28. April 2014

Verlogene Antwort

»Freundschaftlicher Vermittler«: US-Präsident Franklin D. Roosevelt bittet Hitler, den friedlichen Umgang mit allen europäischen und zahlreichen anderen Ländern zu garantieren (Aufnahme vom 4.1.1939 im US-Kongreß)

Am 28. April 1939 reagierte Hitler auf die naive Botschaft von US-Präsident Franklin D. Roosevelt

Kurt Pätzold

Am 15. April 1939 richtete der Präsident der USA, Franklin D. Roosevelt, Botschaften an Adolf Hitler und Benito Mussolini, die er zudem augenblicklich veröffentlichen ließ. Der Mann an der Spitze des in mehrerlei Hinsicht mächtigsten Staates auf dem Erdball nahm das Wort zu den europäischen Angelegenheiten und ließ keinen Zweifel daran, daß die Vereinigten Staaten an deren Entwicklung ein eigenes Interesse besaßen. Das war kein gewöhnlicher diplomatischer Schritt, denn die Regierung in Washington hatte zu den Veränderungen der politischen Szenerie auf dem »alten Kontinent«, die seit 1933 eingetreten waren, meist geschwiegen. Deren deutlichster Ausdruck waren die Anbahnung eines Bündnisses zwischen den beiden sich hochrüstenden faschistischen Diktaturen Deutschland und Italien und ihr herausforderndes Auftreten. Sie hatten geholfen, ein weiteres Regime dieses Typs, das spanische, zu etablieren. Drei Staaten, Österreich, die Tschechoslowakei und Albanien, wurden von ihnen von der europäischen Landkarte getilgt. Damit waren die Ansprüche dieser beiden Mächte erkennbar nicht befriedigt. In Europa roch es ein Vierteljahrhundert nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges wieder nach Krieg.

Roosevelt, soviel war über seine Überzeugung und Haltung bekannt, war kein Freund dieser »neuen« Regime. Spezialisten seiner Administration und Botschafter der USA in Europa hatten die Lage und deren Perspektiven wieder und wieder analysiert, und in ihren Berichten fanden sich treffende Einschätzungen des Wesens, namentlich der Berliner Politik, und von deren Zielen. Doch zu irgendwelchen Interventionen hatten die nicht geführt. Im Gegenteil: In den USA wuchs der Einfluß der Strömung der Isolationisten, deren Verfechter und Anhänger glaubten, sie könnten sich jenseits des großen Wassers aus den europäischen Angelegenheiten heraushalten. Ihr Land, das meinten auch Millionen Bürger der USA, sollte sich in sie nicht noch einmal verwickeln lassen wie ein Vierteljahrhundert zuvor in den Endzeiten des Ersten Weltkrieges, als sich schließlich im Sommer 1918 etwa zwei Millionen Männer als Soldaten in Europa befanden und 117000 von ihnen zu Tode kamen. Bedacht bleiben müßte es aber auf die Instrumente seiner kräftigen militärischen Verteidigung zu Lande, zur See und in der Luft. Roosevelt erhielt, was er und die Generalität an Finanzen für die Rüstung verlangten.

Aufsehenerregende Schritte waren in Washington auf außenpolitischem Feld nicht erfolgt, seit Roosevelt 1933 die Präsidentschaft übernommen hatte. Die USA und die Sowjetunion hatten diplomatische Beziehungen aufgenommen, ohne daß daraus irgendwelche Schritte gemeinsamer Aktion gegen die erkennbar aggressiv hervortretenden Mächte in Europa und in Asien erwachsen wären. Beibehalten und erneuert wurde das Gesetz gegen die Waffenausfuhr an kriegführende Staaten. Es traf das von Italien bekriegte und eroberte Abessinien und die republikanischen Kräfte Spaniens. 1936 hatte die Regierung Roosevelts ihre Nichteinmischung in den Bürgerkrieg auf der Pyrenäenhalbinsel erklärt. Als dessen Ende mit dem Sieg der Faschisten Francos erreicht war, erkannte auch sie dessen Regime an. Diplomatisch abgefunden hatte sie sich vordem schon mit dem »Anschluß« Österreichs im März 1938. In den Entscheidungen von München im September desselben Jahres zur Annexion größerer Gebiete der Tschechoslowakischen Republik vermochte Roosevelt sogar einen Gewinn für den Frieden zu sehen. Hier sei dahingestellt, welche Verhaltensweisen aus taktischen Gründen erwuchsen, welche aus Überzeugung.

