9. Oktober 2013

Warten auf Gerechtigkeit

Exekutionskommando: Am 2. Juni 1941 richten deutsche Falschirmjäger auf Kreta Zivilisten hin - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 101I-166-0525-39 / Weixler, Franz Peter / CC-BY-SA

Auch 70 Jahre nach einem Wehrmachtsmassaker auf Kreta: Die BRD weigert sich nach wie vor, Entschädigungen an Überlebende zu zahlen

Lars Reissmann

Ein Kongreß auf der Insel Kreta fordert 70 Jahre nach den Verbrechen der deutschen Wehrmacht in Griechenland Gerechtigkeit. Am 13. und 14. September 1943 erschossen deutsche Wehrmachtseinheiten als Vergeltung für einen griechischen Partisanenangriff etwa 450 Männer über 16 Jahren aus Dörfern in der Provinz Viannos und Ierapetra auf der griechischen Insel. Der damalige Befehlshaber, General Friedrich-Wilhelm Müller, wurde für diese und andere Kriegsverbrechen durch ein griechisches Gericht zum Tode verurteilt und 1947, am Jahrestag der deutschen Invasion auf Kreta, hingerichtet. Vor deutsche Gerichte wurde wegen des Massakers von Viannos niemand gestellt. Eine Entschädigung an die Opfer hat die Bundesrepublik Deutschland nie gezahlt.

Zum Jahrestag lud der »Nationalrat für die Forderungen gegenüber Deutschland« zu einem zweitägigen Kongreß am 13. und 14. September ein, um sich über Reparationen und Entschädigungen für die Kriegsfolgen und geraubten antiken Schätze während der Besatzung auszutauschen. Alle griechischen Widerstandsorganisationen gegen die deutsche Besatzung waren vertreten. Viele Teilnehmer kamen aus anderen »Märtyrerorten« wie Distomo, Kommeno, Hortatis und Kalavryta, wo die Wehrmacht ebenfalls gewütet hatte. Die Bedeutung des Kongresses wurde durch die Teilnahme der Widerstandslegende Manolis Glezos sichtbar, der am 30. Mai 1941 mit Apostolos Sandas die Hakenkreuzfahne von der Akropolis in Athen holte.

Die Frage der noch ausstehenden Reparationszahlungen Deutschlands aus dem Zweiten, aber auch aus dem Ersten Weltkrieg wurde von vielen Rednern in einen Zusammenhang mit den gegen Griechenland erhobenen Forderungen im Zuge der ökonomischen Krise der EU gebracht. Die Rückzahlung einer Zwangsanleihe, die die Bank von Griechenland dem deutschen Reich während der Besatzung zahlen mußte, wird hervorgehoben. Sie ist zwar nicht der größte Posten, aber der am klarsten definierte. Die griechische Regierung wurde wegen ihrer bisherigen Zurückhaltung in dieser Frage berechtigterweise stark kritisiert, ist der aber der Verhandlungspartner gegenüber Deutschland. Nur ein kleiner Teil der griechischen Sozialdemokraten (PASOK) war bisher in dieser Sache wirklich engagiert. Die Frage der Reparationen wird, wenn überhaupt, nur eine anders zusammengesetzte Regierung stellen können: Zwei Parlamentsabgeordnete des linken Wahlbündnisses Syriza verfolgten aufmerksam die Tagung.

Rechtsanwalt Joachim Lau analysierte, wie individuelle Entschädigungsansprüche vorerst durch die Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag (IGH) vom Februar 2012 zurückgewiesen worden sind. Im Fall des SS-Massakers von Distomo war bereits im Jahr 2000 vor dem höchsten griechischen Gericht eine Entschädigung von insgesamt 50 Millionen Euro erstritten worden, deren Vollstreckung die griechische Regierung bis heute blockiert. Vom höchsten italienischen Gericht war die Entschädigung im Jahr 2008 bestätigt worden. Deutschland hatte daraufhin Italien vor dem IGH verklagt. Bei diesem Prozeß waren die Opfer ausgeschlossen, wie Rechtsprofessor Stelios Perakis, der Vertreter der griechischen Regierung bei IGH-Verfahren in Den Haag, auf der Kongreß sagte. Rechtsanwalt Joachim Lau betonte dagegen, daß Italien oder Griechenland die Opfer in Den Haag hätten beteiligen können.

Nach dem IGH-Urteil hat die deutsche Regierung in Italien ein Wiedervorlageverfahren eingeleitet, um die gerichtlichen Entscheidungen zugunsten der Opfer von Distomo zu kippen. Mitte November wird der Prozeß beginnen.

Aristomenis Syngelakis, Vertreter des Opferverbandes Ano Viannos und Mitglied im Nationalrat, machte in seiner Rede bei der Gedenkfeier deutlich, daß, im Gegensatz zur Sicht der deutschen Regierung, die Entschädigung keineswegs vom Tisch ist. Es geht um die Anerkennung der Verbrechen und des Leids der Opfer. Die diesjährige Gedenkfeier für das Massaker von Viannos fand ohne offizielle Vertreter der deutschen Regierung statt. Zum 60. Jahrestag vor zehn Jahren entsandte die Bundesregierung noch den damaligen Militärattaché, der mit einer Kranzniederlegung für eine versöhnliche Stimmung sorgen sollte.

Der AK Distomo wird zum 70. Jahrestag des Massakers von Distomo im Juni 2014 nach Griechenland fahren, um dort über die Entschädigung und den aktuellen Neofaschismus in Deutschland und Griechenland zu diskutieren.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/10-09/001.php