11. September 2013

Verwaltete Welt

Die Kulturindustrie benutzen: Theodor W. Adorno (11.9.1903 – 6.8.1969)

Es gibt keine öffentlichen Intellektuellen mehr. Zum 110. Geburtstag von Theodor W. Adorno

Sebastian Triesch

Auf Theodor W. Adorno wird immer noch Bezug genommen. Nicht nur auf seinen berühmten Satz »Es gibt kein richtiges Leben im falschen«. Jener Satz ist mittlerweile eine intellektuelle Binse, losgelöst von sonstigen Einblicken in das Werk von Adorno quasi universell einsetzbar. Er ist in den »Minima Moralia« formuliert, der im kalifornischen Exil verfaßten Notiz- und Aphorismensammlung des im Sommer 1969 verstorbenen Sozialphilosophen. Womöglich das Buch, in dem hinter dem Wissenschaftler noch am meisten der Mensch Adorno durchscheint. Es enthält nicht nur den Satz vom richtigen Leben im falschen, sondern auch Aufschlußreiches darüber, wie Adorno seine Rolle sah, nämlich daß die »Intellektuellen zugleich Nutznießer der schlechten Gesellschaft und doch diejenigen sind, von deren gesellschaftlich unnützer Arbeit es abhängt, ob eine von der Nützlichkeit emanzipierte Gesellschaft gelingt«. Dieser Satz beschwört nicht nur auf fast rührende Art die Potenz des Intellektuellen, sondern nimmt diesen auch als Agenten der gesellschaftlichen Veränderung in die Pflicht.

Nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik im Jahr 1949 zog sich ­Adorno dann auch nicht in den akademischen Elfenbeinturm zurück, sondern war als öffentlicher Intellektueller in den 50er und 60er Jahren einer der wichtigsten Deuter seiner Zeit. Entscheidend dafür waren nicht nur seine Bücher, vielmehr war es seine Präsenz in Funk und Fernsehen, die ihn auch im außerakademischen Milieu bekannt machte. Es fällt schwer, sich den Cheftheoretiker der Kulturindustrie in den Massenmedien vorzustellen. Dieses performativen Widerspruchs war sich Adorno durchaus bewußt. Gegenüber Hans Magnus Enzensberger äußerte er einmal, er halte sich für »alles eher als einen Defaitisten«, und es würde lediglich der Kulturindustrie nützen, auf diese Kanäle zu verzichten, denn wenn irgendwo, dann sei an dieser Stelle »der Brechtsche Begriff des ›Umfunktionierens‹ wichtig«.

In einer Zeit, in der der staatliche Rundfunk seinen Bildungsauftrag noch in einem paternalistischen Sinne auffaßte, gab es für Adorno viele Möglichkeiten, »on air« auf ein breites Publikum zu wirken. Dabei verblüfft die Vielfalt der Themen, zu denen er sich äußerte. »Die verwaltete Welt«, »Philosophie und Musik«, »Lyrik und Gesellschaft« oder »Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit« sind nur einige Titel seiner Sendungen. Durch die Behandlung solcher Problemfelder stieg er zu einem der gefragtesten Kommentatoren seiner Zeit auf. In diesen Sendungen, die teilweise auch als Gespräch angelegt waren, kam Adorno den Bedürfnissen des Mediums entgegen. Er dimmte seinen immer etwas verkomplifizierend wirkenden Jargon, und er verzichtete sogar auf das ihm eigene rhetorische Markenzeichen – das nachgestellte »sich« (»Unterhaltungsmusik, wo sie modernistisch sich aufputzt …«). Seine Gespräche mit Hellmut Becker im Hessischen Rundfunk wurden zwei Jahre nach seinem Tod im Jahr 1971 als »Erziehung zur Mündigkeit« publiziert und sollten zum meistverkauften Buch Adornos werden.

Solch eine zweigleisige Intellektualität, die sowohl brillante Wissenschaftsprosa als auch eine im guten Sinn populäre Philosophie, voll mit kritischem Potential, hervorbringen konnte, ist nach Adorno so gut wie ausgestorben. Erst räumte die französische Postmoderne mit dem universellen Intellektuellen auf und ersetzte ihn durch den spezifischen Intellektuellen, der sich nur in seinem Fachgebiet äußern, aber zum großen Ganzen bitte schweigen solle, dann etablierte sich der Medienintellektuelle, der zwar auf Zuruf zu allen tagespolitischen Problemen Stellung nimmt, aber nicht mehr »hinter die Prämissen der öffentlich akzeptierten Problembeschreibungen zurückfragt«, wie Axel Honneth einmal formulierte.

Und wenn es dann doch, wie zuletzt der sich zum Nichtwählertum bekennende Soziologe Harald Welzer, jemand wagt, auf den Unwillen, oder wohl eher noch die Unfähigkeit zur Zukunftsgestaltung, die aus den aktuell kursierenden Politikentwürfen spricht, hinzuweisen, muß dieser sich von Medienleuten als »verblasener Intellektueller« (Jörg Thadeusz) beschimpfen lassen. An Adornos heutigem 110. Geburtstag bleiben nur etwas wehmütige Gedanken an eine Zeit, in der Theorie mehr war als nur eine Sammlung von Erklärungen, sondern etwas, das die Welt verändern wollte.

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