2. Dezember 2013

Viel Akribie

Die Kriminalpolizei im Osten zwischen 1945 und 1952

Frank-Rainer Schurich

Ingo Wirth und Remo Kroll haben in der »Schriftenreihe Polizei. Studien zur Geschichte der Verbrechensbekämpfung« einen zweiten Band herausgebracht. Nach dem ersten Band »Die Kriminalpolizei im Ostteil Berlins (1945–1990)« hat ein Autorenkollektiv unter der Leitung von Karl-Heinz Fittkau den Aufbau der Kriminalpolizei in der Sowjetischen Besatzungszone und in den Anfangsjahren der DDR beschrieben. Die Kapitel basieren auf den Diplomarbeiten, die die Verfasser an der Sektion Kriminalistik der Humboldt-Universität 1988 erfolgreich verteidigt hatten.

Was auffällt ist, daß die Autoren schon damals mit Akribie in den Archiven geforscht haben. Da Kopierer nicht zur Verfügung standen, wurden die Quelltexte fein säuberlich abgeschrieben. Nach jedem Kapitel finden sich die entsprechenden Zeitdokumente, zumeist aus dem Zentralarchiv des Ministeriums des Innern der DDR. Dieser geschlossene Archivbestand besteht heute leider nicht mehr.

Die Autoren, so Fittkau im Vorwort, haben ihre Arbeiten als junge Menschen geschrieben, die in der DDR aufwuchsen, die Interesse an Kriminalistik hatten und die sich dem Staat, in dem sie lebten, im Großen und Ganzen – bei allen damals bekannten Widrigkeiten – verbunden fühlten: »Zudem sind wir heute immer noch von der Legitimität des praktizierten Antifaschismus (…) im Untersuchungszeitraum überzeugt.« Allein diese eindeutige Aussage ehrt die Verfasser sehr.

Einleitend schreibt Fittkau über den Aufbau und die strukturelle Entwicklung der Kriminalpolizei in den ostdeutschen Städten, Kreisen und Ländern. Klaus Witthuhn beleuchtet diese Prozesse aus der Perspektive der Führungsebene, also aus der Sicht der Deutschen Verwaltung des Innern und nach Gründung der DDR der Hauptverwaltung Deutsche Volkspolizei. In diesem Kapitel wird auch auf die Entwicklung der Kriminalpolizei bei der Eisenbahn (später innerhalb der Transportpolizei), beim Betriebsschutz und an der Grenze hingewiesen. Der kriminalpolizeiliche Meldedienst, der Erkennungsdienst, die Kriminaltechnik und die Fahndung sind Gegenstand des Kapitels von Roland Menzel, während Karsten Liney die Bildungs- und Schulungssysteme der Kriminalpolizei analysiert. Zum Schluß widmet sich Sigrid Lüder der kriminalpolizeilichen Dienstlaufbahn und den Arbeits- und Lebensbedingungen der Angehörigen der Kriminalpolizei.

Die Entwicklung der Kriminalpolizei ist in diesen Jahren durch verschiedene Prozesse gekennzeichnet: selektive Kontinuität, Personalaustausch, Reprofessionalisierung und Akademisierung, wobei auch zentralistische Bestrebungen und ideologische Einflußnahme eine bedeutende Rolle spielten.

Neben den zahlreichen Dokumenten runden Organigramme und Zeittafeln die zeitgeschichtlichen Betrachtungen in hervorragender Weise ab. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß bei historisch unvoreingenommener Betrachtung die Erkenntnisse aus diesem Buch durchaus Anregungen für heutige Strukturdebatten geben, wobei insbesondere an die Forschungsbündelung im früheren Institut für Kriminalistik an der Humboldt-Universität gedacht werden muß.

Für alle, die sich für die Geschichte der ostdeutschen Verbrechensbekämpfung interessieren, ist diese Quellenpublikation eine wahre Fundgrube. Die Texte sind, obwohl es ja ursprünglich Hochschulschriften waren, erstaunlich gut und flüssig geschrieben; Man merkt auch, daß die Herausgeber redaktionell sehr aktiv waren.

Karl-Heinz Fittkau (Hrsg.): Die Kriminalpolizei in der SBZ/DDR von 1945 bis 1952. Verlag Dr Köster, Berlin 2013, 456 Seiten, 19,80 Euro

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