18. Oktober 2013

Verkannt und vergessen

Gina Kaus – mit Anfang 30 bereits eine gefeierte Romanautorin

Zum 120. Geburtstag der Schriftstellerin Gina Kaus (1893–-1985)

Christiana Puschak

Ihre Attraktivität, ihr unkonventioneller Lebensstil und ihre geistige Autorität trugen ihr im Wien der Zwischenkriegszeit den Ruf einer »Femme fatale« ein. Unter dem Namen »Hedda« agiert sie in Franz Werfels Schlüsselroman des revolutionären Wiens »Barbara oder die Frömmigkeit« als »farbige Frauenerscheinung« mit »beträchtlicher Bildung und Belesenheit«. Und Robert Musil ließ sie in seiner Posse »Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer« als anarchistische »Alpha« auftreten, die gegen die männliche Gesellschaftsordnung rebelliert. Ihr wahrer Name: Gina Kaus. Obwohl sie eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen der 20er- und 30er Jahre war, ist sie heute nahezu vergessen.

Geboren wird sie am 21. Oktober 1893 in Wien als Regina Wiener, Tochter eines jüdischen Kaufmanns. Sie wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, besucht das Mädchenlyzeum und heiratet 1913 ihre große Liebe, den Kapellmeister Josef Zirner, der jedoch schon 1915 im Ersten Weltkrieg ums Leben kommt. Rückblickend ist für sie die kurze Zeit mit ihm die schönste ihres Lebens. Zum Skandal der Wiener Gesellschaft wird ihre Liaison mit dem Präsidenten der Depositenbank, Josef Kranz. Von ihm läßt sie sich 1916 adoptieren, »vor allem (…) weil meine Eltern und mein viel jüngerer Bruder in diesem Kriegsjahr am Verhungern waren«. Zwar genießt sie den Wohlstand, aber hingezogen fühlt sie sich zu linken Literaten und Intellektuellen wie Egon Erwin Kisch und Ernst Pollak. Sie läßt sich vom Adoptivvater eine Atelierwohnung finanzieren, die als Redaktionssitz der von Franz Blei herausgegebenen Zeitschrift Summa dient, in der sie selbst zu schreiben beginnt.

1919 debütiert sie mit der Komödie »Diebe im Haus«. Publikationen, die sich mit dem Elend der Arbeiter und der Enge des Kleinbürgertums beschäftigen, folgen in der Zeitschrift Sowjet, deren Herausgeber der Schriftsteller und Psychologe Otto Kaus ist. Mit ihm geht sie im August 1919 eine partnerschaftliche Zweckehe ein, aus der zwei Söhne hervorgehen. Für die autobiographisch gefärbte Novelle »Der Aufstieg« erhält sie 1920 den renommierten Fontane-Preis. In der Folge erscheinen in vielen namhaften Zeitungen und Zeitschriften Erzählungen, Rezensionen und Essays von ihr.

In allem, was sie schreibt, zeigt sie sich als Kennerin der Individualpsychologie Alfred Adlers. Mit sozialkritischem und oft ironischem Blick leuchten ihre Porträts in die Abgründe menschlicher Beziehungen hinein, stellen Geschlechterbeziehungen und Ehe auf den Prüfstand. Rezensenten rühmen ihre psychologische Finesse, den geschliffenen Stil. Die Edition fünf hat soeben ihr Liebesdrama »Die Schwestern Kleh« (1933) neu aufgelegt, das durch seine ausgefeilte Figurenzeichnung besticht. Bereits 2008 erschien im Olms Verlag ihr Roman »Morgen um Neun« (1932) als Nachdruck. »Nebenbei« gründet Gina Kaus die Zeitschrift Die Mutter, als deren Herausgeberin, Verlegerin und Autorin sie fungiert – und eröffnet eine Beratungsstelle für Frauen.

Im Mai 1933 werden ihre Bücher in Berlin verbrannt. »Nie zuvor war ich in besserer Gesellschaft gewesen«, kommentiert sie dies in ihren Erinnerungen. Unmittelbar nach dem »Anschluß« Österreichs an Nazideutschland flüchtet sie mit ihren Söhnen und ihrem dritten Mann nach Los Angeles, wo sie sich auf dem »Markt, auf dem Lügen verkauft werden«, als Drehbuchautorin eine neue Existenz aufbaut. 1985 stirbt sie 92jährig in Santa Monica.

Gina Kaus: Die Schwestern Kleh. Edition fünf, Gräfelfing 2013, 350 Seiten, 21,90 Euro * Gina Kaus: Morgen um Neun, Nachdruck mit einem Nachwort von Gerhard Bauer, Olms Verlag, Hildesheim 2008, 319 Seiten, 9,80 Euro * Veronika Hofeneder: Der produktive Kosmos der Gina Kaus. Schriftstellerin – Pädagogin – Revolutionärin, Olms Verlag, Hildesheim 2013, 331 Seiten, 38,00 Euro, erscheint Ende Oktober

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