18. Januar 2014

Westalliierte zögerten

Die Stadt Cassino nach der Schlacht - Fotoquelle: Wikipedia

Vor 70 Jahren fand die »Schlacht um Monte Cassino« statt

Gerhard Feldbauer

Nach monatelangem Stillstand eröffneten die alliierten Truppen am 17. Januar 1944 ihre Offensive gegen die »Gustav-Linie« der Hitlerwehrmacht mit deren Schlüsselstellung auf dem 519 Meter hohen Monte Cassino etwa 120 Kilometer südlich von Rom. Im Herbst 1943 hatte der Befehlshaber des angloamerikanischen Mittelmeerkommandos, General Dwight D. Eisenhower, nach der Kapitulation Italiens und dessen Übertritt auf die Seite der Antihitlerkoalition tatenlos die Errichtung dieser Abwehrfront zugelassen. Sie reichte von der Garigliano-Mündung am Tyrrhenischen Meer quer durch unwegsames Gebirge bis zur Mündung des Sangro an der Adria. Rund 50000 Wehrmachtssoldaten verteidigten die Stellungen, gegen die 200000 Alliierte mit 1600 Geschützen zum Angriff antraten.

Zunächst verzichtete Eisenhower auf massive Luftbombardements auf den Monte, da der Vatikan intervenierte, das historische Benediktinerkloster auf dem Berg mit seinen wertvollen Kunstschätzen zu verschonen (siehe unten). Die alliierte Aufklärung stellte jedoch fest, daß aus dem Gebäudekomplex heraus Gefechtsaufklärer und Artilleriebeobachter die Verteidigung leiteten. Nachdem die erste Angriffswelle gescheitert und zwischenzeitlich die Kunstschätze des Klosters in den Vatikan evakuiert worden waren, eröffneten am 15. Februar 229 »B-17 Flying Fortress« des 96. US-Bombergeschwaders die Luftangriffe auf den Monte Cassino und warfen 500 Tonnen Spreng- und Brandbomben ab. Die Stadt Cassino, umliegende Orte sowie das Kloster wurden bis auf die Grundmauern zerstört.

Roosevelt setzt sich durch

Da die Alliierten weder ihre Überlegenheit an Kräften und Material noch die Luftherrschaft zielstrebig nutzten, zogen sich die Kämpfe über vier Monate hin. Auch einer Seelandung am 22. Januar bei Anzio und Nettuno an der Adriaküste südlich von Rom fehlte die nötige Stoßkraft. Das Wehrmachtskommando konnte die alliierten Verbände in die Verteidigung drängen. Erst im Mai konnten die 5. US-amerikanische Armee vom Landekopf bei Anzio und Nettuno aus und die 8. Britische Armee beiderseits vom Monte Cassino aus den Widerstand der Wehrmacht brechen.

Angesichts der sich verschlechternden militärischen Situation für die Deutschen in Italien insgesamt befahl Feldmarschall Albert Kesselring am 17. Mai den Rückzug nach Norden. Einen Tag später besetzten polnische Einheiten unter General Wladislaw Anders als erste den Monte Cassino. Daß Eisenhower im Herbst 1943 tatenlos der Errichtung der »Gustav-Linie« zugelassen hatte, bezahlten 60000 alliierte Soldaten mit ihrem Leben. Die deutschen Verluste betrugen 24000 Mann. Mit dem Fall von Monte Cassino war der Weg nach Rom frei, das die Alliierten am 4. Juni einnahmen.

Den Hintergrund der Tatenlosigkeit Eisenhowers bildete die Haltung der USA und Großbritanniens zum Überfall Hitlerdeutschlands auf die UdSSR. Der sowjetische Diplomat Valentin Falin gibt in seinem Buch »Zweite Front. Die Interessenkonflikte in der Antihitlerkoalition« (München 1997) die Stimmung führender US-Kreise unterschiedlichster politischer Couleur wieder, von »einflußreichen Katholiken und professionellen Antikommunisten bis zu Erzreaktionären vom Schlage des Expräsidenten Herbert Hoover oder den Senatoren Robert Taft und Arthur Vandenberg sowie offenen Anhängern des Nazismus«. Sie ließen sich »von den neuen deutschen Aggressionen zu Träumen von einer ›politischen Neuordnung Kontinentaleuropas‹« inspirieren. »Für diese Politiker und ihre Kreise stellte sich die Frage überhaupt nicht, ob man der Sowjetunion helfen sollte.« Sie versuchten, so Falin, »ihrem Land eine Sicht aufzudrängen, wonach der Sieg des Nazismus einem Triumph des Kommunismus in jedem Fall vorzuziehen war«.

In dem Buch von Denna F. Fleming, »The Cold War and its Origins« (London 1961), sind die lange Zeit in den Geheimarchiven verwahrten Äußerungen Churchills vom 22. Juni 1941 nachzulesen: »Gewinnen die Deutschen, so soll den Russen geholfen werden, gewinnen aber die Russen, so soll den Deutschen geholfen werden – mögen sie einander so viel wie möglich umbringen.« In diesen reaktionären Chor stimmte US-Präsident Franklin D. Roosevelt nicht ein. Er suchte eine veränderte Haltung gegenüber der UdSSR einzunehmen und mäßigte den in den Regierungskreisen herrschenden Antikommunismus. Ihm war es zu verdanken, daß die Antihitlerkoalition überhaupt zustande kam.

