25. Februar 2013

Westdeutsche Mythen

Glaubenssätze eines Separatstaates: Währungsreform und Grundgesetz bilden die Bausteine der »Erfolgsgeschichte« BRD

Karl Unger

In den ersten Märztagen erscheint im PapyRossa Verlag von Karl Unger die Monographie »Der Weg nach oben. Geschichte Westdeutschlands und der Bonner Republik. Aus diesem Anlaß druckt jW den zweiten Teil des 4. Kapitels, »Neuordnung und Kalter Krieg«, lediglich um einige kurze Passagen gekürzt.

Die »soziale Marktwirtschaft« ist unzweifelhaft ein Grunddatum für die Entwicklung des politischen Selbstverständnisses der Westdeutschen, und ihr Gründungsmythos ist die Währungsreform. Das Leitbild des deutschen Kapitalismus nach 1945 konnte sich auf theoretisch weit ausgearbeitete Konzepte stützen. (…) Relevanz erlangte dieses Konzept, weil es ab Mitte 1948 die theoretische Grundlage der Politik des Wirtschaftsrates war und von den Unionsparteien noch vor den Bundestagswahlen 1949 in das offizielle Parteiprogramm, die »Düsseldorfer Leitsätze«, aufgenommen wurde.

Der Begriff »soziale Marktwirtschaft« stammt vom späteren Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Alfred Müller-Armack. Anders als Ludwig Erhard, der keine Gelegenheit versäumte, den Gegensatz von Plan- und Marktwirtschaft zu unterstreichen, sah Müller-Armack durchaus eine sinnvolle Verbindung von aktiver Sozialpolitik mit einer Marktwirtschaft. Aber auch Erhard war kein dogmatischer Neoliberaler, der gegen die Großindustrie eingestellt war und dem Ideal eines mittelständischen Kleinkapitalismus nachhing. Die zentralen Elemente seiner Wirtschaftsphilosophie waren der konsumorientierten Wettbewerbs- und Produktionsideologie der US-Amerikaner durchaus ähnlich. Das Ziel war, optimale Verwertungsbedingungen für das Kapital zu schaffen, und dabei spielte die »soziale« Komponente der sozialen Marktwirtschaft nur eine ideologische bzw. propagandistische Rolle. Sie richtete sich vor allem gegen das sozialdemokratische Modell des Wohlfahrtsstaates. »Nichts«, so Erhard, »ist unsozialer als der sogenannte Wohlfahrtsstaat, der die menschliche Verantwortung erschlaffen und die individuelle Leistung absinken läßt.« Zwar sagten 1950/51 angesichts steigender Preise und stagnierender Löhne bei Umfragen 49 Prozent der Bundesbürger, »von Erhard habe ich eine schlechte Meinung«, während nur 14 Prozent ihn lobten. Doch die propagandistische Formel der sozialen Marktwirtschaft entsprach viel mehr den kollektiven Strömungen und Wünschen als die sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Losungen von Vergesellschaftung, Vollbeschäftigung und sozialer Sicherheit. Sie hatte zudem den Vorteil, von der Vergangenheit unbelastet und demonstrativ modern-pragmatischer zu sein als die abstrakteren und altmodisch klingenden Losungen der Arbeiterbewegung. Das System des Neoliberalismus, das seit 1948 in Form der »sozialen Marktwirtschaft« zum Zuge kam, entfaltete auch deshalb ungleich stärkere Anziehungskraft als alle konkurrierenden Ideologien, weil ihre Vertreter sich des politischen Flankenschutzes der Westmächte erfreuen konnten und es von erheblichen Teilen der meinungsbildenden Elite als positives Zukunftsprogramm propagiert wurde.

