11. September 2010

Vorbereitung des Terrors

NSDAP-Parteitag 1935: Gigantomanie und Rassengesetze

Manfred Weißbecker

Seit sie an die Macht gebracht worden waren, spielten im Veranstaltungskalender der deutschen Faschisten jene monströsen Kundgebungen eine wesentliche Rolle, die fälschlich als »Reichsparteitag« ausgewiesen wurden. Mit demokratischer Willensbildung und politischer Debatte – wie es die Regeln den politischen Parteien an und für sich vorschreiben – hatten sie jedoch nichts, aber auch gar nichts zu tun – im Gegenteil.

In der Reihe dieser Politevents fand vom 10. bis 16. September 1935 der siebente Parteitag statt, doch die Zahl blieb unerwähnt, hätte sie doch erkennen lassen, wie unregelmäßig man in den Jahren der Weimarer Republik getagt und wie gering man den Sinn solcher Veranstaltungen geschätzt hatte. Nachträglich war eine Zusammenkunft in München Ende Januar 1923 als erster Parteitag deklariert worden, der zweite hatte 1926 in Weimar stattgefunden, der dritte 1927 in Nürnberg, dem Hort alter Kaiserherrlichkeit. Von da an sollte diese Stadt der Ort aller weiteren Parteitage der Nazis werden, sei sie doch, wie es hieß, im »ersten Reich der Deutschen« bereits Heimstatt von Reichstagen gewesen. Vor dem 30. Januar 1933 kam man nur 1929 noch einmal zusammen, danach bis 1938 regelmäßig während einer Woche in den ersten Septembertagen. Propagandistisch sahen letztere sich jeweils unter ein bestimmtes Motto gestellt. Es lautete im Jahr des Herrschaftsbeginns der Nazis »Sieg des Glaubens«, 1934 »Triumph des Willens«, was der Nachwelt vor allem durch die Filme Leni Riefenstahls in Erinnerung blieb. Als Leitwort für das Spektakel galt 1935 »Freiheit«, was besagen sollte, Deutschland habe dank der NSDAP wieder seine »Wehrfreiheit« gewonnen, nachdem im März die allgemeine Wehrpflicht eingeführt und die geheim formierte Luftwaffe offen gezeigt worden war. Von »Ehre«, »Arbeit« und »Großdeutschland« war in den folgenden Jahren die Rede.

Gigantische Bauten

Um die Macht des braunen Regimes eindrucksvoll zur Schau stellen, Parolen massenwirksam verkünden, alle Beteiligten disziplinieren und das Ganze dennoch als Willensbekundung des Volkes ausgeben zu können, waren zunächst vom Architekten Paul Troost, später von Albert Speer gigantische Baupläne entworfen und umgesetzt worden, die im Südosten der Stadt ein Areal von 16 Quadratkilometern mit einer Kongreßhalle, einem Stadion und Aufmarschfeldern füllen sollten. Ein Teil, insbesondere die sogenannte Luitpoldarena, konnte bereits 1935 fertiggestellt werden und geriet für die Inszenierungen von Führungskraft und Menschenbeherrschung zur gespenstischen Kulisse; im Jahr darauf marschierten die braunen Formationen auf dem »Zeppelinfeld« auf, das Platz für 250000 Beteiligte und 70000 Zuschauer bot, während das geplante »Märzfeld« sogar Raum für eine halbe Million Menschen bieten sollte.

Von Jahr zu Jahr wurde das Spektakel größer, umfassender und militanter, aber auch immer stärker mystifiziert: Fahnen und Fahnenweihen, Fackeln und gewaltige Lichtspiele, Totenehrung und Treueschwüre betäubten alle Sinne und hatten dem Kult um den »Führer« zu dienen. Monumentalität und Emotionalität prägten nicht nur die Bauten und die Veranstaltungen der Partei, ihrer Verbände und angeschlossenen Organisationen, sondern auch die sorgfältig vorbereiteten und zumeist sakral geprägten Rituale.

Jeder Tag galt einer der großen NS-Organisationen. Sorgsam garnierten die Machthaber fast alle Veranstaltungen mit Auftritten ihrer uniformierten Mitglieder. Um für eine solche »Heerschau« zur Verfügung zu stehen, waren Zehntausende auf Straßen und Schienen herangebracht worden. Sie kampierten in Zeltlagern, teils unter unzumutbaren Bedingungen, rückten zu immer neuen Demonstrationen aus und hatten Stärke durch Geschlossenheit zu bekunden.

