18. Oktober 2013

Untot auf dem Schlachtroß

Leichen säumen seinen Weg: Österreichs Heros Prinz Eugen zieht auf dem Heldenplatz noch immer in den Krieg (Prinz-Eugen-Denkmal in Wien) - Fotoquelle: Wikipedia

Prinz Eugen, der bibliophile Ritter, ließ seine wichtigsten Bücher in Menschenhaut binden. Jetzt wird er wieder gepriesen und gefeiert

Otto Köhler

Heute vor 350 Jahren wurde der Retter des Abendlands, Prinz Eugen von Savoyen, in Paris geboren. »Ein Ritter ohne Furcht und Tadel erscheint er von der Vorsehung dem Hause Habsburg geschenkt, damit es eine weltgeschichtliche Aufgabe im Kampf gegen Türken- und Franzosenherrschaft erfüllen könne.« So würdigte ihn 1905 in seiner »Weltgeschichte in Karakterbildern« der bayerische General und Militärschriftsteller Karl Ritter von Landmann.

Diese weltgeschichtliche Aufgabe war unvergessen, als – nach der großen deutschen Wiedervereinigung – vor zwei Jahrzehnten in Mölln und Solingen die Jagd begann. Da schrieb Rudolf Augstein im deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel über die Türken: »Sie gehören einem Kulturkreis an, der mit dem unseren vor und nach Prinz Eugen nichts gemein hat.« Und wenn Beate Zschäpe im Münchner NSU-Prozeß sprechen dürfte, sie könnte sich auf das große Beispiel Prinz Eugens berufen.

Schon der schriftstellernde General muß gewußt haben, wie sein Ritterkollege Deutschland in alle Ewigkeit weiterdienen würde. Von Landmann über Eugen: » (…) die Macht seines Namens genügt, um ein überlegenes französisches Heer am Rhein festzuhalten. Es ist in bezug darauf in treffender Weise von einem Geschichtsschreiber an den Cid erinnert worden, den seine Getreuen noch als Leiche auf ein Schlachtroß setzten und so die Feinde fliehen machten.« Eugens Siege über die Türken, seine Abwehr der Franzosen haben, so der deutsche Weltkriegunschuldsforscher Hans Herzfeld vor 50 Jahren, »wesentlich zum Erwachen des nationalen Zusammengehörigkeitsbewußtseins der Deutschen beigetragen (…).«

»Ich komme wieder«

Womöglich wäre Deutschland gar nicht erwacht, wenn der französische König Ludwig XIV. nicht des Prinzen Eitelkeit und Ruhmsucht nachhaltig gekränkt hätte. Eugen, eigentlich für den geistlichen Stand bestimmt, wollte unbedingt ein großer Krieger werden. Der König, dem man nachsagte, er sei – dank seiner Maitresse Olympia Mancini – der wirkliche Vater Eugens, riet hohnlächelnd dem »kleinen Abbé«, wie er ihn nannte, er solle lieber beten, als für ihn fechten. Eugen verließ den Hof und schwor: »Ich komme wieder mit dem Schwert in der Hand, an der Spitze eines Heeres.« Der Haß, den er seither gegen Frankreich hegte, war unversöhnlich – er traf auch die Kunst. In der Gemäldegalerie, die er sich später zulegte, hielt er sich Gemälde spanischer, englischer und deutscher Maler. Aber kein einziges Bild von einem französischen Künstler.

Eugen floh aus Paris über Passau nach Wien und trat in den Dienst des Kaisers Leopold I. Noch nicht ganz 20jährig durfte er 1683 als »Volontär« – als unbezahlter Praktikant, würde man heute sagen – an der Schlacht am Kahlenberg gegen die Wien belagernden Türken teilnehmen. Noch im selben Jahr wird er zum Obersten eines Dragonerregiments ernannt.

Zehn Jahre nach der ersten Schlacht ist Prinz Eugen Feldmarschall, und 1697 wird dem 34jährigen der Oberbefehl im Kampf gegen die Türken übertragen. Vier Jahre später kann er endlich im spanischen Erbfolgekrieg mit seinem Heer gegen Frankreich ziehen. 1717 nimmt er den Türken Belgrad ab und verursacht so das Schreckenslied, das heute noch in jedem österreichischen Schulliederbuch steht und das schon der kleine Rudolf Augstein sang: »Prinz Eugen, der edle Ritter / Hei, das klingt wie Ungewitter / In das Türkenlager hin.« Wenn mal kein Krieg im Gange ist, hilft er dem Kaiser beim Regieren seines durch ihn immer größer gewordenen Reiches. Die Sitzung des Geheimen Staatsrates am 20. April 1736 – genau 153 Jahre später wurde Adolf Hitler in Braunau geboren – sollte seine letzte sein. In der Nacht erstickte er an einer Lungenlähmung.

