7. Februar 2013

Vereint kämpfen

In seiner Ziegenhals-Rede forderte der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann die Schaffung einer Einheitsfront »von unten und von oben« (Foto: Thälmann spricht auf dem Allunionskongreß der Metallarbeitergewerkschaften in Moskau 1928) - Fotoquelle: jW-Archiv

Vor 80 Jahren tagte die KPD-Führung in Ziegenhals. Dort rief Ernst Thälmann zu Massenaktionen gegen den Faschismus auf

Eberhard Czichon

Ziegenhals ist ein kleiner, dem Städtchen Königs Wusterhausen zugehöriger Ortsteil am Südostrand von Berlin. Hier trafen sich wenige Tage nach der Machtübertragung an die Faschisten am 7. Februar 1933 mehrere Mitglieder des Zentralkomitees und Bezirkssekretäre der KPD in einem Sporthaus. Die Tagung fand unter konspirativen Bedingungen statt, die KPD stand de facto in der Illegalität und sah sich dem fortwährenden Terror der SA-Banden ausgesetzt. Ernst Thälmann sprach dort zum letzten Mal vor seiner Verhaftung. In seiner Rede deutete sich die strategische Wende im Kampf um die Einheitsfront und im Kampf gegen den Faschismus, die auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale 1935 ihre endgültige Gestalt erhalten sollte, bereits an. Die 80. Wiederkehr der Thälmann-Rede ist Anlaß, ihren Inhalt und ihre Begleitumstände ins Gedächtnis zu rufen.

Herbert von Dirksen, deutscher Botschafter in der UdSSR, meldete am 6. Februar 1933 in einer Geheimmeldung nach Berlin, daß sich Thälmann 48 Stunden in Moskau aufgehalten habe. Wie dem Botschafter »aus gut unterrichteten Quellen« mitgeteilt wurde, habe Thälmann mit Manuilski und Stalin die neue Lage in Deutschland beraten, die durch den »Kabinettswechsel« entstanden sei.

Thälmann habe die Instruktion erhalten, so von Dirksen weiter, Provokationen und bewaffnete Zusammenstöße mit den Behörden zu vermeiden. Der Botschafter war weiter darüber informiert worden, daß in den Kreisen der deutschen Politemigranten die Ansicht herrsche, »… daß jetzt der Augenblick zum Losschlagen gekommen sei« und ein Zurückweichen der KPD schweren moralischen Schaden zufügen würde.

Als »Kabinettswechsel« bezeichnete der Botschafter von Dirksen die am 30. Januar 1933 von einflußreichen Gruppen des deutschen Finanzkapitals mit Unterstützung der ostelbischen Junker erfolgte Übergabe der politischen Macht an Hitler, den Führer der deutschen faschistischen Partei. Die KPD hatte gegen die Machtübergabe zum Generalstreik aufgerufen. Doch im Gegensatz zum 13. März 1920, als Kapp und Lüttwitz gegen die Weimarer Republik putschten, waren die Gewerkschaftsführer und die sozialdemokratische Parteiführung diesmal nicht bereit, den Generalstreik zu unterstützen. Angesichts dieser Sachlage war die Reise Thälmanns zur taktischen Abstimmung mit dem Präsidium des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) vom Politischen Sekretariat beschlossen worden.

Einheitsfront gegen Hitler

Am 2. Februar 1933 hatte die Politische Polizei die KPD-Zentrale, das Karl-Liebknecht-Haus, besetzt und durchsucht. Auch Büros der Bezirksleitungen der KPD und Büros von Massenorganisationen, die mit der KPD verbunden waren, wurden überfallen. Gesucht wurden Materialien, um der KPD einen »bewaffneten Aufstand« unterstellen zu können. Obwohl bei den Durchsuchungen kein »Aufstandsplan« gefunden worden war, hatte der Kommissar des Reiches im Preußischen Ministerium des Innern, Dr. Rudolf Diels, am folgenden Tag an den Reichsminister des Innern, den Nazi Wilhelm Frick, eilfertig gemeldet, daß die KPD nunmehr einen »Umsturz über einen Generalstreik« plane. Daher seien alle kommunistischen Versammlungen unter freiem Himmel und alle Aufforderungen zum Streik zu verbieten. Weiter ordnete er an, alle anderen Versammlungen der KPD polizeilich zu überwachen.