Nur einmal hatte sich der Präsident unmißverständlich exponiert. Das geschah in einer Ansprache in Chicago am 5. Oktober 1937, die, weil er, ohne Namen von Staaten zu nennen, eine gegen die aggressiven Mächte gerichtete »Quarantäne« gefordert hatte, auch als »Quarantäne-Rede« bezeichnet worden ist (siehe jw-Geschichte vom 29.9.2012). Praktische Schritte folgten aber auch auf diese Erklärung nicht. Die Initiativen der UdSSR, ein System kollektiver Sicherheit zu schaffen, fanden in Washington keine Unterstützung.

Warnungen der Achsenmächte

Nun also erhielten am 15. April 1939 die Führer der Achsenmächte in Berlin und Rom Botschaften von Roosevelt. Darin wurde eingangs versichert, er handle als »freundschaftlicher Vermittler«, wenn er Hitler ersuche, in Erklärungen zu versichern, daß er und seine Regierung eine Reihe von Ländern nicht angreifen und in sie nicht eindringen werde. Dies wolle er dann den um ihre Zukunft besorgten Staaten zur Kenntnis bringen. Es handele sich dabei um Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Schweden, Norwegen, Dänemark, die Niederlande, Belgien, Großbritannien und Irland, Frankreich, Portugal, Spanien, die Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg, Polen, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien, die Sowjetunion, Bulgarien, Griechenland, die Türkei, Irak, die arabischen Staaten Syrien, Palästina und Ägypten sowie Persien. Kein europäischer Flächenstaat war ausgelassen, ja, die Liste enthielt auch Staaten des Vorderen und Mittleren Orients und bezog sich auf ein Territorium, das bis an die Grenzen Afghanistans und Indiens reichte. Diese Versicherung solle für die kommenden zehn oder auch 25 Jahre gelten. Erhielten diese Staaten eine solche Versicherung, so Roosevelt, würden sie ihrerseits bereit sein, Deutschland sich in gleicher Weise zu erklären. Ein solcher Notenwechsel, damit schloß die Botschaft, werde »unmittelbar zur Entspannung der Weltlage beitragen«.

Die Brisanz dieses Textes lag nicht so sehr in dem Vorschlag als vielmehr in der ihn begründenden Wertung. Denn konstatiert wurde, daß die Fortsetzung der Politik der drei im Text ungenannt bleibenden Staaten – gemeint waren Deutschland, Italien und Japan, die bislang vier Staaten (zu den drei europäischen auch Abessinien) beseitigt und einen weiteren (China) weiträumig besetzt hatten –, dahin geführt habe, »daß sich die Welt dem Augenblick nähert, wo sich diese Lage in einer Katastrophe entladen muß«. Einfacher hieß das: Ihre Politik, Herr Hitler, treibt zum Krieg. Das war keine neue Erkenntnis, doch erhielt sie durch ihren Absender Gewicht.

Es läßt sich kaum darüber streiten, ob dieser Botschaft ein besonders glücklicher Einfall zugrunde lag, hatte Hitler doch soeben demonstriert, was seine der Tschechoslowakei gegebene Versicherung Wert war. In diesem Text – bedenkt man mögliche und notwendige Schritte, den Aggressor durch geschlossene Abschreckung zu bändigen – drückten sich Hilf- und Entschlußlosigkeit und kein Vorsatz zu entschlossenem Handeln aus. So wurde er wohl vor allem von Hitler auch gelesen. Dennoch machte seine Veröffentlichung unmittelbar Eindruck und zwang den Adressaten, sich zu erklären.