Ausgangspunkt Schwarzmarkt

Weil die Reichsmark, bedingt durch die hohen Ausgaben für die Kriegsrüstung, fast wertlos geworden war, entstand nach der Kapitulation ein riesiger Schwarzmarkt. Ihm den Boden zu entziehen und geordnete wirtschaftliche Austauschverhältnisse wieder herzustellen, war die offensichtlichste Aufgabe der Währungsreform. Die ihrem Mythos Verfallenen haben Jahrzehnte später im Schwarzen Markt die Inkubationszeit des Wirtschaftswunders gesehen: »Dies gilt nicht nur im übertragenen Sinn, denn der Grundstock zu den meisten großen Vermögen, die dann in wenigen Jahren mit der neuen D-Mark gemacht wurden, ist in der Schwarzmarktzeit mit gehorteten Waren gelegt worden. Niemand, der es erlebt hat, wird je das ungläubige Staunen vergessen, mit dem die Menschen am Tag nach der Währungsreform in Schaufenster starrten, die jahrelang leer gewesen waren und nun über Nacht solche Wunderdinge wie Armbanduhren oder Nylonhemden enthielten.«1 Die zum Verkauf gestellte Warenfülle macht aber deutlich, daß der Wiederaufbau früher einsetzte, als es die Gründungslegende der BRD behauptet: »Nicht 1948, das Jahr der Währungsreform, der Liberalisierung des inneren Marktes und des Marshall-Plans, sondern 1947, das Jahr der ›Lähmungskrise‹ und der ›Tausend Kalorien‹, aber auch der Ankurbelung der Kohleförderung und der Care-Pakete, das Jahr, in dem sich die Lücken der geschwächten Infrastruktur wieder schlossen und die Hortungslager füllten, ist das wirtschaftliche Gründungsjahr der Bundesrepublik Deutschland.«2 Daß im Falle der Bundesrepublik das Geld nicht als das Geschöpf des Staates, sondern der Staat als das Geschöpf des Geldes anzusehen ist, war eine zwingende Notwendigkeit, denn keine demokratische deutsche Regierung wäre in der Lage gewesen, Geld und Ersparnisse so rücksichtslos auszulöschen wie die alliierte Besatzungsmacht. Die Militärgesetze Nr. 60 bis Nr. 64 der drei Westalliierten, die zwischen dem 20. und 27. Juni in Kraft traten, waren die Grundlage der Währungsreform. »Das Währungsgesetz sah im Prinzip den Umtausch von Reichsmark in die neue ›Deutsche Mark‹ im Verhältnis 1:1 vor, doch galt diese Relation nur für das ›Kopfgeld‹ von 60 DM und für besondere Verbindlichkeiten wie Löhne und Gehälter, Miet- und Pachtzinsen, Pensionen, Renten. Reichsmarkverbindlichkeiten wurden im Verhältnis 10:1 umgetauscht, wobei Ausnahmen zu beachten waren, die zu einem Gesamtumtauschverhältnis von 100 Reichsmark zu 6,50 DM führten. Insgesamt wurden 93,5 Prozent des alten Reichsmarkvolumens aus dem Verkehr gezogen – der schärfste Währungsschnitt der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Während Bank- und Sparkassenguthaben in die Umstellung eingeschlossen wurden, blieb das Produktivvermögen unangetastet. Das Umstellungsgesetz sah eine Lastenausgleichsregelung ausdrücklich erst zu einem späteren Zeitpunkt vor.«3 Die erstreckte sich dann über Jahre und konnte aus dem Zuwachs an Produktivvermögen finanziert bzw. auf den Verbraucher abgewälzt werden. Diese Ungleichheit in der Behandlung der Vermögen war grundlegend für die weitere Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung in der Bundesrepublik. Die vom Wirtschaftsrat begonnene Politik wurde von der Bundesregierung fortgesetzt. Sie beeinflußte den wirtschaftlichen Wiederaufbau nicht durch direkten staatlichen Interventionismus, sondern durch eine Veränderung vor allem des steuerlichen Rahmens, um die private Kapitalbildung zu verbessern. Der wirtschaftliche Aufschwung wurde durch einen staatlichen, aber vor allem einen privaten Konsumverzicht erreicht. Vom 2. Halbjahr 1948 bis 1953 sank der Anteil des privaten Verbrauchs am Bruttosozialprodukt von 76 Prozent auf 57 Prozent, wohingegen der der Gesamtinvestitionen von 19 Prozent auf 27 Prozent anstieg. Wie niedrig der private Verbrauch war, zeigt ein Vergleich: In Frankreich, England und Österreich lag der Anteil des privaten Verbrauchs am BSP 1953/54 bei 66,2, 67,5 bzw. 68,9 Prozent.

