27. November 2013

Wirkungsvolle Propaganda

Auch die Beiträge von 340000 Sparern, die auf einen eigenen KdF-Wagen hofften, wurden direkt für die Aufrüstung genutzt (Ferdinand Porsche, ohne Uniform, und Adolf Hitler, 26.5.1938)

Vor 80 Jahren wurde die »NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude« ­gegründet. Sie sollte die vermeintliche Aufhebung der Klassenwidersprüche zugunsten der »Volksgemeinschaft« unterstreichen

Stephan Krull

Sucht man im Internet nach KdF, stößt man auf ein von Neonazis geplantes Museum vis-à-vis dem Volkswagenwerk in Wolfsburg, das am Ableben des Sponsors Jürgen Rieger scheiterte. Außerdem findet man den »Kreis deutschsprachiger Führungskräfte« in Spanien: »Wir möchten Ihnen wieder ein Kreistreffen anbieten, an dem sich die Mitglieder und Freunde des KdF abends in informeller Runde treffen können.« Als KdF finden sich in Barcelona bis heute Rüstungsmanager, Vertreter der chemischen Industrie und Bertelsmänner zusammen.

Am 27. November 1933 wurde die »NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude«, die KdF gegründet. Mit ihr sollten Arbeiterinnen und Arbeiter an das Nazisystem gebunden werden. Damit war das Versprechen auf Urlaubsreisen, bunte Abende, schöne Konzerte und den »Volkswagen« verbunden.

Neben der Integration der »deutschen« Arbeiter wurden zugleich unliebsame Personen und Gruppen aggressiv ausgeschlossen. Für die Ausgegrenzten bedeutetet es zunehmend Terror: Fünf Jahre später brannten die Synagogen, Teile der Tschechoslowakei wurden besetzt, der industrielle Massenmord an den Juden wurde vorbereitet. 1939 dann begannen die Nazis den Krieg mit dem Überfall auf Polen, weitere sechs Jahre später lagen Europa und große Teile der Welt in Schutt und Asche. Das ursprüngliche KdF-Kreuzfahrtschiff »Wilhelm Gustloff« – von Anfang an war der Umbau zum Lazarettschiff eingeplant – versank am 30. Januar 1945 nach einem Torpedoangriff in der Ostsee. Sie war im damaligen Gotenhafen mit etwa 1500 Wehrmachtsangehörigen und Tausenden Flüchtlingen an Bord gestartet.

Im Machtgerangel innerhalb der NSDAP war die KdF in Konkurrenz gesetzt zur »Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation NSBO« und verbliebenen »antikapitalistischen« Resten in SA und Partei. Schon beim Namen wird klar: Nicht Freude ist das Ziel, sondern »Leistungskraft« für die Profite des Kapitals und die Kriegsvorbereitung. Die Überwindung des Klassenkampfes durch die Schaffung einer »Volks- und Leistungsgemeinschaft aller Deutschen« war ein Ziel, in dem die Nazis mit Banken und Unternehmen vollkommen übereinstimmten. Diese dennoch sehr populäre Naziorganisation ist in ihrer »Volksgemeinschafts«ideologie wirkungsvoll bis über das Ende des verbrecherischen Systems hinaus, wußten doch Menschen über Jahre zu erzählen von ersten kleinen Urlauben und Kreuzfahrten in ferne Länder, selbst wenn sie nie dabei waren. Auch die Ideologie der Sozialpartnerschaft in Gewerkschaften und in den arbeitenden Klassen hat darin eine ihrer Wurzeln. Es war wirkungsvolle Propaganda, mit der dem Volk eingeredet wurde, zum ersten Mal in der deutschen Geschichte gebe es keine Klassen- und Standesunterschiede mehr.

»Blut und Boden«-Ideologie

In jahrzehntelangen Kämpfen der Arbeiterklasse war der Anspruch auf soziale und demokratische Rechte gewachsen: auf auskömmlichen Lohn, auf Schutz vor den Folgen von Krankheit, Erwerbslosigkeit und Unfällen, auf Rentenzahlung im Alter, auf Begrenzung der Arbeitszeit und auf demokratische Beteiligung in Wirtschaft und Betrieb. Die Gründung der KdF zielte darauf ab, diese Ansprüche zu neutralisieren, »Ruhe an der Heimatfront« zu sichern.

