31. August 2013

»Willkommen in der Republik Südvietnam!«

Milizionärinnen auf ­Streifengang in der ­Provinz Quang Tri - Fotoquelle: Hellmut Kapfenberger

Vor 40 Jahren: Erste Journalistenreise in befreites Gebiet

Hellmut Kapfenberger

Auf Hanois Flugplatz Gia Lam startet eine IL 14 der Fluggesellschaft Hang Khong Viet Nam in Richtung Süden. An Bord: Korrespondenten von Nachrichtenagenturen, Zeitungen und TV-Stationen aus neun Ländern. Der Flug der zweimotorigen Maschine am 4. Juni 1973 ist Auftakt eines Unternehmens, an das sechs Monate zuvor nicht zu denken gewesen wäre. Unser Ziel ist eine Region im Landessüden, die bis 1972 zu den Schauplätzen der erbittertsten Kämpfe gehört hatte. Nun, nach dem Friedensabkommen von Ende Januar, stehen sich dort entlang einer nur spärlich mit Stacheldraht markierten Trennlinie militärische vietnamesische Kräfte hautnah Gewehr bei Fuß gegenüber.

In der Hanoier Sondervertretung der Republik Südvietnam waren in unsere Pässe die allerersten Visa der Provisorischen Revolutionären Regierung der RSV gestempelt worden. Visum Nr. 23 gestattete erstmals einem Journalisten aus der DDR, als Gast der PRR befreites Gebiet zu besuchen. Wir wurden informiert: Es geht für eine Woche nach Quang Tri, in die nördlichste Provinz der Südhälfte Vietnams am 17. Breitengrad. Zugesagt ist uns neben protokollarischen Extras und offiziellen Terminen eine tagelange Kreuz- und Querfahrt durch die Region mit Besuchen auch in Orten direkt an der militärischen Trennlinie.

Der Landung auf einer Art Feldflugplatz im jahrelang schwer bombardierten Dong Hoi ganz im Süden Nordvietnams folgt eine mehrstündige Rüttelfahrt in zwei klapprigen kleinen Bussen auf der x-fach zerbombten und immer wieder notdürftig reparierten Nord-Süd-Nationalstraße 1 zum Ben Hai, der natürlichen »Grenze« zwischen Nord und Süd. Am Nordufer unter riesiger DRV-Fahne auf hohem stählernem Mast per Ausreisestempel in die Pässe verabschiedet, queren wir über eine Pontonbrücke den Fluss. Am Südufer unter ebensolcher RSV-Fahne Einreiseformalitäten bei Grenz- und Zollorganen! Wir schmunzeln. An der Straße grüßt ein großes Schild: »Welcome to the Republic of South Vietnam«. Tagesziel ist Dong Ha etwa 35 Kilometer südlich des Ben Hai, eine kleine Stadt am vietnamesischen Endpunkt der nach Mittellaos führenden, jahrelang hart umkämpften legendären Straße 9.

Wir passieren einen von den Jahren erbitterten Krieges schwer gezeichneten, bei heftigen amerikanischen Bombenangriffen nach seiner Befreiung im Frühjahr 1972 zusätzlich verwüsteten, von Kriegsschrott und den zerschossenen Resten eines einst dichten Stützpunktsystems übersäten Landstrich. Dong Ha liegt weitgehend in Trümmern. Hier werden wir stationiert sein. Wir bekommen bestätigt, dass am 28. Januar, zwei Stunden nach dem im Pariser Friedensabkommen fixierten Waffenruhetermin, starke Kräfte der Saigoner Marineinfanterie überraschend versucht hatten, die Landkarte der Provinz zu ihren Gunsten zu verändern. Zunächst ließen die Befreiungstruppen die Waffen schweigen, doch dann wurden die Angreifer nahe Dong Ha energisch gestoppt und total aufgerieben. Am 30. Januar war die alte Lage wieder hergestellt. So sind also zur Zeit unseres Besuchs drei der fünf Kreise der Provinz Quang Tri in Gänze befreites Gebiet, ein Kreis ist geteilt, ein Kreis und die Provinzstadt Quang Tri befinden sich in Saigoner Händen.

