13. Januar 2014

Unter Menschenteufeln

Olga Benario (1908–1942)

Robert Cohen hat den Briefwechsel zwischen Olga Benario und Luiz Carlos Prestes aus Gefängnis und Konzentrationslager herausgegeben

Günther Drommer

Als Bücherleser habe ich vieles über Menschen erfahren, Komisches und Ernstes, Heiteres und Anrührendes. Fast immer waren jene von gelebter Zeit geprägten Biographien erregender als die von Dichtern ausgedachten. Nie zuvor habe ich lesend von einem ähnlich herzzerreißenden Schicksal erfahren wie dem von Olga Benario (1908–1942). In ihrer Liebe zu Luiz Carlos Prestes (1898–1990), dem Kommandanten eines gescheiterten Aufstands im brasilianischen Sertão und »Ritter der Hoffnung«, ist dieses schöne und tapfere Mädchen auch in dem meisterlichen dokumentarischen Roman des New Yorker Germanistikprofessors Robert Cohen »Exil der frechen Frauen« eine der Hauptpersonen. Er hat unter dem Titel »Die Unbeugsamen« nun den Briefwechsel von Olga Benario und Prestes »aus Gefängnis und KZ« herausgegeben. Als mutige junge Kommunistin und Jüdin in die Fänge der Nazis geraten, bleibt Olga nicht die Spur einer Überlebenschance. Sie gehört zu den standhaften Frauen, die, aus Ravensbrück kommend, in der »Heil- und Pflegeanstalt« Bernburg in einer neukonstruierten Gaskammer ermordet werden.

Im Nazigefängnis

Aber die schreckliche Dimension von Olgas Schicksals ist noch dramatischer: Während die Vargas-Diktatur in Brasilien Carlos Prestes bei einem erneuten Aufstandsversuch, an dem er direkt gar nicht beteiligt ist, für lange Jahre in Einzelhaft nimmt – gelegentlich darf er wenigstens lesen und seine philosophischen Studien betreiben – wird die hochschwangere Frau nach ihrer Festnahme auf das nächstbeste deutsche Schiff verbracht. Jedoch: Ihr Kind Anita, es kommt im Frauengefängnis in der Berliner Barnimstraße zur Welt, ist brasilianische Staatsbürgerin, und so kann ihm zusammen mit seiner Mutter und unter den Augen der aus Brasilien angereisten Großmutter Leocadia nicht einfach das Leben genommen werden. Sogar ein immer wieder hintertriebener Briefwechsel zwischen den Eltern des Kindes wird erlaubt. Vierzehn Lebensmonate verbringen Mutter und Kind zusammen in einer gemeinsamen, fünf mal fünf Schritte großen Gefängniszelle. Die Nähe zwischen Mutter und Kind kann nicht größer sein. Es beginnt sich selbst, die Mutter und die abgeschlossene Welt dieses kleinen Raumes zu entdecken. Das Kind strampelt mit den Beinchen, saugt an seinen Fingerchen, lernt sitzen, stehen, laufen. Es spricht seine ersten Worte – auch das Wort Papa – man sieht Freud und Leid in seinem Gesicht, sein Wille prägt sich aus. Ein schönes, lebhaftes jüdisch-deutsch-brasilianisches Kind. In ihren Briefen diskutieren Olga und Carlos die Probleme der Erziehung ihrer gemeinsamen Tochter. Die Gedanken beider Eltern sind modern und fortschrittlich: Man darf den Willen eines Kindes unter keinen Umständen brechen, aber man muß dem Kind auch schon früh jene Grenzen verdeutlichen, die für das friedvolle Zusammenleben von Menschen notwendig sind. Olga wird nicht müde, über die Fortschritte des Töchterchens zu berichten: die ersten Zähne kommen, langsam wird die Zelle für das heranwachsende Kind zu klein. Die Aufseherinnen draußen auf dem Flur sind nett, die mitgefangenen Frauen sowieso. Das Gebot der Menschenteufel aber lautet: Mutter und Tochter bleiben nur so lange zusammen, wie die Mutter das Kind stillen kann, dann kommt die unausweichliche Trennung. Hätte Olga versucht, den letzten gemeinsamen Tag mit ihrer Tochter zu schildern, wir Nachgeborenen könnten es nicht aushalten, diesen Text zu lesen.

Briefe überwacht

Im Februar 1938 wird die dreißigjährige Olga ins KZ Lichtenburg verlegt. Ihr Kind ist inzwischen zusammen mit Prestes’ Mutter in der Sicherheit der Republik Mexiko unter der Regierung des Präsidenten Lázaro Cárdenas angekommen. Olgas Sehnsucht nach ihrer kleinen Tochter ist unbeschreiblich. Natürlich erkundigt sie sich in jedem Brief nach ihr. Aber was kann sie tun? In ihrem 60. Brief vom 15. Oktober 1938 schreibt Olga: »Jetzt fange ich ein Kleidchen für unser Anita-Kind an, es ist aus zartblauer Wolle u. will ich versuchen, es ihr zum zweiten Geburtstag zu senden.« – Olga wird ihr Kind niemals wiedersehen. Ich weiß, wieviel Mühe in Robert Cohens Projekt steckt, diesen Briefwechsel zweier aufrechter Menschen endlich auch den Leserinnen und Lesern in Deutschland zugänglich zu machen. Als Herausgeber ist er mehrmals in Brasilien gewesen, er hat sich das Vertrauen von Anita Leocadia Prestes erworben – dem Kindchen von damals, der lebenserfahrenen Frau von heute, die ihre Mutter später nicht zur Freundin haben durfte. Aber sie hat die Briefe ihrer Eltern aufbewahrt, und der Herausgeber, konnte sie überzeugen, Deutschen diese intimen Briefe zum Lesen zu geben. Er hat eine fundierte Einleitung geschrieben und das Buch sorgfältig ediert. Dafür ist ihm zu danken und dem Verlag auch. Sicher erfahren Historiker aus diesen Briefen nicht übermäßig viel ihnen Unbekanntes oder gar Sensationelles zu politischen Themen. Denn die Korrespondenz wurde ja von der Gestapo und der Geheimpolizei des Diktators in Brasilien sorgfältig überwacht. Etwas anderes aber kann jedermann erkennen: Geschichte wird von Menschen gemacht, unter bestimmten Bedingungen, in bestimmten Situationen. Es gibt für boshafte Grausamkeit auf der einen und unbeugsame Standhaftigkeit auf der anderen Seite Gründe. Sage keiner, die Demokratie von heute habe die schrecklichen Möglichkeiten für die einen überwunden, und damit sei auch die Notwendigkeit für kämpferisches Verhalten der anderen geringer geworden. Dem ist offensichtlich nicht so: siehe die unterbliebene Verfolgung der Verbrechen des sogenannten NSU, das Massaker von Kundus und das Sterben vor Lampedusa.

Olga Benario/Luiz Carlos Prestes: Die Unbeugsamen. Briefwechsel aus Gefängnis und KZ. Wallstein Verlag, Göttingen 2013, 272 Seiten, 24,90 Euro

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