Die NSDAP hatte sich durch ihr Programm und durch Absprachen Adolf Hitlers mit Vertretern des Großkapitals sowie durch die Zerschlagung der Gewerkschaften die Unterstützung von Banken und Industrie gesichert. Ringen mußten die Nazis um Disziplinierung und Zustimmung der Arbeiterschaft, um Ruhe bei der Vorbereitung des Krieges und nach dessen Anzettelung an der sogenannten Heimatfront zu sichern, offenen und versteckten Widerstand zu brechen. Mit Terror, sozialer Demagogie und Heilsversprechen vom »nationalen Sozialismus« allein war das nicht zu machen. Es bedurfte konkreter sozialer Maßnahmen, mindestens der Ankündigung solcher, z.B. der Urlaubsverlängerung, von Ehestandsdarlehen und Kindergeld sowie – der Kriegsvorbereitung geschuldeten – Reduzierung der Massenarbeitslosigkeit. Es bedurfte der restlosen Vernichtung der Traditionen der politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung, ihrer Sport- und Gesangvereine, der Bildungsvereine, der Naturfreundebewegung. Für diese sozialen Räume mußte Ersatz geschaffen werden, um Menschen an die »völkische« Ideologie zu binden: Die »NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude« war – neben der Hitlerjugend, dem »Bund Deutscher Mädel«, der »NS-Frauenschaft« sowie den gleichgeschalteten Vereinen – ein wichtiges Element in dieser Strategie.

Für die Nazis war die von nationalistischen und monarchistischen Kräften lange vor 1933 postulierte rassisch definierte »Volksgemeinschaft« ein zentraler Begriff und Gegenbild zu sozialen Klassen, Klassenwidersprüchen und Klassenkämpfen. Wie bei Kaiser Wilhelm II., der bei der Kriegsvorbereitung 1914 keine Parteien und Klassen mehr kennen wollte, »nur noch Deutsche«, sollte nicht zwischen Kapital und Arbeit, zwischen »oben« und »unten«, nicht zwischen Arm und Reich die Trennlinie verlaufen, sondern zwischen »deutsch-arisch« und »jüdisch-bolschewistisch«, wahlweise »slawischen Untermenschen«, zwischen »gesundem Volkskörper« einerseits und »unwertem Leben« andererseits. Ausgestoßen und vernichtet wurde, wer dieser »Volksgemeinschaft« nicht angehörte oder angehören wollte. Die »NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude« war ein Grundstein bei der Verankerung dieser »Blut und Boden«-Ideologie in der deutschen Bevölkerung mit Folgen für das Staatsbürgerrecht bis heute.

Die KdF wurde als Unterorganisation der »Deutschen Arbeitsfront« (DAF) gegründet. Die DAF selbst war eine Untergliederung der NSDAP, installiert nach der Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933, mit deren Vermögen einschließlich Immobilien, Verlagen und Ferienheimen als Raubgut sowie Zwangsbeiträgen aller Beschäftigten finanziell bestens ausgestattet und so die KdF großzügig alimentierend.

Die »Volksgemeinschaft« war eine exklusive Angelegenheit, »das Böse« lag außerhalb: Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Schwule, Behinderte, bekennende Christen und viele andere wurden ausgegrenzt und ermordet, noch bevor der Krieg gegen andere Völker begann. Die heute wieder erstarkende Weltsicht, nicht alle Menschen hätten die gleichen Rechte, wurde von der »Volksgemeinschafts«ideologie auf die mörderische Spitze getrieben. Aus den Versprechungen jedoch wurde nichts, Massenurlaub und zivile Massenproduktion begann erst nach der militärischen Zerschlagung des Nazireiches, verbunden mit einer Verklärung der vorgeblich »guten Seiten« des Faschismus. Massenmord an den Juden, Vernichtung der Arbeiterbewegung, Zwangs- und Sklavenarbeit, der millionenfache Tod im Krieg sollten vergessen werden.

Überhöhung der Arbeit

Was im großen die »Volksgemeinschaft«, nämlich eine homogene und widerspruchsfreie Ansammlung »rassisch wertvoller« arischer Deutscher, war – ebenso wichtig – im kleinen die »Betriebsgemeinschaft«, die im Duden von 1941 nicht steht, im heutigen Duden fälschlich als »Gemeinschaft der Angehörigen eines Betriebs« bezeichnet wird. Ausgezeichnet wurde als »nationalsozialistischer Musterbetriebe« zum Beispiel das Volkswagenwerk in der »Stadt des KdF-Wagens«, Wolfsburg. Es feiert gerade unbekümmert seinen 75. Geburtstag und grenzt – wie damals – die Opfer aus. Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter sowie KZ-Häftlinge, die zu Arbeitssklaven gemacht worden waren, wurden und werden nicht erwähnt.