Die Intervention kam von dem Mann, der an der Spitze jener Großmacht stand, die, wie den meisten Deutschen erinnerlich, durch ihren Kriegseintritt 1917 das Kaiserreich definitiv auf die Verliererstraße gebracht hatte. Sein Brief kam Hitler in dem Augenblick besonders ungelegen, da Polen gleichsam an der Reihe und der Katalog von Forderungen an den Nachbarn auf diplomatischem Wege bereits präsentiert war. Wie sich dieses Vorgehen fortsetzen würde, darüber mußte nach der Liquidierung der Tschechoslowakei nicht gerätselt werden. Die Wortmeldung Roosevelts erforderte nicht nur mit Rücksicht auf das Ausland rasch eine Entgegnung. Mit Schweigen würde im Inland nur riskiert, daß eine erhebliche Zahl der Volksgenossen sich über deutschsprachige Rundfunksender wie die in der nahen Schweiz informierte.

Shitstorm deutscher Medien

Noch am Abend des 15. April rief der Reichspressechef Otto Dietrich zu einer Sonderpressekonferenz, um den Umgang mit der Botschaft verbindlich anzuweisen. Die Bekanntgabe des Inhalts sei mit »Kommentaren von äußerster Schärfe« zu versehen, die als eigene der Zeitungen, nicht als amtliche zu erkennen sein müßten. Zu plazieren wären sie zwei-, in Berliner Zeitungen auch vierspaltig auf der ersten Seite. Der Kern der Zurückweisung solle sich gegen die Idee der Verständigung auf einer Konferenz richten. Die Machthaber wollten sich nicht ein zweites Mal auf eine Veranstaltung wie die Monate zuvor in München einlassen, konnten sie doch sicher sein, daß sie diesmal Zugeständnisse nur weit unterhalb ihrer Forderungen an Polen erhalten würden. Zudem hatten sie sich buchstäblich nur wenige Tage vor Eintreffen des Roosevelt-Briefes auf die kriegerische »Lösung des Problems« festgelegt.

Zum Argument gegen eine Konferenz sollte dienen, daß mit ihr nur der Bolschewismus, die Macht und Kraft der Zerstörung, am »Konferenztisch gleichberechtigter Partner wäre«, was bedeute, ihm »für seine verbrecherischen Pläne Tür und Tor« zu öffnen. Die Botschaft sei als Produkt eines gegen Deutschland gerichteten Zusammenspiels von Washington, Paris und Moskau darzustellen. Zwei Zeitungen würden »auf ausdrücklichen Wunsch der höchsten Stelle« ihre Meldung unter die Überschrift stellen »Plumper Ablenkungsschwindel!« Schließlich wurde mitgeteilt, der Führer habe sich »seine Antwort bis nach seinem Geburtstag aufgehoben«. Der stand in fünf Tagen bevor. Es war der fünfzigste.

Auf dieser Linie durfte selbst der dümmste Journalist der letzten Regional- oder Lokalzeitung nicht nur Roosevelts Politik, sondern auch seine Person mit jenem rassistischen Unflat bewerfen, der in den Redaktionen massenhaft zur Hand war. Damit wurde am 17. April begonnen. Und so las sich das Vokabular, das Blätter wie der Holsteinsche Courier, die Pirmasenser Zeitung und die Bodensee Nachrichten benutzten: »Roosevelts Rüpeleien«, »Roosevelt, der Wolf im Schafspelz«, »Roosevelts Giftpfeil«, »Hysterischer Kreuzritter Roosevelt« und natürlich »Plumpes Manöver des Judensöldlings Roosevelt« sowie »Roosevelt der Judenknecht«. Daran gemessen wirkten Überschriften wie »Unerhörte Einmischung Roosevelts« und »Auch Roosevelt spielt Weltpolizist« geradezu gemäßigt. Mysteriös erschien der Fettdruck »Roosevelts schändlicher Verrat«. Die Berichterstatter des Sicherheitsdienstes, die sich mit der Wirkung der Nachrichten und Kommentare befaßten und vermerkten, es sei das Interesse der Bevölkerung an der Außenpolitik erhöht worden, schrieben von einem »Pressefeldzug (…) gegen den Präsidenten der USA«.

