9. Januar 2012

Völkischer Thinktank

»Und morgen die ganze Welt ...« – Festumzug zur VI. Reichstagung der Auslandsdeutschen in Stuttgart, 28. August 1938 - Quelle: jW-Archiv

Geschichte. Vor 95 Jahren entstand mit dem Deutschen Ausland-Institut die einflußreichste Organisation für den Mißbrauch deutscher Minderheiten in aller Welt. Seit 1949 betreibt es als Institut für Auslandsbeziehungen wieder »Deutschtumsarbeit«

Martin Seckendorf

Am 10. Januar 1917 versammelten sich im Stuttgarter Linden-Museum etwa 150 Personen zu einer pompösen Veranstaltung. Frack und Uniform bestimmten das Bild. Vertreter des regierenden Hochadels im Reich und in den deutschen Bundesstaaten, des Finanzkapitals und hohe Militärs, begleitet von einigen Universitätsprofessoren, gründeten das »Museum und Institut zur Kunde des Auslanddeutschtums und zur Förderung deutscher Interessen im Ausland«.

Der deutsche Kaiser schickte eine Grußadresse (und eine ansehnliche Summe aus dem Reichshaushalt), der württembergische König übernahm die Schirmherrschaft. In den Ehrenausschuß traten der deutsche Kronprinz und die Chefs aller in den Bundesstaaten herrschenden Adelsfamilien. Den Ehrenvorsitz im Verwaltungsrat übernahm Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Mitglieder dieses Gre­miums wurden mehrere Reichsminister – u.a. die Kolonial-, Außen- und Innenminister – sowie Ressortchefs aller Bundesländer.

Noch 1917 legte die Neugründung den etwas sperrigen Geburtsnamen ab. Bis 1945 nannte sie sich Deutsches Ausland-Institut (DAI), ab 1949 Institut für Auslandsbeziehungen (IfA).

Organ der Herrschenden

Die enge Verbindung zu den maßgebenden Einfluß- und Machteliten ist bis heute ein Grundzug der Stuttgarter Einrichtung. Sie sichert Renommee und auch in politischen oder wirtschaftlichen Krisen eine üppige Finanzierung. Unter allen Regierungsformen wurden hochrangige Vertreter der herrschenden Schichten in Aufsichts- und Beratungsorgane oder in Ehrengremien gewählt und durch Auszeichnungen an das Institut gebunden. So erhielten u.a. Reichspräsident Paul von Hindenburg und Adolf Hitler die höchste Auszeichnung des Instituts, den Deutschen Ring.

Die Gründung in schwierigen Kriegszeiten, die herausgestellte Verbundenheit mit der wilhelminischen Oberschicht und die reichliche finanzielle Ausstattung des Instituts lösten in der Öffentlichkeit Erstaunen aus. Immerhin waren seit den mörderischen Schlachten des Jahres 1916 an der Somme und vor Verdun gerade einige Monate vergangen. Das Weltwirtschaftliche Archiv meinte 1917, in Stuttgart sei »eine in ihrer Großzügigkeit durchaus neuartige Organisation«, eine »Zentralstelle« von gesamtnationalem Rang entstanden. Die Frankfurter Zeitung schrieb am 11. Januar 1917, das Institut sei als »Mittelpunkt der Beziehungen Deutschlands zu seinen Landeskindern« im Ausland konzipiert worden.

Die Gründung des DAI war Ausdruck dafür, daß die Herrschenden in Deutschland nach neuen Expansionsmethoden suchten. Bis dahin setzen sie bei dem Drang nach einem »Platz an der Sonne« auf eine expandierende Wirtschaft und aggressionsbereite Streitkräfte. »Die feineren Mittel«, wie Reichskanzler Bethmann Hollweg 1913 subtilere Methoden der Einflußgewinnung nannte, spielten bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges kaum eine Rolle.

Anfang 1917 war deutlich geworden, daß der Krieg nicht mit dem »Siegfrieden« enden werde. Die Erringung der »deutschen Weltgeltung« gegen die britische Weltmacht nur durch Waffengewalt war offenkundig nicht möglich. Neue, flexiblere Wege wurden gesucht.

