21. Dezember 2011

Verbrannte Erde

Sowjetische Verstärkungen auf dem Weg an die Front. Sie kommen vor allem aus dem Fernen Osten, wo zunächst kein Angriff droht - Quelle: jW-Archiv

Geschichte. Im Dezember 1941 befahl die Wehrmacht, vor Moskau wüstenähnliche Zonen gegen die Offensive der Sowjetarmee zu schaffen

Martin Seckendorf

»Heute ist nun der Beginn der letzten großen Entscheidungsschlacht dieses Jahres«, heißt es im Tagesbefehl Hitlers vom 1. Oktober 1941 an die »Soldaten der Ostfront« zu Beginn der Offensive der Wehrmacht gegen Moskau. Verheerend wie ein Wirbelsturm sollte die Operation »Taifun«, wie die Deckbezeichnung der geplanten Offensive lautete, die vermeintlich letzten Großverbände der Roten Armee östlich von Smolensk hinwegfegen und noch 1941 den Zusammenbruch der UdSSR erzwingen. Die Schlacht, so Hitler, werde den »Feind (…) vernichtend treffen«. Noch vor Einbruch des Winters werde der bolschewistische Gegner zerschmettert sein. Für diesen »letzten gewaltigen Hieb« lägen, behauptete er wahrheitswidrig, »ungeheure« Lager an Verpflegung, Treibstoff und Munition bereit.

Dabei hätte nach den Planungen der am 22. ­Juni 1941 begonnene Krieg gegen die Sowjetunion zu diesem Zeitpunkt schon entschieden sein sollen. Die »Weisung Nr. 21« vom 18. Dezember 1940 sah vor, noch vor Einbruch des Winters »Sowjetrußland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen«. Als »Endziel der Operation« für 1941 wurde das Erreichen »der allgemeinen Linie Wolga-Archangelsk« festgelegt (siehe jW-Thema vom 18.12.2010).

Alle operativen, rüstungswirtschaftlichen und logistischen Planungen waren auf diesen Blitzkrieg ausgerichtet. Verzögerungen etwa durch den Widerstand der Roten Armee oder Nachschubschwierigkeiten wurden nicht einkalkuliert.

Die ersten Tage des Krieges schienen den deutschen Generalen Recht zu geben. Rasch wurden die sowjetischen Linien durchbrochen. Binnen drei Wochen war die Wehrmacht über 500 Kilometer vorgedrungen. Die deutsche Führung verfiel in Siegeseuphorie. Der Generalstabschef des Heeres, Franz Halder, notierte am 3. Juli 1941 in seinem Kriegstagebuch: »Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, daß der Feldzug gegen Rußland innerhalb 14 Tagen gewonnen wurde.«

Operation »Taifun«

Doch schon die Schlacht bei Smolensk bis Anfang August verzögerte den Angriff auf die sowjetische Hauptstadt. Obwohl die Rote Armee schwere Verluste erlitt, gewann die Sowjetunion durch den opferreichen Widerstand der Rotarmisten mehr Zeit zum Ausbau der Verteidigung vor Moskau. Weitere Verzögerungen ergaben sich dadurch, daß die deutsche Führung vor einer Offensive gegen Moskau die Ukraine erobern wollte. Angesichts der prekären Wirtschafts- und Versorgungslage Deutschlands schien der Besitz der landwirtschaftlich, rohstoffmäßig und industriell wichtigen Ukraine von erstrangiger Bedeutung. Außerdem sollte damit die Sowjetunion von ihren kriegswirtschaftlich bedeutenden Gebieten abgeschnitten und deren wirtschaftlicher Zusammenbruch herbeigeführt werden.

Am 19. September fiel Kiew. Die Hoffnung, schnell in den Kaukasus vorzustoßen, scheiterte am Don. Es gelang nicht, Rostow, das Tor zu den Ölgebieten des Kaukasus, zu erobern. Die Wehrmacht erlitt dort die erste große Schlappe im Zweiten Weltkrieg.

