wählten die Strategie, sich mit diesem »neuen« Deutschland zu arrangieren, also den Weg der »weisen Nichteinmischer« (Heinrich Mann) einzuschlagen, die unter dem Begriff der Appeaser in die Geschichte eingingen. Herausforderungen der Machthaber in Berlin waren auf diesem Weg nicht vorgesehen, und – wie auch immer betrieben – das Eintreten für Ossietzky wäre eine solche gewesen.

Nichtsdestoweniger glaubten die maßgebenden Personen im Pariser Freundeskreis lange, sie könnten ihre Aktion zur Rettung Ossietzkys gleichsam entpolitisieren und als rein humanistische und auf einen Einzelfall gerichtete Initiative voranbringen. Die antifaschistische Presse des Exils sollte sich selbständig des Themas nicht annehmen und parteipolitische Kräfte des Exils, ob Sozialdemokraten oder Kommunisten, sich von jeder Exponierung zugunsten Ossietzkys fernhalten. Der Kampf um dessen Befreiung gleichsam »auf leisen Sohlen«? Fernab von allen politischen und propagandistischen Aktivitäten, die von den ins Exil Getriebenen in Prag, Paris, Moskau, in der Schweiz und anderswo angestrengt unternommen wurden? Mit dieser Taktik mußten sie doppelt scheitern, und das taten sie dann auch. Gleiches galt für individuelle Unternehmungen, die bis zu dem Versuch gereicht hatten, die einstige Schwägerin Hermann Görings, eine schwedische Gräfin, zur Fürsprache für die Freilassung beim zweiten Mann des Naziregimes zu gewinnen.

Also wurde der Gedanke, den Ossietzkys Vertrauter Berthold Jacob und gleichzeitig mehrere Nazi­gegner im Exil unabhängig voneinander bereits geäußert und publik gemacht hatten, nun auch im Pariser Kreis der »Freunde Ossietzkys« akzeptiert, die deutsche Regierung durch eine Entscheidung des Osloer Komitees unter massiven politischen Druck zu setzen und so zu versuchen, den Gefangenen zu befreien. Es begann eine breite Mobilisierung der deutschen Nazigegner im Exil, die wiederum, wo das notwendig war, Politiker, Parlamentsabgeordnete, Wissenschaftler, Schriftsteller, Journalisten, Funktionäre von Parteien und Gewerkschaften davon überzeugten, der Kampagne beizutreten.

Mit ihr wurde ein Zeichen des Widerstandes gegeben, das der Befreiung eines Mannes galt, aber doch ungleich mehr besagte und ein warnender Ruf war, die Bedrohung ernst zu nehmen, die von diesem Deutschland unter dem Hakenkreuz ausging. Von den hergestellten Verbindungen, die in der Kampagne entstanden, zeugt ein nahezu 1800 Seiten umfassender Briefwechsel, den das Amsterdamer Internationale Institut für Sozialgeschichte aufbewahrt. Ihre Resultate dokumentiert die ungleich umfassendere Sammlung, die sich im Osloer Nobel-Institut befindet, Briefe vor allem, die das Komitee aus aller Welt erreichten.

»Märtyrer der Friedensidee«

Zu denen, die sich für die Verleihung des Preises an Ossietzky einsetzten, gehörte auch der Emigrant Thomas Mann im fernen Amerika. Der Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 1929 wandte sich in einem langen Brief an die Mitglieder des Preiskomitees. Zunächst ging er auf den konkurrierenden Vorschlag ein, denn als Kandidat für die Verleihung des Preises war 1935 auch der Präsident der Tschechoslowakei, Tomas Masaryk, genannt worden. Wiewohl der die Ehrung verdient habe, solle sich das Gremium dennoch entschließen, »einem Märtyrer der Friedensidee wie dem seit drei Jahren das Konzentrationslager erduldenden Ossietzky den Preis zuzuerteilen«. Das würde eine ermutigende Tat sein, die helfe, »aus immer allgemeinerer moralischer Apathie, aus Stumpfheit und müdem Geschehenlassen« herauszugelangen.

Dann setzte sich Mann mit Einwänden auseinander, die gegen diesen Vorschlag vorgebracht werden könnten. Der eine lautete, es sollten sich mit dieser Verleihung generell keine politischen Demonstrationen gegen eine Regierung verbinden. Gegen diese Attitüde wandte er ein: »Aber die Verleihung dieses Preises ist unausweichlich und unter allen Umständen ein politischer Akt, seine Errichtung selbst war ein solcher«. Die »Idee des Völkerfriedens« sei eine politische Idee und mithin die Verleihung dieses Preises auch eine demonstrative Tat. Mann ging ebenfalls auf Bedenken ein, die sich aus der Erwartung ergaben, daß sich dadurch die deutsche Regierung herausgefordert fühlen müsse. Das tat er in einer Art, die, wie immer sie bedacht war, eine Mischung von Chuzpe und Schwejk darstellte. Denn, so argumentierte er, die deutsche Regierung könne sich durch die Ehrung eines Friedenskämpfers gar nicht provoziert sehen, bekenne sie sich doch »in heiligen Versicherungen« fortgesetzt selbst zur Friedensidee. Ossietzky den Preis mit Rücksicht auf diese Regierung zu verweigern, hieße folglich, gegenüber den Erklärungen aus Berlin »ein ehrenrühriges Mißtrauen an den Tag legen«.