Thälmann behauptete später in der Nazi-Haft vor dem Oberreichsanwalt, entsprechend den Regeln der Konspiration, bis Anfang Februar in Hamburg krank gewesen zu sein. Auch alle Protokolle des Sekretariats und des Politbüros der KPD von Januar und Februar 1933, die der Gestapo in die Hände gefallen waren, wies er als Fälschungen zurück, zumal ihm bekannt sei, so argumentierte Thälmann, daß bei diesen Sitzungen nicht protokolliert wurde. Doch die angesprochenen Sitzungsprotokolle des Politischen Sekretariats und des Politbüros sind Bestandteile des Historischen Archivs der KPD. Nach diesen Unterlagen leitete Thälmann vom 1. bis zum 3. Februar die Sitzungen der leitenden Parteigre­mien, auf denen die Mitglieder der Parteiführung gemeinsam mit Thälmann über die Möglichkeit diskutierten, wie ein Massenstreik gegen das Hitler-Papen-Kabinett organisiert und die Einheitsfront mit den sozialdemokratischen Arbeitern zum Sturz der Hitler-Regierung erreicht werden könne, und ferner darüber, wie die Partei ihre Legalität verteidigen und sich gleichzeitig auf die Illegalität vorbereiten müsse. Außerdem stand die KPD nach der Auflösung des Reichstages und des Preußischen Landtages vor einer neuen Wahlkampagne. Beide Wahlen waren auf den 5. März festgesetzt.

Hitler hatte es aus Furcht vor einem Generalstreik nicht gewagt, die KPD offiziell zu verbieten. Möglicherweise aber auch aus dem Kalkül heraus, daß bei einem Verbot der KPD deren Stimmen der noch legalen SPD zugute gekommen wären, was zu einer von der Hitler-Regierung nicht erwünschten Stärkung der Sozial­demokraten geführt hätte.

Um die Partei auf die Illegalität und zugleich auf den bevorstehenden Wahlkampf einzustellen, beschloß das Politbüro am 3. Februar auf Vorschlag Thälmanns, eine Reichskonferenz der Politischen Bezirkssekretäre, ZK-Instrukteure und Abteilungsleiter einzuberufen. Aus dem Zusammenhang der vorliegenden Dokumente ergibt sich die Schlußfolgerung, daß Thälmann die im Politbüro und dem Politischen Sekretariat diskutierte Einschätzung des Kräfteverhältnisses und der Taktik der KPD mit den Mitgliedern des Präsidiums des EKKI abstimmen wollte, dem er ja selbst angehörte. Insofern bereitete seine Kurzreise nach Moskau gleichzeitig die einberufene Reichskonferenz vor. Sie ist später als letzte Tagung des ZK der KPD, auf der Thälmann sprach, bekannt geworden.

Die Bereitschaft der Arbeiterklasse zum Widerstand gegen das Hitler-Kabinett war nicht erstickt. Unter den sozialdemokratischen Arbeitern in den Betrieben und Stempelstellen wurde ausgiebig über eine Einheitsfront mit den Kommunisten und einen Generalstreik gegen Hitler diskutiert. Es gelang den Kommunisten, auf diese Diskussionen einen erheblichen Einfluß zu gewinnen. Das jedenfalls wurde von den SPD-Versammlungen berichtet, die zur Vorbereitung des Parteitages stattfanden, und das wird auch deutlich in den Sitzungen des Vorstandes Anfang Februar 1933. Über das Problem, wie die SPD auf den Ausbruch eines Generalstreiks reagieren müsse, diskutierte der Parteivorstand gemeinsam mit Vertretern des ADGB am 5. Februar.

