26. April 2014

Vom Eigenleben der Guillotine

Französische Guillotinen - Fotoquelle: Wikipedia

Instruktive Kompetenz: Bericht von einer Tagung, die das Forum Vormärzforschung 20 Jahre nach seiner Gründung in Wuppertal veranstaltete

Thomas Giese

Mitte April fand an der Bergischen Universität Wuppertal das »5. Forum Junge Vormärzforschung« statt. Eine besonders lebhafte Diskussion provozierte auf dieser Tagung Kevin Liggieri, Doktorand an der Bochumer Ruhr-Uni, mit seinem Vortrag »Die Guillotine ist der beste Arzt«. Den Abschiedsgruß des Titelhelden aus Büchner »Danton« aufnehmend, fokussierte Liggieri die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Die Tötungsapparatur sei mehr als nur Werkzeug, lautete seine These. Das Ding beginne, ein Eigenleben zu führen.

Büchner wollte mit seinem Jakobiner-Drama die Reflexion über (revolutionäre) Gewalt auf die Bühne und in den Zuschauerraum tragen. Die Diskussion nach Liggieris Vortrag in Wuppertal verharrte nicht im Literarhistorischen, auch auf den industrialisierten Massenmord in Auschwitz und heutige Tötungstechniken (Drohnen) wurde Bezug genommen.

In weiteren Vorträgen ging es um die Geschlechterrollen in den Theaterstücken Karl Immermanns oder um Eduard Duller als einem Beispiel für jene österreichischen Literaten, die sich im Vormärz in Deutschland niederließen, um Oppositionelles außer Reichweite Metternichs zu publizieren. »Sie und ihre Verleger machten damit ein reißendes Geschäft«, hatte schon Friedrich Engels ironisch konstatiert.

Andreas Mertgens (Wuppertal, Student) widmete sich Heines Aufruf an die »rheinischen Vogelschützen«, den Preußenadler abzuschießen (»häßlicher Vogel«, aus »Deutschland. Ein Wintermärchen«). Ob die »Schere im Kopf« bei Heine zu einer Entschärfung der Verse geführt habe oder die in den Druck gegebene ironische Schlußpointe »Es lebe der König!« nicht die bissigere Variante ist, wurde unterschiedlich beurteilt.

Ein Vergleich des Paderborner Germanistik-Doktors Julian Kannings zwischen Grabbes Napoleon-Drama und Adolph Henkes historischer Darstellung des Feldzugs gegen Napoleon ließ die Gegenstände des Referats ein wenig als Äpfel und Birnen erscheinen. Der Heidelberger Literaturwissenschaftler Matthias Slunitschek schilderte das Leben von Marie Kurz zwischen Emanzipation, Anpassung und Verklärung. In einer Art politischer Eschatologie nannte sie 1848 das »Jahr des Heils« und sah sich als »Auserwählte« dazu bestimmt, an der Seite ihres berühmten Mannes zu wirken. Nur die Aufopferung für ihren schwerkranken Vater habe sie davon abgehalten, sich aufzuopfern und den Prinzen von Preußen zu ermorden. Schließlich erörterte Paulin Clochec aus Lyon, der über »Karl Marx als Junghegelianer« promoviert, wie die junghegelianische Religionskritik politisch wurde. Vertreter forderten, daß Kritik nicht mehr als über den Parteien stehend begriffen, sondern selbst Partei werden müsse; Anstoß für eine Diskussion, wie dies in Bezug zu setzen sei zur Aufklärung. Auch die junghegelianische Forderung nach Vernichtung des Gegners wurde dabei reflektiert.

Veranstaltet wurde die Tagung vom Forum Vormärzforschung e.V. (FVF). Dessen Ziel ist die Erforschung der Zeitspanne vom Wiener Kongreß (1815) bis zur Märzrevolution 1848. »Eine Revolution ist ein Unglück, aber ein noch größeres Unglück ist eine verunglückte Revolution«, meinte Heine. Allein in den Jahren 1851 bis 1854 emigrierte eine halbe Million Deutsche nach Amerika. Noch heute finden wichtige Forschungen jenseits des Atlantiks statt. Das Forum will diese Lücke schließen. In den ersten Jahren nach seiner Gründung im April 1994 in Bielefeld, traten dem Verein überproportional viele Forscher aus den neuen Bundesländern bei. »Eine geballte historische und literarhistorische Kompetenz«, betont Geschäftsführer Detlev Kopp. »War doch der Vormärz eine Zeitlang ein Schwerpunkt der (literatur-)historischen Forschung in der DDR«.

Aktuell sind etwas mehr als 200 Literaturwissenschaftler, Historiker, Kunst- und Musikwissenschaftler im FVF aktiv, darunter viele aus dem europäischen Ausland und insgesamt 14 aus Amerika, Asien und Australien. Tagungen wurden in Weimar, Düsseldorf und Berlin organisiert, oft in Kooperation mit anderen literarischen Gesellschaften. In der Schriftenreihe »Vormärz-Studien« erschienen bislang 29 Sammelbände, Editionen und Monographien, vier weitere sind in Vorbereitung. Die Jahrbücher des Forums haben stets ein Schwerpunktthema. Das Anfang April erschienene Jahrbuch 2013 »Geld und Ökonomie im Vormärz« versammelt 13 Aufsätze. Der Bogen wird von der Neuordnung des Geschlechterverhältnisses über neue Konzepte von Elendsdarstellungen in Literatur und Dramatik bis zum gesellschaftskritischen Diskurs um Marx, Engels, Hess und Weitling gespannt. Auch der vormärzliche Streit um einen organisierten Widerstand gegen Ausbeutung, aus dem sich eine nachhaltige Hierarchisierung einzelner Gruppierungen der subalternen Klassen herauskristallisiert, wird dargelegt. Zu wünschen bliebe, daß die Unibibliotheken des Landes zumindest die FVF-Jahrbücher in ihre Bestände aufnehmen. Handelt es sich doch um hilfreiche wissenschaftliche Werkzeugkästen zur Erforschung einer Epoche, die fälschlicherweise oft mit »Biedermeier« und »Restaurationszeit« ettikettiert wird.

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