Brutale Deflation

Zum Mythos der Währungsreform als eigentliche Initialzündung des Wiederaufbaus gehört auch, daß vom zweiten auf das dritte Quartal 1948 das Produktionsvolumen um nicht weniger als 30 Prozent stieg, während im Jahr zuvor Zuwachsraten von durchschnittlich 5 Prozent verzeichnet wurden. »Neuere Berechnungen weisen aber nach«, so Werner Abelshauser, »daß das Produktionsniveau vor der Währungsreform systematisch unterschätzt wurde, weil ein beträchtlicher Teil der für die Hortungslager produzierten Waren nicht statistisch erfaßt worden war. Wird diesem Effekt aber Rechnung getragen, verliert die Währungsreform ihre herausragende Bedeutung für den Produktionsprozeß und ordnet sich in den stetigen Wirtschaftsaufschwung ein, der im Herbst 1947 begann und eine Voraussetzung für ihren Erfolg war. Wesentlich beschleunigt hat die Währungsreform diesen Aufschwung nicht.«4

Die Währungsreform war eine brutale Deflation. Ihr lag die zutiefst liberale Vorstellung zugrunde, daß eine aus den Fugen geratene Wirtschaft auf einem herabgesetzten Niveau sich wieder stabilisieren werde, wenn man nur ihren Selbstheilungskräften vertraue und die Marktmechanismen gewähren lasse. Eine solche Politik ist Ausdruck der Tatsache, daß Geldwertstabilität zum innersten Kern bürgerlich-ökonomischer Tugenden gehört und zugleich als beste Garantie für die Verteidigung unternehmerischer Interessen erscheint. Durch die Währungsreform war eine politische Realität geschaffen worden, an der jeder Versuch einer gesellschaftlichen oder sozialen Neuordnung scheitern mußte, und sie war ein entscheidender Abschnitt auf dem Weg zur Teilung Deutschlands.

Seit der Chef der Sowjetischen Militäradministration Marschall Sokolowski am 20. März 1948 den Kontrollrat verlassen hatte, um gegen die Politik der Westalliierten zu protestieren, war der Bruch zwischen den vier Mächten praktisch vollzogen. Der Kontrollrat trat – ohne formal aufgelöst zu sein – nie wieder zusammen. Weil es zu keiner Einigung mit den sowjetischen Behörden über eine Währungsreform kam, verkündeten die Westalliierten am 18. Juni die Reform für ihre Zonen. Dadurch bestand für die sowjetische Besatzungszone die Gefahr, mit den wertlos gewordenen Geldscheinen überschwemmt zu werden. Um dies zu verhindern, sperrten die sowjetischen Besatzungsbehörden am 19. Juni den Personenverkehr zu den Westzonen sowie Berlin und verschärften die Kontrollen des Güterverkehrs. Am 23. Juni wurde die Belieferung der Westsektoren mit Strom und Kohle gestoppt und für die Ostzone sowie Groß-Berlin eine eigene Währungsreform von der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland angeordnet. Als die Westalliierten daraufhin die Einführung der DM in den Westsektoren Berlins befahlen, sperrten die sowjetischen Behörden den gesamten Güterverkehr zwischen den Westzonen und Berlin. Am 28. Juni 1948 kündigten die US-amerikanischen Stellen die Einrichtung einer Luftbrücke an, mit der die Blockade der Berliner Westsektoren gebrochen werden sollte. Drei Tage später hörte die Zusammenarbeit in der alliierten Kommandantur auf – Berlin war eine Art Teststadt für den Machtkampf zwischen Ost und West geworden. Offenbar hatte die UdSSR nicht geglaubt, die Luftbrücke werde den Winter hindurch funktionieren, und es für wahrscheinlich gehalten, daß die Westmächte die Stadt aufgeben müßten. Als dies nicht geschah, sondern vielmehr westblockfördernde Effekte hatte, versuchte die Sowjetunion, ohne allzu großen Gesichtsverlust aus der Krise herauszukommen. Die Westmächte zeigten sich verständlicherweise wenig konzessionsbereit. Erst im Februar 1949 wurden Verhandlungen aufgenommen, die im Mai zu einem Abkommen führten, das die Aufhebung aller Verkehrsbeschränkungen vorsah. Die Berlin-Blockade hatte nicht nur auf das in der Bevölkerung ohnehin geringe sowjetische Prestige extrem negative Auswirkungen, sondern erleichterte unter massenpsychologischen Gesichtspunkten auch die Schaffung eines deutschen Teilstaates, also die Gründung der Bundesrepublik.

