19. Juni 2010

Versailles gekippt

Wider die kollektive Sicherheit. Vor 75 Jahren schlossen Deutschland und Großbritannien ein Flottenabkommen

Kurt Pätzold

In den Erinnerungsschlachten, die in der Bundesrepublik Deutschland ausgetragen werden, gibt es Daten, die unabhängig von ihrem historischen Gewicht unterschiedliche Aufmerksamkeit finden. Die Vorliebe hat Gründe, wie sogleich deutlich wird, wenn der Umgang mit zwei Geschehnissen verglichen wird, die zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges gehören: dem Vertrag, den die Sowjetunion am 23. August 1939 mit Nazideutschland schloß, und jenem, den Großbritan­nien vier Jahre zuvor mit dem gleichen Staat einging. Der erste erscheint als politisch-diplomatische Kriegstat, der letzte als nicht mehr denn eine Art Fehltritt. In Wirklichkeit war das deutsch-britische Flottenabkommen vom 18. Juni 1935 die erste Vereinbarung, mit der eine europäische Großmacht den Weg der Verständigung mit dem Deutschen Reich Hitlers beschritt. Sie tat das ohne Not und Zeitdruck, bestrebt, durch Zugeständnisse einen Widerspruch imperialistischer Interessen zu beherrschen, der sich zu einem Knoten zu schürzen drohte.

Im Weltkrieg hatte es die Seegroßmacht England mit der Marine des deutschen Kaiserreiches zu tun bekommen, die mehr war als nur ein Lieblingskind Seiner Majestät Wilhelms II. Sie wurde geschaffen, keine Aufwendungen scheuend, als Instrument von Weltpolitik, bestimmt zum Kampf gegen jenen Konkurrenten, der sich selbst besang: »Britannia rule the waves«. Die Kriegsflotten beider Staaten lieferten sich Menschen und Material vernichtende Schlachten und Gefechte, in deren Verlauf Tausende Seeleute auf den Weltmeeren elende Tode starben. Die verlustreichste war die im Skagerrak ausgetragene, um die deutsche Kriegshistoriker und Memoirenschreiber eine Gloriole wanden, Geschichten von Helden und Heldentod. Wer eine Vorstellung gewinnen wollte, was wirklich geschehen war, konnte Theodor Pliviers »Des Kaisers Kulis« lesen. Der 1930 erschienene Roman war in Deutschland verbrannt und verboten, sein Autor außer Landes getrieben, als sich Unterhändler Großbritanniens und des Reiches einen Vertrag fixierten, der – das war sein Kern – die künftigen relativen Flottenstärken festlegte.

Wieder kriegsfähig

1935 befand sich die deutsche Flotte im wesentlichen, ungeachtet von Modernisierungen, auf dem Stand jener »Bestimmungen über die Seemacht«, die anderthalb Jahrzehnte zuvor im Versailler Vertrag vereinbart worden waren. Die deutsche Kriegsflotte wurde auf sechs Schlachtschiffe, sechs kleine Kreuzer, zwölf Zerstörer, zwölf Torpedoboote begrenzt. Was sie darüber hinaus bei Kriegsende noch besaß, hatte sie den Alliierten auszuliefern oder abzuwracken. Zudem wurde ein Limit für Munition und anderes Kriegsgerät gesetzt. Ganz verboten waren »Unterwasserfahrzeuge«. Der Personalbestand dieser Flotte durfte 15000 Mann betragen. Unter weiteren einschränkenden Auflagen war Deutschland gestattet, Ersatzbauten für völlig veraltete Schiffe auszuführen. Die Bestimmungen veränderten nicht nur die Lebenswege der zu demobilisierenden Offiziere und langdienenden Angehörigen des Mannschaftsbestandes. Sie griffen auch entscheidend in die Produktion der Großwerften sowie in die Geschäfte der Zulieferer ein. Letztere fanden alsbald Wege, die ihnen diktierten Einschränkungen zu umgehen. War auch die eigene Flotte als Auftraggeber marginal geworden, ließ sich doch der Zugang zum fortdauernden internationalen Waffengeschäft eröffnen und damit ein Antrieb gewinnen, die Erfahrungen des Krieges profitbringend auszuwerten. Der Jenaer Zeiss-Konzern beispielsweise, Ausstatter der kaiserlichen Flotte mit optischem Kriegsgerät, bediente sich dazu wie auch andere deutsche Firmen eines Tarnunternehmens in den Niederlanden. Er errichtete nahe der deutsch-niederländischen Grenze in Venlo ein Werk, das sich mit der Endfertigung optischen Geräts und dessen Verkauf auf internationalen Märkten befaßte. Forschung und Entwicklung befanden sich mithin auf einem hohen Niveau, als 1933 mit der Aufrichtung der Nazidiktatur jene Politik einsetzte, mit der die »Ketten von Versailles« zerbrochen und Deutschland wieder kriegs- und angriffsfähig gemacht werden sollte – zu Lande, in der Luft und eben zur See.