Neue Expansionsmethode

Ein Vorreiter dieser Auffassungen war Reichskanzler Bethmann Hollweg, der nicht zufällig eine herausgehobene Rolle bei der Gründung des DAI spielte. Schon im Juni 1913 hatte er in einem Brief an den Historiker Karl Lamprecht bedauert, daß die Deutschen noch allzuviel »den naiven Glauben an die Gewalt« hätten und nicht wüßten, »daß, was die Gewalt erwirbt, die Gewalt allein niemals erhalten« könne. Bethmann Hollweg hatte darauf verwiesen, daß verstreut in allen Erdteilen Millionen Deutsche lebten. Nur Großbritannien hätte noch mehr »Landeskinder« im Ausland. Diese Möglichkeiten zur Beeinflussung der »Wirtsvölker« und zur Förderung der deutschen Außen- und Expansionspolitik sei bisher »sträflich« vernachlässigt worden.

Die Gründung – und die weitere Tätigkeit des DAI – waren nicht von der in der Öffentlichkeit allenthalben beschworenen Sorge um die »Brüder und Schwestern jenseits der Grenze«, wie es hieß, bestimmt. Das »Auslanddeutschtum« sollte Instrument der »Reichspolitik« sein.

In diesem Sinne war die Rede des Königs von Württemberg auf der Gründungsfeier des DAI abgefaßt. Das Institut sei ein Werk »des künftigen (Kompromiß)friedens mitten im gewaltigen Kriege«. Es gehe »um außerordentlich wichtige Fragen, die die Zukunft unseres Vaterlandes bewegen«, stellte er auf der Verwaltungsratssitzung des Instituts kurze Zeit später klar und hob hervor, die im Ausland lebenden Deutschen können helfen, »zurückzuerobern, was uns durch der Feinde Tücken verloren gegangen ist«.

Totale Erfassung

Über das Potential des »Auslanddeutschtums« bestanden indes nur vage Vorstellungen.

Vorrangige Aufgabe des DAI sei, »Verbreitung, Kultur und Wirtschaftsstellung des Deutschtums im Ausland« zu erforschen, heißt es in einer Programmschrift von 1917.

Das Institut sollte die genaue Zahl und die geographische Verteilung der im Ausland lebenden Deutschen sowie deren Beziehungs- und Wirkungsgeflecht in ihrer andersnationalen und natürlichen Umwelt erkunden.

In differenzierten Karteien waren jeder im Ausland lebende Deutsche und alle Organisationen der Auslanddeutschen – vom Kirchenchor bis zur politischen Partei – zu erfassen. Diese Kartothek, so das Institut in einer Notiz vom Juni 1919, sei »für den künftigen Wiederaufbau deutscher Interessen im Ausland von hohem Wert«. Außerdem begann die Etablierung eines weltumspannenden Systems von V-Leuten, die regelmäßig oder auf Anfrage nach Stuttgart berichteten.

Ein zweiter Arbeitszweig des DAI bestand darin, Verbindungen zu den Deutschen im Ausland anzubahnen und Einfluß auf die politische Haltung der Auslandsdeutschen gegenüber Deutschland zu nehmen.

Mit intensiver Indoktrination, flankiert von materieller Unterstützung und der »Entsendung« von Beauftragten des Instituts in die deutschen Siedlungsgebiete, sollte eine enge Bindung zu Deutschland aufgebaut werden. Dabei ging es auch darum, Assimilation, ja selbst Integration der Auslanddeutschen in ihre gesellschaftliche Umwelt zu verhindern. Durch »Wiedererweckung des Deutschbewußtseins« und des »Sinns für deutsche Sonderart« wollte man assimilierte, ins »fremde Volkstum abgeglittene« Deutsche dem »deutschen Volkstum« zurückgewinnen, regermanisieren. Schon 1913 hatte Bethmann Hollweg beklagt, »daß nicht jeder Deutsche im Auslande seine Heimat in sich abbildet«.