Seit ihrem Debakel haben die Saigoner Truppen in dieser Gegend offenbar begriffen, dass das von der PRR kontrollierte Terrain zu respektieren ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Regionen im Süden hat es hier seit Monaten keine bewaffneten Zwischenfälle mehr gegeben. Wir werden uns davon überzeugen können, dass sich das Leben der Bevölkerung selbst unmittelbar an der Stacheldraht-Sperrlinie allmählich stabilisiert. Zwischen Kommandeuren beider Seiten gab es schon vereinzelt Kontakte, hören wir. Und es wird uns versichert, dass wir uns selbst in Rufweite zur anderen Seite unbesorgt werden bewegen können. Wir vertrau-en auf die Umsicht und Fürsorge unserer Betreuer und werden nicht enttäuscht.

Noch am Ankunftstag sind wir dabei, als die Botschafter etlicher sozialistischer und anderer Länder in der RSV am PRR-Sitz in Cam Lo an der Straße 9 als erste ihre Beglaubigungsschreiben übergeben, unter ihnen der in Laos erstakkreditierte DDR-Diplomat Dietrich Jarck. Wir werden in dem kleinen Ort auf einem Empfang offiziell begrüßt und wohnen der Eröffnung einer Ausstellung über die »Siege der Bevölkerung Südvietnams« seit 1954/55 bei. Damit beginnt ein Programm, wie wir es uns nicht in den kühnsten Träumen hätten ausmalen können. Unsere Betreuer hatten für seine Gestaltung offenkundig viel Spielraum. Am nächs-ten Morgen erleben wir die zentrale Kundgebung zum 4. Jahrestag der Gründung der RSV. Auf staubigem Feld an der Straße 9 auf halbem Weg zur laotischen Grenze sind Tausende Menschen unter einem Wald von Fahnen und Porträts versammelt. Tags darauf sitzen wir Außenministerin Nguyen Thi Binh bei deren erster Pressekonferenz mit ausländischen Journalisten auf südvietnamesischem Boden gegenüber. »Ich wünsche Ihnen unvergessliche Tage bei Ihrem Aufenthalt in Südvietnam«, ist der Willkommensgruß der auch international hoch geachteten Politikerin. Es wird kein frommer Wunsch sein.

Prall gefüllte Tagesprogramme erwarten uns, ermöglicht durch ungewohnt meisterhafte Organisation. Tag für Tag sind wir von morgens bis abends auf den Beinen. Wir durchstreifen per Jeep oder Boot die Provinz, werden vielerorts von der Bevölkerung voller Herzlichkeit und spürbarer Dankbarkeit mit »großem Bahnhof« empfangen. Der plattgewalzte Kreisort Gio Linh, das mit Schrott und Trümmern gefüllte Areal des zusammengeschossenen USA-Stützpunkts Doc Mieu, die einstige amerikanische Luftwaffenbasis Ai Tu an der Straße 1, der Trümmerhaufen einer einstigen Militärkolonne an der Straße 1 lassen uns die Härte des Krieges erahnen. Wir fahren zur küstennahen »Helden-Gemeinde« Trieu Trach direkt am Stacheldraht, mit bloßem Auge in der Ferne auszumachen die Zitadelle der Provinzstadt mit der gelb-orangenen Fahne des Saigoner Regimes.

Küstenfischer in Gio Hai treffen wir bei der Reparatur erhaltengebliebener Boote und Netze an. Ihr Dorf im Gebiet Cua Viet hatte bis zur Befreiung 1972 zu einem von drei großen Konzentrationslagern gehört, in die die Bewohner der vier Flachlandkreise Quang Tris verschleppt worden waren. Die Gegend war Ende Januar Schauplatz jenes Vorstoßes Saigoner Truppen. Im Kreis Cam Lo können wir im Grenzgebirgsvorland ein noch bewohntes einstiges »strategisches Dorf« besuchen, wie Saigon im ganzen Süden viele tausend abgeriegelte Zwangsansiedlungen von Landbewohnern genannt hat. In einer benachbarten Gemeinde verwandelt sich in einer kleinen Schmiede Stahl von USA-Militärstützpunkten in Hacken und Sicheln für die Feldarbeit. An der Straße 1 sind Soldaten dabei, Beutepanzer zu demontieren. Wir treffen Bäuerinnen und Bauern bei der Arbeit auf zerwühlten Feldern, besuchen jüngst eingerichtete Unter- und Mittelstufenschulen, ein kleines Kreiskrankenhaus, eine Kreisvolkshochschule für Funktionäre der neuen Machtorgane, allesamt in einfachen Hütten untergebracht.

