3. Januar 2014

Vergessenes Bekenntnis

Der baldige Kinostart eines Spielfilms zum Oktoberfestattentat 1980 wirbelt Staub auf. Ein ehemals Tatverdächtiger hat sich zur Anzeige gegen einen V-Mann entschlossen

Claudia Wangerin

Mit »Der blinde Fleck« will Regisseur Daniel Harrich einen Denkanstoß geben – Benno Fürmann spielt hier den Journalisten Ulrich Chaussy, der als einer der ersten die Einzeltätertheorie in Zweifel zog. Gut drei Wochen vor dem Kinostart hat nun der ehemals Tatverdächtige Karl-Heinz Hoffmann einen früheren V-Mann des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen bei der Kriminalpolizei Bamberg angezeigt – wegen des Verdachts auf gemeinschaftlich begangenen Mord.

13 Menschen waren bei dem Attentat 1980 gestorben, über 200 wurden verletzt, einige davon schwer. Auch der mutmaßliche Bombenleger Gundolf Köhler war unter den Toten. Offiziell war der 21jährige Student ein verwirrter Einzeltäter, obwohl Augenzeugen seinerzeit sicher waren, ihn kurz vor der Explosion in Begleitung anderer junger Männer am Tatort gesehen zu haben. Er soll mit ihnen heftig diskutiert haben. Auch wurden bei den Aufräumarbeiten Teile einer Hand gefunden, die weder ihm noch anderen Opfern zugeordnet werden konnten. Seit über 30 Jahren fordern Überlebende, Opferangehörige sowie Journalisten, Anwälte und Politiker die Wiederaufnahme der 1982 eingestellten Ermittlungen gegen Unbekannt.

Als möglicher Hintermann galt 1980 Karl-Heinz Hoffmann, der in den 1970er Jahren die rechtsextreme Wehrsportgruppe gegründet hatte, bei auch der mutmaßliche Attentäter Köhler trainierte. Zum Zeitpunkt des Anschlags war die Gruppe seit mehreren Monaten verboten – von ihr genutzte Militärfahrzeuge sollten in den Nahen Osten gebracht werden. Dorthin begleitete auch der V-Mann Walter Ulrich Behle den früheren Wehrsportgruppenchef. Der Konvoi fuhr am Tag des Attentats Richtung Österreich und war Gegenstand von Observationsmaßnahmen. Die Landesverfassungsschutzämter von Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen nannten dies »Aktion Wandervogel«.

Später soll der V-Mann Behle in einer Bar in Damaskus mit seiner Beteiligung am Anschlag auf das Oktoberfest geprahlt haben. Dies bezeugte ein tunesischer Barkeeper gegenüber Vertretern der Bundesanwaltschaft und des bayerischen Landeskriminalamts im März 1981. Die Aussage wurde von ihnen als glaubhaft eingestuft. Die »Soko Theresienwiese« kam jedoch zu dem Schluß, daß Behle – ebenso wie Hoffmann – selbst nicht am Tatort gewesen sein konnte. Beide hätten einen Tag vor der Tat bis zur Festnahme »ständig unter Kontrolle« gestanden, heißt es in einem inzwischen bekannt gewordenen Vermerk.

Im Fall der terroristischen Vereinigung »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) sieht die Bundesanwaltschaft eine persönliche Anwesenheit am Tatort allerdings nicht als zwingend notwendig für eine Anklage wegen Mittäterschaft an.

V-Mann Behle wiederum konnte sich später angeblich nicht an die im Suff getätigte Äußerung erinnern. Seine Tätigkeit für den Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen wurde jedoch publik. Daß sich gerade Hoffmann in zeitlicher Nähe zu dem Filmstart zu der Strafanzeige entschlossen hat, mag dem Umstand geschuldet sein, daß er selbst in dem Werk nicht gut wegkommt und signalisieren will, daß er im Fall neuer Ermittlungen nichts zu verbergen hätte – denn die Selbstbezichtigung des V-Mannes Behle alias »Felix« ist seit mehr als 30 Jahren bekannt. Ernsthaft nachgegangen wurde ihr jedoch nicht. Hoffmann betont im Text der Strafanzeige, die er am Neujahrstag auf seiner Internetseite veröffentlichte, daß Behle nie Mitglied seiner Wehrsportgruppe gewesen sei. Der heute 76jährige will den jungen Mann kaum gekannt haben, der damals mit ihm in den Nahen Osten fuhr. In einer sorgfältigen Zeugenbefragung müßte Hoffmann das genauer erklären. Heute ist Behles Aufenthaltsort unbekannt.

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