Ein dritter Arbeitsschwerpunkt war die Propaganda in die deutsche Gesellschaft hinein. Die über die Deutschen im Ausland gewonnenen Erkenntnisse sollten schnell verbreitet werden, um in Deutschland »die Kenntnis der Bedeutung des Auslanddeutschtums« zu vertiefen, heißt es in der Satzung von 1917. Damit wollte man den Entscheidungsträgern das Potential des »Deutschtums im Ausland« vermitteln. Dabei ging es auch um eine breitere Akzeptanz der noch jungen Disziplin »Deutschtumspolitik« in den Macht- und Einflußeliten.

Andererseits versuchte man, mit nationalistischer Deutschtumspropaganda die Instrumentalisierung der deutschen Minderheiten im Ausland für die Politik der Herrschenden in Deutschland zu verschleiern, aber einen innenpolitischen Resonanzboden für die »Deutschtumspolitik« zu schaffen. Mit der oft in chauvinistische Hetze gegen andere Völker ausartenden »Deutschtums­propaganda« sollte politischer Einfluß in breiten Massen der deutschen Gesellschaft gewonnen werden. Die Arbeit für das »schwer ringende Deutschtum im Ausland« wurde als partei- und klassenübergreifende, gesamtnationale Pflicht dargestellt, wofür notfalls auch Opfer zu bringen waren. Mit der »Nationalisierung« der Volksmassen wollte man Feindbilder gegen ausländische Mächte verfestigen und die Massen von einer revolutionären Lösung der durch die herrschenden Klassen geschaffenen gravierenden politischen und sozialen Probleme in Deutschland abhalten, denn nur ein einiges und starkes Mutterland könne den »Brüdern und Schwestern draußen« helfen, so die Argumentation des DAI. Eine weltumspannende »Volksgemeinschaft aller Deutschen« wurde propagiert. In der Ausgabe der Institutszeitschrift vom Januar 1918 heißt es: »Der deutsche Gedanke in der Welt verlangt ein enges Zusammenstehen aller Volksgenossen in der Heimat, vom ersten Minister bis zum letzten Arbeiter. Er fordert auch einen innigen Zusammenhalt der Auslanddeutschen untereinander und mit der Heimat.« Der erste Vorsitzende des Instituts, Theodor Wanner, verlangte die Herstellung der »volklichen Einheit« aller Deutschen. Reichsaußenminister Gustav Stresemann sprach 1927 im DAI von der »Kultur- und Blutgemeinschaft« aller Deutschen weltweit, die sich durch kulturell-zivilisatorische Höherwertigkeit von anderen Völkern unterscheide.

Der Tenor der Deutschtumspropaganda klingt in einem Bericht über die Gründungsversammlung des DAI an. Die Zeitung Export schrieb 1917, in »dieser für das Deutschtum schwierigen Zeit (…) durch den gegen uns gerichteten Mordkrieg« sei »das eherne Gebot klargeworden, uns über den ganzen Erdball fest und fester aneinander zu schließen, damit wir nicht vereinzelt der nach unserem Leben gierenden Meute zum Opfer fallen«.

Die bei der Gründung dem DAI gestellten Aufgaben bestimmten die gesamte weitere Tätigkeit des Instituts.

Revisionspolitik

Der Erste Weltkrieg endete mit der totalen Niederlage Deutschlands. Der deutsche Imperialismus mußte erhebliche politische, wirtschaftliche und militärische Beschränkungen und Gebietsabtretungen hinnehmen.

Angesichts der Machtlosigkeit setzte sich in den herrschenden Klassen endgültig die Erkenntnis durch, daß »Deutschtumspolitik«, die oft als unverdächtige auswärtige Kulturpolitik firmierte, ein wirkungsvolles Mittel für die Außen- und Innenpolitik sei.

Man war davon überzeugt, mit Kultur- und Minderheitenpolitik die politische Stimmung des Auslandes derart zugunsten Deutschlands zu verändern, um die Beseitigung der auferlegten Beschränkungen als wichtigen Schritt auf dem Weg zur Wiederaufrichtung der »deutschen Weltgeltung« erreichen zu können. Außerdem wollte man mit nationalistischer, auf »Volksgemeinschaft« ausgerichteter Deutschtumspropaganda die gerade nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wankende Macht der Eliten stabilisieren.

