19. Juni 2010

Volkskampf gegen rechts

Vorabdruck. »Thälmann. Ein Report«. Der Kampf der KPD gegen die faschistische Gefahr

Eberhard Czichon und Heinz Marohn

Nach jahrelanger Recherchearbeit in verschiedensten Archiven erscheint Anfang Juli im Verlag Wiljo Heinen die umfangreiche Studie von Eberhard ­Czichon und Heinz Marohn über den KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann (1886–1944). Basierend auf detektivisch zusammengetragenen Fakten liefert das Buch einen Schlussel zum Verständnis von Leben und Wirken Thälmanns in seiner Zeit und der wechselseitigen Einflusse zwischen ihm, seiner Partei und der kommunistischen Weltbewegung.Wir veröffentlichen daraus vorab einen um Fußnoten und einige Passagen gekürzten Auszug aus dem sechsten Kapitel (Auswirkungen der Wirtschaftskrise 1930–1931): »Die Volksrevolution gegen den Faschismus organisieren«.

Im Herbst 1931 verschärfte sich die Weltwirtschaftskrise weiter. In London und Brüssel wurden die Börsen, in Paris, Amsterdam, Kopenhagen und Stockholm die Devisenmärkte geschlossen. Die Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten erschwerten den deutschen Export. Während Reichskanzler Heinrich Brüning versuchte, die maroden Großbanken mit Steuergeldern zu sanieren, gerieten die durch Kreditaufnahmen überschuldeten Ruhrindustriellen nun auch noch in den Sog der Finanzkrise. Von Hjalmar Schacht, Fritz Thyssen und Albert Vögler initiiert, suchten daher immer mehr von ihnen zunächst einen informellen Kontakt zur Hitler-Partei und verstärkten damit die Opposition im Trustkapital gegen das Brüning-Kabinett.

Brüning bemühte sich, wie er in seinen Memoiren berichtet, über (den rechten Medienunternehmer und DNVP-Vorsitzenden - d. Red.) Alfred Hugenberg und Hermann Göring seine Regierungsbasis abzusichern und sie mit ökonomischen Zugeständnissen auch an die bankrotten Montanmagnaten zu stabilisieren. Mit der dritten Notverordnung »zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen und zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen« am 6. Oktober und der Kabinettsumbildung drei Tage später sowie der Berufung eines »Wirtschaftsbeirates« durch den Reichspräsidenten (Hindenburg – d.Red.) am 13. Oktober 1931 suchte Brüning, den aufbrechenden Widersprüchen im Finanz-und Monopolkapital entgegenzuwirken. Dem neuen Kabinett »ohne parteimäßige Bindung« oblag zusammen mit dem außerparlamentarischen »Wirtschaftsbeirat«, in den führende Vertreter des Monopolkapitals (E. Borsig, W. Cuno, R. Pferdmenges, A. Vögler und H. Schmitz) sowie rechte Gewerkschaftsführer wie W. Eggert und P. Graßmann berufen wurden, nunmehr die Aufgabe, »Richtlinien für das Wirtschaftsprogramm« der Reichsregierung auszuarbeiten. In ihm sollten die Forderungen umgesetzt werden, die der Reichsverband der Deutschen Industrie, der Centralverband des deutschen Bank- und Bankiersgewerbes und die Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände gewichtig erhoben. Das Ergebnis der Beratungen des »Wirtschaftsbeirates« nahm Brüning dann auch zur Grundlage seiner weiteren Notverordnung am 8. Dezember 1931. Mit ihr gewährte das »neue Kabinett« den Unternehmern erneut Steuervergünstigungen, hob die Tariflöhne auf und senkte sie zusammen mit den Gehältern der Angestellten und Beamten um neun bis zu 15 Prozent und schränkte außerdem die Leistungen der Sozialversicherung nochmals ein. Aus Furcht vor dem wachsenden Einfluß der KPD wurde die Reichsregierung ermächtigt, die Betriebsrätewahlen für 1932 auszusetzen.

