26. Oktober 2011

Widerständige Senioren

Hintergrund. Die 1970 gegründeten Gray Panthers gehören noch heute zum Feindbild der US-Rechten

Michael Zander

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit verstrich am 1. Oktober der von den Vereinten Nationen ausgerufene Internationale Tag der älteren Menschen. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung (30.9.11) berichtete in ihrem Lokalteil von einer DGB-Demonstration gegen Altersarmut in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Das Blatt zitiert eine Gewerkschafterin: »Wer jungen Menschen empfiehlt, privat für das Alter vorzusorgen, muß ihnen Arbeitsplätze anbieten, die das ermöglichen. (…) Leiharbeit, Niedriglöhne und Befristungen gehören zum Alltag der jungen Generationen und zerstören deren Zukunftsperspektiven.« Die dramatische Metapher eines anderen Aktivisten wird ebenfalls wiedergegeben: »Es tickt eine gesellschaftspolitische Zeitbombe.« Das Problem dieses Bildes besteht nicht darin, daß es die soziale Brisanz des Themas übertreiben würde, sondern vielmehr darin, daß es eine gleichsam automatische Explosion prophezeit. Ein Blick in Länder, in denen das Problem bereits sehr viel ausgeprägter ist als hierzulande – etwa in den USA – läßt jedoch befürchten, daß zwar nicht die Armut, wohl aber eine »Explosion« ausbleibt, die zur Einsicht zwingen könnte, wie notwendig Veränderung ist.

Altersarmut ist in erster Linie keine Generationen-, sondern eine Klassenfrage. Unklar bleibt allerdings, wie gut die politischen Kräfte, die die Interessen der Arbeiter und Angestellten vertreten, auf diese Auseinandersetzungen vorbereitet sind. Künftig wird die Bekämpfung von Altersarmut nur unter Beteiligung der alten Menschen selbst erfolgreich sein können. Die außerparlamentarische US-Linke verfügt über historische Erfahrungen auf diesem Gebiet, die eine genauere Betrachtung verdienen.

Alte trifft Neue Linke

Bereits in der Nachfolge der 68er-Bewegung meldeten sich in den Vereinigten Staaten alte Menschen als politische Subjekte zu Wort. »Erst revoltierten die Studenten, dann die Frauen – jetzt kommen die Alten« schlagzeilte vor gut 30 Jahren der Spiegel (6.2.78) und spielte damit auf mehrere damals neugegründete Organisationen an, mittels derer sich alte Menschen in den USA für ihre Rechte engagierten. »In Ohio setzten Senioren durch, daß sie verbilligt mit Strom und Gas versorgt werden. In Kalifornien wurde für Rentner die Vermögenssteuer aufgehoben«, schrieb das Blatt weiter und verwies auf die gesellschaftlichen Ursachen der Proteste: »Heute in Amerika alt zu sein, heißt fast immer am Rand der Gesellschaft zu leben. Rund ein Sechstel der 22 Millionen alten Leute in den USA lebt unterhalb der Armutsgrenze, meist von Sozialrenten, monatlich rund 200 Dollar pro Kopf.«

Die bedeutendste Gruppierung waren die Gray Panthers (GP). Verglichen mit den großen Verbänden der Pensionsbezieher verfügten sie zwar nur über wenige, etwa 7000 Mitglieder, aber aufgrund einer höchst unkonventionellen und offensiven Politik entfalteten sie eine nachhaltige Wirksamkeit. Sie nahmen an Protesten teil, die zu Unrecht nur als Ausdruck einer Studenten- und Jugendbewegung gelten. Über die GP-Gründerin Margaret Kuhn (1905–1995) schrieb der Spiegel, sie sehe mit ihren »weißen Haaren und ihrer Halbmond-Brille wie eine Bilderbuch-Oma aus, die Enkelkinder mit Selbstgebackenem füttert«. Doch sobald sie den Mund aufmache, zeige sie sich als die Aktivistin, die sie bereits ihr Leben lang sei. Der Artikel zitiert sie mit den Worten: »Diskriminierung des Alters wegen unterdrückt genauso und genauso willkürlich wie Rassismus und Sexismus.« Für ein Zeichen des Einflusses von Rentnern hielt der Spiegel offenbar, daß »die Werbung (…) die alten Leute entdeckt« habe. »Im Fernsehen sind unter der Pepsi-Generation Runzelgesichter aufgetaucht. Spots preisen Gebiß-Haftcremes an, und die Firma Levi Strauss hat gar geräumige Jeans für Senioren entwickelt.« Derartige Diagnosen hört man noch heute, sie lenken allerdings von den entscheidenden politischen Fragen ab, indem sie die Protestierenden auf Konsumenten reduzieren.