Dann wurde auch der Öffentlichkeit mitgeteilt, der »Führer« werde seine Antwort vor dem »Großdeutschen Reichstag« am 28. April geben. Offenkundig sollten die Vorbereitungen auf Hitlers »runden« Geburtstag nicht beeinträchtigt werden und dann auch nicht die Wirkung des dafür geplanten Spektakels. In dessen Zentrum würde in Berlins Mitte die bis dahin größte Parade der Wehrmacht stehen. Also erging an die Presse die Weisung, zur Roosevelt-Botschaft zunächst wieder zu schweigen. Es sollte die Polemik auch nach den Feierlichkeiten nicht sofort wieder aufgenommen werden. Nun galt die Devise, des Führers Argumenten könne und solle nicht vorgegriffen werden.

Die sogenannten Deutschland-Berichte, die in Paris vom Exilvorstand der Sozialdemokratie aufgrund von Informationen ihrer Mitglieder aus dem Reich herausgegeben wurden, befaßten sich in einem eigenen Abschnitt mit der Aufnahme, welche die Roosevelt-Botschaft in der deutschen Bevölkerung gefunden habe. Dabei wurde das unmittelbare Echo von dem nach Hitlers Auftritt unterschieden. Bei aller Einschränkung, die diese Stimmungsbilder verdienen, denn an ihnen schrieben Vorurteile der Verfasser ebenso wie die Begrenztheit ihrer Einblicke mit, läßt sich aus ihnen doch filtern, daß die Tatsache allein, daß der Präsident der USA sich so und unerwartet zu Wort gemeldet hatte, zunächst tiefere Spuren zog und zeitweise Nachdenklichkeit vieler »Volksgenossen« auch über Deutschlands Rolle erzeugte.

Hitler: Deutschland ist Opfer

Aber es gelang es der Gegenpropaganda des Regimes alsbald, auf mehreren gedanklichen Schienen operierend, diese Rolle abzuschwächen. Das primitivste Argument lautete, daß die USA und Roosevelt die europäischen Angelegenheiten nichts angingen. Ein anderes knüpfte an die seit Jahrzehnten andauernde Anti-Versailles-Hetze an und berief sich auf die Berechtigung deutscher Revisionswünsche bis zur Hergabe der einstigen deutschen Kolonien. Ein drittes verdächtigte Roosevelt der Unaufrichtigkeit, wozu eine Linie von seinen Vorschlägen zu den einstigen, in 14 Punkte gefaßten des Präsidenten Woodrow Wilson (siehe jW-Thema vom 14.12.2007) gezogen und in Erinnerung gebracht wurde, daß sie Versprechen enthielten, die sich bald als nichts denn Makulatur erwiesen. Sodann wurde Roosevelts Wortmeldung als Ausdruck eines Komplotts mit den westeuropäischen Staaten und Rußland hingestellt, als Instrument der angeblich aus Neid und Mißgunst geborenen Einkreisungspolitik, die darauf ziele, Deutschland nicht »hochkommen« zu lassen.

Diese Versionen stellten sämtlich keine besonderen geistigen Ansprüche an die »Volksgenossen«. Sie lagen in Argumentationslinien, die permanent in die deutsche Gesellschaft gleichsam hineingetrommelt wurden und mit denen die ideologische und mentale Gefolgstreue von Millionen gesichert werden konnte, die hinter den Machthabern herliefen. Daran änderte nichts, daß das krause, in verdummten Köpfen hausende Gemisch aktueller politischer Weltvorstellungen meist mit Wünschen nach Frieden und nach weniger politischer Unruhe einherging. Denn obwohl sich schwer verdrängen ließ, daß Hitler mit seinen Forderungen, als berechtigte angesehen oder nicht, ein Quell dieser Unruhe war, galten als letztlich Schuldige doch jene, die nicht bereit waren, ihnen Rechnung zu tragen, Deutschland gewähren zu lassen und ihm zuzugestehen, was ihm angeblich zustand.