Offensive der Reaktion

Doch diese »Antikrisen-Orientierung« der Notverordnungspolitik brachte keine Lösung der Probleme. Die Sanierung der bankrotten Monopolisten und Junker durch weitere soziale Belastungen der Bevölkerung trafen vor allem die Arbeiterklasse. Nicht nur, daß die Arbeitslosigkeit weiter zunahm, sie überschritt im Oktober die Fünf-Millionen-Grenze, und Ende Dezember waren bereits über 5,6 Millionen Menschen offiziell erwerbslos, die immer weniger durch die Arbeitslosen-und Krisenfürsorge sozial abgesichert werden konnten. Das Realeinkommen der noch Vollbeschäftigten war auf das Niveau von 1925 gesunken. Die rapiden Sozialleistungs- und Lohnverluste wirkten sich mit den ansteigenden Lebenshaltungskosten katastrophal auf die Lebenslage der Werktätigen aus. Brünings Sanierungspolitik für Industriekonzerne und Großbanken beförderte eine weitere Vertiefung der sozialen Widersprüche.

Als sich am 11. und 12. Oktober 1931 in Bad Harzburg die »nationale Opposition« traf, in der Hugen­berg und Hitler vereinigt waren, wurde dann auch deutlich, daß es Brüning trotz aller Anstrengungen und Zugeständnisse nicht gelungen war, die Erwartungen der gesamten herrschenden Klasse zu erfüllen. Hinter Hugenberg und Hitler formierte sich eine rechte Fraktion von Industriellen und Bankiers, die im Reich und in Preußen Rechtsregierungen und eine Ausschaltung der Sozialdemokratie als politische Basis der Regierungspolitik anstrebten. Zwar gab es zwischen Hugenberg und Hitler noch Rivalitäten über den jeweiligen Führungsanspruch innerhalb des nationalistischen Clubs, doch in ihren politischen Grundforderungen waren sie weitgehend einig. Wie weit diese Rechtsentwicklung innerhalb der Großbourgeoisie fortgeschritten war, wurde bereits deutlich, als der Reichspräsident im September den Reichskanzler bedrängt hatte, stärker »nach rechts zu gehen« und bereit war, Hitler und Göring am Vorabend des Harzburger Treffens zu einer Aussprache zu empfangen.

Strategiedebatte der KPD

Die Offensive reaktionärer Kräfte und der Beginn der Formierung einer rechten Fraktion im Monopolkapital verstärkten im Herbst die faschistische Gefahr. Infolge der Beteiligung der KPD am Volksentscheid gegen die Preußenregierung hatte sie im Kampf gegen die faschistischen Kräfte erneut einen Tempoverlust erlitten. Die gegenteilige Einschätzung des »roten Volksentscheids« durch das Polit-Sekretariat des EKKI (Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale – d.Red.), in der auch ein schnellerer Ausbau der »selbständigen revolutionären Gewerkschaftsbewegung« gefordert wurde, reflektierte eine dramatisch unrealistische Einschätzung der entstandenen Verhältnisses der Klassenkräfte in Deutschland.

Anfang Oktober 1931 war Thälmann wieder in Berlin. Er nahm, wie Wilhelm Pieck, der dazu zusammen mit Stoecker extra aus Moskau nach Berlin kam, ab 13. Oktober an den Sitzungen des Reichstages teil. Im Parlament verurteilte Hermann Remmele namens der kommunistischen Fraktion entschieden den Raubkurs der Reichsregierung und seine Tolerierung durch die reformistischen Führer. Remmele wandte sich gegen die zunehmende Ausschaltung des Parlaments und verurteilte die immer größer werdende Macht der Lobby um den Reichspräsidenten. Die Reichstagsrede Remmeles war auf der Sitzung des Sekretariats am 16. Oktober unter Leitung Thälmanns vorbereitet worden. (...)