Kult um Führer

Geredet wurde wie immer auch 1935 viel, obgleich die Zensoren der Reichsleitung allen Autoren der eingereichten Manuskripte Kürzungen befohlen hatte. Allein Hitler trat in 17 Veranstaltungen auf. Das begann mit pathetischen Dankesworten, als ihm im Nürnberger Rathaus eine Nachbildung des Reichsschwertes überreicht wurde, und setzte sich mit einer Proklamation an den Parteitag sowie einer der üblichen Reden über die deutsche Kunst fort. Er nahm Appelle des Reichsarbeitsdienstes, der HJ, SA und SS ab und palaverte vor Frauenschaft und Auslandsorganisation. Andere Naziführer taten es ihm gleich, suchten sich zu profilieren und im internen Gerangel durchzusetzen. Unisono hob man hervor, was angeblich alles geleistet worden war und wie friedenslieb Deutschland sei, letzteres ganz im Gegensatz zu den bösen Bolschewisten und dem Weltjudentum. Über beides wurde gewettert und geschimpft, dreist und verlogen zugleich, im Grunde eine Art innenpolitischer Wegbestimmung und außenpolitischer Kriegserklärung. Dazu paßte, daß es erstmals einen »Tag der Wehrmacht« gab, der ein enges Zusammenwirken von Partei und militärischer Führung demonstrierte. Deutlich wurde: Der eingeschlagene Kurs intensiver Aufrüstung sollte eingehalten und jeglicher Defätismus auch in den eigenen Reihen verfolgt werden.

Alles schien 1935 wie gehabt über die Bühne zu gehen. Dennoch glich es einem überraschenden Paukenschlag, als kurzfristig der Reichstag – die Abgeordneten, so hieß es, seien ja ohnehin da – für den Abend des 15. September einberufen wurde. Drei in aller Eile formulierte Gesetze sollte er beschließen: eines, das die Fahne der Partei zur »Reichs- und Nationalflagge« bestimmte, ein zweites, das zwischen »Reichsbürgern« und anderen deutschen Staatsbürgern unterschied. Das dritte, genannt »Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre«, verbot Eheschließungen und außerehelichen Verkehr zwischen Juden und »Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes« bei Androhung von Gefängnis- und Zuchthausstrafen. Untersagt wurde den Juden die Beschäftigung weiblicher »arischer« Hausangestellten sowie das Zeigen der Reichs- und Nationalflagge.

Es waren dies die berüchtigten Nürnberger Rassengesetze, folgenreich, zumal sie alle erforderlichen Ausführungs- und Verwaltungsvorschriften offenließen. Sie stellten eine verhängnisvolle Grundlage der weiteren Schritte hin zum endgültigen Ausschluß der jüdischen Menschen aus der »deutschen Volksgemeinschaft« dar und boten so auch einen Auftakt für die Reichspogromnacht im November 1938 und letztlich auch für den Holocaust.

Quellentexte. »Durch den Anblick des Führers und seine Ausführungen«

Hitler erklärt Sinn und Zweck nationalsozialistischer Parteitage (1926)

Der Parteitag soll »den Charakter einer großen Kundgebung der jugendlichen Kraft unserer Bewegung enthalten. Gleich früher soll auch diesmal vermieden werden, den Parteitag mit Fragen zu belasten, deren Entscheidung oder Klärung in einem solchen Rahmen weder möglich noch von Dauer sein würde. (…) Ganz davon abgesehen, daß ein solcher Vorgang im Grunde genommen vollkommen dem Wesen des heutigen Parlamentarismus entsprechen würde.

Aus einem internen Bericht über die Wirkung psychologischer Mechanismen und die rauschähnlichen Erlebnisse während des ­Parteitages von 1935

Die Stimmung der Besucher des Reichsparteitages, die beim Eintreffen noch unter dem Druck der Schwierigkeiten im Lande draußen – Stahlhelm, Kirchenstreit, Preiserhöhungen, Streit mit staatlichen Stellen, ungeklärte Zuständigkeitsfragen in der Partei selbst und in den Gliederungen usw. – stand, wurde bald behoben durch die allgemeine Wiedersehensfreude, durch die steigende innere Sicherheit, die sich aus dem Anblick der Massen Politischer Leiter, SA-, SS-Männer usw. und das sich daraus ergebende Gefühl der allein zahlenmäßigen Macht der Bewegung ergab, besonders aber durch den Anblick des Führers und seine Ausführungen bei all den größeren und kleineren Veranstaltungen. Es entstand so in kurzer Zeit die feste Überzeugung, daß der Sieg der Bewegung allen inneren und äußeren Feinden zum Trotz auf die Dauer gesehen unbedingt feststeht.

»Auswertung« des Parteitages von 1935 in einer vom SS-Hauptamt herausgegebenen Schrift

Der Untermensch – jene biologisch scheinbar völlig gleichgeartete Naturschöpfung mit Händen, Füßen und einer Art von Gehirn, mit Augen und Mund, ist doch eine ganz andere, eine furchtbare Kreatur, ist nur ein Wurf zum Menschen hin, mit menschenähnlichen Gesichtszügen – geistig, seelisch jedoch tieferstehend als jedes Tier. Im Inneren dieses Menschen ein grausames Chaos wilder, hemmungsloser Leidenschaften: namenloser Zerstörungswille, primitivste Begierde, unverhüllteste Gemeinheit. Untermensch – sonst nichts!

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