27. August 2011

Weg in die Freiheit

Vor 45 Jahren begann der bewaffnete Kampf der SWAPO. Seit 1990 gedenkt Namibia am 26. August des Widerstands gegen Kolonialismus und Apartheid

Simon Loidl

Sechs Jahre nach ihrer Gründung bereitete sich die South West Africa People’s Organization (SWAPO) im ersten Halbjahr 1966 auf den Beginn militärischer Auseinandersetzungen mit der südafrikanischen Besatzungsmacht vor. Die internationale Lage ließ der Organisation keine andere Wahl, als den Widerstand gegen das Apartheidregime auf eine neue Stufe zu stellen. Südafrika hatte sowohl den Beschluß der UNO zum Ende des südafrikanischen Mandats über das Territorium »Südwestafrika« als auch ein entsprechendes Urteil des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag ignoriert. Ein weiterer Versuch, Südafrika via internationalem Recht zum Einlenken zu bewegen, war gescheitert. Der von Liberia und Äthiopien bereits im Jahr 1960 eingebrachte Fall wurde im Juli 1966 in Den Haag endgültig zurückgewiesen, da keines der beiden Länder für die Angelegenheit als zuständig erachtet wurde. Dieses Urteil zugunsten der Besatzungsmacht bedeutete für die SWAPO gewissermaßen die Notwendigkeit eines Strategiewechsels. Denn obgleich sich die Befreiungsbewegung bei der Verfolgung ihres Zieles in Einklang mit internationalem Recht und dem Willen der Vereinten Nationen sah, konnte sie offenkundig mit keiner unmittelbaren Unterstützung seitens internationaler Institutionen rechnen.

Kolonialherren

Das Ziel der SWAPO war die Gründung eines von Südafrika unabhängigen Staates auf dem Territorium jenes Teils des südlichen Afrikas, dessen Grenzen vom deutschen Kolonialismus gezogen worden waren. Im Jahr 1883 landete der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz auf der Suche nach Gold und Diamanten an der südwest­afrikanischen Küste. Mit Unterstützung der Rheinischen Missionsgesellschaft und betrügerischen Methoden erwarb Lüderitz einen Küstenstreifen, der während der folgenden Jahre kontinuierlich erweitert wurde. Von Beginn an ging es den Deutschen darum, die Afrikaner zu verdrängen; der Widerstand der Bevölkerung wurde erbarmungslos bekämpft. Dies gipfelte im Vernichtungsbefehl des Generals von Trotha, der den Genozid an den Herero, den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, einleitete.

Im Verlauf des Ersten Weltkrieges besetzte die 1910 aus den vier britischen Kolonien der Region gebildete Südafrikanische Union Deutsch-Südwestafrika. Nach dem Krieg wurde Südafrika vom Völkerbund als Mandatsmacht über die vormalige deutsche Kolonie anerkannt, behielt diesen Status bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges und dehnte die bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts praktizierte Apartheidpolitik auf das Gebiet »Südwestafrikas« aus. 1946 entzog die UNO Südafrika das Mandat; da das Land die Nachfolgeorganisation des Völkerbundes nicht anerkannte, blieb dies jedoch ohne Wirkung.

In der Bevölkerung »Südwestafrikas« formierte sich immer stärkerer Widerstand gegen die Besatzung. Vor allem die Jugend »Südwestafrikas« sah, daß eine effektive Politik Organisationen erforderte, die über ethnische Grenzen hinausgingen. Die erste aus dieser Erkenntnis heraus gegründete Vereinigung war der South West African Student Body. Dabei konnte man an die eigene Geschichte anknüpfen. Bereits während der Herero- und Nama-Aufstände hatte die Überwindung tribaler Strukturen durch fortschrittliche Anführer wie Jakob Morenga wesentlich zur Stärke des zuvor lokal begrenzten Widerstandes beigetragen.

Im Herbst 1959 entstand die South West African National Union (SWANU), in der neben Vertretern der kurz zuvor gegründeten Ovamboland People’s Organization (OPO) auch die Anführer der verschiedenen ethnischen Gruppen vertreten waren. Damit waren erstmals alle relevanten politischen Kräfte in einer Organisation zusammengefaßt. Bald tauchten innerhalb von SWANU sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber auf, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Während der gemäßigte Flügel auf internationale Diplomatie und die UNO setzte, verfolgte vor allem die von Sam Nujoma mitbegründete OPO einen revolutionären Kurs der direkten Konfrontation mit dem Besatzungsregime. Bereits im Frühjahr 1960 schied die OPO mit der Gründung der SWAPO aus der SWANU aus. Während sich die marxistisch orientierte SWAPO in den folgenden Jahren zu einer Kampf­organisation konsolidierte, spielte SWANU im weiteren keine bedeutende Rolle mehr.

