5. Mai 2012

Völkischer Aufmarsch

Einzug der Fahnenkompanien des Stahlhelm während der Großveranstaltung „Zehn Jahre Versailler Vertrag“, Deutsches Stadion, Berlin, Juni 1929 - Quelle: Wikipedia

7. und 8. Mai 1927: Treffen des Stahlhelm-Bundes in Berlin

Manfred Weißbecker

Vom langjährigen Chef des deutschen Generalstabes, Generalfeldmarschall von Schlieffen, berichtet die Legende, er habe 1913, im Sterben liegend, vor sich hin gemurmelt »Stärkt die Rechte! Stärkt die Rechte!« Seine Worte bezogen sich auf den Feldzugsplan, den er ausgearbeitet hatte und der Grundlage für einen blitzartigen Überfall auf Frankreich werden sollte. Doch fast könnte man meinen, die Worte seien auch ins Stammbuch jener deutschen Parteien und Verbände geschrieben worden, die nach dem verlorenen Krieg für bürgerkriegsähnliche Zustände sorgten, die Militarisierung des Zivillebens in der Weimarer Republik betrieben und sich als Wegbereiter der hitlerfaschistischen Diktatur betätigten. Die Rechtsparteien zu stärken, um so Deutschlands »innere und äußere Befreiung« erwirken zu können, so lautete in den Jahren der Weimarer Republik die grundlegende Zielstellung alter und neuer Militaristen. Von ihnen marschierten vor 85 Jahren 132000 Mitglieder eines der größten unter den zahlreichen paramilitärischen Verbänden beim 8. Reichsfrontsoldatentag in Berlin auf. Lautstark propagierten sie als konkrete Forderungen: »1 . Kampf gegen den Versailler Vertrag und die Kriegsschuldklausel; 2. Kampf gegen den Verrat der Sozialisten; 3. Kampf gegen Bolschewismus, Marxismus und Internationalismus; 4. Ablehnung des Parteisystems; 5. Vereinigung aller Nationalisten in Deutschland und 6. Gewinnung der Arbeiterklasse.«

»Nationale Diktatur«

Der Name dieser Organisation: Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten. Der Erste Weltkrieg war kaum beendet, da erfolgte seine Gründung. Seit dem 13. November 1918 mit dem Plan befaßt, hob Franz Seldte (Reserveoffizier und Frontberichterstatter, am 30. Januar 1933 als Arbeitsminister in Hitlers Kabinett berufen) gemeinsam mit seinen Brüdern Eugen und ­Georg sowie mit Max Oppermann den Bund im Dezember 1918 in Magdeburg aus der Taufe. In der Gründungsversammlung tönte: »Zu sieben Mann haben wir Mitte November (…) beschlossen, diese Schweinerei von Revolution nicht weiter so hingehen zu lassen«. Formell benannte die Satzung, es gehe um die »Unterstützung der Regierung beim Aufbau neuer Freiwilligenverbände« sowie um einen Beitrag zur »Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung«. Bereits im September 1919 konstituierte sich der Stahlhelm als Reichsbund mit Ortsgruppen auch in Göttingen, Stendal, Berlin, Leipzig, Kiel, Gera, Dortmund, Bremen, Hamburg, Stettin, Halberstadt und Helmstedt. Der erste »Reichsfrontsoldatentag« fand am 14. März 1920 in Magdeburg statt; wohl eher zufällig an jenem Tag, an dem Putschisten wie Kapp, Lüttwitz und Ludendorff gewaltsam die Weimarer Republik aus den Angeln heben wollten.

Zwar stand den Stahlhelm-Führern nicht so sehr der Sinn nach schlecht vorbereiteten putschistischen Abenteuern, doch an ihrer Feindschaft gegenüber allen sozialistischen, demokratischen und bürgerlich-republikanischen Kräften konnte es keinen Zweifel geben. Jahr für Jahr fanden ihre Bemühungen größeren Anklang, was nicht zuletzt an der wachsenden Zahl von Teilnehmern der Reichsfrontsoldatentage ablesbar war. Bald verfügten sie über mehr als 1200 Ortsgruppen, die in Landesverbänden zusammengefaßt waren. Unverblümt forderten sie 1923, »umgehend eine nationale Diktatur zu schaffen, die nicht durch Parlamente, Parteien und Interessenverbände behindert ist«. Im Jahr darauf gründeten sie den Jungstahlhelm, um Jugendlichen einen »vollwertigen Ersatz für verbotene militärische Dienstzeit« zu bieten, außerdem den Stahlhelm-Landsturm, der Mitglieder ohne Fronterfahrung erfassen sollte. Bald entstand auch der Stahlhelmstudentenring Langemarck. Unterstützt von Ausbildungsoffizieren der Reichswehr, fanden zahlreiche Gepäckmärsche, Feldübungen sowie Lehrgänge für das Scharfschießen mit schwerer Artillerie statt.