Es war nicht sein Äußeres, das ihn berühmt gemacht hatte. Liselotte von der Pfalz, die Schwägerin Ludwig des XIV., beschrieb ihn: »prinz eugen hatt meriten undt verstandt ist aber klein und heßlich von person hatt die oberleffzen so kutz dass er den Mundt nie zu thun kann, man sieh also allezeit zwey große breyte Zähn, die Naß hatt Er Ein wenig aufgeschnupfft undt ziemblich weitte Naßlöcher, aber die augen nicht heßlich undt lebhaft.« Daß er keine Schönheit war, wer wollte ihm das vorwerfen. Berühmt machte ihn damals schon sein militärisches Genie: sein unbezweifelbares Talent zum fachmännisch betriebenen Töten von Menschen.

Sicherlich, Prinz Eugen, dieser edle Ritter, hat das Abendland vor den Türken gerettet – und deren Krieger waren grausam und brutal. Allerdings mußten viele von ihnen das in den Jahrhunderten zuvor erst von den christlichen Heerscharen lernen, die mit den Kreuzzüge genannten Vernichtungsfeldzügen in das heidnische Morgenland eingedrungen waren. Seit jener Zeit wurde im christlichen Abendland gegen jene mörderischen Heiden gepredigt – aus eigener christlicher Mordlust.

Hunger nach Schönheit

Doch der Prinz Eugen von Savoyen-Carignan war auch ein Mann von Kultur, er ließ in Wien prächtige Schlösser bauen – schöner, geschmackvoller als die Heimstatt seines Kaisers –, er besaß eine große Bibliothek, er stand im Kontakt mit den Geistesgrößen seiner Zeit: mit Voltaire, mit Leibniz und mit Montesquieu.

»Ein Hunger nach Schönheit erfüllte den Mann, in dem die Zeitgenossen den fleischgewordenen Mars erblickten, der seine besten Jahre im Feldlager verbrachte und sich nie geschont hatte«, schrieb Helmut Oehler, der gerade noch 1944 seinen Sammelband »Prinz Eugen im Urteil Europas« im – Adolf Hitler eng verbundenen – Bruckmann-Verlag veröffentlichte.

Wie sich der schönheitshungrige Ritter seine Wünsche erfüllte, schildert die britische Lady Montagu in einem Brief aus Wien vom 2. Januar 1717: »Prinz Eugen war so freundlich, mir gestern seine Bibliothek zu zeigen. Wir trafen ihn in Gesellschaft Rousseaus« – nicht Jean-Jacques, sondern des Dichters Jean-Baptiste Rousseau, der damals aus Paris geflüchtet war – »und seines Lieblings, des Grafen Bonneval«. Lady Montagu: »Ganz freundlich wies mich Bonneval darauf hin, daß einige von der Kriegskunst handelnde Quartbände in die Häute von Spahis und Janitscharen gebunden waren. Diese geschmackvolle Bemerkung zauberte ein vergnügliches Lächeln auf das ernste Gesicht des berühmten Kriegshelden.«

Wobei zur richtigen Interpretation dieser für den edlen Ritter so amüsanten Szene anzumerken ist, daß es sich bei den Spahis und Janitscharen, deren Häute hier dem Einbinden von Büchern dienten, nicht um Tiere, sondern um Menschen handelt. Die Janitscharen waren Christen – vom Glauben abgefallen und zum Islam übergetreten –, und die Spahis gab es als französische Kolonialtruppe noch im 20. Jahrhundert. Eugens Freund Bonneval übrigens, der ebenfalls als Franzose in die österreichischen Dienste getreten war, lief später in türkische über, wurde Mohammedaner und Pascha mit – das war der höchste Rang – drei Roßschweifen. Und konnte froh sein, daß ihn Prinz Eugen nicht zu einen Einband für Voltaires Werke verarbeiten ließ.

