13. März 2010

»Volk ans Gewehr«

Vor 75 Jahren wurde in Nazideutschland die allgemeine Wehrpflicht eingeführt

Kurt Pätzold

Die faschistische Diktatur war wenig mehr als zwei Jahre alt, da beschloß das Reichskabinett, gebildet aus NSDAP-Führern und deutschnationalen Politikern, am 16. März 1935 das »Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht«. Sein Artikel 1 besagte lapidar: »Der Dienst in der Wehrmacht erfolgt auf der Grundlage der allgemeinen Wehrpflicht.« Er verletzte die »Bestimmungen über Landheer, Seemacht und Luftfahrt«, die das Deutsche Reich 1919 als Folge der Kriegsniederlage im Versailler Vertrag hatte hinnehmen müssen. Sie lauteten so: Ab dem 31. März 1920 »darf die gesamte Iststärke des Heeres der sämtlichen deutschen Einzelstaaten nicht mehr als 100000 Mann, einschließlich der Offiziere und der Depots, betragen.« Dem war hinzugefügt: »Das Heer ist nur für die Erhaltung der Ordnung innerhalb des deutschen Gebietes und zur Grenzpolizei bestimmt.« Der Doppelsinn dieser Bestimmung war leicht zu entschlüsseln. Das Deutsche Reich sollte gegen alle seine Nachbarn auf Dauer militärisch angriffsunfähig gemacht werden. Und: Es sollte über soviel militärisches Gewaltpoten­tial gebieten, daß es in der Lage war, die bürgerliche »Ordnung« innerhalb seiner Grenzen aufrechtzuerhalten. Der Text spiegelte die Erfahrung mit der Politik der herrschenden Kreise Deutschlands im Krieg ebenso wider wie die mit der Massenerhebung des deutschen November. Zu dieser grundlegenden Bestimmung traten weitere, welche die Form und Umfang der Bewaffnung der Streitkräfte begrenzten.

Kriegsgegner terrorisiert

Die geschlagenen deutschen Militärführer, Leutnants bis zu den Generälen des Kaiserheeres, wurden im revolutionären Nachkriegsdeutschland unvermeidlich demobilisiert und mußten sich, wenn sie nicht in den Genuß von Pensionen kamen, einen Erwerb in Zivilberufen suchen. Keine Frage, daß sie keinen Moment bereit waren, diese ihnen aufgezwungene Bestimmung auf Dauer hinzunehmen. Denn das auf der Basis der allgemeinen Militärdienstpflicht rekrutierte Heer galt den einen als unentbehrliches Attribut deutscher Souveränität, und andere verbanden früh schon mit ihm die Hoffnung und den Plan, das Gesamtergebnis dieses Krieges in einem künftigen zu revidieren. Das nun Reichswehr genannte Heer der Republik, befehligt und kommandiert von einem Teil des alten Führungskaders, wurde als ein Zustand angesehen, den die Politik möglichst rasch zu korrigieren hatte. Vorerst existierte dafür freilich keine Chance.

Den entscheidenden inneren Schritt sah die Reichswehrgeneralität jedoch zurückgelegt, als 1933 mit der Aufrichtung der Diktatur vor allem die Kräfte der revolutionären und der reformistischen Arbeiterbewegung ausgeschaltet wurden. Diese waren mit Parolen und Gesängen wie »Nie, nie wollen wir Waffen tragen. Nie, nie wollen wir wieder Krieg« in diesem einen Punkte Verteidiger des Versailler Vertrages und wurden nun dafür illegalisiert und terrorisiert. Von diesen Kräften war zugleich die Einlösung des Versprechens der Siegermächte eingefordert worden, das im Vertrag auch gegeben worden war: mit Deutschlands weitgehender Demilitarisierung den Weg zu einer »allgemeinen Rüstungsbeschränkung aller Nationen« zu beschreiten. Davon war in den seit 1919 verflossenen Jahren indessen nichts eingelöst, wie viele Konferenzen im Rahmen der Organisation des Völkerbundes zu dem Thema auch stattgefunden hatten. Alle Staaten hatten, die Erfahrungen des Weltkrieges auswertend, ihre Armeen vielmehr modernisiert. Vor allem mit dem Aufbau von Luftwaffen zeichnete sich ein neues Ausmaß künftiger Kriegführung ab.

