2. April 2011

Vom Niedern zum Höhern

Vor 125 Jahren erschien Friedrich Engels Aufsatz »Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie«

Thomas Eipeldauer

Die sozialdemokratische Neue Zeit war eine Theoriezeitschrift von Format. In ihr veröffentlichten die führenden Köpfe der internationalen Arbeiterbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Rosa Luxemburg, Franz Mehring, Wilhelm Liebknecht, Karl Kautsky – und Friedrich Engels.

Von letzterem erschien, nachdem ihn die Redaktion des Blattes um eine kritische Besprechung eines Buches Carl Nikolaj Starckes (1858–1926) ersucht hatte, im 4. und 5. Heft (April/Mai) 1886 der Aufsatz »Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie«. Was Engels lieferte, war zwar auch eine Rezension von Starckes Buch, viel mehr noch aber eine der wichtigsten explizit philosophischen Schriften des Marxismus. In der nicht allzu umfangreichen Schrift gibt der Mitbegründer des historischen Materialismus einen Einblick in sein (und Marx’) Verhältnis zur Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770–1831) und deren Kritik durch Ludwig Feuerbach (1804–1872).

Vergängliche Stufen

In der berühmten Vorrede zu seiner »Phänomenologie des Geistes« schrieb Hegel den ebenfalls sehr berühmten Satz: »Das Wahre ist das Ganze.« Weil er damit auch sagen wollte, daß »das Ganze« nur zusammen mit seinem Werden, dem Prozeß, in welchem es zu sich kommt, zu haben ist, steht im selben Buch der Satz: »Die wahre Gestalt, in welcher die Wahrheit existiert, kann allein das wissenschaftliche System derselben sein.« Und da er sich mit halben Sachen nicht zufriedengeben mochte, machte er sich an die Ausarbeitung eines solchen Systems. Sollte dieses aber mehr sein als das willkürliche Zusammenstopfen verschiedener Inhalte zwischen zwei Buchdeckel, darf die Methode des Übergangs von einer Bestimmung des Systems zur nächsten nicht von außen hinzukommen. Das Prinzip der Bewegung muß im Gegenstand selbst liegen. Daß dies so ist, dafür sorgt der Umstand, daß alles »Endliche dies (ist), sich selbst aufzuheben«, wie Hegel in seiner »Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften« formuliert. In dieser Dialektik liege »das Prinzip aller Bewegung, alles Lebens und aller Betätigung in der Wirklichkeit«.

Engels setzt in seiner Feuerbach-Schrift an diesem Punkt an. Er hält fest, daß gerade darin der »revolutionäre Charakter der Hegelschen Philosophie« liege, daß »sie der Endgültigkeit aller Ergebnisse des menschlichen Denkens und Handelns ein für allemal den Garaus machte«. »Alles, was besteht, ist wert, daß es zugrunde geht«, faßt Engels diesen Zug des Hegelschen Denkens mit einer Wendung aus Goethes »Faust« zusammen.

Engels hat – als der »harte Kämpfer und strenge Denker« (Lenin), der er ist – selbstverständlich die geschichtspolitischen Konsequenzen dieser Auffassung im Blick: »Ebensowenig wie die Erkenntnis kann die Geschichte einen vollendenden Abschluß finden in einem vollkommenen Idealzustand der Menschheit; eine vollkommne Gesellschaft, ein vollkommner ›Staat‹ sind Dinge, die nur in der Phantasie bestehn können; im Gegenteil sind alle nacheinander folgenden geschichtlichen Zustände nur vergängliche Stufen im endlosen Entwicklungsgang der menschlichen Gesellschaft vom Niedern zum Höhern.«

Engels weiß allerdings auch, daß er mit dieser Interpretation bereits mit Hegel über Hegel hinausgegangen ist. Die skizzierte Auffassung finde sich »in dieser Schärfe nicht bei Hegel. Sie ist eine notwendige Konsequenz seiner Methode, die er selbst aber in dieser Ausdrücklichkeit nie gezogen hat«. Vielmehr sei bei Hegel die »revolutionäre Seite erstickt unter der überwuchernden konservativen«. Die »konservative Seite« bestehe in dem Zwang, den Hegel der lebendigen Welt antut, indem er versucht, sie in das Korsett eines abgeschlossenen idealistischen Systems zu schnüren.

Ludwig Feuerbach nahm nun zwar seinen Ausgang bei Hegel, entwickelte sich aber »zum Materialismus hin«, was letztlich, wie Engels schreibt, »einen totalen Bruch mit dem idealistischen System seines Vorgängers« bedingte.