Thälmann entwickelte (…) (Anfang) November eine Reihe neuer Initiativen mit dem Ziel, den Tempo-und Einflußverlust der Partei aufzuholen. Dabei knüpfte er an die massenpolitischen Erfahrungen mit dem »Programm zur nationalen und sozialen Befreiung« vom August 1930 an, wobei er seine Thesen über die Volksrevolution relativieren und die neu entstandenen Bedingungen in der innenpolitischen Lage berücksichtigen mußte. Wie aus den Protokollen der Leitungsorgane des ZK der KPD hervorgeht, konzentrierte sich Thälmann in diesem Herbst auf drei Schwerpunkte. Erstens auf die Verbesserung der Arbeit der Parteiorganisationen, zweitens auf eine ideologische Offensive gegen den Faschismus, und drittens war er bestrebt, eine Qualifizierung der Gewerkschaftsarbeit zu erreichen. Die Schwerpunkte wurden nicht nacheinander abgearbeitet, sondern in ihrer Wechselbeziehung zueinander in die Leitungsarbeit eingeführt.

Thälmann begann am 6. November im Sekretariat und im Politbüro seine Vorschläge mit einer Debatte über die Verbesserung der Gewerkschaftsarbeit, die er in Abhängigkeit von einer neuen Qualität der Parteiarbeit sah. Die Diskus­sion vertiefte er auf den folgenden Politbürositzungen am 13. und 26. November. In seinem ersten Referat am 13. November beschäftigte er sich mit der Verbesserung der Kollektivität und Kontinuität der Parteiführung, ihren Beziehungen zu den Bezirksleitungen und einer qualifizierteren Anleitung der Parteipresse. Er schlug vor, mit dem bereits am 10. November veröffentlichten Beschluß gegen den individuellen Terror in eine ideologische Offensive zu gehen, die vor allem über die Parteipresse entwickelt werden sollte.

Der Beschluß gegen den individuellen Terror richtete sich besonders gegen sektiererische Tendenzen und Stimmungen in der Partei, die sich unter der Verantwortung von Heinz Neumann (Mitglied des Parteisekretariats und seit 1930 KPD-Abgeordneter im Reichstag – d. Red.) wieder verbreitet hatten und von Illusionen ausgingen, daß die Partei im Spätsommer 1931 unmittelbar vor einer revolutionären Situation stehe. Thälmann widersprach nicht nur entschieden dieser Auffassung, sondern wandte sich auch gegen jegliche individuellen Einzelaktionen. In dem Beschluß des Politbüros wurde die politische Massenarbeit zur Eroberung der Mehrheit der Arbeiterklasse für ein freies, sozialistisches Rätedeutschland nochmals als strategisches Ziel der KPD konstatiert und erklärt, daß alle Akte des individuellen Terrors und abenteuerliche Spielereien mit Sprengstoffen unvereinbar mit den Zielen und Statuten der KPD und der Kommunistischen Internationale seien. Ein solcher Beschluß war auch deswegen erforderlich, weil sich aus der Abwehr zunehmender faschistischer Überfälle auf Kommunisten – allein 1931 fielen über 60 Arbeiter solchen Anschlägen zum Opfer – unter Heinz Neumanns Einfluß Stimmungen entstanden waren, die dem Straßenterror der Nazis bewaffneten Massenwiderstand entgegensetzen wollten.