Rote Armee auf Vormarsch

Mit den strategischen Siegen der Roten Armee um die Jahreswende 1942/43 bei Stalingrad und anschließend nochmals im Juli 1943 in der Schlacht bei Kursk war die Niederlage Deutschlands eingeleitet. Angesichts dieser Lage und der internationalen Isolierung des Aggressors sowie der weltweiten Sympathien für die UdSSR war es diesen Kreisen nun nicht mehr möglich, Churchill zu folgen und Deutschland zu helfen. Das strategische Ziel blieb jedoch, daß die UdSSR sich in der gewaltigen militärischen Auseinandersetzung mit Hitlerdeutschland weiter ausbluten sollte. Sie sollte geschwächt aus dem Krieg hervorgehen, damit das sozialistische Land den Weltherrschaftsplänen der imperialistischen Staaten keinen Widerstand entgegensetzen könnte.

So erhielten die italienischen Streitkräfte, die der Besetzung Nord- und Mittelitaliens durch die Wehrmacht Widerstand leisteten, keinerlei Unterstützung. Statt mit einer Landeoperation bei Rom die Wehrmachtstruppen aufzuspalten, was wegen der Versorgungsschwierigkeiten zu deren baldiger Vernichtung im Süden hätte führen können, landeten die Alliierten mit ihrer Hauptstreitmacht am 9. September bei Salerno südlich von Neapel. In Rom wurden vier italienische Divisionen, die den Wehrmachtstruppen entgegentraten, im Stich gelassen. Ebenso erging es Hunderttausenden italienischen Soldaten, die sich in Italien, auf Korsika und dem Balkan weigerten, zu kapitulieren. Sie wurden nach dem Ende der Kämpfe zu Zehntausenden niedergemetzelt oder nach Deutschland deportiert (siehe jW-Geschichte vom 7./8.9.2013).

1944 setze die Rote Armee an, die noch besetzten Gebiete der UdSSR sowie Rumänien, Ungarn und Bulgarien zu befreien. Das veranlaßte die Alliierten, aktiver zu werden, was sich in der Offensive gegen die »Gustav-Linie« in Italien und in der um zwei Jahre verzögerten Eröffnung einer Front in Frankreich zeigte. Es wurde befürchtet, die Rote Armee könnte allein in Deutschland einmarschieren und selbst zum Rhein vorstoßen.

In Italien versammelte die Partisanenarmee 250000 Mann. Weitere über 200000 Kämpfer zählten die örtlichen Partisaneneinheiten. Schon Anfang 1944 mußte die Wehrmacht 15 Divisionen gegen sie einsetzen. Rom befand sich noch vor dem Eintreffen der alliierten Truppen unter der Kontrolle des Nationalen Befreiungskomitees. Beginnend im August in Florenz, das die Partisanen vier Wochen vor der Ankunft der Alliierten einnahmen, befreiten sie immer mehr Städte und Dörfer. Wesentliche Triebkraft des nunmehr intensivierten Vormarsches der Alliierten war, dem Einhalt zu gebieten und revolutionäre antifaschistisch-demokratische Veränderungen zu verhindern.

Quellentext: Mahnmal gegen Krieg und Faschismus

Weithin sichtbar erhob sich auf dem Monte Cassino das älteste Benediktinerkloster, das der später heiliggesprochene Abt Benedikt von Nursia 529 erbauen ließ. Er gilt als Begründer des nach ihm benannten Mönchtums der Benediktiner. Nachdem das Kloster bereits 577 der Zerstörung durch die Langobarden, 883 den Sarazenen und 1349 einem Erdbeben zum Opfer gefallen war, wurde es durch die angloamerikanischen Luftangriffe während der Schlacht um Monte Cassino bis auf die Grundmauern in Schutt und Asche gelegt. Nur ein Gebäude, die frühmittelalterliche Krypta, blieb unversehrt. Durch Auslagerung in den Vatikan blieben die Kunstschätze des Klosters erhalten: Bronzegefäße und Statuen, Gemälde von Leonardo da Vinci, Tizian, Raffael, darunter eine der wertvollsten Gemäldesammlungen der Welt mit Werken beider Brueghels sowie Zeichnungen und Aquarellen italienischer Meister. Zu einer 1000jährigen, über 100000 Bücher zählenden Bibliothek gehören Schriften von Seneca mit dazugehörigen 1 200 handgeschriebenen Aufzeichnungen. Am Fuße des nach dem Krieg nach Originalbauplänen wiedererrichteten Klosters von Monte Cassino mahnen heute mehrere Friedhöfe an die Schrecken von Krieg und Faschismus. Sie bergen neben den Gräbern von 16000 Soldaten des Ersten Weltkrieges die von 107000 Gefallenen des Zweiten Weltkrieges aus 20 Nationen. Ein deutscher Soldatenfriedhof zählt 24000 Gräber.

Aus: Janusz Piekalkiewicz: Die Schlacht von Monte Cassino, London 1980

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