Die seit September 1941 vorbereitete zweigliedrige Operation »Taifun« sollte »bis zum Einbruch des Winterwetters«, wie es in der »Weisung Nr. 35« Hitlers für die Offensive hieß, die Kriegsentscheidung erzwingen. Im ersten Schritt waren die großen Verbände der Roten Armee östlich von Smolensk zu besiegen. In dem sofort folgenden zweiten Schritt sollte der Angriff zentral in Richtung Moskau sowie südlich über Tula und nördlich über Kalinin an der sowjetischen Hauptstadt vorbei zu einer riesigen Zangenbewegung weiterentwickelt werden. Die Zangenarme hatten sich östlich Moskaus zu treffen und den eisernen Ring um die Stadt zu schließen (siehe jW-Thema vom 30.9.2011).

Für die »Entscheidungsschlacht« stellte die Wehrmacht eine beachtliche Streitmacht auf. Die Heeresgruppe Mitte, die den Hauptstoß führen sollte, wurde durch große Panzerverbände verstärkt. Allerdings hatten die Deutschen in den vorausgegangenen Schlachten nicht nur Zeit, sondern auch Menschen und Material in Größenordnungen verloren, die nicht mehr vollständig ersetzt werden konnten. Selbst die Speerspitze von »Taifun«, die Panzer- und motorisierten Verbände, hatten beträchtlich an Kampfkraft eingebüßt. Außerdem führten der erhöhte Verbrauch der Verbände bei Vorbereitung und Durchführung der Offensive zusammen mit der Überdehnung der Verbindungswege sowie den Schwierigkeiten nach Beginn der Regenzeit zu Nachschubproblemen, die sich bald zu einer veritablen Versorgungskrise entwickelten.

Zunehmend machte den Deutschen auch der Partisanenkampf zu schaffen. Das Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) vermerkte am 1. Oktober, daß »in allen Divisionsabschnitten« im rückwärtigen Gebiet der Heeresgruppe Mitte »Zusammenstöße mit Partisanen« stattfanden, die versucht hatten, wichtige Bahnlinien zu unterbrechen. Starke SS- und Polizeiverbände und vier Sicherungsdivisionen der Wehrmacht mußten gegen die Partisaneneinheiten aufgeboten werden.

Zwischen dem 30. September und 2. Oktober begannen 79 Divisionen die Operation »Taifun«. Bis Moskau waren es noch 300 Kilometer. Die Wehrmacht durchbrach die sowjetischen Linien. In riesigen Kesselschlachten wurden mehrere Großverbände der Roten Armee vernichtet oder schwer angeschlagen. Am 18. Oktober wurde Moshaisk besetzt. Bis Moskau waren es nur noch 100 Kilometer. Für das Sowjetland begannen die »wohl kritischsten Tage« des Krieges, wie Sergej Schtemenko, damals Mitarbeiter im Generalstab der Roten Armee, in seinen Erinnerungen schrieb.

Die ersten Erfolge lösten innerhalb der deutschen Führung wiederum Siegestaumel aus. Schon am 3. Oktober verkündete Hitler im Berliner Sportpalast, die Sowjetunion sei »bereits gebrochen und (werde) sich nie mehr erholen«. Generalstabschef Halder notierte: »Die Operation ›Taifun‹ verläuft geradezu klassisch.« Er meinte, »daß bei einigermaßen richtiger Führung und bei einigermaßen gutem Wetter die Einschließung von Moskau gelingen muß«. Eduard Wagner, Generalquartiermeister des Heeres, notierte: »Wir haben den Eindruck, daß der letzte große Zusammenbruch (der Roten Armee – M.S.) unmittelbar bevorsteht.« Am 9. Oktober verkündete Reichspressechef Otto Dietrich, »der Feldzug im Osten ist (…) entschieden«. Es bestehe »kein Zweifel, daß die gesamte sowjetische Front zertrümmert ist«. Der Völkische Beobachter tönte am 10. Oktober auf der Titelseite: »Die große Stunde hat geschlagen: Der Feldzug im Osten entschieden«. Der Leitartikel trug die Überschrift »Das militärische Ende des Bolschewismus«.