In all den zerstörten Dörfern ist man noch dabei, weitere Behausungen zu errichten, meist mit Blech und anderem Material einstiger Militärbasen. Straßen und Wege werden instand-gesetzt, neue Bewässerungsgräben für die Reisfelder angelegt, das Marktleben hat allmählich wieder eingesetzt. Wir sehen, wie von harter Arbeit gezeichnete Bäuerinnenhände auf Geheiß des Frauenbundes erstmals einen Bleistift über ein Stück Papier führen, und kommen mit betagten Menschen zusammen, die in den zurückliegenden Monaten zum ersten Mal in ihrem Leben einem Arzt gegenüberstanden. Im Kreis Cam Lo erleben wir einen Bootswettkampf mit Mannschaften aus acht Dörfern. Die mehr als 100 Jugendlichen, Männer und Frauen sind fast alle Fischer und gehören meist den Volksmilizen an. Bei den ersten Schritten zur Normalisierung des Lebens leistet, wie wir auf Schritt und Tritt sehen können, Nordvietnam trotz eigener Not beträchtliche Hilfe. Davon zeugen Wasserbüffel auf den ersten von Blindgängern und Minen geräumten Feldern, nagelneue Traktoren aus sowjetischer Produktion, eine mit Aggregaten aus DRV-Produktion ausgestattete große neue Pumpstation, aber auch Bänke, Tafeln, Bücher und Hefte für Schulen.

Und immer wieder: Hellwache Kinder begrüßen uns mit strahlenden Augen als Freunde. Fast alle haben in »strategischen Dörfern« oder anderen Lagern das Licht der Welt erblickt oder sind dort dem Kleinstkindalter entwachsen. Pioniere der Gemeinde Cam Chinh erfreuen uns mit einem Volkstanz. Mädchen und Jungen von Cua Viet treffen wir bei einer Versammlung der vor Jahresfrist gegründeten »Pionierorganisation für die Befreiung« an. Sie haben noch im Januar den Krieg erlebt. Zwanglos, freundschaftlich kommen wir an »vorderster Linie« wie im Hinterland mit Soldaten und Milizionären ins Gespräch. So mit der 25jährigen Nguyen Thi Quy, seit 1967 Partisanin. Sie hatte im Frühjahr 1968 schwere Napalmverbrennungen erlitten, hat mit ihrer Einheit mehr als drei Jahre lang unter der Erde gelebt und trägt stolz den »Orden der Befreiung«. Als zweifacher Träger dieses Ordens stellt sich uns der 20jährige Pham Te Ky vor, der im Juni 1971 in die Saigoner Armee gepresst worden war und im April 1972 mit seiner Waffe desertierte. Milizwachen an Dorfzufahrten, Milizionärinnen und Milizionäre auf Streifengängen in den Gemeinden, Patrouillen der Armee lassen deutlich werden, daß trotz der Ruhe von einem gesicherten Frieden noch keine Rede sein kann.

Hellmut Kapfenberger, geboren 1933, lernte Möbeltischler und war zwischen 1952 und 1992 Auslandsredakteur beim Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst (ADN). Von 1970 und 1973 berichtete er als Korrespondent für die ADN und das Neue Deutschland aus Hanoi. Zwischen 1980 und 1984 leitete er das Indochina-Büro des ADN in Hanoi. Im Verlag Wiljo Heinen ist von ihm zuletzt das Buch »Berlin–Bonn–Saigon–Hanoi – Zur Geschichte der deutsch-vietnamesischen Beziehungen« erschienen (auch im jW-Shop erhältlich).

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