Zur beschlossenen ideologischen Offensive gehörte auch der ausführliche Artikel Thälmanns über »Fehler in der theoretischen und praktischen Arbeit der KPD«, den er im November in der Internationale veröffentlichte. In ihm legte Thälmann seine Ansicht dar, daß die Hitler-Partei neben der Sozialdemokratie eine außerparlamentarische soziale Stütze der bürgerlichen Diktatur des Brüning-Systems geworden sei und es die Aufgabe der KPD sei, gegen beide Hauptstützen der Brüning-Diktatur zu kämpfen. Er nahm Bezug auf das Referat von Dmitri Manuilski (seit 1929 Erster Sekretär der Komintern) auf dem 10.EKKI-Plenum und bezeichnete als Aufgabe der Politik der KPD, ihren Hauptstoß gegen die Sozialdemokratie zu richten. Trotz seiner Ansicht: »Ohne im Kampf gegen die Sozialdemokratie zu siegen, können wir nicht den Faschismus schlagen«, lehnte Thälmann ein Zusammengehen mit den Faschisten gegen die SPD grundsätzlich ab, weil dadurch die Gewinnung der sozialdemokratischen Arbeiter für die Einheitsfront belastet werde. Diesen Widerspruch vermochte die KPD bis 1933 nicht aufzulösen.

In der Frage der Volksrevolution zog sich Thälmann auf die Beschlüsse des 11. EKKI-Plenums zurück, auf dem Manuilski die KPD ermahnt hatte, zuerst die Hegemonie in der Arbeiterklasse zu erringen, bevor eine breite Volksfront gegen den Kapitalismus geschaffen werden könne. Weiterhin lehnte Thälmann eine auch unter Kommunisten immer wieder diskutierte Unterscheidung zwischen einer faschistischen Diktatur und dem parlamentarischen System ab. So verständlich seine Argumentation angesichts der Präsidialdiktatur Brünings auch war, diese Ablehnung basierte auf dogmatischen Prämissen des EKKI, denen Thälmann sich fügte.

Einheitsfrontpolitik

Die von Thälmann in seinem Artikel in der Internationale behandelten Fragestellungen und Probleme lassen den Einfluß erkennen, der sich aus der Unterredung mit Stalin Ende Oktober ergab, in denen Thälmann zweifellos nochmals auf die Beschlußlage des 11. EKKI-Plenums hingewiesen worden war. Nur in den Fragen, die nicht in den EKKI-Beschlüssen festgelegt waren, gelang es Thälmann, ansatzweise die festgezurrten dogmatischen Grenzen zu überwinden. Das bezog sich erstens auf die Fortsetzung der Agitation auf der Grundlage des »Programms zur nationalen und sozialen Befreiung«, um die »nationale« Demagogie der Hitler-Partei zu zerschlagen und eine ideologische Massenmobilisierung gegen sie zu entfalten. Zweitens war es die entschiedene Zurückweisung des individuellen Terrors, wobei Thälmann den ZK-Beschluß vom 10. November nochmals begründete und ergänzte. Zwei weitere Schwerpunkte der KPD-Taktik wurden in der Politbürositzung am 26. November 1931 gesondert behandelt. Sie betrafen die Einheitsfrontpolitik mit sozialdemokratischen Arbeitern, zu der Thälmann, und die Bauernpolitik, zu der Heinrich Rau referierte.

(…) Thälmann schlug in seinem Referat im Politbüro zur Einheitsfrontpolitik vor, verstärkt um die kameradschaftliche Zusammenarbeit mit sozialdemokratischen Arbeitern zu ringen. Er appellierte nochmals in der Roten Fahne an die sozialdemokratischen Arbeiter als Klassenbrüder, zusammen mit den Kommunisten eine Einheitsfront zum gemeinsamen Kampf gegen Kapitaloffensive, Notverordnungspolitik und den faschistischen Terror zu bilden. Dazu sei es nicht erforderlich, betonte der KPD-Vorsitzende, in die KPD einzutreten, ihr Programm oder die Ziele der KPD anzuerkennen. »Wir fordern nur eines von ihnen, daß sie mit uns gegen den Klassenfeind kämpfen!« Das war eine neue und wichtige Nuance in der Einheitsfrontpolitik. Doch da keine Anzeichen für eine Änderung der Positionen der sozialdemokratischen Führung erkennbar waren, hielt Thälmann auch weiterhin eine »Einheitsfront von oben«, also Vereinbarungen mit der SPD als Partei oder mit sozialdemokratischen Organisationen, nicht für möglich. Er hätte eine solche taktische Wendung auch nicht gegen das EKKI durchsetzen können. Überdies bestätigt auch Heinrich Brüning in seinen Memoiren die unveränderliche Haltung der SPD-Führung, nicht mit der KPD zu verhandeln, aus seinen Gesprächen mit Otto Wels und leitenden Gewerkschaftsfunktionären.