Sozialdemokraten uneinig

Der Vorsitzende Otto Wels berichtete, daß möglicherweise »die Arbeiter nicht mehr zu halten seien« und argumentierte, daß an Wahlen nicht mehr zu denken sei, wenn die »Lawine ins Rollen käme«. Der Parteivorstand müsse daher versuchen, »sie in unsere Bahnen zu leiten«. Sein Kovorsitzender Hans Vogel beruhigte Wels: Sicher sei, »daß die Arbeiter nur unseren Parolen folgen und nicht denen der Kommunisten«. ADGB-Chef Theodor Leipart ergänzte, daß die Arbeiter bei einem Generalstreik befürchten müßten, »ihren letzten Arbeitsplatz zu verlieren«. Friedrich Stampfer schlug vor, der KPD ein Angebot für einen eintägigen Generalstreik zu machen, »durch den auch gewissermaßen ein Ventil geöffnet würde«. Doch er stieß sofort auf Widerspruch bei Wilhelm Dittmann und Rudolf Hilferding. Ihm wurde entgegengehalten, er möge doch seine »fixe Idee« mit der Einheitsfront aufgeben. Lediglich Franz Künstler unterstützte Stampfer und fragte warnend, »ob wir die Arbeiter immer weiter zurückhalten sollten, wenn sich die Stimmung steigere und sie den kommunistischen Parolen Folge leisteten«. Schließlich disqualifizierte Stampfer die Einheitsfrontangebote der KPD im Leitartikel des Vorwärts am 11. Februar als »unehrlich«.

Nach der Rückkehr von seiner Konsultation mit den Genossen im Präsidium des EKKI bereitete Thälmann mit dem Politischen Sekretariat des Zentralkomitees die Beratung mit dessen Mitgliedern und den Bezirkssekretären vor, um die Partei auf die Aufgaben nach der Machtübergabe an Hitler und die Reichstagswahlen zu orientieren. Herbert Wehner, 1933 ein Mitarbeiter im ZK der KPD, schreibt, er habe davon abgeraten, eine solche zentrale Zusammenkunft durchzuführen, doch Thälmann habe wegen der politischen Notwendigkeit darauf bestanden. Die Konferenz mußte illegal vorbereitet werden. Die Teilnehmer wurden durch Kuriere benachrichtigt und am 7. Februar 1933 von verschiedenen Treffpunkten nach Berlin-Treptow in die dortige Sternwarte geleitet. Von dort aus brachte sie der Reisebus eines »Sportvereins« in zwei Gruppen nach Ziegenhals zu einer kleinen Sportlergaststätte am Rande von Berlin.

»Kegelklub« tagt geheim

In einer Gaststube des Sporthauses von Wilhelm Mörchel in Ziegenhals-Niederlehme kamen zirka 40 KPD-Funktionäre als »Kegelklub« zusammen. Es waren 22 ZK-Mitglieder und 17 Bezirkssekretäre – unter ihnen waren drei ZK-Mitglieder, acht Abteilungsleiter, von denen wiederum fünf dem ZK angehörten – und zwei ZK-Instrukteure. Paul Wojtkowski, der Politsekretär von Oberschlesien, erreichte zwar Berlin, verpaßte jedoch den illegalen Treffpunkt für die Abfahrt zur Tagungsstätte und konnte an der Zusammenkunft nicht teilnehmen. Von den Tagungsteilnehmern sind 19 im antifaschistischen Widerstandskampf der folgenden Jahre ermordet worden; zwei von ihnen, Walter Duddin und Werner Kraus, wurden zu Verrätern.

Die Konferenz wurde von Mitgliedern des Militärischen Apparats der KPD unter Leitung von Hermann Dünow abgesichert und von Walter Ulbricht geleitet. Das stenographische Protokoll der Sitzung sollte für den Druck vorbereitet werden, fiel aber der Gestapo bei der erneuten Durchsuchung des Karl-Liebknecht-Hauses am 23.2.1933 in die Hände. Der Oberreichsanwalt hat aus diesem Referat in der Anklageschrift von 1934 gegen Thälmann lange Passagen zitiert, die Thälmann während der Haft abschrieb. Die Rede Thälmanns hatte folgende Schwerpunkte: Die Einschätzung der neuen politische Lage in Deutschland, die Darlegung des Klassencharakters der Hitler-Papen-Regierung, die Orientierung der Partei auf die Schaffung der Einheitsfront von Kommunisten und Sozialdemokraten als Voraussetzung eines Bündnisses aller Antifaschisten gegen die Nazi-Diktatur. Nicht zuletzt diente die Tagung auch der Vorbereitung der bevorstehenden Reichstags- und Landtagswahlen. Bedeutungsvoll aber waren seine Korrekturen an der bisherigen Taktik der Kommunistischen Internationale und der KPD zur Überwindung der bisherigen sektiererischen Tendenzen.