Verfassung ohne Volk

Das zweite Grunddatum, das Grundgesetz, spielte für die Entwicklung des politischen Selbstverständnisses der Westdeutschen erst Jahre nach seiner Verabschiedung eine kontinuierlich wichtige Rolle. Aber der Mythos von der demokratischsten aller deutschen Verfassungen existierte von Anfang an. Am 1. Juli 1948 waren den Ministerpräsidenten der Westzonen die sogenannten »Frankfurter Dokumente« übergeben worden, die die Empfehlungen der Militärgouverneure enthielten, bis zum 1. September 1948 einen Parlamentarischen Rat einzuberufen, der eine Verfassung beraten sollte. Die Ministerpräsidenten der westlichen Zonen beriefen daraufhin eine Konferenz nach Koblenz ein, wo sie wenige Tage später den Beschluß faßten, die Empfehlung zur Bildung einer deutschen Nationalversammlung zurückzustellen bis zur Möglichkeit einer gesamtdeutschen Regelung und der Wiederherstellung der deutschen Souveränität. Diese Entscheidung lief allerdings den Vorstellungen der US-amerikanischen und der britischen Militärregierung derart zuwider, daß sie revidiert werden mußte. Um noch verbliebene Bedenken auszuräumen, konzedierten die Militärgouverneure die Bezeichnung der neuen Verfassung als bloßes »Grundgesetz«. Ihr Auftrag ging an die elf Ministerpräsidenten der drei westlichen Besatzungszonen und die hatten durchgesetzt, daß nicht das Volk über das Grundgesetz abstimmen, sondern es von einer Zweidrittelmehrheit der Landtage ratifiziert werden sollte. Die Zusammensetzung des Parlamentarischen Rates, der am 1. September 1948 in Bonn seine Arbeit aufnahm, mit je 27 Mitgliedern der SPD und der CDU/CSU, fünf der FDP und je zwei der KPD, der Deutschen Partei und des Zentrums, legte trotz der knappen bürgerlichen Mehrheit einen Verfassungskompromiß zwischen den beiden großen politischen Lagern nahe. Auf Einladung der bayrischen Staatsregierung hatte sich vom 10.–25. August auf Herrenchiemsee ein Vorkonvent aus Vertretern aller Länder zusammengefunden. Die Arbeit dieser Verfassungsexperten erfolgte unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Die Teilnehmer waren nicht Vertreter des sozialen und politischen Lebens, sondern Juristen, die zum Teil im Staatsdienst des Dritten Reiches gestanden hatten. War bei der Ausarbeitung der Länderverfassungen noch der tragende Gedanke gewesen, der Untergang der Demokratie sei dem Widerspruch zwischen politischer Verfassung und sozialökonomischen Machtverhältnissen geschuldet, so wurde er »nun durch die Illusion der Juristen, er sei vor allem auf rechtstechnische Mängel der Verfassung zurückzuführen, die der ›Staatsautorität‹ und ›Stabilität‹ zu wenig Achtung gezollt habe, verdrängt«.5

Im Herrenchiemsee-Bericht, der die wichtigste Grundlage der Parlamentarischen Rates wurde, war deshalb, wie der Jurist und Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth formulierte, die »Umformung rechtsstaatlichen Denkens in justizstaatliches Denken angelegt«. Es wurden zentrale institutionelle Änderungen gegenüber der Weimarer Verfassung vorgenommen. Der Präsident, der in Weimar »Hüter der Verfassung« gewesen war, sie aber mit seinem Notverordnungsrecht schließlich vernichtet hatte, wurde in seinen Befugnissen weitgehend auf die Repräsentation eingeschränkt. Hingegen wurde die Machtposition des Kanzlers nach zwei Seiten gestärkt: Vom Präsidenten ist er unabhängig, und das Parlament kann ihn nur durch ein konstruktives Mißtrauensvotum stürzen. »Damit wurde«, so Abendroth, »der ›Kanzler-Demokratie‹, also einer personalisierten Herrschaftsform, der Weg geebnet und die spätere Entwicklung zur Verfälschung der Wahlkämpfe zwischen den Parteien in ein verhülltes Personalplebiszit um das Kanzleramt vorbereitet.« Auch der konservative Publizist Rüdiger Altmann sah in der Stärkung der Exekutive auf Kosten des Parlaments eine grundsätzliche Entscheidung: »In der Stabilisierung der Regierung wird das Mißtrauen des Grundgesetzes in das Funktionieren der Demokratie konstruktiv. Die Krisenangst schlägt ins Gouvernementale um.« Dieses Mißtrauen zeigt sich auch darin, daß die unmittelbare Mitwirkung des Staatsvolkes, wie sie die Weimarer Verfassung durch Volksbegehren und Volksabstimmung kannte, ins Grundgesetz nicht übernommen wurde. Dadurch wurde die rechtlich-institutionelle Gestaltung gegenüber der politischen bevorzugt. Dieser Richtungsentscheidung verdankt das Bundesverfassungsgericht nicht nur seine Existenz, sondern auch sein über die Jahre zunehmendes politisches Gewicht.