In Deutschland entstand ein gewaltiger »Deutschtumsapparat«. Tausende Vereine und ungezählte »volkswissenschaftliche« Forschungs-und Bildungseinrichtungen wurden gegründet. Steuerung und weitgehend die Finanzierung des gewaltigen Apparats oblag oft getarnt agierenden staatlichen Behörden.

Aus diesem Geflecht ragte das DAI wegen der Breite seines Arbeitsgegenstands und seiner engen Verbindungen zu den Macht- und Einflußeliten heraus. Das Institut war eine Kombination von Deutschtumsverband, »volkswissenschaftlicher« Lehr- und Forschungseinrichtung, Propagandazentrale, Gutachter- und Auswandererberatungsstelle, auslandskundlichem Informationszentrum, Archiv und Museum.

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs begann der Aufstieg des DAI zur wichtigsten Deutschtumsorganisation. 1922 schrieb der sozialdemokratische Reichsinnenminister Adolf Köster, das DAI sei »die wissenschaftlich und politisch bedeutungsvollste Organisation zum Wiederaufbau des Auslandsdeutschtums wie zur Verbreitung von Auslandskunde«. Die Mehrzahl der Neugründungen hatte innenpolitische Propaganda zu betreiben, damit der »Gedanke des Deutschtums im Ausland von einer starken Stimmung im Volk« getragen werde, schrieb das Auswärtige Amt 1922. Die »Deutschtumsarbeit« sei für den »politischen Wiederaufbau Deutschlands« nach dem Krieg »besonders dringend« gewesen, heißt es in einem Bericht des Rechnungshofes.

Das DAI bediente beide Arbeitsfelder: Erfassung und Steuerung der deutschen Minderheiten im Ausland und Deutschtumspropaganda nach innen.

Nach der Novemberrevolution stellte sich das DAI auf die veränderte innenpolitische Situation ein. Die Vertreter der Fürstenhäuser verschwanden aus den Institutsgremien. Ihre Stellen nahmen die Repräsentanten der Weimarer Republik ein.

Den Ehrenvorsitz bildeten der Reichskanzler, die Reichsminister des Innern und des Äußeren sowie Repräsentanten großer deutscher Bundesstaaten.

Weltweite »Blutsgemeinschaft«

Auf politisch und finanziell gesicherter Grundlage konnte sich das DAI zügig entwickeln. In der Propaganda des Instituts bildete die These von der »Bluts- und Kulturgemeinschaft« aller Deutschen in der Welt den Kernpunkt. Auf der Grundlage der »Blutsgemeinschaft« hätten sich die »volkliche Einheit« und die Schicksalsverbundenheit des weltweit zerstreuten »Deutschtums«, die »deutsche Sonderart« entwickelt. Das »Deutschtum in aller Welt« sei eine soziale, biologische und daher auch »gesinnungsmäßig« homogene, von anderen Völkern streng geschiedene Schicksalsgemeinschaft.

Die massenhaft verbreitete Volksgemeinschaftsideologie führte bald in die Nähe faschistischer »Volkstums«-Auffassungen. Der Leiter der Presseabteilung des Instituts bewertete eine programmatische Publikation der NSDAP über das »Grenz- und Auslandsdeutschtum« als weitgehend identisch mit den Auffassungen des DAI. Der als »liberales Urgestein« geltende Vorsitzende Theodor Wanner äußerte 1927, die Deutschen seien ein »Volk ohne Raum«. Er forderte die Ansiedlung deutscher Bauern in den »entvölkerten Ostgegenden und Ödgebieten« auch, um »zunächst einmal gegen die andrängende slawische Flut im Osten einen neuen Menschen- und Bauernwall zu setzen«. Die Mitarbeiter des DAI gehörten nach dem Zeugnis von Wahrhold Drascher, seit 1924 Länderreferent, »so gut wie ausschließlich seit langem der nationalen Erneuerungsbewegung« an. Drascher war nach 1945 Professor in Tübingen.