Thälmann charakterisierte das Hitler-Papen-Kabinett als offene faschistische Diktatur und warnte vor legalistischen Illusionen. Er ging dann auf die Ursachen ein, daß es der KPD nicht gelungen war, die Machtübergabe an Hitler zu verhindern und einen Massenkampf gegen die Diktatur zu organisieren. Seiner Ansicht nach lag die Hauptursache darin, daß die KPD den Einfluß der reformistischen Führer auf die Arbeiterklasse nicht überwinden, nicht »liquidieren« konnte, wie er sich ausdrückte, weshalb auch der Generalstreik gegen Hitler gescheitert sei. Die weitere Aufgabe, so Thälmann, bestünde nunmehr darin, den Kampf um die Einheitsfront als Kombination der Einheitsfront »von unten und von oben« zu führen, also Einheitsfrontaufrufe an die sozialdemokratischen Arbeiter und Einheitsfrontangebote an sozialdemokratische Organisationen mit dem Ziel zu richten, den Sturz des Hitler-Papen-Kabinetts zu erreichen. Er betonte zugleich, daß der Kampf gegen die Regierung nicht mit dem Sieg der proletarischen Revolution verbunden sein könne, nicht »in den Kampf um die volle Macht des Proletariats umschlagen kann«. Mit dieser Auffassung wandte er sich gegen die geltende sektiererische Beschlußlage der Kommunistischen Internationale, die seit deren VI. Weltkongreß 1928 Geltung besaß, und bereitete ihre Überwindung vor. Thälmann betonte, daß das Ziel des antifaschistischen Massenkampfes jetzt sein müsse, eine unablässige Kette von Kämpfen auszulösen und alle Formen des Massenwiderstandes anzuwenden. In diese Massenaktionen, von der Demonstration über den Massenstreik bis zum Generalstreik, seien die Landarbeiter sowie die Klein- und Mittelbauern einzubeziehen. In diesen Kämpfen, hob Thälmann hervor, müsse ein Bündnis zwischen Stadt und Land entstehen. Damit knüpfte er an seine Rede vor dem ZK der KPD im Januar 1931 an, als er eine Vereinigung aller Antifaschisten für eine Volksrevolution gegen die faschistische Gefahr vorgeschlagen hatte. »Das zu verwirklichen heißt: Die faschistische Diktatur schlagen und zerschlagen!«

Strategische Wende

Die Tagung in Ziegenhals mußte abgebrochen werden, als die Gefahr bestand, daß sie entdeckt werden könnte. Insofern konnte sie nicht mit einer Diskussion und einem formalen Beschluß beendet werden, wie es bei ZK-Tagungen die Regel war. Doch Thälmanns Rede wurde für die KPD nicht nur der Auftakt zum Wahlkampf, sondern zugleich eine Plattform für den Kampf gegen die Hitler-Diktatur, auch wenn es der KPD infolge des staatlich organisierten Terrors zunächst nicht gelang, Thälmanns Orientierung in allen Bezirken und Redaktionen, vor allem aber an der Parteibasis unmittelbar durchzusetzen. Die Berliner Sozialdemokraten, die an diesem Tag eine Kundgebung im Lustgarten gegen das Hitler-Papen-Kabinett durchführten, beugten sich diesem Terror und ließen einen KPD-Vertreter, der ein Bündnisangebot überbringen wollte, mit dem Argument nicht zu, daß dann die Kundgebung aufgelöst werden könnte.

Während in den folgen Wochen die KPD trotz eines verschärften SA-Terrors immer wieder versuchte, die Arbeiter zum Widerstand gegen die faschistische Diktatur zu mobilisieren und dabei mit gewerkschaftlich und sozialdemokratisch organisierten Arbeitern zusammenzugehen, wiegelten deren leitenden Funktionäre diese Zusammenarbeit immer wieder mit dem Argument ab, die KPD betreibe lediglich Wahlpropaganda, um Stimmen zu gewinnen.