Dann kam Hitlers Auftritt in der Berliner Kroll-Oper, wo die seltenen Kundgebungen des Gremiums stattfanden, das sich zwar noch Reichstag nannte, mit dem aus Kaiser- oder Republikzeit aber nichts gemein hatte. Es war eine Versammlung von in Braun, Schwarz und Feldgrau uniformierten Claqueuren, in der sich wenige Zivilisten verloren, allesamt, so eine der Anreden, die »Männer des Großdeutschen Reichstages« bildend – die Frauen waren an Heim und Herd abbefohlen. Auch Widerrede war in diesem Hause abgeschafft. Die letzte dort hatte der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Otto Wels am 23. März 1933 gehalten (siehe jW-Thema vom 19.3.2008). Seitdem erklangen nach Hitlers Reden Sieg- und Heil-Rufe sowie das Deutschland- und das Horst-Wessel-Lied, weshalb von dieser Ansammlung auch spöttisch als von Deutschlands größtem Gesangverein geredet wurde.

Hitlers Antwort auf Roosevelts Botschaft bot ein Gemisch aus unverfrorenen Lügen und demagogischer Raffinesse. Er nahm von Anbeginn jene Pose ein, die ihm eine der liebsten war. Er gab sich und »sein Volk« als Opfer aus. Wessen? Der Welt, die ihn und Deutschland, vor dem sich doch niemand fürchten müsse, unausgesetzt kriegerischer Absichten verdächtige und verleumde. Das besorge die Presse. Hier hätte er bei anderer Gelegenheit gesagt »die jüdische«. Doch kamen in dem langen Text die Wörter »Jude« und »jüdisch« nicht ein einziges Mal vor, wiewohl in ihm Palästina erwähnt wurde. Gleiches galt für »Bolschewismus« und »bolschewistisch« und für alle der sonst gebrauchten Wortkombinationen, mit denen die vorgeblichen Erzfeinde des »Nationalsozialismus« bezeichnet wurden. Es würde die Welt ruhiger leben können, erklärte Hitler, wenn sich die Machthaber entschlössen, in ihren Ländern die verlogene Presse zum Schweigen zu bringen. Diese Charakteristik und diese Lösung bot ein Mann an, dessen Zeitungen und Rundfunk soeben Kübel von Unrat über den US-amerikanischen Präsidenten entleert hatten und sich anschickten, ihn als Folge seiner körperlichen Behinderung auch für geistig nicht mehr recht verläßlich zu erklären.

»Abscheu vor Krieg«

Mit der Abweisung der im Kern naiven Vorschläge Roosevelts, die hin zum Frieden führen sollten, machte sich Hitler nicht viele Umstände. Mehr noch: die Verlesung der Liste der in der Botschaft genannten Staaten geriet zu so etwas wie einer Kabarettnummer. Denn der Forderung, die Unversehrtheit der genannten Staaten zu erklären, begegnete er zunächst mit der Bemerkung, es seien Erkundigungen eingeholt worden, ob sie vor dieser, ihnen geltenden Initiative gefragt worden seien und eine solche Versicherung Deutschlands wünschten. Das habe niemand bejaht, manche hätten den Gedanken auch abgelehnt. Zwei der bezeichneten Adressen für einen solchen Schritt seien zudem nicht erreicht worden, weil es sie nicht gebe, Regierungen in Syrien und in Palästina. Dort herrschten seit Beginn der zwanziger Jahre mit einem Völkerbund-Mandat Frankreich bzw. Großbritannien. Roosevelt war bei der Abfassung dieses Schreibens entweder selbst nicht in Form oder schlecht beraten. Doch lehnte Hitler die Idee der vorgeschlagenen friedfertigen diplomatischen Äußerungen nicht rundweg ab. Er sei dazu gegenüber jedermann bereit, wenn nur Gegenseitigkeit gewahrt werde. Neues würde er damit nicht tun, habe er doch schon mehrfach in alle Richtungen versichert, daß Deutschland und er nichts als Frieden wollten.