Mit einem solchen Betätigungsfeld wollte sich der Stahlhelm allerdings nicht länger begnügen. Seit Mitte der 20er Jahre setzte er sich auch offiziell politische Ziele. Zugleich erweiterte er seine Aufgaben über den Charakter eines (angeblich!) ausschließlichen Wehrverbandes hinaus. Man wollte nicht mehr nur eine Wehrbewegung, sondern eine »politisch-nationale Freiheitsbewegung« sein, schrieb Seldte im Vorfeld des 8. Reichsfrontsoldatentages an Reichsaußenminister Gustav Stresemann.

Die politische Umorientierung vollzog sich schrittweise, verbunden mit heftigen inneren Auseinandersetzungen. Nachdem der Bundesvorstand im Oktober 1926 die Entschließung »Hinein in den Staat« angenommen hatte, protestierten extrem antirepublikanische Kräfte. Sie meinten, der Bund habe damit die Verfassungswirklichkeit akzeptiert und werde sich hinter die Regierung stellen. Sofort folgte eine klärende Erläuterung der neuen Parole: Sie bedeute nicht Zusammenarbeit mit dem Staat, sondern Durchdringung und Wandlung des Staates. In personeller Hinsicht standen sich Seldte und sein radikalerer Stellvertreter Theodor Duesterberg gegenüber.

Mit der Berliner Demonstration von Anfang Mai 1927 hoffte der Stahlhelm, die Hauptstadt »geistig« erobern zu können. Dem diente vor allem der Versuch einer »weltanschaulichen Fundierung des aus dem Kriegserlebnis erwachsenen Neuen Nationalismus«, wie es in der sogenannten Berliner Grundsatzerklärung hieß. Im einzelnen ging es um die Wiedereinführung der Farben schwarz-weiß-rot, womit die Erinnerung an ein glorifiziertes monarchisches Deutschland wachgehalten werden sollte, um die Gewinnung von »Lebens- und Arbeitsraum«, um die Beseitigung »parlamentarischer Willkür«, um die Schaffung eines neuen Wahlrechts sowie um Maßnahmen gegen »die seit der Revolution gesteigerte Überfremdung unseres politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens durch fremde Elemente und gegen die Verwilderung der sittlichen Anschauungen«. Selbst antisemitische Losungen fehlten nicht.

Mystifiziertes Soldatentum

Alle Möglichkeiten zu »maßgeblicher Mitarbeit« der Frontsoldaten im »nationalen Behauptungskampf« zu nutzen, galt als selbstverständlich, wobei als Ideal eine Mixtur aus »Soldatentum und Politikertum« angesehen wurde. Ersteres unterlag regelrecht einer Mystifizierung. In ihm spiegele sich, so formulierte es der Leiter des Schulungsbüros im Bundesvorstand Eduard Stadtler: »Gesinnung, Glaube, Mythos, gelebte Idee, vorbildliche Tat, heldische Bereitschaft, praktisch-kämpfende Führung, strahlend gläubige Gefolgschaft, kampfbegierige Männersolidarität, Jugendgemeinschaft, marschierende Kolonnen, Schützengrabenethos, flatternde Fahnen, Rhythmus der Militärmusik, beseelter Redefluß und Windjackenstolz.« Nichts aus dem umfangreichen Katalog völkisch-militaristischer Floskeln durfte fehlen!

Voll und ganz stellte sich der Stahlhelm hinter den Reichspräsidenten Hindenburg, dessen Machtbefugnisse zu stärken man nachdrücklich verlangte. Trotz betonter Überparteilichkeit galt in der Öffentlichkeit der Bund als der Deutschnationalen Volkspartei nahestehend. Von den 1928 gewählten 73 Reichstagsabgeordneten der DNVP gehörten immerhin 55 dem Stahlhelm an.

Zwar stimmte der Frontsoldaten-Bund nicht in allem mit der NSDAP überein. Streitereien waren an der Tagesordnung und wurden lautstark ausgetragen. Doch geistesverwandt zeigten sie sich in vielerlei Punkten: Gemeinsam vertraten sie die ideologischen Kernpunkte und die antidemokratischen Forderungen des damaligen Rechtsextremismus. Oft marschierten sie im Gleichschritt – so 1929 beim Volksbegehren gegen den Young-Plan und 1931 in der »Harzburger Front«. Schließlich erwies sich der Stahlhelm 1933 mit seinen rund 500000 Mitgliedern als wichtiger Helfershelfer bei der Errichtung der Nazidiktatur und danach als SA-Reserve bei deren Herrschaftssicherung. Als im März 1935 die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt wurde und der massenhafte Aufbau der Wehrmacht für einen neuen Krieg begann, war erreicht worden, was er erstrebt hatte, und der Bund selbst überflüssig geworden.

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