Ihren ebenso vielsagenden wie einprägsamen Namen verdankte Kuhns Organisation einem günstigen Zufall. Ein Fernsehmoderator erfand ihn 1970 in seiner Talkshow, um die bis dahin unbenannte Gruppierung zu charakterisieren. Maggie Kuhn und ihre Mitstreitenden fanden, daß dieser Name hervorragend ihre kämpferische Grundhaltung wiedergab und zugleich eine gewünschte inhaltliche Nähe zur afroamerikanischen Black Panther Party herstellte. Anders als die späteren deutschen Ableger, die Nachfolgeorganisationen der aufgelösten Partei Die Grauen, waren die GP in den USA seit jeher ein deutlich wahrnehmbarer Teil der Linken.

Die politische Orientierung des rasch anwachsenden Netzwerks von Panther-Gruppen hing eng mit den Erfahrungen und Biographien der Gründerinnen und Gründer zusammen. Frances Klafter beispielsweise wurde in den 30er Jahren in der Gewerkschaft CIO aktiv und organisierte Unterstützung für die Spanische Republik und den antifaschistischen Widerstand in Deutschland; Billie Heller stieß aus der Frauenbewegung zu den GP; Eddie Sandifier rekrutierte als junger Mann weiße Freiwillige für Auseinandersetzungen mit dem Ku-Klux-Klan; Chuck Preston, Redakteur der GP-Zeitschrift Network, war Mitglied eines »John Reed Clubs« und stand der Kommunistischen Partei nahe. Die Vorsitzende Maggie Kuhn gehörte in jüngeren Jahren einer linken christlichen Gemeinde und der Young Socialist League an.

Die GP ließen sich durch die sogenannte Neue Linke inspirieren, durch Studenten, Black Panther und Feministinnen. Sie nahmen an Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg teil und wehrten sich stets dagegen, lediglich eine »Ein-Themen-Bewegung« (single issue movement) zu sein. Maggie Kuhn, die sich selbst angriffslustig eine »runzlige Radikale« nannte, erklärte bereits in den 70ern: »Menschen, die in unserer Bewegung arbeiten, tragen keine ›Senior-Power‹-Anstecker und betrachten sich nicht als besondere Verteidiger der Sache der Alten. (…) Unser Ziel ist es, unsere Freiheit, unsere Erfahrung, unser Wissen um die Vergangenheit (…) zu nutzen, nicht nur für kostenlose Busfahrkarten und Steuererleichterungen für Menschen über 65, obwohl wir diese Beihilfen brauchen. (…) Als Ältere kümmern wir uns nicht nur um unsere Eigeninteressen und unser Wohlbefinden, sondern auch um das Wohlbefinden derer, die nach uns leben. Wir betrachten unsere Nöte und unsere Einbußen als vergrößerte Formen der Nöte und Mängel einer kranken Gesellschaft.« Keineswegs, so Kuhn weiter, verträten die GP die Interessen aller alten Menschen. »Es gibt eine Zahl reicher alter Menschen, die über Macht verfügen (…) – insbesondere Männer (…) in den Vorständen von Konzernen und Banken, die an Entscheidungen beteiligt sind, die weitreichende gesellschaftliche Konsequenzen haben.« Aber diese Männer betrachteten sich nicht als alt und identifizierten sich nicht mit ihren weniger wohlhabenden Altersgenossen. Dieser »Mangel an Identifikation«, so Kuhn, beruhe auf der Spaltung der Gesellschaft in ökonomische Klassen.

Flügelkämpfe

Unter diesen Umständen mag es befremdlich erscheinen, daß ein frühes Ziel der GP die Abschaffung der Altersgrenze war, an der Arbeiter und Angestellte automatisch in den Ruhestand versetzt werden. Nachvollziehbar wird diese Forderung allerdings, wenn man berücksichtigt, daß die meisten US-Bürger auf oft unzureichende Betriebsrenten und private Altersvorsorge angewiesen waren. Die mit dem Erreichen des 65. Lebensjahrs obligatorische Berentung bedeutete deshalb für Millionen Bürger einen Absturz in die Altersarmut, den es zu verhindern galt. Zwar forderten die GP ebenso ein staatliches Renten- und Gesundheitssystem, doch zumindest in der Rückschau wird deutlich, daß die mittlerweile erfolgte Abschaffung der für die Beschäftigten gesetzlich vorgeschriebenen Rentengrenze mit kapitalistischer Deregulierung kompatibel ist, aus der Not eine Tugend macht und einer gesellschaftlichen Lösung des Problems widerspricht.