Das uneingelöste Versprechen lieferte der deutschen Politik schon in den Jahren der Republik Argumente. Es ließ sich auf die Ungleichbehandlung Deutschlands verweisen und – übrigens ungefährdet – die Rolle des Verfechters der internationalen Abrüstung spielen. Während die regierenden Kreise im Reich gegen die Deutschlands Rüstungen begrenzenden Bestimmungen auf diplomatischem Parkett gleichsam mit dem Degen fochten, benutzten die offen reaktionären und unter ihnen vor allem die »Nationalsozialisten« in der Innenpolitik Säbel und Knüppel. Ihr politisches Gezeter über die »Schande«, die »Ketten«, die »Schmach« von Versailles mobilisierte und formierte den zahlenstarken Teil der Nation, der sich wieder eine »schimmernde Wehr« wünschte, den eigenen Wehr- und Kriegsdienst als eine Hochzeit ihrer Autobiographie ansah und meinte, daß Kasernen die geeigneten Orte wären, Heranwachsende zu »ganzen Männern« zu erziehen. Dieser Teil war in militärischen Bünden organisiert, die in der Republik jegliche Freiheit der Betätigung genossen, auf Straßen paradierten, Erinnerungstage an wirkliche oder eingebildete militärische Siege zelebrierten und keine Gelegenheit, Beerdigungen in Sonderheit, ausließen, um sich öffentlich uniformiert und martialisch dreinblickend zu zeigen. Seit 1925 besaßen sie an der Staatsspitze im kaiserlichen Feldmarschall Paul von Hindenburg ihren obersten Förderer und Schutzherren.

Umstrukturierung

Wer sich als Vorkämpfer deutscher »Wehrfreiheit« ausgab und hervortat, konnte in Deutschland sicher damit rechnen, daß ihm Sympathien entgegenschlugen und Verbündete erwuchsen, namentlich aus jenen Kreisen, auf deren politischer Wunschliste die Aufstellung eines Massenheeres obenan stand. Das waren in erster Linie die aktiven Generale und Offiziere der 100000-Mann-Reichswehr. Mit ihren Spitzen traf sich Hitler bereits am fünften Tag seiner Kanzlerschaft. Den willkommenen Anlaß dafür bot die Geburtstagsfeier eines Generals. Die Ansprache, die Hitler in diesem Kreise hielt, ist in ihren wesentlichen Passagen auf verschiedenen Wegen überliefert. Zu ihnen gehören die Aufzeichnungen eines Generals, der festhielt: »Allgemeine Wehrpflicht muß wiederkommen. Zuvor aber muß die Staatsführung dafür sorgen, daß die Wehrpflichtigen nicht schon vor Eintritt durch Pazifismus, Marxismus, Bolschewismus vergiftet werden oder nach Dienstzeit diesem Gifte verfallen.«

Im März 1935 nun kam die allgemeine Wehrpflicht wieder. Überraschen konnte an diesem Entschluß der deutschen Staatsführung allenfalls ihr Zeitpunkt. Der Akt hatte sich mehrfach angekündigt. Zum einen durch den Ende 1933 vorgenommenen provokativen Austritt aus dem Völkerbund, der mit dem Verweis begründet worden war, daß die den Bund beherrschenden Mächte Deutschland die Gleichberechtigung verweigerten. Zum anderen durch die Vorbereitungen, die in der Reichswehr getroffen worden waren, um den Schritt von der Kaderarmee zum Massenheer in kurzer Frist und mit dem gewünschten Effekt gehen zu können. Es war ihre Umgliederung in sogenannte Divisionsrahmen erfolgt, also das militärgeschulte Personal so strukturiert worden, daß sich binnen kurzem ein Heer von 36 Divisionen aufstellen ließ.

Wirtschaftsboom durch Aufrüstung

In Deutschland war, wie versprochen, dafür gesorgt, daß der Schritt komplikationslos gegangen werden konnte, mehr noch, daß ihn ein erheblicher Teil der Bevölkerung begrüßte. Diese Stimmung war nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, daß sich mit ihm für verschiedenste Kreise materielle Vorteile verbanden. Industrielle Unternehmen, und nicht nur die Waffen­fabriken, erlebten einen Auftragsboom von seiten der Beschaffungsstellen des Heeres. Die Soldatenmasse mußte von Kopf bis Fuß bekleidet und ausgerüstet werden, was der Textil- und Leder­industrie Bestellungen eintrug. Nicht anders die Bauindustrie, die für die Behausungen zu sorgen, stillgelegte Kasernenbauten wieder flott zu machen und neue zu errichten hatte. Der Arbeitsmarkt wurde belebt, und die Zahl der dort Nachfragenden durch die Eingezogenen entlastet.

Wie die Einführung der Wehrpflicht im Volk aufgenommen wurde, zeugen Berichte von Sozialdemokraten über ihre Gespräche in Betrieben und Arbeiterkneipen, die sie an den SPD-Exilvorstand weiterleiteten. In der Skala der denkbaren Reaktionen fehlte nichts. Sie reichten von Begeisterung bis zur Kriegsfurcht, von der Frage, wer das bezahlen solle, bis zur Begrüßung oder Errechnung eigenen Vorteils, von der Bewunderung Hitlers, der »ein Kerl« sei und »Schneid« besitze, bis zur Ahnung kommenden Unheils. Und wie immer fehlte es nicht an Gedankenlosen und Gleichgültigen. Unter den direkt betroffenen jungen Männern fanden sich solche, die Abwechslung und Abenteuer erwarteten, und andere, die sich nach den ihnen bisher schon auferlegten Verpflichtungen zu Landjahr und anderer Zwangsarbeit nach Selbstbestimmung sehnten.

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