Thälmann, der bereits geheim in einer Charlottenburger Privatwohnung wohnte und arbeitete, leitete aus der Illegalität heraus den Wahlkampf der KPD. Ohne legalistische Illusionen, aber mit dem festen Vorsatz, alle noch vorhandenen Möglichkeiten wahrzunehmen, den Kampf gegen Hitler und sein Regime zu führen, lehnte er auch entschieden den Vorschlag ab, Deutschland zu verlassen und in die Emigration zu gehen oder in ein für ihn vorbereitetes Quartier außerhalb Berlins umzusiedeln. Zur politischen Durchsetzung der von ihm auf der Ziegenhalser Tagung dargelegten Strategie der Partei versuchte er dann Ende Februar 1933 nochmals, an alle Kommunisten zu appellieren, ihre »ganze Kraft und Energie, ja (ihr) ganzes Leben in den Dienst der Antifaschistischen Aktion zu stellen«. Jeder Kommunist müsse ein »Werber und Organisator der antifaschistischen Einheitsfront« werden, der »an der Spitze der Massen jeden Rest sozialer Errungenschaften, jeden noch so kümmerlichen Rest demokratischer Freiheit« verteidige. Er rief ihnen zu: »Verbrüdert Euch mit den (…) sozialdemokratischen, freigewerkschaftlichen und christlichen Klassengenossen (…) Faßt die Hände unserer Reichsbanner- und SPD-Kameraden«, bildet einen »Schutzwall gegen den Faschismus.«

Obwohl Thälmann als Reichstagsmitglied Immunität besaß, leitete die Gestapo nach dem von den Nazis selbst inszenierten Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 mit Hochdruck eine Fahndung gegen ihn ein. Von einem Laubennachbar seines Wirts denunziert, wurde er dann am 3. März 1933, zwei Tage vor der Reichstagswahl, von einem Kommando der Berliner Polizei verhaftet. Es war dem Parteiselbstschutz nicht gelungen, die Verhaftung ihres Parteivorsitzenden zu verhindern. Das war ein schwerer Schlag für die KPD, aber auch für das EKKI, denn die in der Ziegenhalser Rede enthaltenen strategischen Korrekturen hatten über Deutschland hinaus eine grundlegende Bedeutung für den antifaschistischen Kampf. Erschwerend für die Durchsetzung der Orientierung zur Schaffung einer antifaschistischen Einheitsfront wirkte sich aber auch aus, daß es der Gestapo gelungen war, das für den Druck vorbereitete Manuskript der Rede Thälmanns vom 7. Februar zu beschlagnahmen. Erst Georgi Dimitroff konnte nach seinem Freispruch im Reichstagsbrandprozeß in Vorbereitung des VII. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale 1934/1935 an die von Thälmann in seinen ZK-Reden 1931 und 1933 in Ziegenhals eingeleitete Überwindung der sektiererischen Politik des EKKI und der KPD anzuknüpfen und die strategischen Fehler des VI. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale und des XIII. EKKI-Plenums korrigieren.

Kampf um Erinnerung

Angesichts dieser internationalen Bedeutung der Rede Thälmanns in Ziegenhals war vom ZK der SED im Jahre 1953 am historischen Ort im ehemaligen Sporthaus von Wilhelm Mörchel eine Gedenkstätte mit einer Rede von Wilhelm Pieck eingeweiht worden. Doch für die nach 1990 vorherrschenden antikommunistischen Geschichtsrevisionisten war dieser Ort der Erinnerung an den revolutionären Arbeiterwiderstand gegen den Faschismus zu sehr verbunden mit dem Wirken der von ihnen verteufelten Kommunisten. Da kam es ihnen gerade recht, daß die Gaststätte verkauft werden mußte. Ein leitender Beamter in der Brandenburgischen Bauaufsichtsbehörde, Gerd Gröger, ersteigerte das 4600 qm große Wassergrundstück für einen Spottpreis von 86000 Euro mit der Gedenkstätte und ließ diese gegen einen breiten Widerstand im In- und Ausland mit einem Bagger abreißen. Nun soll wenigstens zum 80. Jahrestag der letzten Tagung mit Ernst Thälmann ein Gedenkstein von einem antifaschistischen Bündnis aufgestellt werden, der an die Rede Ernst Thälmanns am 7. Februar 1933 und seinen antifaschistischen Kampf erinnert.

Zusammen mit Heinz Marohn verfaßte Eberhard Czichon die zweibändige Monographie: Thälmann – Ein Report, Berlin 2010, Verlag Wiljo Heinen. Auch im jW-Shop erhältlich 

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