Es verwundert nicht, daß es schon 1977 zu Auseinandersetzungen zwischen dem »reformistischen« und dem »radikalen« Flügel der GP kam. Die »Reformisten« störten sich an einer Formulierung im Programm. Dort hieß es, durch gesellschaftliche Veränderungen müsse ein »neues und gerechtes ökonomisches System« geschaffen werden, in dem das »Profitmotiv« überwunden und die »konzentrierte Macht der Konzerne« beseitigt sei. Den Reformisten ging das zu weit, während die »Radikalen« warnten, durch Streichung dieses Punktes werde die Organisation zu einem Anhängsel der Demokratischen Partei. Ein Anhänger dieser zweiten Strömung empörte sich, viele Mitglieder unterstützten nicht einmal eine gesetzliche Mietpreisbindung. Man einigte sich schließlich auf einen Kompromiß. Aber der Konflikt blieb weiter bestehen, wenngleich er von einer Mehrheit nicht wahrgenommen wurde. Diese zog sich auf die Position zurück, es bestehe kein Gegensatz zwischen grundsätzlicher Gesellschaftskritik und kurzfristigen »Brot-und-Butter-Kämpfen«.

Konservativer Rückschlag

Zusammengeschweißt wurden die beiden Flügel durch die Präsidentschaftswahl von 1981, die Ronald Reagan gewann, der Kandidat der Republikanischen Partei. Innenpolitisch betrieb die neue Regierung einen rigorosen Sozialkahlschlag, außenpolitisch setzte sie auf offensiven Militarismus. Die GP waren aktiver Teil der neu auflebenden außerparlamentarischen Opposition. Insbesondere starteten sie eine Kampagne gegen die »Deregulierung« des Pflegesektors, die in einer Absenkung der gesetzlichen Sicherheitsstandards und in einer Kürzung der Mittel für die staatliche Heimaufsicht gipfelte. Die GP organisierten um die 100 Protestdemonstrationen. Ein »Guerilla-Theater« dichtete für Kundgebungen folgende Zeilen nach der Melodie des Mackie-Messer-Songs aus Bertolt Brechts Dreigroschenoper:

»Oh, the Shark has wicked teeth dear

And he shows them pearly whites

And the Nursing Homes have a lobby

And it pleases Ron the Knife

If you’re older or disabled

Big Business got you down

Your body’s good for profits

Looks like Ronnie’s back in town.«

(In etwa: »Oh, der Hai hat gefährliche Zähne/ Und er zeigt sie, perlend weiß, / Und die Heime ha’m ne Lobby/ Und das freut Ron the Knife./ Bist du behindert oder älter, / kriegt dich das Big Busineß unter./ Dein Körper ist gut für Profite, / Sieht so aus, als sei Ronnie zurück in der Stadt.«)

Das marode Gesundheitssystem wurde einer scharfen Kritik unterzogen: »Obwohl wir die finanziellen Mittel haben, medizinisches Wissen und Fähigkeiten sowie eine einzigartige Produktivität, sind die USA daran gescheitert, diese Stärken in ein Gesundheitssystem zu übersetzen, das allen Bürgern eine gute Fürsorge sichert. Unsere gegenwärtigen Mechanismen der Finanzierung und der Versorgung sind so veraltet, daß sie eine vollständige (…) Restrukturierung des Systems notwendig machen.«

Trotz zahlreicher Veröffentlichungen entwickelten die GP keine konsistente Theorie oder Gesellschaftsanalyse. Maggie Kuhn berief sich gelegentlich auf soziologische Klassiker wie Karl Marx, Max Weber oder Auguste Comte, aber tatsächlich griff sie die kursierenden linken und linksliberalen Ideen ihrer Zeit geschickt und flexibel, um nicht zu sagen, eklektisch auf. Vor allem nutzte sie einen Begriff, den der Gerontologe und GP-Sympathisant Robert Butler 1968 geprägt hatte. Sie sprach von ageism: »Seit langem sind wir wachsam gegenüber dem Rassismus in unserer Gesellschaft. Die Befreiungsbewegung der Frauen hat geholfen, ein Interesse an den sexistischen Elementen der Gesellschaft zu wecken. Wahrscheinlich stellen die älteren Menschen, die jetzt die Altersdiskriminierung (ageism) bekämpfen, die neueste Befreiungsbewegung dar. Das Thema geht jeden an. Wir alle werden eines Tages alt sein, aber wenn wir an den Punkt im Leben gelangen, an dem wir nicht mehr jung sind, werden wir sofort mit der Tatsache konfrontiert, daß unsere Gesellschaft aus dem Jungsein einen Fetisch gemacht hat. Jetzt machen die Grauen Panther aus dem Alter etwas Schönes, nichts, was versteckt werden müßte, sondern etwas Bekanntzumachendes und zu Bestätigendes. (…) Ältere Menschen sind Menschen, keine abzusondernde Rasse.«