Hinwendung zum Kampf

Zu diesem Zeitpunkt handelte es sich bei der SWAPO noch um eine ausschließlich politische Organisation. Den bewaffneten Kampf gegen die am besten ausgerüstete Armee des afrikanischen Kontinents aufzunehmen, war noch ein fernes Ziel. Allerdings wurde sofort mit der Ausbildung militärischer Kader begonnen und ein bewaffneter Arm der SWAPO etabliert – die South West African Liberation Army (SWALA), später umbenannt in People’s Liberation Army of Namibia (PLAN).

Die ersten bewaffneten Einheiten wurden in Algerien und Ägypten ausgebildet, andere Kader erhielten ihre militärische Schulung in der Sowjetunion und in China. Nach der Unabhängigkeit von Sambia und der Etablierung von Tansania wurden in diesen Ländern SWALA-Trainingslager errichtet. Bereits Mitte der 1960er Jahre sah man sich in der Lage, erste Konfrontationen mit dem mächtigen Feind riskieren zu können, und so begannen ab 1965 SWALA-Einheiten von ihren sambischen Stützpunkten aus, auf das Territorium »Südwestafrikas« vorzudringen und Lager zu errichten. Mitte August entdeckte eine südafrikanische Polizeieinheit eines der Lager bei Omugulugwombashe, das am 26. August schließlich von der South African Defence Force (SADF) angegriffen wurde. Der Kampf hatte begonnen.

Bis Mitte der 1970er Jahre blieb dieser allerdings auf einem relativ niedrigen Niveau. Das lag nicht zuletzt an den geopolitischen Voraussetzungen, die sich 1974 radikal veränderten. Nach der Nelkenrevolution in Portugal leitete die dortige neue Regierung die Entkolonialisierung ein. Die Unabhängigkeit Angolas mit dem Regierungsantritt der Movimento Popular de Libertação de Angola (MPLA) im November 1975 eröffnete SWAPO und PLAN neue Möglichkeiten der militärischen Zusammenarbeit mit dem nördlichen Nachbarland.

Gleichzeitig begann sowohl eine Zusammenführung wie auch eine Internationalisierung der regionalen Auseinandersetzungen. Der namibische Befreiungskampf und der angolanische Bürgerkrieg waren fortan eng miteinander verknüpft. Die südafrikanische Truppen drangen mit US-amerikanischer Unterstützung weit auf angolanisches Territorium vor und griffen auf Seiten von União Nacional para a Independência Total de Angola (UNITA) und Frente Nacional da Libertação de Angola (FNLA) in den angolanischen Bürgerkrieg ein. SWAPO und MPLA wiederum wurden von Kuba, der Sowjetunion und anderen sozialistischen Länder, nicht zuletzt auch von der DDR, unterstützt.

Nach der Niederlage in der Schlacht um die angolanische Stadt Cuito Cuanavale Anfang 1988 war Südafrika schließlich zu Verhandlungen bereit. Im August 1988 trat ein Waffenstillstand in Kraft, Südafrika kündigte den Rückzug aus Namibia an. Dieser erfolgte schließlich nach den ersten namibischen Wahlen im Herbst 1989, die der SWAPO eine absolute Mehrheit brachten.

Dokumentiert Sam Nujoma: »Tausende opferten ihr Leben«

Am 26. August 1966 begann das namibische Volk unter dem Banner der SWAPO in Omugulugwombashe den bewaffneten Kampf für unsere Freiheit und Unabhängigkeit. (...) Am heutigen Tag erinnern wir an die Heldinnen und Helden, die ihr Leben für Freiheit und Unabhängigkeit geopfert haben. Wir erinnern an die, die in engen Gräbern in den Urwäldern von Angola, Samiba und Namibia liegen; die bis zum bitteren Ende kämpften und niemals schwankten. (...)

Während wir diesen Tag begehen, sollten wir daran denken, daß uns Freiheit, Frieden und politische Stabilität, die wir heute erleben, nicht auf einem Silbertablett serviert wurde. Der Befreiungskampf wurde von Tausenden Namibierinnen und Namibiern unterstützt, die die PLAN-Kämpfer mit Proviant, Unterkunft und Informationen über die Truppenbewegungen des Feindes versorgten. Tausende Zivilisten litten unter den Kolonialstreitkräften. Manche starben in den Gefängnissen, andere verschwanden spurlos. Die Häuser und das Eigentum Unzähliger wurden zerstört.

Heute sind wir eine freie Nation. Wir haben uns der Gemeinschaft der Nationen als stolzes und freies Volk angeschlossen und bestimmen unser künftiges Schicksal selbst. Deshalb müssen wir gemeinsam hart daran arbeiten, Frieden und Stabilität zu bewahren um die sozio-ökonomische Entwicklung unseres Landes zu beschleunigen und Armut, Hunger und Krankheiten zu besiegen (...).

Rede von Sam Nujoma, Ehrenvorsitzender der SWAPO und erster Präsident Namibias, zum Heroes Day 2010 (Übersetzung S.L.)

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2011/08-27/026.php