14. April 2014

Von Zweifel zu Zweifel

Karlheinz Deschner - Fotoquelle: Wikipedia

Der melancholische Aufklärer und Kirchenkritiker Karlheinz Deschner ist gestorben

Alexander Bahar

Als ich im Herbst 2002 – die Vorbereitung des zweiten US-geführten Überfalls auf den Irak war in vollem Gang – mit Karlheinz Deschner Kontakt aufnahm, um ihn als Erstunterzeichner für einen Aufruf gegen den Krieg zu gewinnen, sagte er zu meiner großen Freude spontan zu. Ich hatte soeben sein Buch »Der Moloch. Eine kritische Geschichte der USA« gelesen, eine schonungslose Abrechnung mit »god’s own country«. An dem Text, den ich ihm vorlegte, nahm Karlheinz Deschner nur minimale Änderungen vor. Er wußte wie ich, daß ein Aufruf gegen einen längst beschlossenen Krieg diesen weder verhindern noch die Kriegstreiber auch nur beeindrucken würde. Trotzdem machte er mir Mut, verwies auf mögliche Mitunterzeichner, erkundigte sich mehrfach nach dem Fortgang des Projekts und half bei der Suche nach Spendern für eine bezahlte Anzeige in einer überregionalen deutschen Tageszeitung.

In den folgenden Jahren telefonierten wir sporadisch. Dabei konnte ich spüren, wie sich seine Stimmung zunehmend verdüsterte. Als ich ihn im vergangenen Jahr anrief, um ihm zum Abschluß seiner zehnbändigen »Kriminalgeschichte des Christentums« zu gratulieren, eine monumentale Anklageschrift gegen die christliche Kirche, die Ihresgleichen sucht, schien er mir schon am Entschwinden.

War es Resignation? Eher nicht, sonst hätte er wohl kaum das schier übermenschliche Arbeitspensum bewältigen können, das er sich selbst noch in hohem Alter tagtäglich abverlangte. Doch desillusioniert angesichts eines weltumspannenden Systems von Gewalt, Lüge, Korruption, Verelendung und nahezu grenzenloser Verdummung schien er sich nur noch wenig Hoffnung zu machen, sein Werk könne zur Emanzipation einer immer mehr im Sumpf »selbstverschuldeter Unmündigkeit« versinkenden Menschheit beitragen.

Angefangen hatte der studierte Historiker und Literaturwissenschaftler einst als ­Romancier (»Die Nacht steht um mein Haus«, 1956 erschienen), um nach einer Übergangsphase als Literaturkritiker (»Kitsch, Konvention und Kunst«, 1957) in der Kirchen- und Religionskritik seine Lebensaufgabe zu finden. Diese übte er keineswegs sine ira et studio aus, sondern getreu seiner Überzeugung: »Wer Weltgeschichte nicht als Kriminalgeschichte schreibt, ist ihr Komplize.«

Sich von den »staatshörigen Historikern und geknebelten Theologen« abgrenzend, betrieb Deschner sein Metier in Solidarität und Empathie mit den Geknechteten und Entrechteten der Weltgeschichte. Breite Resonanz fanden seine frühen kirchen- und religionskritischen Werke »Abermals krähte der Hahn« (1962), eine kritische Entstehungsgeschichte der Evangelien und des kirchlichen Machtapparats, und »Das Kreuz mit der Kirche« (1974), eine Sexualgeschichte der Kirche.

Er war bereits 60 Jahre alt, als er die Arbeit an seiner vom Hamburger Rowohlt-Verlag zunächst auf einen Band angelegten »Kriminalgeschichte des Christentums« begann. Aus einem Band wurden schließlich zehn – mit insgesamt 6000 Seiten und 100000 Quellenangaben. Wortmächtig und akribisch rechnet der Autor darin mit den Lügen, Verbrechen, Scheinheiligkeiten, Heucheleien und Intrigen der Statthalter Christi, ihres klerikalen Stabs und Fußvolks sowie ihrer weltlichen Verbündeten ab.

Das Bonmot des durchaus geistesverwandten Arno Schmidt, »Der Künstler hat nur die Wahl, ob er als Mensch existieren will oder als Werk; im zweiten Fall besieht man sich den defekten Rest besser nicht«, trifft auf Karlheinz Deschner nicht zu. Zwar war er ein Gefangener seines Werks mit unübersehbar asketischen und eremitenhaften Zügen, doch blieb er dabei ein ausgesprochen liebenswürdiger Mensch. Er war Musik und Lyrik ebenso zugetan wie der Natur und dem Getier.

Bei aller Kritik an Kirche und Religion grenzte sich der radikale Agnostiker und Skeptiker von jeder Form von Dogmatismus und Fanatismus ab. Das führte mitunter zu Fehldeutungen, insbesondere seines Aphorismus: »Von Zweifel zu Zweifel, ohne zu verzweifeln. Im Grunde bin ich ein aus lauter Zweifeln bestehender gläubiger Mensch.« Damit meinte er, wie er selbst richtigstellte, nicht den »Glauben« irgendeiner Religion, sondern den Glauben, in einer letztlich enigmatischen Welt zu leben oder, wie er schreibt, »je älter ich werde, desto mehr glaube ich, daß die kleinste Hilfe oft mehr taugt als der größte Gedanke. (…) Somit glaube ich, mit allem, was ist, einbezogen zu sein in den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen«. Am vergangenen Dienstag ist Karlheinz Deschner in seiner unterfränkischen Heimatstadt Haßfurt am Main gestorben. Am 23. Mai wäre er 90 Jahre alt geworden.

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