24. Oktober 2012

Viele Beulen am Helm

Erich Knorr

Am Wochenende wird der Antifaschist und einstige Strafsoldat der Wehrmacht Erich Knorr in Chemnitz beigesetzt. Er wäre heute 100 Jahre alt geworden

Peter Rau

Am Ende hat ein schlapper Monat gefehlt, und er hätte seinen hundertsten Geburtstag noch selbst erleben können: Erich Knorr, am 24. Oktober 1912 im sächsischen Claußnitz geboren, verstarb am 23. September dieses Jahres. Am kommenden Sonnabend nehmen deshalb Familienangehörige und Freunde – nicht zuletzt von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – in Chemnitz mit einer Trauerfeier Abschied von dem aufrechten Kämpfer gegen Faschismus und Krieg, dessen politischer Lebensweg einst in der Sozialistischen Arbeiterjugend und der SPD begonnen hatte.

Dort hielt es ihn jedoch nicht lange. 1931 wechselte der gelernte Schlosser in den Kommunistischen Jugendverband sowie in die KPD und wurde Ende 1932 Mitglied des seinerzeit bereits verbotenen Rotfrontkämpferbundes (RFB). Als Leiter des illegal agierenden KPD-Unterbezirks Burgstädt/Rochlitz wurde er 1935 verhaftet und zu einer fünfjährigen Zuchthausstrafe verurteilt – wegen »Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens«. Das war naturgemäß mit der Aberkennung der sogenannten Wehrwürdigkeit verbunden. Doch Ende 1942 rief das Naziregime ob der immensen Verluste insbesondere an der Front im Osten auch die bis dahin »Wehrunwürdigen« zu den Fahnen (siehe jW-Thema vom 18. Oktober 2012), genauer gesagt zu den Strafeinheiten der 999er. Am 2. Februar 1943, nahezu zeitgleich mit dem Ende der 6. Armee bei Stalingrad, ereilte auch Erich Knorr die Einberufung, um im schwäbischen Heuberg auf die nächsten Schlachten des Krieges vorbereitet zu werden – gemeinsam mit anderen Nazigegnern, aber auch mit Kriminellen verschiedenster Couleur und ebenso mit degradierten bzw. strafversetzten Wehrmachtsangehörigen.

Allerdings verhinderte der weitere Kriegsverlauf den geplanten Einsatz der »WU-Schützen« in Nordafrika. Aus Knorrs III. Bataillon des Afrika-Schützen-Regiments 961 wurde ein Festungs-Infanterie-Bataillon, nun vorgesehen für den Kriegsschauplatz Balkan. Doch weder in Griechenland noch in Jugoslawien oder in der Ukraine ergab sich die Möglichkeit eines Frontwechsels, den er gemeinsam mit Gleichgesinnten von Beginn an ins Auge gefaßt hatte. Neue Hoffnung keimte auf, als Knorr 1944 auf den Sozialdemokraten und ebenfalls von den Nazis gemaßregelten Karl König traf. Der hatte über Julius Leber von der SPD Verbindungen zu den Widerständlern um Stauffenberg und war beauftragt, nach einem erfolgreichen Attentat auf Hitler aus zuverlässigen Angehörigen der Strafdivision eine Kampfgruppe zu bilden, die in der Reichshauptstadt die Sicherheit der neuen Regierung gewährleisten sollte.

Daraus wurde bekanntlich nichts. Während König (1910–1979), der 1965 von der SPD in Westberlin zum Wirtschaftssenator ernannt werden sollte, in sowjetische Gefangenschaft geriet, blieb Knorr bis zum Kriegsende ein 999er, später noch an der Westfront bei Festungsarbeiten eingesetzt und in den allerletzten Kriegstagen zwischen Neiße und Elbe unterwegs. Dabei konnte er sich gegenüber polnischen und sowjetischen Soldaten mit seinen über den Krieg geretteten Dokumenten ausweisen: mit den Entlassungspapieren aus dem Zuchthaus Waldheim, dem Wehrmachtsausschließungsschein vom 19. November 1939 und dem 1943 erhaltenen Soldbuch der Strafdivision. So wurde Knorr nach der Befreiung Bürgermeister in seinem Heimatort, noch 1945 Leiter des Referats Landwirtschaft im Landrats­amt Rochlitz und von 1946 bis 1948 dortselbst zum Landrat ernannt. Er besuchte die Parteihochschule und wurde 1950 stellvertretender Generalsekretär der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB), deren Leitung er 1953 übernahm, bis er im November 1957 beurlaubt und im Juli 1958 »wegen revisionistischer Auffassungen« abgesetzt wurde. Nach einem Studium an der LPG-Hochschule in Meißen zum Diplomagronom stand er 1959 bis 1962 an der Spitze des Rates des Kreises Güstrow, wo er wegen »Liberalismus« abgelöst wurde. Anschließend war er bis zu seiner Frühpensionierung 1973 als Lehrer an Bezirksparteischulen der SED tätig.

Apropos »Revisionismus« und »Liberalismus«: Solche Vorwürfe fochten Knorr, der schon 1932 statt der damaligen »Sozialfaschismus«-Thesen der Komintern deren Volksfrontstrategie aus dem Jahr 1935 praktiziert hatte, nicht an. Und in Sachen Stauffenberg bzw. 20. Juli hatte er aus gutem Grund von Beginn an jene Überzeugungen vertreten, die in seiner Partei erst Jahrzehnte später Allgemeingut werden sollten.

Als Fazit seines langen Lebens, zu dem nach dem Krieg übrigens auch das Kontaktverbot zu besagtem Karl König gehörte, mag gelten, daß »ein guter Kommunist viele Beulen im Helm hat; aber nur einige davon stammen vom Gegner«. Diesen Satz las ich erstmals bei Gerhard Dengler, jenem Hauptmann der Wehrmacht, der sich Ende Januar 1943 – nahezu zeitgleich mit Knorrs Einberufung zu den 999ern – bei seinem Armeechef General Paulus zwecks Kapitulation abgemeldet hatte, später zum Nationalkomitee »Freies Deutschland« gehörte und in den 60er Jahren in der DDR Vizepräsident des Nationalrats der Nationalen Front war.

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