Ob diese Erörterung, mit der die verlogenen Naziführer beim Wort genommen wurden, die fünf Komiteemitglieder – die jeweils vom norwegischen Parlament bestimmt werden und über ihren Entschluß niemandem rechenschaftspflichtig sind – beeindruckt hat, mag dahingestellt bleiben. 1935 vermochten sie sich jedenfalls nicht zu einer Verleihung zu entschließen. Sie kaschierten die faktische Ablehnung des Vorschlags dadurch, daß sie erklärten, sie hätten niemanden der Ehrung für würdig empfunden, so daß, wie in früheren Jahren schon mehrfach geschehen, der Preis keinen weiteren Träger erhielt. Heinrich Mann kommentierte dieses Verhalten rückblickend knapp: »Letztes Jahr hat Ossietzky den Friedensnobelpreis nicht bekommen, aus lauter Rücksicht auf Hitler.« Es sei ihm »weniger begreiflich, wenn der Weltpazifismus sich vertragen möchte mit einer Herrschergestalt (…), (die) nicht sanfter wird, wenn man nett zu ihr ist«.

Namhafte Unterstützer

Doch das Osloer Komitee hatte mit seiner ausweichenden Entscheidung den Vorschlag nicht zu den Akten legen können. Die Zahl derer, die für Ossietzky sprachen, nahm im Verlauf des Jahres 1936 weiter zu. Heinrich Mann zählte sie in einem Artikel auf: Persönlichkeiten aus der Schweiz, Mitglieder des internationalen Friedensbüros, Professoren und Politiker aus Amerika, England, Frankreich, Italien, der Tschechoslowakei, der Türkei, aus Belgien, Holland, Schweden und Norwegen, sechshundert Abgeordnete von Parlamenten vieler Länder, Minister im Amt und frühere Minister, Gelehrte und Künstler. Und das ist eine Auswahl, wie alle ungerecht, der Namhaftesten, die für Ossietzky eintraten: Albert Einstein, Romain Rolland, André Gide, Max Brod, Karel Capek, Egon Erwin Kisch, F. C. Weiskopf, Maximilian Scheer, Ernst Toller, Rudolf Olden, Emil Ludwig, der Schweizer Verleger Hans Oprecht, Otto Lehmann-Rußbüldt, der zeitweilig Generalsekretär der Deutschen Liga für Menschrechte gewesen war, Konrad Heiden, ein Hitler-Gegner seit den frühen zwanziger Jahren, von dem 1936 im Schweizer Exil eine Hitler-Biographie erschien, Georg Bernhard, der langjährige Chefredakteur der linksliberalen Vossischen Zeitung, der in der Emigration das Pariser Tageblatt gründete und herausgab, der schon erwähnte in der Tschechoslowakei lebende Kurt R. Großmann, Kurt Rosenfeld, bis 1933 einer der Vorsitzenden der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, der in die USA emigriert war, und der ebenfalls dorthin geflohene Architekt und Schriftsteller Werner Hegemann, dazu der britische Journalist und Historiker Wickham Steed, Chefredakteur der Londoner Times, und Edgar Mowrer, der 1933 den Pulitzer-Preis erhalten hatte. Im sowjetischen Exil traten für die Befreiung und Ehrung Ossietzkys Johannes R. Becher, Willi Bredel, Erich Weinert, Friedrich Wolf und Erwin Piscator ein.

Es fanden Unterschriftensammlungen zugunsten Ossietzkys statt, Lesungen und Vorträge, die ihn bekannt machten, Zeitungen warben unter ihren Lesern für die Unterstützung des Vorschlages. Auf antifaschistischen Kongressen und Kundgebungen sprachen sich die Teilnehmer für die Nobelpreisvergabe an Ossietzky aus. In Norwegen demonstrierten Arbeiter vor dem Parlament. Unermüdlich setzte sich für die Verstärkung des Drucks auf das Komitee die Lehrerin Mini Sverdrup-Lunden ein. Im gleichen Sinne wirkte Willy Brandt, der als Jugendfunktionär der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands in das skandinavische Land emigriert war.

Kurt Tucholsky, im schwedischen Exil isoliert, von Enttäuschungen, Zweifeln und vor allem einer Krankheit geplagt, verpflichtet und entschlossen zu schweigen, war der im Juni 1934 an ihn ergangenen Einladung, sich für die Befreiung des Weggefährten öffentlich einzusetzen, nicht gefolgt. Mit der Begründung, für die daraus erwachsenden Kämpfe und seine selbst gesetzten hohen Ansprüche, sich in ihnen hörbar zu machen, reichten seine Kräfte nicht mehr. In Briefen wandte er sich an ihm bekannte Ausländer, deren Stimme er Gewicht zuschreiben konnte, in der Hoffnung, sie für ein Hervortreten zugunsten Ossietzkys zu mobilisieren. Erst als im November der Norweger Knut Hamsun mit einer pronazistischen Erklärung gegen Ossietzky auftrat, wollte er sein Schweigen brechen und signalisierte das norwegischen Nazigegnern und einer Schweizer Zeitung. Es ist dazu nicht mehr gekommen. Tucholsky nahm sich nur Tage später das Leben.