Das Wesen der »Betriebsgemeinschaft« bestand im System von Führer- und Gefolgschaft; der Eigentümer bzw. Geschäftsleiter war »Betriebsführer«, die Beschäftigten waren die »Gefolgschaft«, Betriebsräte und Gewerkschaften natürlich verboten. Vermeintlich existierten hier keine Klasseninteressen. Gegensätze wurden konstruiert durch die rassistische Überhöhung der »deutsch-arischen Volksgenossen« gegenüber angeblich »minderwertigen« Zwangsarbeitern aus den besetzten Ländern und geschundenen KZ-Häftlingen. Die »Schönheit und Würde der arischen Arbeit«, die ideologische und materielle Überhöhung der deutschen Arbeiter wurde sichtbar und in ihrer Wirkung intensiviert durch die gnadenlose, oft tödliche Ausbeutung und Mißhandlung der Sklavenarbeiter in vielen Betrieben. Und der graue Alltag im Nazireich wurde aufgepeppt durch Konzerte, bunte Abende, Sportveranstaltungen und Ausflüge der KdF-Gemeinschaft für »Volksgenossen« und »Betriebsgemeinschaften«.

Die KdF hatte 4000 hauptamtliche Mitarbeiter. Sie war gegliedert in Tausende Ortsgruppen und verschiedene »Ämter«, mit dem Ziel, wie der DAF-Chef und »Reichstrunkenbold« Robert Ley vorgab, aus dieser verbrecherischen Zwangsgemeinschaft »die wahre nationalsozialistische Gesellschaftsordnung zu formen«.

Für den Zweck bedeutsam war das »Amt für Urlaub, Reisen und Wandern«, durch das der Tourismus von 1934 bis 1939 entwickelt wurde: Es organisierte 40 Millionen Reisen, überwiegend Wanderausflüge, aber auch sieben Millionen Urlaubsreisen, die für die meisten Menschen in der Weimarer Republik ein Traum waren. Die legendären Kreuzfahrten blieben wenigen »Volksgenossen« vorbehalten. Fast nie kamen Teilnehmende aus unteren sozialen Schichten. Und doch gelang eine bis in die heutigen Tage wirkende Inszenierung: Der »Sozialismus der Tat« schickte seine Arbeiter auf Luxusurlaub. Erst einige Jahre nach der Zerschlagung des Faschismus ab den 1950ern wurde der Massentourismus aus der Bundesrepublik heraus zu einem lukrativen Geschäft für die Touristikkonzerne (»Neckermann macht’s möglich«) und zu einer bezahlbaren Urlaubsmöglichkeit im Wirtschaftswunderland selbst.

Hohe Bedeutung hatte das »Amt für Schönheit und Würde der Arbeit« wegen der maßlosen Überhöhung von körperlicher Arbeit »deutsch-arischer Volksgenossen«. »Sonne und Grün allen Schaffenden« war eine der Losungen. Sie wurde bewußt eingesetzt als Propaganda gegen die Sowjetunion, so in der Ausstellung: »Der Adel deutscher Arbeit – wie steht es im viel gerühmten Sowjetparadies?« 1936 und »Maschine, Arbeitsstaub und Schweiß schließen die Schönheit und Würde nicht aus – was aber tut das Sowjetparadies für seine Arbeiter?« von 1937. Neben antisowjetischen und antislawischen Aktivitäten bestand die Aufgabe dieses KdF-Geschäftszweiges in der Gestaltung von Industriebetrieben nach neuen arbeitspsychologischen Gesichtspunkten. Teils in Abgrenzung, teils in Adaption von Design und Architektur der 1920er Jahre, zum Beispiel des Bauhauses, wurden Möbel, Beleuchtungen, Räume, Sanitäranlagen und Gebäude konzipiert, um Arbeitszufriedenheit herzustellen und Produktivität dauerhaft zwecks Kriegsvorbereitung und Maximalprofiten zu steigern. Besonders eifrigen Betrieben wie dem Volkswagenwerk, der Preussag, Oetker, Melitta, Barmenia, der Uhrenfabrik Ruhla, Fissan, Schiesser und vielen mehr wurde der Ehrentitel »NS-Musterbetrieb« mit Fahne und Orden in pompösen Feiern verliehen.

Weitere »Ämter« von KdF waren zuständig für Sport, Aus- und Fortbildung, Kultur, Volks- und Brauchtum, Dorfverschönerung, Wehrmachtheime und für die Jugend. Eine Sonderaktion der KdF war das Volkswagenprojekt, welches – wie die meisten anderen Projekte – sichtbar nicht den vorgeblichen Zielen diente, sondern der ideologischen und ­materiell-technischen Kriegsvorbereitung.