Thälmann korrigierte mit seinem Appell eine unter den KPD-Mitgliedern und teilweise auch in der Parteiführung verbreitete Vorstellung, nach der eine Einheitsfront mit sozialdemokratischen Arbeitern ihren Übertritt zur KPD bedeutete. Damit begann die KPD ihre Grundsätze zur Einheitsfront aus den letzten Jahren zu revidieren, die vor allem durch die Ereignisse am 1. Mai 1929, durch das Verbot des Roten Frontkämpferbundes und ihre Erfahrungen mit sozialdemokratischer Polizeipraxis entstanden waren.

Doch diesen Bemühungen stand ein neues Hindernis entgegen, als ein Brief Stalins zur Geschichte des Bolschewismus veröffentlicht wurde, in dem er auch auf die Geschichte der KPD Bezug nahm. In diesem Brief überbetonte er Lenins Kritik an der deutschen Linken in der Vorkriegszeit und an Rosa Luxemburg speziell und übertrieb ihre Fehler und Schwächen. Nur beiläufig erwähnte er, daß die deutschen Linken »… auch große und ernste revolutionäre Taten aufzuweisen« hätten. Dem Brief war ein Interview Stalins mit dem KPD-Journalisten Wilhelm Herzog vorausgegangen, in dem er der KPD Hinweise gegeben hatte, welche Hauptbedingungen sie erfüllen müsse, um eine bolschewistische Partei zu werden. Zu dieser Zeit war die Meinung Stalins im EKKI bereits über jede Kritik erhaben, und der Generalsekretär der KPdSU galt schon als Autorität in Fragen des Leninismus. Diese Tendenz festigte noch nicht überwundene dogmatische Positionen und hatte negative Folgen auf die Einheitsfrontpolitik der KPD.

Protest gegen Notverordnungen

Am 8. Dezember 1931 erließ Heinrich Brüning seine 4. Notverordnung »zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen und zum Schutz des inneren Friedens«, die, wie Brüning berichtet, ihm durch das tolerierende Verhalten der rechten SPD-Führer ermöglicht wurde, und mit der er die Wiederwahl des Reichspräsidenten erkämpfen wollte. Zwar erreichte der Kanzler mit seiner »Deflationspolitik«, die in dieser Notverordnung gipfelte, sein Ziel, eine Plattform für die Wiederwahl des 80jährigen Generalfeldmarschalls als Reichspräsident im Frühjahr 1932 zu bilden, doch er verschärfte mit der Notverordnung nicht nur die sozialen Gegensätze durch einen weiteren Gehalts- und Lohnabbau, ein Streikverbot bis zum 1. Mai 1932 und die Aussetzung der Betriebsrätewahlen bis 1933, sondern auch die latenten Widersprüche im Trustkapital. Karl Dietrich Bracher ist zuzustimmen, daß jetzt die Front gegen Brüning »auch im Raum der Interessengruppen eine bedrohliche Stärke« erreichte. Der Reichskanzler unterschätzte den Einfluß der konservativ-nationalistischen ostelbischen Großagrarier auf Hindenburg, der Lobby »seiner Freunde«, ebenso wie die Entschlossenheit der Hitler-freundlichen Manager der Schwerindustrie. Deren politische Repräsentanten Thyssen, Kirdorf und Vögler waren seit Oktober 1931 eifrig bemüht, innerhalb des Monopolkapitals eine Majorität für eine Kanzlerschaft Hitlers zu erreichen. Zur weiteren Verständigung über die Kampagne trafen sich Thyssen und Vögler am Tag nach der Verkündung der Notverordnung im Berliner elitären Hotel »Kaiserhof« mit Hitler. Hier wurde Hitler vorgeschlagen, einen »Freundeskreis« von Industriellen zu schaffen.