Neue Wissenschaft

Butler definierte ageism als Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Alters. Senioren werden als »senil« kategorisiert, als rigide im Denken und Verhalten, altmodisch in Moral und Fähigkeiten. Diese Abwertung erlaubt es der jüngeren Generation, sich als von ihnen unterschieden wahrzunehmen. Altersdiskriminierung manifestiert sich demnach auf individueller wie auf institutioneller Ebene und reicht von Abneigung und subtiler Kontaktvermeidung bis zu Benachteiligungen bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche. Die massiven Sozialkürzungen der Reagan-Regierung, die auf eine Steuersenkung von 750 Milliarden US-Dollar folgten, betrafen vor allem die Rentner, die in der Öffentlichkeit als »Belastung« und als »gierige Knacker« diffamiert wurden. Butler zitiert einen rechten Kommentator mit den Worten: »Etwas ist falsch an einer Gesellschaft, die sich auslaugt, um einen solch unproduktiven Teil der Gesellschaft zu unterstützen, der nicht einmal (anders als Kinder) verspricht, produktiv zu sein.« Ganz ähnlich klingt es übrigens heute bei Thilo Sarrazin, der von einer »Altenlast« spricht und meint: »Belastungen für die Jugend nimmt man auch lieber und leichter auf sich, denn sie sind auf die Zukunft gerichtet und nicht auf die Vergangenheit wie die Versorgung der Hochbetagten in Alten- und Pflegeheimen.«

Gestützt auf das Konzept des ageism intervenierte Maggie Kuhn auch in der Wissenschaft. In einem offenen Brief kritisierte sie die Gerontologie, also die interdisziplinäre Altersforschung. »Wenn Menschen, die alt, arm und gesellschaftlich stigmatisiert sind, zu Objekten der gerontologischen Forschung werden, betrachtet man sie als Problem der Gesellschaft statt als Personen, die Erfahrungen mit Problemen machen, die durch die Gesellschaft hervorgebracht sind. Das natürliche Ergebnis derartiger Forschung ist es, nach Wegen zu suchen, durch die sich alte Menschen an die Gesellschaft anpassen, und nicht, wie die Gesellschaft humanisiert und verändert werden kann, um sich den Bedürfnissen alter Menschen anzupassen.« Zur Erneuerung der Gerontologie schlug sie im Namen ihrer Organisation unter anderem folgende Forschungsziele vor: »a) Untersuchung der gesellschaftlichen Konsequenzen einer Beschuldigung der Opfer (victim blaming); b) Untersuchung neuer, experimenteller Modelle der Selbsthilfe und Interessenvertretung; c) Bewertung der bestehenden Netzwerke von Dienstleistungen; d) Kritik der Langzeiteffekte von nach Alter getrennten Dienstleistungen.«

Anknüpfend an die Ideen Kuhns entwickelten Caroll Estes und Meredith Minkler, Sozialwissenschaftlerinnen und ebenfalls graue Panther, eine »kritische Gerontologie«. Estes schreibt, im Unterschied zu vielen soziologischen und identitätspolitischen Ansätzen habe Kuhn die Klassengesellschaft als Quelle enormer Konflikte, Ungleichheit und Unterdrückung herausgestellt. Auf sie gehen auch erste Ansätze zu einer »politischen Ökonomie des Alters« zurück. Das Zusammenspiel von staatlichen Institutionen und privaten Unternehmen gewährleistet Kuhn zufolge die Kontrolle der Bürokratie und der Experten über die alten Menschen; den privatkapitalistisch organisierten Dienstleistungsunternehmen (Pflegeheimen, Hilfsmittelversorgern usw.) sichert es den Profit, und durch eine individualisierte Versorgungsstruktur festigt es die Abhängigkeit der alten Menschen.