Blitzkrieg gescheitert

Ende Oktober wurde der Angriff unterbrochen. Im Kriegstagebuch des OKW heißt es am 17. Oktober, vor der Moskauer Verteidigungsfront »leistet der Feind (…) ungewöhnlich zähen Widerstand (…) Nach Meldungen der Truppenkommandeure sind die dortigen Kämpfe die schwersten, welche die Truppe bisher durchgemacht hat«. Eine Meldung der Heeresgruppe Mitte vom 19.10. faßte die Gründe für den Stopp der Offensive zusammen: »Die Operationen (…) werden weiterhin außer durch starken Feindwiderstand (…) durch die ungünstige Wetter- und Straßenlage und die dadurch entstehenden Versorgungsschwierigkeiten erheblich verzögert.« Ende Oktober verfügten die deutschen Verbände nur noch über 61 Prozent ihrer Kampfkraft.

Erst am 15. November konnte die Offensive wieder aufgenommen werden. Obwohl stark geschwächt, kamen die Faschisten der sowjetischen Hauptstadt gefährlich nahe. Einige Einheiten befanden sich nur noch 25 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Doch der Widerstand der von Partisanen und Bevölkerung unterstützten Soldaten der Roten Armee nahm mit jedem Schritt, den die Faschisten gegen Moskau gingen, zu. Deutsche Kommandeure bezeichneten »die Kämpfe am 19. und 20.11. (als) die schwersten und verlustreichsten seit Beginn des Feldzuges«.

Anfang Dezember mußte die Offensive eingestellt werden. Hitlers »Weisung Nr. 39« vom 8. Dezember befahl den »Übergang zur Verteidigung«. Damit wurde von höchster Stelle eingestanden, daß der Blitzkrieg gescheitert war.

Sicher waren Temperaturen um minus 35 Grad ein ernstes Hindernis für die Wehrmacht, deren Soldaten noch zu großen Teilen keine Winterausrüstung hatten. Auch die Technik war eher auf mitteleuropäische Temperaturen ausgelegt. Denn nach den Blitzkriegsplanungen sollten um diese Zeit keine großen Operationen mehr nötig sein und die »Truppe« in festen Unterkünften östlich von Moskau überwintern. Die Verluste durch Erfrierungen stiegen stark. Die Ergebnisse einer mit großem Propagandaaufwand durchgeführten Pelzsammlung in Deutschland erreichten wegen der Transportprobleme die Soldaten nicht.

Entscheidend aber war, daß sich das Kräfteverhältnis auf dem Schlachtfeld signifikant zugunsten der Roten Armee verändert hatte. Die sowjetischen Streitkräfte waren nach dem Zeugnis des für die Verteidigung Moskaus zuständigen Oberbefehlshabers der Westfront, Georgi Schukow, durch die langen, erbitterten Kämpfe seit Beginn von »Taifun« und die widrigen Wetterbedingungen ebenfalls stark geschwächt. Im Gegensatz zur Wehrmacht konnte die Sowjetunion aber auf gut ausgebildete, für den Winterkampf ausgerüstete Truppen aus der Reserve des Oberkommandos zurückgreifen. Die neuen Verbände kamen vor allem aus dem Fernen Osten. Die schwerwiegende Entscheidung, den sowjetischen Osten gegenüber dem aggressiven Japan militärisch zu entblößen, war durch Meldungen u.a. des Kundschafters der Roten Armee und deutschen Antifaschisten Richard Sorge aus Tokio ermöglicht worden. Darin wurde mitgeteilt, daß Japan gegen die Sowjetunion vorerst militärisch nicht vorgehen werde.