Nach den Erfahrungen des Dritten Reichs wurden die Grundrechte neu konzipiert. Sie wurden vorangestellt und sind unmittelbar geltendes Recht, nicht »Programmsätze« wie in der Weimarer Verfassung. In den Artikeln 151 ff. hatte die Weimarer Verfassung programmatische und teilweise auch konkrete Aussagen zur Wirtschaftsordnung des demokratischen Staates getroffen. Darauf verzichtet das Grundgesetz, weil es zwischen dem bürgerlichen und dem sozialdemokratischen Lager zu keinem Einvernehmen kam. So entstand eine Wirtschafts- und Sozialverfassung, deren Offenheit auch vom Bundesverfassungsgericht 1954 in einem Urteil ausdrücklich betont wurde: »Die gegenwärtige Wirtschafts- und Sozialordnung ist zwar eine nach den Grundgesetz mögliche Ordnung, keineswegs aber die allein mögliche. Sie beruht auf einer vom Willen des Gesetzgebers getragenen wirtschafts- und sozialpolitischen Entscheidung, die durch eine andere Entscheidung ersetzt oder durchbrochen werden kann.«

Alter Beamtenapparat

Am 8. Mai 1949 nahm der Parlamentarische Rat mit 53 gegen 12 Stimmen den Entwurf des Grundgesetzes des zukünftigen westdeutschen Staates an. Dagegen stimmten 6 Mitglieder der CDU, die jeweils 2 Vertreter von KPD, Zentrum und Deutscher Partei. Der KPD-Abgeordnete Max Reimann begründete das Abstimmungsverhalten der beiden Kommunisten so: »Sie, meine Damen und Herren, haben diesem Grundgesetz, mit dem die Spaltung Deutschlands festgelegt ist, zugestimmt. Wir unterschreiben nicht. Es wird jedoch der Tag kommen, da wir Kommunisten dieses Grundgesetz gegen die verteidigen werden, die es angenommen haben.« Das Selbstverständnis der separat gegründeten Republik war das eines »Kernstaats«, der durch den Anschluß anderer Teile Deutschlands zu ergänzen sein wird. Die Präambel, Art. 23 und Art. 116 drücken dies ebenso wie die Kontinuität deutscher Staatlichkeit indirekt aus. Zwei Tage später wählte der Parlamentarische Rat mit 33 Stimmen Bonn (gegen 29 für Frankfurt) zur vorläufigen Bundeshauptstadt. Am 12. Mai richteten die drei Militärgouverneure (Clay, Robertson und Koenig) ein »Genehmigungsschreiben« an den Ratspräsidenten Adenauer, das eine Reihe von Vorbehalten über die Vollmachten der Alliierten und den Status Berlins enthielt. Der Verfassungstext wurde daraufhin den Landtagen zur Ratifizierung unterbreitet, die mit Ausnahme des bayrischen alle ihre Zustimmung geben. Am 23. Mai 1949 trat das Grundgesetz in Kraft. Vor der Transformation der Bundesrepublik in einen souveränen Staat stand demnach fest, daß die wesentliche Aussage der Präambel, »hat das deutsche Volk in den Ländern (…) kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beschlossen«, eine Fiktion war: Höchstens nachträglich durch seine Beteiligung an der ersten Bundestagswahl hat das Volk die Beschlußfassung der nur – und das auch ohne Auftrag der Wähler dieser Parlamente – durch die Landtage gewählten Mitglieder des Parlamentarischen Rates akklamiert.