Für Mumia und die »SF 8«

Seit den 1990er Jahren sinken die Mitgliederzahlen der GP stetig. In Roger Sanjeks Monographie über die Organisation von 2009 klingen skeptische Töne an. Der Autor hält es für unklar, ob die GP neue Mitglieder finden werden. Er zitiert den Satz einer Aktivistin: »Organisationen kommen und gehen, aber der Kampf geht weiter.« Die Zukunft der GP sei an die Zukunft größerer fortschrittlicher Bewegungen gebunden. Derzeit wird die Organisation von der Generation der »Baby Boomer« getragen, die in den 1960er Jahren Teil der Protestbewegung und, wie Sanjek schreibt, Verehrer von Bob Dylan, der Rolling Stones und von Motown waren. Die unter Reagan aufgewachsene Generation hat dagegen die Linke allzuoft in der Defensive gesehen. Ob sie sich die zentralen Themen der GP – soziale Sicherheit, allgemeine Gesundheitsversorgung sowie den Kampf gegen Militarismus und globale Armut – zu eigen machen wird, bleibt abzuwarten. Unter den Bedingungen des heutigen krisengeschüttelten Finanzkapitalismus werden Bewegungen, die an das Erbe der GP anknüpfen, neue Themen auf die Tagesordnung setzen müssen. Eine wichtige Frage ist die Gestaltung von Rentenversicherung. Axel Troost von der deutschen Linkspartei schreibt: »Allein ein Drittel des weltweit angelegten Vermögens steckt in Pensionsfonds – 30 bis 40 Billionen Dollar. In den USA müssen jetzt zwei Generationen von Rentnerinnen und Rentnern befürchten, daß sich ihre sicher geglaubten Rentenansprüche zumindest zum Teil in Luft auflösen. Tüten packen im Supermarkt und Kloputzen zum Hungerlohn mit 70 Jahren, das wird für immer mehr alte Menschen die verbleibende Lebensperspektive. Deshalb muß die Privatisierung der Alterssicherung durch Kapitaldeckung gestoppt (…) werden.«

Immerhin verfügen die GP nach wie vor über die Fähigkeit, die politische Rechte gegen sich aufzubringen. So lassen beispielsweise die GP San Francisco in ihren Veröffentlichungen keinen Zweifel an ihren Positionen: Sie setzen sich für die Rechte von Arbeitern und Immigranten ein und protestieren gegen die Kriege in Afghanistan und Irak. Am 22. Oktober konnte ein von ihnen mitgetragenes Aktionsbündnis einen Erfolg feiern: Anlaß war der erreichte Freispruch von acht ehemaligen Black Panthers. Die »San Francisco8« hatten seit 2005 im Gefängnis gesessen, weil ihnen vorgeworfen wurde, 1971 einen Polizisten getötet zu haben. Die belastenden Zeugenaussagen, die gefangene Aktivisten damals gemacht hatten, waren von der Polizei durch Folter erpreßt worden. Weiterhin engagieren sich die GP für Lynne Stewart. Die 72jährige Anwältin wurde auf Grundlage des »Patriot Act« verurteilt und ist seit November 2009 inhaftiert. Im Zusammenhang mit ihrer Verteidigung eines ägyptischen Terrorismusverdächtigen war sie selbst angeklagt worden, Terroristen zu unterstützen. Die GP fordern ihre Freiheit ebenso wie die von Mumia Abu-Jamal.

2010 attackierte der rechtskonservative Moderator Glenn Beck in einer Sendung auf Fox News die Teilnehmer an einer Großdemonstration gegen die Ursachen der Wirtschaftskrise. Er entlarvte sie als »gefährliche Revolutionäre, Kommunisten, Sozialisten«. Knapp 20 Minuten lang wetterte er gegen die Ziele der aufrufenden Organisationen, etwa Sozialismus von unten, Schule ohne Militär oder Wahlrecht für illegalisierte Migranten. Voller Abscheu zitierte er auch aus dem Programm der GP, in dem diese sich verpflichten, für soziale und ökonomische Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen zu arbeiten. Die Panther, empörte sich Beck, »haben einen Slogan: ›Menschen vor Profite‹. Behalten Sie diesen Slogan in Erinnerung«, forderte er seine Zuschauer auf und schien dabei auf eine abschreckende Wirkung zu hoffen. Der Kommentar der GP dazu fiel lakonisch aus: »Wir müssen etwas richtig gemacht haben.«

Michael Zander ist Mitarbeiter am Institut für gerontologische Forschung in Berlin

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