So läßt sich nicht ausschließen, daß die bis heute nicht völlig erloschene Fähigkeit der Ostmärker, Bücher zu lesen, auf Prinz Eugen zurückzuführen ist. »Seine Büchersammlung bildet den Grundstock der Österreichischen Nationalbibliothek«, vermerkt eine neue, nicht unkritische Biographie, die im Januar 2013 erschienen ist.1

Krieg ist Busineß

Prinz Eugen, als mittelloser Schnorrer in Wien angekommen, wurde durch seine Kriege einer der reichsten Männer Europas. Heute, morgen und am Sonntag finden in seinem Winterpalais die schon das ganze Jahr anhaltenden Feierlichkeiten ihren Höhepunkt: »Open House im Winterpalais«. Jede und jeder ist eingeladen: »Feiern Sie mit uns Prinz Eugens 350. Geburtstag und tauchen Sie in die Pracht seines neu eröffneten Winterpalais ein. Auf Groß und Klein wartet ein buntes Jubiläumsprogramm mit barocken Erlebnisstationen, Menuetten zum Mittanzen, historischen Kostümen u.v.m.« Vom 18. bis 20. Oktober, jeweils 10 bis 18 Uhr. Eintritt kostenlos. Die Führungen auch: »Flüchtling, Feldherr, Feingeist. Im Rahmen von anregenden Impulsführungen lernen Sie das Winterpalais und die vielschichtige Persönlichkeit des Prinzen Eugen näher kennen.«

Vom mittellosen Flüchtling zum Besitzer von mehreren Schlössern, das ist, versichert Agnes Husslein, die Direktorin des Belvedere der Wiener Presse, die »unglaubliche Erfolgsgeschichte eines Selfmademan, die bis heute fasziniert«. Aber, fragt die Presse – Feldherr?, Kriegsgewinnler? – »Gibt es auch angreifbare, anfechtbare Seiten Prinz Eugens?« Nicht wirklich, Husslein: »Prinz Eugen war nicht nur ein erfolgreicher Feldherr, sondern in erster Linie Diplomat und Staatsdiener, der sehr hohe Ämter innehatte. Kriege zu führen und Schlachten zu schlagen, gehörte zum ›Busineß‹; allerdings nur dann, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft waren – heute beurteilen wir solche Dinge natürlich anders. Außerdem wissen wir von keiner menschenverachtenden Äußerung des Prinzen Eugen; vielmehr interessierte er sich für die Kultur jener Länder und Völker, gegen die er von Staats wegen vorgehen mußte.«

Wie die Geschäfte des Herrn Eugen von Savoyen aussahen, davon bekam Lady Montagu einen Begriff, als sie 1717 auf dem Weg von Wien nach Konstantinopel über ein Schlachtfeld reiste, das der Busineßman im Jahr zuvor hinterlassen hatte. In einem Brief aus dem gerade noch türkisch besetzten Belgrad schrieb sie auf, was sie bei Karlowitz sah, wo Eugen seinen letzten großen Sieg über die Türken errang: »Überall stößt man auf noch frische Spuren dieses glorreichen blutigen Tages: Schädel, Gerippe unbegrabener Leichen, Kadaver von Pferden und Kamelen. Ohne Schauder konnt ich eine solche Menge zerstümmelter menschlicher Körper nicht ansehen. Wie ungerecht ist doch der Krieg, der Mord nicht nur notwendig macht, sondern auch noch zum Verdienst erhebt. (…) Gewohnheit hat den Krieg zu etwas Unausweichlichem gestempelt. Nichts erweist diesen völligen Mangel an Vernunft deutlicher als das Festhalten an einem Herkommen, welches den allgemeinen Interessen der Menschheit so sehr zuwiderläuft.«

Mit weniger Ressentiments gegen den Krieg urteilt die uns schon bekannte Geschäftsfüh­rerin der »Wissenschaftlichen Anstalt öffentlichen Rechts« auf der Website ihrer »Österreichischen Galerie Belvedere« mit dem nunmehr unverkürzten, vielversprechenden Nachnamen Dr. Agnes Husslein-Arco: »Den modernen Menschen mag es nachdenklich stimmen, daß militärische Erfolge, die viele Menschenleben forderten, großzügig honoriert wurden, doch ein genauerer Blick auf die Geschichte zeigt, daß man hier nicht voreilig Schlüsse ziehen darf. Hierbei ist darauf hinzuweisen, daß ein Krieg damals eine völlig andere Bedeutung hatte als heute. Es herrschte kein permanenter Kampfzustand, sondern es wurden gezielt Schlachten geschlagen. Und kriegerische Aktionen waren zu Prinz Eugens Zeiten ein durchdacht eingesetztes politisches Mittel, um die eigenen Territorien zu verteidigen. (…) Krieg hatte dabei nichts mit Menschenverachtung an sich zu tun.«