Das Sekretariat des ZK der KPD war an diesem 9. Dezember unter Thälmanns Leitung zusammengetreten, um Maßnahmen gegen die sozialen Auswirkungen der neuen Notverordnung zu beraten. Es wurde beschlossen, einen Massenwiderstand gegen den neuen Lohn- und Rentenraub zu entfachen. Den reformistischen Gewerkschaftsführern gelang es jedoch, eine Protestwelle der Arbeiterschaft im wesentlichen zu verhindern und die von der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) geführten Streiks zu isolieren. Es kam nur zu örtlichen Kampfaktionen der RGO, vor allem bei den Berliner und Hamburger Metallarbeitern, den sächsischen Textilarbeitern und den Bergarbeitern im Ruhrgebiet. Besonders in Düsseldorf, Remscheid, Oberhausen und Wuppertal wurden die Organisatoren von Streikkämpfen von der Polizei rigoros verfolgt und teilweise aus den Waschkauen heraus verhaftet. Zum Massenwiderstand gegen die neue Notverordnung kam es nicht. Die Meinung von Heinz Neumann, daß ein »revolutionärer Winter« bevorstehe, in dem die Massen spontan in entscheidende Kämpfe treten würden, beruhte auf einer weitgehenden Fehleinschätzung der Klassenkräfte. In dem Versuch, gegen Brünings Politik, besonders gegen seine vierte Notverordnung, Massenstreiks zu organisieren, machte sich die noch immer vorhandene Schwäche der RGO ebenso bemerkbar wie die unzureichende Verankerung der KPD in den Betrieben. Nur in Einzelfällen gelang es der RGO im Jahre 1931, erfolgreiche Streiks durchzuführen, an denen insgesamt 170000 Arbeiter teilnahmen. Die Vernachlässigung der Arbeit der Kommunisten in der Gewerkschaftsopposition, die Thälmann immer wieder scharf kritisiert hatte, und ihre Fokussierung auf den Aufbau eigener Gewerkschaftsverbände wirkten sich in den Klassenauseinandersetzungen negativ aus und erleichterten es den reformistischen Gewerkschaftsführern, die Kommunisten vielfach auch in den Betrieben zu isolieren.

Am 18. Dezember 1931 trat das Politbüro der KPD unter der Leitung Thälmanns zusammen, um Maßnahmen festzulegen, wie der Kampf gegen den Hitlerfaschismus intensiviert und weitergeführt werden sollte. Als ein Ergebnis der getroffenen Festlegungen kann der Artikel von Werner Hirsch im ersten Heft der Internationale im Januar 1932 »Faschismus und Hitlerpartei« gewertet werden. Wenn es dem Autor auch nicht gelang, die Einschätzung des Faschismus auf dem 11. EKKI-Plenum durch neue Erkenntnisse zu korrigieren, so argumentierte er doch auf der Grundlage des »Programms zur nationalen und sozialen Befreiung« und unterstützte den Kampf der KPD gegen die faschistische Ideologie, der unbedingt zum Schwerpunkt der KPD werden mußte.