Prora und Volkswagen

An den beiden monumentalen Projekten Prora und das Volkswagenwerk werden für Nazis und KdF typische Erscheinungen deutlich: der Größenwahn, die davon abgeleitete »überwältigende« Architektur und die abenteuerliche Finanzierung.

Prora auf Rügen: Auf fast fünf Kilometern Länge wurden sechsgeschossige Häuserblöcke aneinandergereiht, mit 10 000 Gästezimmern für 20000 Urlauber – plus Speisesälen, Sportstätten und einer Festhalle für 20000 Personen. Eine Million Menschen sollten dort jährlich für einen Kurzurlaub untergebracht werden. Wie die angekündigte Massenproduktion von Autos war auch der propagierte Massentourismus Teil der ideologisch und rassistisch angelegten »Sozialpolitik« der Nazis. Und es war der Versuch, über die Menschen auch in ihrer Freizeit zu verfügen und diese einer totalen Kontrolle zu unterwerfen. Am 2. Mai 1936, dem dritten Jahrestag der Zerschlagung der Gewerkschaften, wurde in einer pompösen Massenveranstaltung der Grundstein für die Urlauberanlage an der Prorer Wiek gelegt, mit Kriegsbeginn wurden die Bauarbeiten drei Jahre später eingestellt.

Bei der Eröffnung des Dokumentationszentrums Prora im Juli 2004 sprach der damalige Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, Professor Wolfgang Benz, u.a. über die »Kommerzialisierung des Faszinosums Nationalsozialismus«. Sie manifestierte sich in unkritischem »Erlebnistourismus«, schlimmer noch durch Spekulanten und Glücksritter, die mit der Naziruine ein großes Geschäft machen wollen.

Der Tagesspiegel berichtete am 2.11.2013, daß erste Ferienwohnungen im Nazibau Prora auf der Ostseeinsel verkauft seien: »mit 103 Quadratmetern Wohnfläche und edler Ausstattung mit Sauna bieten bei Preisen von bis zu 6500 Euro pro Quadratmeter den preisadäquaten Komfort, aber auch dem hoch besteuerten Einkommensbezieher steuerliche Anreize. Letzteres bedeutet: Denkmal-Abschreibung. (…)« Bei einem Gesamtkaufpreis von rund 670000 Euro für eine 103-Quadratmeter-Premium-Ferienwohnung ist eine einfache Wohnung mit 80 Quadratmetern zum Schnäppchenpreis von 260000 Euro zu haben. Erste Eigentümer laden, völlig stumpf gegenüber der Historie, zum »Richtfest 73 Jahre nach Baubeginn«!

Die Volkswagenfabrik sollte das größte Autowerk der Welt werden, größer als das Vorbild Ford in Detroit. Eine Millionen Fahrzeuge sollten pro Jahr gebaut werden – fast erreicht wurde diese Stückzahl einmal zu Beginn der 1990er Jahre im »Autorausch« nach dem Anschluß der DDR an die Bundesrepublik. Im Januar 1934 reichte Ferdinand Porsche das Exposé für den »Volkswagen« ein. Hitler war begeistert von dem »genialen Konstrukteur«, denn Porsche schrieb darin u.a.: »Ein Volkswagen darf kein Fahrzeug für einen begrenzten Verwendungszweck sein, er muß durch einfachen Wechsel der Karosserie allen praktisch vorkommenden Zwecken genügen und für bestimmte militärische Zwecke geeignet sein.« Die Deutsche Bank und die Automobilindustrie, voran die Daimler-Benz AG, lehnten die Pläne ab, weil für den festgelegten Verkaufspreis von 990 Reichsmark das Auto nicht zu produzieren war; selbst das berühmte T-Modell von Ford wurde für umgerechnet mehr als 1500 RM verkauft. Aber zur Kriegsvorbereitung und als sozialpolitischer Köder war das Projekt zu wichtig, um im Konkurrenzkampf der Automobilindustrie unterzugehen. So wurde der Auftrag zum Bau der Fabrik, der »Stadt des KdF-Wagens«, des heutigen Wolfsburgs, und des Autos an die »NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude« vergeben. Für Ferdinand Porsche sowie seinen Geschäftsführer und Schwiegersohn Anton Piëch ein risikofreies Geschäft, da die DAF/KdF die Finanzierung unabhängig von jeglicher Wirtschaftlichkeit garantierte. Sie setzte dafür die geplünderten Gewerkschaftsvermögen ein, »lieferte« die Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter und die versklavten KZ-Gefangenen. Außerdem wurden 340000 Menschen zum »Ansparen« überredet: »Fünf Mark die Woche mußt du sparen, willst du im eignen Wagen fahren.« Keine Arbeiterfamilie konnte sich das leisten, kein einziges ziviles Auto wurde ausgeliefert – aber der »Volkswagen« und die Idee der Massenmotorisierung erlebten analog zum Phänomen des Massentourismus nach dem verlorenen Krieg und nach der Gründung des Separatstaates BRD ihre tatsächliche Entwicklung. Bei der Grundsteinlegung des Werkes am 26. Mai 1938 prophezeite Hitler vor 70000 begeisterten Nazianhängern: »Die Idee und das Werk sind gleich groß in ihren Auswirkungen!« Ferdinand Porsche machte sich im Januar 1945 nach Österreich aus dem Staub, Schwiegersohn Anton Piëch folgte Anfang April 1945 – mit der Kasse von Volkswagen (zehn Millionen Reichsmark), womit neben günstigen Konzessions- und Verkaufsverträgen der sagenhafte Reichtum des Porsche-Piëch-Clans begründet wurde. Bezeichnend ist der Satz in der Biographie vom VW-Konzernlenker und heutigen Mehrheitseigentümer Ferdinand Piëch über seinen kriegsverbrecherischen Großvater: »Und als ich die eminente Rolle des Konstrukteurs begriff, hat mir die ganze Geschichte bloß imponiert und mich nicht eine Sekunde belastet, warum auch?«