Seit Ende November trafen deutsche Truppen auf die sowjetischen Verstärkungen. Der Oberbefehlshaber der südlich von Moskau bei Tula stehenden 2. Panzerarmee, Heinz Guderian, meldete am 20.11., daß vor der Front seiner Armee neue, »sibirische Divisionen«, die »kampflustig und gut ausgebildet« seien, in Stellung gingen. Am 8. Dezember berichtete die Spionageabteilung des Heeres über 24 Schützendivisionen, eine Kavalleriedivision und zehn Panzerdivisionen, die neu vor der Heeresgruppe Mitte aufgetaucht seien. Der OKW-Lagebericht vom 22. Dezember meldet, die neuen sowjetischen Verbände seien »recht gut ausgerüstet und kampfkräftig«.

Während die deutsche Führung und die verantwortlichen Befehlshaber das Desaster der Wehrmacht vor Moskau vor allem auf das Wetter schoben – so heißt es in Hitlers Weisung Nr. 39, der »strenge Winter im Osten und die dadurch eingetretenen Versorgungsschwierigkeiten« hätten zum Scheitern von »Taifun« geführt –, gab es auch Wertungen, die näher an der Realität lagen. Auf einer Beratung der Rüstungsinspekteure und Rüstungskommandeure der Wehrmacht am 21. Dezember 1942 sagte der Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes im OKW, Georg Thomas, daß neben den nicht einkalkulierten Witterungsbedingungen vor allem »die Zähigkeit des russischen Soldaten und die überraschende Leistung der russischen Rüstungsindustrie« zur Niederlage vor Moskau geführt hätten. Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, Fedor von Bock, gestand schon Anfang Dezember 1941 ein, daß »die Unterschätzung der Widerstandskraft des Feindes und seiner personellen und materiellen Reserven« maßgeblich zu »der gegenwärtigen schweren Krise geführt« hätten.

Am 5. Dezember wurde die Wehrmacht von einer sowjetischen Gegenoffensive überrascht. Trotz Durchhaltebefehlen und Androhung drakonischer Strafen geriet der Rückzug vielerorts zur Flucht. Mehr als 100 Kilometer trieben die Rotarmisten die Faschisten in der Dezemberoperation nach Westen.

Die Führung der UdSSR beschloß am 5. ­Januar 1942, den Angriff in eine allgemeine Offensive auf dem gesamten Kriegsschauplatz umzuwandeln. Am Ende der sowjetischen Winteroperationen im März 1942 war die Wehrmacht bis zu 400 Kilometer zurückgedrängt worden.

Verbrecherische Befehle

Über ausreichende militärische Mittel, die Rote Armee zu stoppen, verfügten die Deutschen nicht mehr. Da ein Rückzug in den Planungen nicht vorgesehen war, existierten auch keine ausgebauten rückwärtigen Stellungen. Um den Vormarsch der sowjetischen Streitkräfte wenigstens zu verzögern, ergingen von der Wehrmachtsführung Befehle, die vor allem die Lebensgrundlage der Zivilbevölkerung nachhaltig zerstören sollten. Vor Moskau wandten die Deutschen zum ersten Mal das Prinzip »verbrannte Erde« als militärisch taktisches Mittel zur Deckung des Rückzuges an.

Am 21. Dezember 1941 erging der erste grundlegende Befehl. Das OKW hatte angewiesen, »alle aufgegebenen Gehöfte« niederzubrennen. Um die fehlende Winterbekleidung der deutschen Soldaten auszugleichen wurde befohlen, »Gefangene und Einwohner rücksichtslos von Winterbekleidung (zu) entblößen«. Bei Nachttemperaturen von unter minus 35 Grad bedeuteten die beiden Festlegungen den sicheren Tod für Zivilisten und Kriegsgefangene im Rückzugsgebiet. Die Anordnung ging an die Operationsabteilung im Generalstab des Heeres, die die Durchführung zu verantworten hatte. Deren Leiter hieß Adolf Heusinger. Nach 1945 war er maßgeblich am Aufbau der Bundeswehr beteiligt und deren erster Generalinspekteur. Von 1961 bis zum 26. Februar 1964 leitete Heusinger den Militärausschuß der NATO.