Anders seine Reaktion auf den Vorschlag einer internationalen Konferenz. Der Gang der Weltgeschichte sei nie durch Konferenzen bestimmt worden, und in den USA selbst existiere doch zu ihnen ein skeptisches und ablehnendes Verhältnis. Das sei durch das Fernbleiben von der größten permanenten Konferenz bewiesen, die es derzeit gebe, dem Völkerbund. Von der Ergebnislosigkeit seiner Tätigkeit habe auch er, Hitler, sich überzeugt und sei daher dem Beispiel der Vereinigten Staaten gefolgt. Das war eine seiner Lügen im Detail, denn begründet worden war das Verlassen des Völkerbundes 1933 nicht mit der Fruchtlosigkeit von dessen Bemühungen, sondern mit der Deutschland nicht zugestandenen Gleichbehandlung im Hinblick auf seine Aufrüstung (siehe jW-Thema vom 14.10.2013).

Die längsten Passagen der Rede galten dem Versailler Vertrag, der wiederum als Quelle aller Weltübel bezeichnet wurde. Wenn seine gegen Deutschland gerichteten Bestimmungen beseitigt würden, das lief auf ungenannte Grenzrevisionen in Europa und die unter Verweis auf das deutsche Volk ohne Raum ausdrücklich geforderte Rückgabe der Kolonien hinaus, wäre die Welt weitgehend befriedet. Was er selbst zur Revision der Verträge von 1919 beigetragen habe, damit spielte er auf Österreich und das Sudetenland an und auf die »Blumenfeldzüge« der Wehrmacht beim jeweiligen Einmarsch, habe dem Willen der vordem vergewaltigten Bewohner entsprochen und sei vollkommen friedlich geschehen. Über die Liquidierung der Tschechoslowakei schwieg sich Hitler hingegen lieber aus, hätte das doch das Bild von dem an keinen Kriegen und Interventionen beteiligten Deutschland verdorben. Gleiches galt für die Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg. Ebenso unerwähnt ließ Hitler die Okkupation Albaniens durch den italienischen Verbündeten. Und zu dessen blutigem Eroberungskrieg gegen Abessinien fiel dem »Führer« nichts anderes ein, als daß die dort verlorene Freiheit nichts Außergewöhnliches sei, denn in Afrika wären auch andere kolonisiert – er nannte »Marokkaner, Berber, Araber, Neger usw.«.

Nachdem Hitler festgestellt hatte, daß »Deutschland am Ausbruch des Weltkrieges genauso schuldlos war wie irgendein anderes Volk«, faßte er zusammen: »Ich darf noch einmal feststellen, daß ich erstens keinen Krieg geführt habe, daß ich zweitens seit Jahren meinem Abscheu vor einem Krieg und allerdings auch meinem Abscheu vor einer Kriegshetze Ausdruck verleihe, und daß ich drittens nicht wüßte, für welchen Zweck ich überhaupt einen Krieg führen sollte.«

Das erklärte der Mann, der drei Wochen zuvor bestimmt hatte, den Beginn des Krieges auf den Septemberanfang zu legen. Das Lügen ohne jeden Skrupel war seine zweite Natur und viele Militärs und Zivilisten seiner Umgebung wußten das und hielten es offenkundig für ein akzeptables Mittel von Politik. Hitler schloß seine lange Rede mit der Beteuerung, daß ihm und »uns allen am Herzen liegt (…) der Frieden der ganzen menschlichen Gemeinschaft«, einer Gemeinschaft, die es in seiner und der Faschisten Ideologie nicht gab, denn die kannte nur Rassen und da die der Herren- und solche der Untermenschen.

Am Tag nach der Hitler-Rede erläuterte in der Pressekonferenz Hans Fritzsche, einer der engsten Mitarbeiter des Propagandaministers Joseph Goebbels, wie mit ihr umzugehen sei. Es solle keine eigene neue Polemik gegen Roosevelt entwickelt werden, denn der Führer habe »in einer vornehmen Weise die Sache restlos bereinigt«. Natürlich könne geschrieben werden, daß Hitler mit Roosevelt »abgerechnet hat«, doch sollten sich die Attacken nicht unter das Niveau der »Führer«-Rede begeben und keine »Leichenschändung« betrieben werden.

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