Sondern nur mit Ordnung. Walter von Molo, ein enger Freund von Theodor Heuss, dem ersten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, urteilt durchaus glaubwürdig über Prinz Eugen und dessen erste Schlacht: »Geborgenheit wie noch nie ließ sich immer mehr auf Eugen nieder. Nun war er endlich erfüllt, darnach er sich so lange gesehnt hatte. (…) Mit hocherhobener Klinge, barhaupt und mit hellen herausfordernden Schreien (…) brach der kleine Volontär als erster in die türkische Reiterei ein. Der Volontär, der zum ersten Mal an einem Kampf teilnahm, hieb jeden, der ihm nahe kam, nieder. (…) Mit weit aufgerissenen Augen, als wolle er ein für allemal Ordnung in der Welt schaffen, tat Eugen seine Pflicht.«

Vom Blut berauscht

Das verfaßte von Molo, in der Weimarer Republik Präsident der Dichterakademie, dann weit eher ein Mann der inneren Emigration als ein bekennender Nazi – seine Werke erreichten eine Auflage von drei Millionen Exemplaren – im Jahr 1941. Und so schrieb er weiter über Eugens ersten Tag auf dem Schlachtfeld: »Er ließ den Säbel sinken, auf dem rot Blut haftete und (…) war wie berauscht. Überall lagen Menschen und Tiere ausgestreckt auf der Flur, einzeln, zu mehreren in Haufen (…). Es war wie ein Erwachen. Es war zum ersten Mal das Leben, das er unverhüllt in all seiner Schöne und Unerbittlichkeit vor sich sah.« Was sah Eugen noch, wenn er gerade nicht selbst das Schwert erhob? Den Freund und Mitstreiter: »Der junge Kurfürst von Bayern schlug jubelnd Köpfe und Türkenschultern ab.«

Doch Eugen, der »Engel der Befreiung«, wie Molo den Prinzen nennt, kennt auch gemütliche Augenblicke: »Friedlich, als ginge er spazieren, kam der kaiserliche Feldmarschall im Kugelregen herangeschritten.« Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem Feinde nicht gefällt. Die Türken schlugen Eugens Reiter in die Flucht: »›Nein, nein‹, murrt Eugen mit verärgerter Miene, ›ich will mit tapferen Soldaten Krieg führen, aber nicht mit solchen, die davonlaufen.‹ Er hob seine Pistole und schoß einen der Fliehenden aus dem Sattel. Mit einem zweiten Feuerstrahl streckte er noch einen seiner Reiter nieder, die ihn im Stiche ließen.« Das war, 1941 veröffentlicht, schon ein brauchbarer Hinweis für die Verteidigung des Abendlandes in den kommenden Jahren. Damals, als von deutschen Offizieren aufgehängte deutsche Soldaten die einmarschierenden Sieger von der Laterne begrüßten.

Die aus der Naziwehrmacht wiedererrichtete Bundeswehr legte sich gleich drei nach Prinz Eugen benannte Kasernen zu, und auch Molo-Freund Theodor Heuss wollte keine fliehenden Soldaten: »Nun siegt mal schön«, rief er freundlich den ersten »Freiwilligen« zu.

Die Berufung auf das vom edlen Ritter gerettete Abendland diente in den letzten Jahren des Naziregimes dem Durchhaltewillen gegen Bolschewisten, Juden und Freimaurer. Damals erschienen mehrere Prinz-Eugen-Biographien, und eine wichtige Denkschrift: Heinrich Himmler erinnerte noch 1944 in einer ganz offiziell von ihm als Reichsführer SS herausgegebenen Untersuchung »Das Reich und die Deutschen« an Prinz Eugen als einen »der größten Staatsmänner deutscher Geschichte«. Er sei es gewesen, der – expansiv – auf die Donau als auf die »Achse der Südostausdehnung« verwies und der »zugleich um die tausend Einzelheiten der deutschen Besiedlung jenes Raumes besorgt war – Feldherr, Staatsmann und Kolonisator in einem«. Der von Prinz Eugen mit einem »Netz deutscher Siedlungen« überzogene Karpatenraum nahm »in seiner Gesittung alsbald ein deutsches Gesicht an«.