Das Oberkommando des Heeres forderte am 12. Januar 1942 von den zurückflutenden Truppen, »alle Verkehrsanlagen und Unterkünfte niederzubrennen«. Kommandeure hatten vorauseilend oft schon im Sinne der zentralen Weisungen gehandelt. Ende November 1941 ging der Oberbefehlshaber der 2. Panzerarmee, Heinz Guderian, davon aus, daß mit der Sprengung aller Nachschubwege und der Zerstörung aller als Unterkunft dienender Gebäude der Vormarsch der Roten Armee gestoppt werden könne. Am 25. Dezember meldete er, seine Panzerarmee habe »sich unter Durchführung weitgehender Zerstörungen (…) planmäßig« zurückgezogen.

Die Zerstörungen reichten offensichtlich nicht. Die Wehrmacht ging dazu über, in großem Umfang die Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde zu mißbrauchen. Der Kommandeur des Infanterieregiments 512, Hans Schnittnig, erließ am 10. Dezember 1941 folgenden Befehl: »Die jeweils zu räumende Zone muß nach Absetzen eine Wüstenzone sein (…) Um eine restlose Zerstörung herbeizuführen, sind sämtliche Häuser abzubrennen (…) Die Maßnahme, Schaffung einer Wüstenzone, ist von entscheidender Bedeutung für die Kampfführung im Winter und muß dementsprechend rücksichtslos und vollständig durchgeführt werden.« Um den Vormarsch der Roten Armee zusätzlich zu verzögern, sollte die Bevölkerung »im Laufe der Nacht in Richtung der russischen Front« getrieben werden.

Am 9. Januar 1942 erließ das bei Moshaisk zurückflutende V. Armeekorps der 4. Panzerarmee unter Erich Hoepner den Befehl, in dem aufgegebenen Gebiet »alle Ortschaften niederzubrennen«. Die Bevölkerung sollte mit Gewalt nach Osten gegen die vordringende Sowjetarmee »abgeschoben« werden.

Die Folgen der Zerstörungspolitik beschreibt Konstantin Simonow, damals Frontberichterstatter der Armeezeitung Krasnaja Swesda, in seinen Kriegstagebüchern. Die Dezember-Offensive erlebte er südlich von Moskau im Bereich der 10. sowjetischen Armee. Über seine Erlebnisse im Gebiet Michailow, der ersten Stadt, die die 10. Armee befreit hatte, berichtet er: »Die Truppen zogen durch Dörfer, die von den Deutschen restlos niedergebrannt worden waren. Links und rechts der Straße lagen verkohlte schwarze Trümmerhaufen, nur die Schornsteine und die Öfen waren erhalten«. Weiter heißt es: »Schließlich hielten wir in einem Dorf, das die Deutschen erst vier Stunden vor unserem Eintreffen verlassen hatten. Es brannte (…) Die Hausfrau erzählte schluchzend, wie die Deutschen alle in die Kälte getrieben und das Dorf in Brand gesteckt hatten, wie sie ihren Nachbarn getötet hatten, weil er versuchte, in seinem Haus das Feuer zu löschen (…) Am Abend fuhren wir durch Jepifan. Die Stadt war fast völlig ein Raub der Flammen geworden«. Zusammenfassend schreibt er: »Die abziehenden Deutschen verbrannten alles, was sie verbrennen konnten (…) Daß die Deutschen sich überall bemühten, auch das letzte Haus niederzubrennen, vermag ich zu bezeugen.«

Gigantische Verwüstungen

Nach dem Debakel von Stalingrad im Februar 1943 setzte eine allgemeine Rückzugsbewegung der Wehrmacht ein. Es entstand ein ausgefeilter, für alle Dienststellen verbindlicher Methoden- und Ablaufkatalog für »Auflockerungs-, Räumungs-, Lähmungs- und Zerstörungsmaßnahmen (ARLZ)«. Darin war angeordnet, vor den Zerstörungen die Wirtschaftsgüter und die arbeitsfähige Bevölkerung aus dem Räumungsgebiet abzutransportieren. Alle Vorbereitungen für ARLZ-Maßnahmen sollten, so die zentrale Weisung des Wirtschaftsstabes Ost vom 21. Februar 1942, unter dem »Gesichtspunkt des weitmöglichsten Abtransportes von Wirtschaftsgütern und Arbeitskräften« stabsmäßig geplant werden. Nach dem Raub alles Brauchbaren und der Deportation der arbeitsfähigen Bevölkerung hätten großflächige Sprengungen und Brandschatzungen zu erfolgen.

