21. August 2013

Vergessenes Verbrechen

Blutbad unfaßbaren Ausmaßes: Das am 25. August 1944 durch deutsche Truppen zerstörte Maillé in Zentralfrankreich

Im französischen Dorf Maillé verübten Wehrmacht und Waffen-SS am Tag der Befreiung von Paris im August 1944 ein grausames Massaker

Karl Siegel

Am 25. August 2013 jährt sich zum 69. Mal der Tag, an dem Angehörige der Waffen-SS im Verbund mit Soldaten einer Wehrmachtseinheit ein Massaker in dem südlich von Tours gelegenen französischen Dorf Maillé (Dép. Indré-et-Loire) verübten. Das Massaker von Maillé ist nach Oradour-sur-Glane (Dép. Haute-Vienne) das größte Verbrechen, das von deutschen Truppen an der französischen Zivilbevölkerung im Rahmen der sogenannten Partisanenbekämpfung begangen wurde. Es fand acht Monate vor dem Ende des 2. Weltkrieges statt, und zwar genau an dem Sommertag im August 1944, an dem in Paris die Befreiung von der über vier Jahre andauernden deutschen Besatzung gefeiert wurde.

»Repressalmaßnahmen«

Während die Verbrechen an der Bevölkerung von Oradour-sur-Glane über Frankreichs Grenzen hinweg im Gedächtnis bewahrt wurden, blieben die von Maillé über Jahrzehnte vergessen und nur noch lokal bekannt. Erst mit der Einrichtung eines »Maison du Souvenir« (Haus der Erinnerung) am 50. Jahrestag fand Maillé einen Zugang in das Bewußtsein der französischen Öffentlichkeit. Über die Grenzen Frankreichs hinaus wurde Maillé jedoch erst 2008 wahrgenommen, als mit Nicolas Sarkozy ein Staatspräsident an der jährlichen Gedenkfeier teilnahm.

Mit der Invasion der alliierten Truppen in der Normandie (D-Day, 6. Juni 1944) lag das 250-Seelen-Dorf Maillé nicht nur an einem strategisch bedeutsamen Punkt der Eisenbahnstrecke Paris–Bordeaux, sondern auch an einer für den deutschen Nachschub wichtigen Durchgangsstraße. Die lokale Résistance hatte sich in diesem Gebiet bereits mehrfach bemerkbar gemacht und schon Wochen vor dem Massaker versucht, die deutschen Nachschub- und Rückzugrouten im Rücken der etwa 40 Kilometer entfernten Front zu unterbrechen. Der eigentliche Auslöser für das Massaker dürfte aber ein »Partisanenangriff« gewesen sein, der am Vorabend des Geschehens gegen ein Fahrzeug der deutschen Besatzer geführt wurde. Dieses befand sich auf Erkundungsfahrt, als es bei Maillé in einen Hinterhalt der FFI (Forces françaises de l’intérieur) geriet.

Der Kampfkommandant von Tours, Alfred Stenger, der über alle deutschen Einheiten in der Region die Verfügungsgewalt hatte, gab daraufhin den Befehl, gegen Maillé mit »Repressalmaßnahmen« vorzugehen. Die eingesetzten SS-Männer und Soldaten haben daraufhin ein Blutbad unfaßbaren Ausmaßes angerichtet. 124 Menschen starben, darunter 42 Frauen und 44 Kinder. Ganze Familien wurden ausgelöscht, Häuser brannten aus. Das Morden erfolgte »von Angesicht zu Ansicht« und dauerte fast drei Stunden. Das jüngste Opfer war drei Monate alt und starb in seiner Wiege durch einen Nackenschuß, das älteste Opfer war 84 Jahre alt.

Die Haupttätereinheit

Neben den deutschen Sperrverbänden, die entlang der Loire aufgestellt waren, befand sich zum Zeitpunkt des Massakers keine andere Einheit der Waffen-SS in der Gegend um Tours, als das in Châtellerault (25 km südlich von Maillé) stationierte Feldersatzbataillon 17. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit waren die SS-Männer, die in Maillé die Greueltaten an der Dorfbevölkerung verübten, diesem Bataillon zugehörig. Bei der Einheit handelte es sich um eine in die 17. SS-Panzer-Grenadier-Division »Götz von Berlichingen« eingegliederte Formation, die aus sehr jungen, kampfunerfahrenen Männern bestand. Während die Soldaten des beteiligten Wehrmachtstrupps als »Sperrgruppe« fungierte, die den Ort abzuriegeln und Fluchtversuche zu verhindern hatte, bildeten die Männer des SS-Feldersatzbataillons die Tätereinheit, die als »Stoßgruppe« in das Dorf eindrang und alles niedermetzelte, was sich ihr in den Weg stellte.

Von militärhistorischer Seite wird die Ansicht vertreten, daß Maillé gut in »das Muster der deutschen Partisanenbekämpfung in Frankreich von 1944« durch Einheiten der Waffen-SS paßt. Es sollte allerdings nicht vergessen werden, daß sowohl der befehlsgebende Oberstleutnant Alfred Stenger wie auch der mit der »Vergeltungsmaßnahme« beauftragte Leutnant Gustav Schlüter als verantwortliche Offiziere im Dienst der Wehrmacht standen.

Ungerührt von diesen juristisch weitgehend folgenlos gebliebenen Verbrechen, trafen sich ehemalige Angehörige der 17. SS-Panzer-Grenadier-Division »Götz von Berlichingen« bis weit in die 1980er Jahre hinein regelmäßig an einem Gedenkstein, der ihren toten Kameraden zu Ehren errichtet wurde. Dieser befindet sich in Jagsthausen im Landkreis Heilbronn, etwa 100 Meter oberhalb der Burg Jagsthausen, dem Stammsitz von Götz Freiherr von Berlichingen.

Gedenktreffen

Bei den Gedenktreffen wurden, von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, geschichtsrevisionistische Statements zelebriert, die stets der Losung folgten »Meine Ehre heißt Treue«. Offenbar hat dieser Wahlspruch im Bewußtsein der SS-Veteranen eine mindestens so tiefe Prägung hinterlassen wie auf ihrem einstigen Koppelschloß. Daß an dem sorgsam umfriedeten Gedenkstein Treffen von Alt- und Neonazis bis in die Gegenwart stattfinden, ist nur an den gelegentlich aufgefrischten Trauerbouquets und Gedenkschleifen ersichtlich.

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