Zu Beginn der faschistischen Herrschaft versuchten Führer konkurrierender »Deutschtumsverbände«, die herausgehobene Stellung des DAI im Netzwerk der »Deutschtumspolitik« zu beseitigen und sich das Institut einzuverleiben. Naziführer in Württemberg und auf Reichsebene machten schnell deutlich, daß dieses für jede Außenpolitik und revanchistische Propaganda so wertvolle Instrument unangetastet bleibt.

Sie drängten aber auf Faschisierung. Die mit dem von den Nazis verfemten Weimarer System eng verbundenen Personen an der Institutsspitze wurden entfernt und durch Nazigrößen und nazistische »Volkstumskämpfer« ersetzt. Im Dezember 1934 stellte der Reichsrechnungshof fest: »Das Deutsche Ausland-Institut ist die größte zentrale Arbeitsstätte für das Auslanddeutschtum im Reich und als solche von den Auslanddeutschen, den Reichsbehörden und den Organen der NSDAP anerkannt.«

Die Hinwendung zu den neuen, faschistischen Machthabern führte dazu, daß das DAI schnell wuchs. Die Zuwendungen des Staates, der Naziorganisationen und der Großwirtschaft stiegen bis 1943, gemessen am Stand von 1933, auf das Zwanzigfache. Die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter wurde im selben Zeitraum mehr als verdreifacht. Alle Arbeitsfelder konnten erheblich ausgebaut werden. Die Zahl der weltweit tätigen V-Leute stieg auf weit über 4000. Sie wurden zunehmend dazu angehalten, militärische, kriegswichtige Informationen zu liefern. 1943 wurde das DAI schließlich vollständig in den Spionagedienst der SS eingegliedert.

Formierung der fünften Kolonne

1933/34 erlangte das Institut für die Außenpolitik der Naziregierung besondere Bedeutung. Wegen der terroristischen Innenpolitik und der ersten Schritte bei der Judenverfolgung erhob sich im Ausland ein Proteststurm. Deutschland war international isoliert. Das Regime startete eine Propagandaoffensive, in der das DAI eine führende Rolle übernahm. Es sollte seine Verbindungen zu den deutschen Minderheiten ausnutzen, um diese für die Nazipropaganda im Ausland einzuspannen. Es ging darum, über die Auslandsdeutschen in deren »Wirtsstaaten« außenpolitisch verwertbaren Einfluß zu gewinnen.

Die »auslanddeutschen Volksgenossen« wurden aufgefordert, alles zu tun, »um das deutsche Volk in seinem Daseinskampf zu unterstützen, daß sie den Hetzversuchen entgegentreten und ihre andersstämmigen Mitbürger aufklären über die wahre Lage in Deutschland«, heißt es in Aufrufen des Instituts.

Gleichzeitig nutzte das DAI sein Renommee, nazistische Ideologie unter den Deutschen im Ausland zu verbreiten. Die ideologische Indoktrination der Auslanddeutschen und die Faschisierung aller Organisationen der deutschen Minderheiten war die wichtigste Voraussetzung dafür, die »Volksguppen« zu willfährigen Instrumenten der »Reichspolitik«, zur fünften Kolonne der deutschen Eroberungspolitik zu machen.

Seit 1933 strebte das DAI zusammen mit der Deutschen Akademie, deren Goethe-Institut heute zu den wichtigsten »Mittlerorganisationen« der bundesdeutschen auswärtigen Kulturpolitik gehört, eine führende Rolle in der »Volkswissenschaft« an. In Stuttgart sollte eine gesamtnationale »Planungs- und Generalstabsstelle der Volksgruppenforschung« entstehen. Vor allem die europäischen »Volksgruppen« und ihre »Wirtsvölker« sollten auf der Grundlage von Rassen- und Erbbiologie bewertet und kategorisiert werden, um sie gemäß der faschistischen Rassenideologie als Verfügungsmasse für die Germanisierung zu erobernder Gebiete festlegen zu können. Germanisierung durch Beseitigung der Einheimischen und Ansiedlung »arischer« Menschen galt den Faschisten als die sicherste Methode zur Beherrschung besetzter Gebiete.