Niemand mußte sich durch diese Politik mehr bedroht sehen als das Inselreich Großbritannien, auf dessen Bedürfnisse nach Sicherheit und Vorherrschaft die 1919 getroffenen Bestimmungen doch vor allem zurückgingen. Das war die Alternative, vor der die britische Politik und die des mit ihr verbündeten Frankreich stand: Entweder, sie beantworteten die Hochrüstung des Reichs mit einem wirtschaftlichen Boykott, der mindestens zu ihrer Verlangsamung geführt hätte, oder sie ließen Deutschland gewähren und richteten sich auf den Zeitpunkt ein, da sie es mit dessen neuer Streitmacht zu tun bekämen. Die britische Politik wählte, auch im Wissen eigenen Rüstungsvorsprungs, einen dritten Weg, den von Zugeständnissen, wobei sie den offenen Bruch des Vertrages von 1919 kaum kaschieren konnte. Das Friedensdiktat, das den juristischen Schlußstrich unter den Weltkrieg gezogen hatte, war das Werk vieler Staaten und die eigenmächtige Aufhebung seiner Bestimmungen durch eine unterzeichnende Macht unter keinen Bedingungen vorgesehen.

War das für sich genommen schon ein bedenklicher Akt in einem Moment, da Friedensvorkehrungen gegen einen neuen Griff Deutschlands nach der Weltmacht nötig waren, so umso mehr wenige Monate, nachdem die deutsche Regierung mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht die Kernbestimmung des Vertrages von Versailles in den Papierkorb der Weltgeschichte befördert hatte. In diesem Augenblick Deutschlands Handlungsraum auf dem Feld der Seerüstungen zu erweitern, mußte dessen Machthabern wie eine Belohnung ihres abenteuerlichen Vorgehens erscheinen und ihnen eine zusätzliche Ermutigung für dessen Fortsetzung liefern. Und so nahm namentlich Hitler auch derlei Gaben auf. Sie überzeugten ihn davon, daß sein Gegenüber sich als kleines Politikergeschlecht abtun ließ. Verglichen mit ihm kam er sich wie eine Großgestalt der Geschichte vor. Viele seiner Anhänger bewunderten ihn, den die Propaganda in eine willkürliche Traditionslinie stellte, die zu Bismarck und von da zu Friedrich II. zurückführte.

Mehr als ein Zugeständnis

Zustande gekommen war der Flottenvertrag auf eine Weise, die wenig öffentliches Aufsehen erregte. Es gab keine ins öffentliche Rampenlicht gerückte Unterzeichnung in einem Regierungsgebäude, statt dessen am Ende von Besprechungen einen Notenaustausch, mit dem sich auch eine Parlamentsabstimmung umgehen ließ. Das Ergebnis enthielt ein Schreiben des britischen Außenministers Samuel Hoare an den deutscherseits die Verhandlungen führenden Joachim von Ribbentrop, der etwas mehr als ein Jahrzehnt später in Nürnberg auch von einem britischen Richter zum Tode durch den Strang verurteilt und hingerichtet wurde. Wie der Versailler Vertrag begann auch dieses Abkommen mit einer unverbindlichen Floskel. Es würde abgeschlossen, »um den Boden für eine allgemeine Konferenz zur Begrenzung der Seerüstungen vorzubereiten«. Nahezu jeder weitere Absatz des Textes, wiederholte diese »Absicht«. Worin bestand dessen Substanz? Es wurde die Gesamtflottenstärke beider Mächte auf 100 zu 35 zugunsten Großbritanniens festgesetzt, was nur auf den ersten Blick als Beschränkung der deutschen Seite gelesen werden konnte. Der zweite, gerichtet auf die deutsche Werftkapazität, besagte, daß auf Jahre hinaus ein weiter, nicht auszuschreitender Rahmen für den Kriegsschiffbau geschaffen war. Und: Es wurde dem Reich das Recht zugestanden, eine Unterseebootflotte zu besitzen, die derjenigen des britischen Commonwealth gleichkam. Was die deutschen Machthaber über das Abkommen dachten, das, wenn nötig, auf dem Wege »freundschaftlicher Erörterungen« korrigiert werden sollte, machten sie am 28. April 1939 deutlich. Sie annullierten es als Antwort auf die partielle Korrektur der Politik des Appeasement.

Der deutsch-britische Flottenvertrag war mehr als ein Zugeständnis an Deutschlands Aufrüstung zur See. Er war die entgegen Warnungen im eigenen Lande ausgesprochene, unmißverständliche Absage der Führer Großbritanniens an eine Politik kollektiver Sicherheit in Europa. Weitere folgten ihr bis zu jenem Höhepunkt in München 1938. Es war das jene Politik, welche die Sowjetunion vor die Frage stellte, wie sie auf eine Situation reagieren müßte, die sie, dabei scheiternd, abzuwenden gesucht hatte. Ihre Antwort war der Vertrag vom 23. August 1939, von dem laut wieder die Rede sein wird, unabhängig von allen Jahrestagen …

PS: Übrigens blieb die Politik der Zugeständnisse an Nazideutschland für jene konservativen Politiker, die mit dem Flottenabkommen dafür den Eröffnungszug gemacht hatten, ganz folgenlos. John Simon (1873–1954), der die britische Außenpolitik bis zum 7. Juni 1935 geleitet hatte und unter dessen Verantwortung das Abkommen vorbereitet worden war, ebenso wie Samuel Hoare (1880–1959) wurden in den Rang von Peers erhoben, also geadelt, schmückten sich mit dem Titel eines Viscount und verblieben in Kabinetten und in der Diplomatie.

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