Für die Räumung der Ukraine im Herbst 1943 hatte der Wirtschaftsstab Ost unter General ­Otto Stapf folgenden Befehl: Es müsse erreicht werden, daß in den geräumten Gebieten »kein Mensch, kein Vieh, kein Zentner Getreide, keine Eisenbahnschiene zurückbleiben; daß kein Haus stehenbleibt, kein Bergwerk vorhanden ist, das nicht für Jahre gestört ist, kein Brunnen vorhanden ist, der nicht vergiftet ist. Der Gegner muß wirklich ein total verbranntes und zerstörtes Land vorfinden.«

Der Wirtschaftstab Ost war das zentrale staatsmonopolistische Organ zur wirtschaftlichen Ausplünderung der UdSSR. Dessen Regeln für ARLZ-Maßnahmen flossen in operative Weisungen der Wehrmacht ein. Am 4. September 1943 erging ein von der unter Leitung des inzwischen zum Generalleutnant beförderten Adolf Heusinger stehenden Operationsabteilung im Generalstab des Heeres erarbeiteter Befehl an die Heeresgruppe A zur Räumung des Kuban-Brückenkopfes. Es wurde angeordnet, alle arbeitsfähigen Zivilisten und »sämtliche sonstigen Landesvorräte, wie Fahrzeuge, Vieh und Schiffsgefäße aller Art usw.« abzutransportieren. Danach sollten großflächige Zerstörungen erfolgen: »Alle dem Gegner nutzbringenden Anlagen, Unterkunftsmöglichkeiten, Straßen, Kunstbauten, Dämme usw. müssen nachhaltig zerstört werden. Sämtliche Eisenbahnen und Feldbahnen sind abzubauen bzw. restlos zu zerstören.« Außerdem waren alle »Anlagen für Ölgewinnung vollständig« zu zerstören. Der Hafen von Noworossijsk war derart zu schädigen, daß seine Benutzung »auf lange Zeit unmöglich gemacht wird«. Endziel sollte sein, »ein auf lange Zeit voll unbrauchbares, unbewohnbares, wüstes Land« zu hinterlassen.

Die in der Sowjetunion erarbeiteten und »erprobten« Richtlinien für die Räumungs- und Zerstörungsmaßnahmen wurden Vorbild für die in anderen besetzten Gebieten erlassenen Räumungs- und Zerstörungsbefehle.

Als die alliierten Armeen die deutschen Grenzen überschritten, erließ die Naziführung in der irrigen Annahme, damit ihren Untergang zu verzögern, ähnliche Befehle auch für das »Reichsgebiet«. Noch am 19. März 1945 erging der im nachhinein so genannte Nero-Befehl. Danach sollten in Deutschland » (a)lle militärischen Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebietes, die sich der Feind zur Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann«, zerstört werden.«

Gestützt auf die seit der Schlacht vor Moskau ergangenen »Räumungsbefehle« hinterließ die Wehrmacht vor allem in der Sowjetunion und in Südosteuropa eine breite Spur totaler Verwüstungen mit unvorstellbar großen Schäden für die Zivilbevölkerung und die Volkswirtschaften der besetzten Länder.

Dr. Martin Seckendorf ist Historiker und Mitglied der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. Weitere Beiträge von ihm finden sich in der jW-Broschüre »Barbarossa. Raubkrieg im Osten«, Berlin 2011, 5,80 Euro, im jW-Shop erhältlich, Bestellungen an ni@jungewelt.de

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2011/12-21/015.php