Feuerbachs Befreiungsschlag blieb nicht ohne Wirkung auf seine Zeitgenossen: »Die Begeisterung war allgemein: Wir waren alle momentan Feuerbachianer.« Doch so groß auch der Einfluß Feuerbachs auf die Herausbildung des historischen Materialismus war, stehengeblieben werden konnte bei ihm nicht. Schon früh hatte Marx die Mängel seiner Position bemerkt und in seinen Feuerbach-Thesen notiert. Auch Engels spart bei aller Wertschätzung nicht mit Kritik: Feuerbach habe den Weg nicht finden können aus dem »ihm selbst tödlich verhaßten Reich der Abstraktionen (...) zur lebendigen Wirklichkeit«, weder von der »wirklichen Natur noch von dem wirklichen Menschen weiß er uns etwas Bestimmtes zu sagen«, er habe den Schritt nicht vollziehen können zur »Wissenschaft von den wirklichen Menschen und ihrer geschichtlichen Entwicklung«. Jenen Schritt, den Marx und Engels, Hegel wieder aufgreifend ohne in den Idealismus zurückzufallen, getan haben.

Denken und Sein

Eine zentrale Stelle in Engels »Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie« ist besonders hervorzuheben, schon weil sie in der marxistisch-leninistischen Tradition außerordentlich intensiv rezipiert wurde; nämlich jener Abschnitt, der mit der berühmten Formulierung anhebt: »Die große Grundfrage aller, speziell neueren Philosophie ist die nach dem Verhältnis von Denken und Sein.« Schon diesem Eröffnungssatz merkt man an, wie präzise Engels diese Passagen aufbaut, enthält doch die Formulierung »speziell neueren« eine philosophiegeschichtliche Periodisierung, die auf die (früh-)neuzeitliche Besinnung auf das Subjekt abzielt.

Engels legt die Grundfrage in zwei Dimensionen auseinander. Einmal: »Was ist das Ursprüngliche, der Geist oder die Natur?« Und zum anderen: »Wie verhalten sich unsre Gedanken über die uns umgebende Welt zu dieser Welt selbst? Ist unser Denken imstande, die wirkliche Welt zu erkennen (...) ?«

Die erste, »ontologische« Frage will wissen, was es eigentlich in Wirklichkeit gibt. Die zweite heißt »erkenntnistheoretische« und fordert auf, zu klären, ob wir das, was es in Wirklichkeit gibt, denn erkennen können und, wenn ja, wie. So simpel diese Fragen klingen, so schwierig ist es, wohlbegründete Antworten auf sie zu geben. Und auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag: Fragen wie diese haben Auswirkungen auf das, was man weltanschaulich, politisch denkt.

Wer etwa auf erstere die Antwort gibt, daß das, was es in Wirklichkeit gibt, kleinste materielle Teilchen und Ursache-Wirkung-Zusammenhänge sind, dem wird der Mensch zur Maschine, Freiheit zur Illusion und die gesellschaftliche und geschichtliche Entwicklung unerklärlich. Wer nun allerdings in die umgekehrte Einseitigkeit verfällt und behauptet, es gebe vor allem geistige Entitäten, Vorstellungen und begriffliche Konzepte, dem wird die Widerständigkeit und Selbständigkeit der materiellen, auch der geschichtlich-gesellschaftlichen Welt verloren gehen.

Diesen beiden schlechten Alternativen – dem »verflachten, vulgarisierten« (Engels) Materialismus und dem weltlosen Idealismus – zu entkommen, ist keine leichte Aufgabe. Marx und Engels haben das Fundament zu einer Philosophie gelegt, die dies vermag, Lenin hat zentrale Hinweise gegeben. Und bedeutende marxistische Philosophen –von Georg Lukacs über Ernst Bloch bis zu Hans Heinz Holz – haben auf dieser Grundlage den historischen und dialektischen Materialismus systematisch weiterentwickelt. Abgeschlossen ist diese »Arbeit am Begriff« freilich nicht – und kann es nie sein.

Quelle: Keine »Sammlung dogmatischer Sätze«

Die Wahrheit, die es in der Philosophie zu erkennen galt, war bei Hegel nicht mehr eine Sammlung fertiger dogmatischer Sätze (...) ; die Wahrheit lag nun in dem Prozeß des Erkennens selbst, in der langen geschichtlichen Entwicklung der Wissenschaft, die von niedern zu immer höhern Stufen der Erkenntnis aufsteigt (...). Und wie auf dem Gebiet der philosophischen, so auf dem jeder andern Erkenntnis und auf dem des praktischen Handelns. (...) Wie die Bourgeoisie durch die große Industrie, die Konkurrenz und den Weltmarkt alle stabilen, altehrwürdigen Institutionen praktisch auflöst, so löst diese dialektische Philosophie alle Vorstellungen von endgültiger absoluter Wahrheit und ihr entsprechenden absoluten Menschheitszuständen auf. (...) Der Konservatismus dieser Anschauungsweise ist relativ, ihr revolutionärer Charakter ist absolut.

Aus: MEW 21, S. 267 f.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2011/04-02/009.php