Wolfgang Abendroth sah das Grundgesetz als Kompromiß: »Immerhin war es gelungen, einige Grundsatzentscheidungen zugunsten des demokratisch-sozialen Denkens zu wahren, die auch den Landesverfassungen zugrunde gelegen hatten. Vor allem wurde in der Präambel und im Artikel 146 der Vorbehalt des provisorischen Charakters des Grundgesetzes gesichert, der den Raum für eine endgültige echte Verfassung des deutschen Volkes als einer Einheit offenhalten wollte. (…) Darüber hinaus wurde durch die Firmierung des Staatsfragments als ›demokratischer und sozialer Bundesstaat‹ in Artikel 20 sichergestellt, daß das Grundgesetz künftiger Umstrukturierung von Wirtschaft und Gesellschaft in demokratischem und sozialem Geiste nicht entgegenstand. Gleichzeitig wurden in Art. 3 Abs. 2 und Art. 15 Tore zu dieser sozialen Umgestaltung geöffnet.«

Die entscheidende Frage für die zukünftige Entwicklung war, wie sich das Verhältnis von Verfassungsrecht und Verfassungswirklichkeit entwickeln würde. Hatte doch der Parlamentarische Rat als hauptsächliche Lehre aus der Vergangenheit gezogen, den Volksmassen zu mißtrauen, weshalb sein Ziel war, eine konstitutionelle Demokratie ohne Beteiligung der Massen zu errichten, was in letzter Instanz auf eine Demokratie ohne »demos« hinauslief. Hinzu kam noch etwas anderes. Otto Mayer, der bedeutendste deutsche Verwaltungsrechtslehrer, meinte, als er 1924 sein noch in der Monarchie erschienenes »Deutsches Verwaltungsrecht« (1895) in dritter, kaum veränderter Auflage vorlegte: »Verfassungsrecht vergeht, Verwaltungsrecht besteht.« Die westdeutsche Entwicklung nach 1945 belegt dieses geflügelte Wort in einer wesentlich allgemeineren Fassung: Verfassung vergeht, Verwaltung besteht. Die zentrale Stellung der Beamten war schon von den Alliierten in der Anfangsphase der Besatzungspolitik gestärkt worden. Der als Besatzungsoffizier tätig gewesene US-Historiker Leonhard Krieger nennt als Gründe: »Das traditionelle deutsche Verwaltungssystem war wunderbar geeignet für die Notlage der Alliierten: es hatte bis zum Zusammenbruch funktioniert und konnte schnell wieder aufgebaut werden; es hatte ein Erfahrungsmonopol (…), das den (…) Militärregierungsbeamten fehlte; es war gegenüber höchster staatlicher Autorität, die jetzt die Militärregierung ausübte, immer zugänglich, andererseits gegenüber gesellschaftlichen Bewegungen, denen jetzt die Militärregierung kritisch gegenüber stand, unzugänglich gewesen.« Solchermaßen vor drastischen Einschnitten geschützt, überlebten die Beamten die Besatzungszeit und hatten erheblichen Einfluß innerhalb des Parlamentarischen Rates, den sie zur Festigung ihrer Stellung nutzten. Art. 33 schützt die »hergebrachten Grundsätze des Berufsbeamtentums« und in Art. 131 deutete sich an, daß auch die nationalsozialistisch belasteten Beamten wieder eingegliedert werden konnten. Die Besatzungsmächte erwogen zwar, diesen Artikel nicht zu genehmigen, vermieden aber schließlich jeden Konflikt. Die Frühgeschichte der Bundesrepublik ist deshalb durch eine Kette von Affären über die Aufdeckung früherer Nazis im Justiz- und Verwaltungsdienst gekennzeichnet. Schließlich setzte der Bundestag sogar einen Untersuchungsausschuß ein, um die Personalpolitik beim Wiederaufbau des Auswärtigen Amtes zu überprüfen. Er kam im Juli 1952 zum Ergebnis, daß ein beträchtlicher Teil der übernommenen Beamten nicht nur nominelle, sondern aktive »Parteigenossen« gewesen und teilweise auch an der »Endlösung der Judenfrage« beteiligt war.

Anmerkungen

1 Zit. n. Glaser, Hermann: Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Zwischen Kapitualtion und Anpassung, Frankfurt a. M. 1985, S. 73 f.

2 Abelshauser, Werner: Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945–1980, Frankfurt a. M. 1983, S. 10

3 Ebd., S. 50

4 Ebd., S. 51

5 Abendroth, Wolfgang: Das Grundgesetz, Pfullingen 1966, S. 36

Karl Unger: Der Weg nach oben - Geschichte Westdeutschlands und der Bonner Republik. PapyRossa Verlag, Köln 2013, 292 Seiten, 16,90 Euro

Karl Unger ist Sozialwissenschaftler und Journalist. Er lebt und arbeitet in Wien.

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