9. Juli 2013

Wojtyla am Ziel

Papst Johannes Paul II. (1980)

Johannes Paul II., der reaktionärste Papst der Neuzeit, wird heiliggesprochen

Gerhard Feldbauer

Wie der Vatikan am vergangenen Freitag mitteilte, wird der polnische Papst Johannes Paul II. noch in diesem Jahr heiliggesprochen. Nach der vorher erforderlichen Seligsprechung 2011 wird das acht Jahre nach seinem Tod 2005 die schnellste Zuerkennung des Heiligenstatus in der Geschichte der Kurie. Als vollbrachtes Wunder – auch das eine Voraussetzung – wird die Heilung einer Nonne aus Costa Rica von der Parkinson-Krankheit anerkannt. Paradoxerweise verstarb der künftige Heilige nach jahrelangem Siechtum selbst an Parkinson. Zusammen mit Johannes Paul soll der 1963 verstorbene Johannes XXIII., der 2000 seliggesprochen wurde, zum Heiligen erhoben werden. Dabei verkörpern beide Päpste den Gegensatz zwischen Reaktion und Fortschritt. Sorgte Wojtyla doch dafür, daß die von Johannes XXIII. ins Auge gefaßten Reformen, wo er sie noch nicht rückgängig machen konnte, stagnierten. Gemeinsam mit seinem Nachfolger Benedikt XVI. bekämpfte Johannes Paul II. erbittert die Befreiungstheologie in Lateinamerika, machte gemeinsame Sache mit Faschisten vom Schlage eines Pinochet in Chile, und der Putschloge P2 und förderte in Italien die von dem Mediendiktator Silvio Berlusconi angeführte rechtsextreme Regierung mit AN-Faschisten und Rassisten, wo immer sich dazu Gelegenheit fand.

Besonders nahm Karel Wojtyla aktiv am kalten Krieg gegen das sozialistische Lager teil und half mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln der antikommunistischen Opposition in seinem Heimatland. Im Februar 1992 berichtete die Washingtoner Times, daß der polnische Papst und US-Präsident Ronald Reagan bereits bei einem Treffen am 7. Juni 1982 im Vatikan eine »Heilige Allianz gegen den Kommunismus« schmiedeten. Beide hätten übereingestimmt, die in Jalta festgelegte Nachkriegsordnung zu beseitigen. In ihrem Buch »Seine Heiligkeit Johannes Paul II. und die Geheimdiplomatie des Vatikans« (München 1996), schilderten Carl Bernstein und Marco Politi, daß Wojtyla auf dieser Basis eine enge konspirative Zusammenarbeit mit der CIA, besonders mit dem Malteser-Ritter General Vernon Walters, einem Italien-Experten und ranghöchstem Agentenführer, praktizierte.

US-Gelder für die Untergrundarbeit der verbotenen antikommunistischen Gewerkschaft Solidarnosc in den achtziger Jahren liefen über den damaligen Chef der Vatikanbank IOR, Erzbischof Marcinkus. Wojtyla habe sie bei Reisen nach Polen in seinem Diplomatengepäck befördert. Laut E. R. Carmin »Das schwarze Reich« (München 2000) habe der polnische Papst persönlich schätzungsweise weit über 100 Millionen Dollar dazu beigesteuert. Wichtige Fäden diese Finanzierung liefen über den Bankier der faschistischen Putschloge P2 Roberto Calvi, der laut Tagesspiegel vom 16. März 2009 kundgab, die Finanzhilfe für die Solidarnosc habe insgesamt mehr als eine Milliarde US-Dollar betragen. Als ein gefährlicher Mitwisser wurde Calvi höchstwahrscheinlich deshalb von der Mafia 1982 in London umgebracht. Wojtyla scheute sich auch nicht, gemeinsam mit dem Geheimdienst des Vatikans Pro Deo und der CIA deren Spitzenagenten Corrado Simioni, der bei der Ermordung des christdemokratischen Parteiführers Aldo Moro die Fäden zog, anschließend nach Polen zur Unterstützung der Solidarnosc zu schicken.

Wojtyla war ein überaus fleißiger Selig- und Heiligsprecher, womit er wohl sich selbst diesen Platz sichern wollte. Von ihm wurden sage und schreibe 1330 Personen selig und 428 heilig gesprochen. Alle Päpste der letzte 400 Jahre erreichten zusammen nur etwa die Hälfte der Heiligsprechungen, die Wojtyla in gut einem Vierteljahrhundert vornahm. Zu den skandalträchtigsten gehörten die des Generalpräsidenten des klerikalfaschistischen Opus Dei (Werk Gottes), Maria Escrivá de Balaguer, und 1998, mitten in der Vorbereitung des NATO-Überfalls auf Jugoslawien, die des früheren Erzbischofs von Zagreb, Kardinal Alojzije Stepanic, in dessen Amtszeit das faschistische Ustascha-Regime über eine Million Serben – Männer, Frauen und Kinder – auf grausamste Weise umbrachte.

In die Selig- und Heiligsprechungen wurden schon oft Frauen und Männer der katholischen Kirche eingereiht, die entgegen der herrschenden reaktionären Linie der Kurie mutig Reaktion und Faschismus entgegentraten, wie beispielsweise der in Auschwitz ermordete Pater Maximilian Kolbe oder die ebenfalls dort umgebrachte deutsche Jüdin Edith Stein. So möchte die Kurie auch jetzt wieder einmal Ausgewogenheit demonstrieren und neben Johanes Paul II. Johannes XXIII. zum Heiligen erheben. Dem Förderer von Faschismus und Reaktion Wojtyla wird der Gegner des Hitler- und Mussolini-Faschismus, der Retter Tausender Juden vor den Konzentrationslagern, der Reformer und Papst des Friedens genannte Giuseppe Roncali, der spätere Papst Johannes XXIII., zur Seite gestellt. Heuchlerischer kann es kaum noch zugehen.

Johannes XXIII. wird die für einen Papst seltene Ehre der Widmung auf der Gedenkmauer von Yad Vashem in Jerusalem zuteil. Er berief das II. Vatikanische Konzil (1962–1965) ein, mit dem er eine Öffnung der katholischen Kirche gegenüber der Welt einleiten und sie auf realistischeren Grundlagen neuen Entwicklungsbedingungen anpassen wollte. Von herausragender Bedeutung waren vor allem die Beschlüsse zur Toleranz unter den Religionen (Religionsfreiheit), darunter die Absage an den Antijudaismus, mit der die Kirche »alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgend­einer Zeit und von irgend jemanden gegen die Juden gerichtet haben«, beklagte.

Wie Vatikan-Kenner in Rom wissen wollen, soll Papst Franziskus, der an seinem Ruf als Reformer bastelt, gezögert haben, den Polen Wojtyla so schnell zum Heilgen zu erheben. Wohl deshalb habe er sich zu dem nicht üblichen Schritt entschlossen, die Kardinäle aus aller Welt zu einem sogenannten Konsistorium einzuberufen, das seine Entscheidung besiegeln soll.

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