Nicht nur, daß es der Nazipartei gelungen war, in den Monaten nach der Reichstagswahl 1930 weiterhin mit starken Fraktionen in verschiedene Länderparlamente einzuziehen, nahm vor allem der Einfluß derjenigen Manager innerhalb des Großbürgertums, des Bank- und Industriekapitals zu, die Brünings Politik ablehnten und eine »Wende nach rechts« forderten. Es waren neben Thyssen, Vögler und Kirdorf nun auch Ernst ­Poensgen, Hjalmar Schacht und Paul Reusch mit ihren Lobbyisten vom Langnam- und Bergbauverein, die gemeinsam mit den Junkern vom Reichslandbund verstärkt für eine Kanzlerschaft Hitlers als Ausweg aus der Wirtschaftskrise warben. Selbst Brüning war, wie er in seinen Memoiren bekennt, bereit gewesen, schon im Januar 1932 Hitler zu akzeptieren, wenn er willens gewesen wäre, der Wiederwahl Hindenburgs als Reichspräsident im Reichstag mit seiner Fraktion eine Zweidrittelmehrheit zu verschaffen. Die Gefahr einer offenen faschistischen Diktatur bedrohte die Weimarer Republik.

Mitgliederzuwachs trotz Repression

Am Ende des Jahres 1931 waren 5668178 Arbeiterinnen und Arbeiter offiziell als Erwerbslose registriert. Davon erhielten lediglich 4713231 eine Unterstützung als Arbeitslosen- oder Krisenfürsorge beziehungsweise Wohlfahrtshilfe; fast eine Million war ohne jede Unterstützung. Organisiert waren im Dezember 1931 in den freien Gewerkschaften 4134902, in den christlichen Gewerkschaften 577542, in der RGO 312555 und in den Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften 149804 Arbeiterinnen und Arbeiter.

Die KPD zählte 316000 Mitglieder. Der überwiegende Teil waren weiterhin Industriearbeiter. Der Anteil der Erwerbslosen unter ihnen war sehr hoch. Die KPD verfügte über einen im Klassenkampf erprobten Kern von Funktionären in den Bezirks-und Unterbezirksleitungen, in den Zellenleitungen, den Leitungen der Massenorganisationen oder auch als Betriebsräte. In den parlamentarischen Vertretungen und den Redaktionen wirkten Tausende Kommunistinnen und Kommunisten, die in den Klassenauseinandersetzungen der Weimarer Republik herangewachsen waren. Aber die Mehrheit der neu gewonnenen Mitglieder besaß diese Erfahrung noch nicht. Infolge der Wahlkämpfe war es der KPD bisher nur im begrenzten Umfang möglich gewesen, sie systematisch marxistisch-leninistisch zu schulen. Die kommunistische Massenagitation war 1931 erheblich behindert worden, vorwiegend durch Zeitungsverbote sozialdemokratischer Innenminister und Polizeipräsidenten. Allein die Rote Fahne konnte 1931 an 100 Tagen wegen Verbots nicht erscheinen. Wie weit diese Repressionen den Bestrebungen der staatlichen Überwachungsorgane entsprachen, belegt eine Denkschrift des Reichsinnenministeriums vom Februar 1932.

Die Zunahme der Mitglieder der KPD war ein Ausdruck der Erwartungshaltung vieler Arbeiter gegenüber einer kämpfenden Partei. Doch der rasche Anstieg der Parteieintritte täuschte darüber hinweg, daß es den Kommunisten nicht gelungen war, den Masseneinfluß der reformistischen Führer auf die Mehrheit der Arbeiterklasse zu brechen, die jede Einheitsfront mit den Kommunisten kompromißlos ablehnten und auch nicht bereit waren, gegen den Lohn-und Sozialraub der Brüning-Regierung zu kämpfen. Zu dieser Schwäche der KPD kam, daß sie noch immer belastet war durch die taktischen Meinungsverschiedenheiten in ihren Führungsorganen, die weiterhin ihre Aktionsfähigkeit einschränkten.

Erscheint am 3. Juli 2010: Eberhard Czichon/Heinz Marohn unter Mitarbeit von Ralph Dobrawa: Thälmann. Ein Report, 1 184 Seiten in zwei Bänden im Schuber, ISBN 978-3-939828-56-3, Verlag Wiljo Heinen, Berlin 2010, 32 Euro (Subskriptionspreis bis 30. Juni 2010: 26 Euro), Infos unter www.thaelmannreport.de

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2010/06-19/024.php