Die Entscheidung fällt

1936 konnte das Komitee nicht noch einmal vor einer Entscheidung fliehen. Erhoben hatte sich, wie Willi Bredel schrieb, »die mächtige Stimme der antifaschistischen Welt«. Die fünf standen, wie Heinrich Mann bemerkte, vor der Alternative, dem Verlangen zu entsprechen oder sich das nächste Mal angeklagt zu sehen. Damit die norwegische Regierung ganz aus dem Vorgang blieb, trat deren Außenminister aus dem Gremium aus und mit ihm ein früherer Minister. Die älteren Herrschaften in Oslo, schrieb der Romancier im französischen Exil, nach der Bekannt­gabe des Preisträgers, hätten nein gesagt, »wenn es irgend noch anginge, vor der Welt und ihrem eigenen Gewissen«. Doch sie hatten schließlich ja sagen müssen. Man schrieb den 23. November, als der Beschluß bekanntgegeben wurde, der Ossietzky rückwirkend den Preis für das Jahr 1935 zuerkannte, womit das Unterlassene nicht wieder wettgemacht werden konnte.

Dennoch: Die sich für Ossietzky eingesetzt hatten, betrachteten die Verleihung, wie der Herausgeber der Neuen Weltbühne in Prag, Hermann Budzislawski, schrieb, als »unseren ersten großen Sieg«. Genaugenommen war er das nicht. Vorausgegangen war die erfolgreiche Kampagne für die Freilassung Georgi Dimitroffs und seiner bulgarischen Genossen nach ihrem Freispruch im Reichstagsbrandprozeß. Das war freilich zu einer Zeit, da das Naziregime ungleich weniger gefestigt war als 1936. Und auf diesen ersten folgten lange Jahre keine weiteren – bis zu jenem, den Hunderttausende sowjetischer Soldaten vor Moskau 1941 erkämpften, als sie jene Wende einleiteten, die auf den langen Weg zum Triumph über den Faschismus führte.

Erst als es in Berlin gewiß geworden war, daß ihrem Gefangenen der Preis zuerkannt werden würde, entließen die Machthaber Ossietzky nach einer am 27. Mai 1936 von Göring ergangenen Weisung aus dem Konzentrationslager, einen schwerkranken, an fortgeschrittener offener Tuberkulose leidenden Mann, der um den Großteil seiner Lebenskräfte schon gebracht war. Sein neuer Aufenthaltsort wurde das Berliner Polizeikrankenhaus. Auch dort stand er unter Bewachung. Tage vor der Osloer Entscheidung wurde er formell aus der »Schutzhaft« entlassen, indessen weiter beobachtet. Die Entgegennahme des Preises, der im Rathaussaal von Oslo verliehen wurde, blieb ihm verboten. Die Hitler-Regierung untersagte für die Zukunft allen Deutschen, einen Preis wie den ihrem Widersacher verliehenen entgegenzunehmen. Ossietzky, der nicht mehr den Versuch machte, aus Deutschland zu entkommen, ein Schritt, zu dem er sich 1933 rechtzeitig nicht hatte entschließen können, starb an den Haftfolgen am 4. Mai 1938 in Berlin. Er war 48 Jahre alt.

Uneingelöstes Vermächtnis

In Deutschland tragen heute Straßen und Plätze, Schulen und Bibliotheken, eine Universität, die in Oldenburg, seinen Namen. Nach ihm wurde ein Preis benannt, ihm wurden in Berlin-Pankow, Berlin-Kreuzberg und in Oldenburg Denkmäler errichtet, Sonderbriefmarken, aus mehreren Anlässen herausgegeben von der Post in beiden deutschen Staaten, trugen sein Bildnis und ebenso Medaillen und Münzen. Ausstellungen erinnerten an ihn. Die Weltbühne, die in der Sowjetischen Besatzungszone 1946 wieder und in der DDR bis zu deren Ende erschien, lebt in der Berliner Zweiwochenschrift Ossietzky fort.

Das Vermächtnis des Friedenskämpfers blieb freilich uneingelöst, was allein durch die Tatsache bewiesen ist, daß Deutschland unter den Großmächten der Erde als Waffenproduzent den dritten Platz besetzt und Regierungen amtieren, die um die Geschäfte der eigenen Rüstungskonzerne auf dem internationalen Markt besorgt sind und dem Volke weismachen wollen, wie sehr sie damit zum Frieden beitragen. Die Frage, wofür der Mann heute Partei ergreifen würde, der vor 75 Jahren den Friedensnobelpreis erhielt und den die Faschisten umbrachten, gibt kein Rätsel auf.

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