Sozialpartnerschaftsideologie

Beides, Massenproduktion und Massentourismus, kam unter anderen politischen Bedingungen nach dem Ende des Naziregimes in Gang – und damit die Verklärung dieser Projekte als der vorgeblich »guten Seiten« des deutschen Faschismus. Die seit dem Ersten Weltkrieg entwickelte Arbeitsgemeinschaft von Gewerkschaften und Unternehmerverbänden, »Sozialpartnerschaft« genannt, hat in der KdF-Praxis der Ausmerzung des Klassenkampfes Verstärkung gefunden. Otto Brenner, der spätere Vorsitzende der IG Metall, sagte in den 1950er Jahren während der Auseinandersetzung um das Betriebsverfassungsgesetz, indem er auf den »Geist der vorüber geglaubten Zeit« und den Stellenwert der »spezifisch nationalsozialistischen Ideologie in der Volks- und Betriebsgemeinschaft« hinwies: »Die dem Gesetz innewohnende Ideologie entspricht der Zeit, die wir 1945 ein für allemal überwunden glaubten. Ein Textvergleich mit dem ›Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit‹ vom 20. Januar 1934 macht deutlich, was ich meine.« Gewerkschaften halten gelegentlich noch an Sozialpartnerschaft und Korporatismus fest, obwohl von Unternehmerverbänden längst der Klassenkampf von oben geführt wird.

DAF und KdF wurden als verbrecherische Organisationen nach der Befreiung vom Faschismus aufgelöst. Die Bauruinen in Prora fanden zunächst keine touristische Verwendung, das Volkswagenwerk blieb als öffentliches Eigentum »herrenlos« bis zur Teilprivatisierung durch die Adenauer-Regierung Ende der 1950er Jahre. Millionen Menschen waren mit völkischer Propaganda und der Betriebsgemeinschaftsideologie aufgewachsen, berichteten noch lange über die vorgeblich »guten Seiten«, waren in dieser Weise Teil des Problems, nach 1945 etwas Neues aufzubauen, eine in jeder Weise demokratische Republik. Die Kritik von Otto Brenner und anderen an der Sozialpartnerschaftsideologie mit ihren Wurzeln in der »vom Klassenkampf befreiten Betriebsgemeinschaft« ist in den folgenden Jahren fast vollständig verlorengegangen. Dieser Verlust an kritischer Distanz hat zur weiteren Auflösung von gewerkschaftlichen Zusammenhängen, von kollektivem Bewußtsein und von Solidarität beigetragen: Die »Volksgemeinschafts«ideologie wirft lange Schatten.

Stephan Krull ist Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen und war von 1990 bis 2006 Mitglied des Betriebsrates im Volkswagenwerk Wolfsburg. Er schrieb zuletzt am dieser Stelle am 1. Juli 2013 über das »System Volkswagen«. Stephan Krull ist Herausgeber des Buches »Volksburg – Wolfswagen – 75 Jahre ›Stadt des KdF-Wagen‹/Wolfsburg«, Ossietzky-Verlag, Hannover 2013, 164 Seiten, 14,95 Euro

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