17. April 2014

Wirtschaftsmacht und Ideologie

In seinem Geschichtsbuch über die Päpste entlarvt der kürzlich verstorbene Kirchenkritiker Karlheinz Deschner die Politik des Vatikans

Harry Popow

In seinem Buch »Die Politik der Päpste« spürt Karlheinz Deschner (1924-2014) der oft geheim gehaltenen Zweisamkeit von Kurie und Kapitalmächten nach. Mit Akribie geht er selbst den scheinbar unscheinbarsten Äußerungen von kirchlichen Würdenträgern nach, stöbert in Hirtenbriefen, Reden, Rundschreiben, Verträgen und berichtet von geheimen Treffen. Was er findet, sind haarsträubende Fakten. Jedes Gebet, jede angeblich menschliche Hilfeleistung auf dem Gebiet der Caritas, »die Kirchensteuer, die Säuglingstaufe, der Religionsunterricht, … ein Tischgebet, Beichtgang, eine Kommunion…, all dies wird letzten Endes … auf die Waagschale priesterlicher Macht- und Weltmachtambitionen geworfen«, schreibt Deschner.

Die Methoden der Verdummung haben sich seit der Antike nicht gewandelt, sind raffinierter, aber auch – siehe die Weltkriege – brutaler geworden. Um das Volk gefügig zu halten, predigte Leo XIII. (1878-1903), daß »es kein Kapital ohne Arbeit gebe und keine Arbeit ohne Kapital, daß Reiche und Arme einander zutiefst bedürfen, ja… die Natur habe das Verhältnis zwischen der besitzenden und der unvermögenden, arbeitenden Klasse… zu gegenseitiger Harmonie hingeordnet.« So begann, schreibt Deschner »der organisierte Krieg der Kirche gegen Kommunismus, Sozialismus und Sozialdemokratie, es war die Geburtsstunde (…) der christlichen Demokratie.« Papst Pius X. (1903-1914) sprach von den fortschrittlichen Kräften als »Feinden der Freiheit«, die er wie »Ratten vertilgen« wollte.

Der Einfluß des »Heiligen Stuhls« beruhe, so Deschner, nicht nur auf seiner Ideologie, sondern auch auf seiner Wirtschaftsmacht. So besaß die Kirche bereits im Mittelalter ein Drittel des gesamten europäischen Bodens. »Allein in Italien besaßen der Vatikan, die Jesuiten und andere geistliche Kreise in der Ära Pius XII. (1939-1958, H.P) Aktien und Wertpapiere der bedeutendsten Industrie- und Finanzunternehmen...«

Karlheinz Deschner: Die Politik der Päpste. Alibri Verlag, Aschaffenburg 2013, 1100 Seiten, 59 Euro

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