1938/39 begann die Überführung der »volkswissenschaftlichen« Forschungsergebnisse in die mörderische Germanisierungspraxis. An die Stelle der deportierten, mitunter sofort umgebrachten Einwohner kamen rassisch und politisch überprüfte »germanische Ansiedler«. Experten des DAI gelangten in Leitungsfunktionen der entsprechenden SS-Einrichtungen. Das Institut lieferte Expertisen als Planungsgrundlagen für Um- und Ansiedlungsmaßnahmen.

Während des Krieges wurden die Arbeitsergebnisse, die personellen und sachlichen Möglichkeiten des Instituts vollkommen und unmittelbarer als je zuvor für die Politik und Kriegsführung des Naziregimes eingesetzt. Das DAI galt der deutschen Führung als »kriegswichtig«.

Kontinuität

1945 mußte das DAI vorübergehend seine Tätigkeit weitgehend einstellen. 1949 wurde es unter maßgeblichem Einfluß des Bonner Auswärtigen Amtes als Institut für Auslandsbeziehungen (IfA) in Stuttgart wiedereröffnet. Es wird von Staat und Großkapital finanziert. Das IfA trat mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit in die Tradition des DAI ein. Es gibt keine kritische Aufarbeitung der Gesamtgeschichte des DAI/IfA durch das Institut. Auch fehlen zusammenfassende Untersuchungen darüber, in welchem Umfang leitende Mitarbeiter des DAI oder andere braune Kader in das IfA übernommen worden waren und die Tätigkeit des neuen Instituts beeinflußten.

Heute ist das Institut die wohl bedeutendste »Mittlerorganisation« der auswärtigen Kulturpolitik und betreibt, wie es im Jahresbericht des Instituts für 1998 heißt, » (p)olitische Öffentlichkeitsarbeit für die Bundesrepublik Deutschland (…) im Ausland (…) in Zusammenarbeit mit dem Presse- und Informationsamt der Bundesregierung«. Die »politische Öffentlichkeitsarbeit Ausland« sei ein Instrument der deutschen Außenpolitik«, wird betont.

Unter Einsatz beträchtlicher Mittel und einer großen Anzahl von Experten betreibt das IfA auch wieder »Deutschtumspflege« im Ausland. Territoriale Schwerpunkte der unter dem Etikett »Kulturelle Förderung deutscher Minderheiten« laufenden Arbeit sind neben Lateinamerika vor allem die deutschen Minderheiten in jenen Ländern Ost- und Südosteuropas, die sich um 1990 vom Sozialismus abgewandt hatten. Auf der Website des IfA heißt es unter der Überschrift »Entsendung von Mitarbeitern«: Das Institut entsende jährlich »zu Verbänden und Redaktionen der deutschen Minderheiten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa (…) Kulturmanager, Redakteure, Medienwirte«. Aber auch »Kindergartenfachberater und Erzieher« werden zu den deutschen Minderheiten geschickt.

Ein Blick auf die Geschichte des DAI/IfA enthüllt bemerkenswerte sachliche Kontinuitätslinien: Mit Kulturpropaganda und dem Einsatz der deutschen Minderheiten im Ausland ein den Herrschenden genehmes »Deutschlandbild« zu erzeugen, im Grunde außenpolitisch verwertbaren Einfluß in fremden Ländern zu erreichen, ist von 1917 bis heute die Hauptaufgabe des Deutschen Ausland-Instituts und seines Nachfolgers Institut für Auslandsbeziehungen.

Dr. Martin Seckendorf ist Historiker und Mitglied der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. Weitere Beiträge von ihm finden sich in der jW-Broschüre »Barbarossa. Raubkrieg im Osten«, Berlin 2011, 5,80 Euro, im jW-Shop erhältlich, Bestellungen an ni@jungewelt.de

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2012/01-09/004.php