8. Januar 2014

Verfolgte Funktionäre

Nach Verbot der KPD und Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nazis wurden Arbeitervertreter im Frühjahr 1933 in »Schutzhaft« genommen (KZ Oranienburg) - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 146-1976-086-16 / CC-BY-SA

Ein neues Handbuch dokumentiert die Schicksale von Gewerkschaftern, die in den Konzentrationslagern Oranienburg und Sachsenhausen inhaftiert wurden

Markus Bernhardt

Kürzlich erschien der vierte Band des Handbuches über »Gewerkschafter in den Konzentrationslagern Oranienburg und Sachsenhausen«. Das Buch ist ein Ergebnis des von den Politikwissenschaftlern Siegfried Mielke und Stefan Heinz seit Jahren an der Freien Universität Berlin durchgeführten Forschungsprojektes zur Verfolgung und zum Widerstand von Gewerkschaftern im Faschismus. Getragen vom Engagement von Wissenschaftlern und Studierenden werden Lebenswege von Gewerkschaftsfunktionären, die in den beiden KZs in Haft waren, vorgestellt und in den historischen Rahmen eingeordnet.

Nach der Machtübertragung an Hitler, dem Verbot der KPD und der Zerschlagung der Gewerkschaften wurden Arbeitervertreter in »Schutzhaft« genommen. Trotz des Naziterrors schlossen sich nicht wenige ehemals Organisierte in illegalen Gruppen zusammen. Dem Widerstand gehörten Funktionäre der freien Gewerkschaften und der KPD-nahen Revolutionären Gewerkschafts-Opposition/Organisation an. Hinzu kamen Anhänger anarchistischer, christlicher und liberaler Arbeitervertretungen. Eine Menge Funktionäre der großen freien Gewerkschaften, die sich zunächst an die nationalistische Ideologie anpaßten, betätigten sich bald nach der Zerschlagung ihrer Organisationen im Widerstand. Was sie einte, war das Festhalten an der Vorstellung selbstbestimmter Gewerkschaften.

Das KZ Oranienburg nahm bei der Verfolgung dieser Opposition 1933/34 in Berlin und Brandenburg eine wichtige Stellung ein. Dort wurden die gefangenen Gewerkschafter inhaftiert und mißhandelt. Auch im 1936 entstandenen KZ Sachsenhausen, das größer war und bis Kriegsende existierte, befanden sich zunächst Nazigegner, also politische Häftlinge.

Aktiver Widerstand

Die Verfolgung traf nicht nur Prominente, sondern auch die mittlere und untere Ebene der Organisationen. Die Lebenswege eines Dutzend Gewerkschaftsfunktionäre werden in längeren Beiträgen beschrieben. Die Texte zeigen die Bandbreite des Engagements und der Tätigkeiten in manchmal sogar verfeindeten Gruppen. Nach den längeren folgen kürzere Beiträge. Diese wurden von Studierenden erarbeitet. Laut Mielke und Heinz war das Ziel, die Breite und die Formen des Widerstandes sowie die Bedeutung der Verfolgung für den Einzelnen zu erfassen. Dies sei nur möglich, wenn der soziale und familiäre Hintergrund der Häftlinge beleuchtet werde. Mit ihrem »kollektivbiographischen Ansatz« stellten sich die Mitwirkenden dieser Aufgabe. Die von den Autoren erarbeiteten Ergebnisse erlauben eine Korrektur des öffentlichen Bildes, der gewerkschaftliche Widerstand sei eine Nebensache gewesen. Durch Betrachtung von Gruppen der Metallarbeiter, der Eisenbahner, Seeleute und Angestellten gewährt die Publikation Einblicke in die Vielfalt der aktiven Gegenwehr.

Mehrere Verfolgungswellen trafen am Anfang und zum Ende des Faschismus Gewerkschafter besonders hart. Hinzu kommt eine Darstellung von Häftlingsgruppen. Solche Zusammenschlüsse versuchten, in den Lagern eine praktische Selbsthilfe zu organisieren. Im KZ Oranienburg waren Gewerkschafter zur Einschüchterung inhaftiert, von denen nach kurzer Zeit die meisten entlassen wurden. Im KZ Sachsenhausen war die Situation anders: Unter den Zehntausenden ermordeten Häftlingen sind eine Reihe Gewerkschafter, von denen mehr als ein Viertel zu Tode kam. Kommunisten hatten bessere Überlebenschancen als andere Häftlinge. Sie waren besser in der Lage, Solidarität zu organisieren.

Bewußte Geschichte

Die Herausgeber fordern von den DGB-Gewerkschaften, daß diese mehr dafür tun sollten, sich ihrer Geschichte bewußt zu werden. Künftig werde es vor allem ihre Aufgabe sein, dafür zu sorgen, daß die Arbeiterwiderstandsgeschichte in den aktuellen Debatten nicht in Vergessenheit gerät: »Wird diese Aufgabe wahrgenommen, können Gewerkschaften eine Basis für das Handeln in der Gegenwart bieten, das konkrete Handlungsoptionen in Entscheidungssituationen des beruflichen und privaten Alltags aufzeigt«, so Mielke und Heinz. Es bleibt zu hoffen, daß die Botschaft bei den Zuständigen ankommt. Verwendung finden könnte das Buch in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit. Unabhängig davon sollten die Publikation alle zur Hand nehmen, die an der Geschichte der Arbeiterbewegung Interesse haben.

Siegfried Mielke/Stefan Heinz (Hg.): Gewerkschafter in den Konzentrationslagern Oranienburg und Sachsenhausen. Metropol Verlag, Berlin 2013, 869 Seiten, 36 Euro * Biographisches Handbuch, Band 4

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