Als nun dieses deutsche Gesicht von den Tito-Partisanen bedroht war, schritt der Reichsführer 1942 zusammen mit SS-Obergruppenführer Werner Lorenz, dem Leiter des Hauptamts Volksdeutsche Mittelstelle und späteren Schwiegervater Axel Cäsar Springers, zur Gründung der 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division. Sie bekam auf Vorschlag ihres ersten Kommandanten, des SS-Gruppenführers Artur Phleps, den Namen »Prinz Eugen«. Die Division erwies sich bei ihren »Säuberungsaktionen« ihres Namenspatrons würdig – Bericht der »Jugoslawischen Staatskommission zur Feststellung von Kriegsverbrechen« über die SS-Division »Prinz Eugen«: »Diese Massenschlächterei wurde in allen Dörfern in derselben schrecklichen Weise durchgeführt. Die deutschen Soldaten trieben Frauen, Kinder und Männer auf einen Platz zusammen und eröffneten dann Maschinengewehrfeuer auf die Menge. (…) Nicht einmal die Säuglinge an der Mutterbrust wurden verschont.« Die SS selbst bestätigte intern solche Berichte. Am 15. Juli 1943 meldete SS-Sturmbannführer Wolfgang Reinholz, stellvertretender Leiter des SS-Einsatzkommandos 2, Sarajevo: »Am 12.7.43 ereignete sich ein weiterer Vorfall, der die Erregung der muselmanischen Bevölkerung im hiesigen Raum noch steigerte. Im Lauf des 12. Juli wurden in Kosutica von Angehörigen der SS-Division ›Prinz Eugen‹ etwa 40 muselm. (anische; O.K.) Männer, Frauen und Kinder angeblich« – angeblich – »als Vergeltung für Beschießung aus dem Dorf erschossen«.

KZ, Arbeitskolonnen, Todesstrafe

Dieses Massaker war auf die »Taktischen Grundsätze für die Führung des Kleinkriegs« zurückzuführen, die der erste Kommandant der 7. SS-Freiwilligen-Division »Prinz Eugen«, SS-Obergruppenführer Phleps, schon im April 1942 aufgestellt hatte: »Geheim! (…) Die Bevölkerung muß wissen, daß sie keine Schonung findet, wenn Banden unangemeldet in ihrem Raum auftreten und es zum Kampfe kommt. Dem fanatisch kämpfenden Feind muß ein noch fanatischer und besser kämpfender Streiter entgegentreten. Es muß also das Kämpferische mit dem Jagdmäßigen vereint in kühnen Wegen zum Erfolg gebracht werden.«

Wie heute der bedeutende Gelehrte Christopher Clark die Schuld am Ersten Weltkrieg am ehesten dem grausamen serbischen Nationalcharakter zurechnet (siehe jW-Thema vom 9.10.2013), erkannte der SS-General schon damals: »Eine fanatisierte Bevölkerung, besonders serbischer Nationalität, verträgt keine von Humanitätsduselei beeinflußte, vornehme, duldende Behandlung. Sie respektiert nur die brutale Gewalt. Sie will und muß den Herren jeder Zeit fühlen. (…) Die Bevölkerung muß derart durch die Aktionen unserer Abteilungen und durch das Auftreten des einzelnen beeindruckt sein, daß bereits das Erscheinen eines einzelnen Mannes, der die Odalrune (Kennzeichen der SS-Division »Prinz Eugen«; O. K.) am Spiegel und das Hoheitszeichen am Arme trägt, Respekt einflößt und jede feindselige Handlung erstickt.« Vor allem aber: »Beteiligt sich die Bevölkerung am Bandenkampf, so ist sie ohne Schonung zur Gänze niederzumachen und der Ort anzuzünden.«

Später, als »Prinz Eugen« vor allem in Kroatien wütete, forderte Phleps: »Konzentrationslager, Arbeitskolonnen und die Todesstrafe müssen Hand in Hand die Übeltäter fassen.« Und dann verlangte der Kommandeur auch: Die Judenfrage müsse »endlich zumindest im Sinne wie in Ungarn gelöst werden«. Das war, schließlich, ein deutliches Bekenntnis zum Holocaust.

Auf dem Heldenplatz in Wien trommelte am 15. März 1938 die Epiphanie des Reichsgedankens in die ganze Welt hinein – so mächtig, daß das Echo erst am 8. Mai 1945 zurückgeschallt war. Aber einer ragt auf dem Heldenplatz immer noch ins Firmament, der Retter des Abendlandes, Prinz Eugen, der edle Ritter. – Und nun, Volk von Wien, steh auf, bewundere den Prinzen in seinem Schloß. Um 18 Uhr wird zugemacht.

Anmerkung

1 Konrad Kramar und Georg Mayrhofer: Prinz Eugen – Heros und Neurose. Residenz Verlag, St. Pölten 2013, 256 Seiten, 21,90 Euro

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/10-18/019.php