24. September 2011

»Zivilisiertes Massaker«

Vor 100 Jahren begann die Eroberung Libyens durch italienische Truppen

Gerd Bedszent

Am 28. September 1911 erschien eine italienische Kriegsflotte vor dem Hafen von Tripolis. Ein Ultimatum vom 26. September, in dem Italien »aus Gründen der nationalen Würde und der Verteidigung seiner Interessen« vom Osmanischen Reich eine Übergabe der Souveränität über die Provinzen Tripolitanien und der Kyrenaika gefordert hatte, war von Sultan Mehmed V. abgelehnt worden. Darauf folgte am 29. September die offizielle Kriegserklärung.

Die türkische Besatzung in Tripolis zählte nur wenige Dutzend Soldaten. Insgesamt hatte das Osmanische Reich in Nordafrika nur etwa siebentausend Bewaffnete stationiert. Die Invasionsflotte umfaßte 145 Kriegsschiffe, an Bord befanden sich 34000 modern ausgerüstete Soldaten. Der osmanischen Garnison erschien daher jeder Widerstand aussichtslos, und sie bot Verhandlungen an. Vergeblich. Nachdem die italienische Flotte mehrere türkische Kriegsschiffe versenkt und die Osmanen so vom Nachschub abgeschnitten hatte, begann sie am 3. Oktober mit einer rücksichtslosen Beschießung der Stadt und der Anlandung von Truppen.

Auf unvermutet heftigen Widerstand, den hauptsächlich einheimische Freischärler leisteten, reagierten die Invasoren mit Massenterror. Dem Pogrom fielen mehrere Tausende Einwohner von Tripolis und der Vororte zum Opfer. Von einer hemmungslos wütenden Soldateska wurden unbewaffnete Zivilisten »zur Abschreckung« gehängt, Moscheen geplündert, Frauen vergewaltigt und verschleppt. Ein italienischer Offizier erklärte dem Korrespondenten der deutschen Presse, die Morde geschähen, weil dies auf die anderen Araber »einen tieferen Eindruck machen würde«. W. I. Lenin charakterisierte später die Kriegführung der Italiener als »zivilisiertes Massaker«.

Ungezählte Opfer

Hauptträger des bewaffneten Kampfes gegen die vorrückenden italienischen Truppen war die in der Kyrenaika sehr starke Bruderschaft der Senussi. Der 1837 gegründete islamische Orden proklamierte den »Heiligen Krieg« gegen die Invasoren. Die Bruderschaft setzte den Widerstand auch fort, als das Osmanische Reich mit dem Friedensschluß von Lausanne-Ouchy am 18. Oktober 1912 auf die Kyrenaika und Tripolitanien verzichtete und die Reste der türkischen Truppen abzog. Formell waren die bis dahin türkischen Landesteile jetzt autonom, faktisch hatten die Osmanen damit den italienischen Eroberern das Feld geräumt.

Nach dem Einmarsch des italienischen Militärs in den bis dahin unabhängigen Landesteil Fessan weitete sich der Eroberungskrieg im Jahre 1914 auf das gesamte heutige libysche Staatsgebiet aus. 60000 italienischen Soldaten und eritreischen Kolonial­söldnern, ausgerüstet mit moderner Artillerie und Flugzeugen, standen damals nur wenige tausend schlecht bewaffnete Stammeskrieger gegenüber.

Die Opfer der kolonialen Eroberung sind ungezählt. Zehntausende Menschen fielen Hunger, Seuchen und dem Wüten des italienischen Militärs zum Opfer. Allein die Bevölkerung der Kyrenaika schrumpfte in den Jahren von 1911 bis 1915 von 300000 auf 120 000.

Im Verlaufe des Ersten Weltkriegs mußte Italien den Großteil seiner Truppen aus Libyen abziehen. Die Senussi-Führung erklärte sich zum Verbündeten des Osmanischen Reiches. Obwohl sie in einem Dreifrontenkrieg gegen italienische, britische und französische Kolonialtruppen standen, gelang es den Senussi und mehreren unabhängig von ihnen operierenden Stammesverbänden, fast das gesamte Territorium Libyens zurückzuerobern – die Italiener hielten nur noch wenige Küstenstädte.

Im Jahre 1916 vollzog ein Teil der Senussi-Führung unter Muammar Muhammad Idris Al-Mahdi Al-Senussi, einem Enkel des Ordensgründers, allerdings einen politischen Schwenk und akzeptierte die Herrschaft der Italiener über Nordlibyen. Im Gegenzug wurde Idris als Emir der Kyrenaika anerkannt. Ein Teil der Stämme verweigerte sich jedoch seiner Herrschaft und setzte den Kampf fort.

Unter Sulaiman Al-Baruni bildeten im Jahre 1915 mehrere Stammesführer eine provisorische Regierung und riefen nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches im Jahre 1918 die Republik Tripolitanien aus. Politische Parteien wurden gegründet, eine erste Zeitung herausgegeben. Ein Vertreter der kurzlebigen Republik weilte 1921 sogar in Moskau und stellte einen Kontakt zur Regierung Sowjetrußlands her.

Besatzungsterror

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erkannte Italien zunächst eine begrenzte Souveränität Tripolitaniens und der Kyrenaika an, verstärkte aber gleichzeitig seine Truppen und spielte die Stämme gegeneinander aus. Nach Machtübernahme der Faschisten kündigte Mussolini alle abgeschlossenen Verträge und erklärte jeden Widerstand gegen die Herrschaft Italiens zum Verbrechen.

Die Truppen des Senussi-Emirats wurden 1923 vom italienischen Militär vernichtet. Während Idris daraufhin im britischen Exil verschwand, führten andere Senussi unter Umar Al-Muchtar einen jahrelangen erbitterten Guerillakrieg gegen die Eroberer. Die Besatzer reagierten mit Terror. Jede Unterstützung der Aufständischen wurde mit dem Tode bestraft, etwa 100000 Bewohner der Kyrenaika in Konzentra­tionslagern interniert. Nur die Hälfte von ihnen überlebte. Der faschistische General Rodolfo Graziani, später bei der Eroberung Äthiopiens unter dem Beinamen »Der Schlächter« bekannt, ließ gezielt Viehherden der Beduinenstämme vernichten. Die Grenze zu Ägypten wurde mit einem 300 Kilometer langen Stacheldrahtzaun gesichert, um die Guerilla vom Nachschub abzuschneiden. Dokumentiert sind mehrfache Giftgasangriffe italienischer Flugzeuge auf Ortschaften, die sich unter Kontrolle der Aufständischen befanden.

Am 18. Januar 1931 gelang motorisierten italienischen Truppen die Eroberung der Kufra-Oasen im äußersten Südosten Libyens. Damit war das religiöse Zentrum der Senussi gefallen. Etwa die Hälfte der Oasenbevölkerung, 2000 bis 5000 Menschen, flüchtete vor den anrückenden faschistischen Soldaten in die Wüste. Die meisten von ihnen verdursteten oder starben unter dem Maschinengewehrfeuer und Bombenabwürfen sie verfolgender italienischer Flugzeuge. Nur wenige hundert Überlebende eines mehrwöchigen Todesmarsches erreichten britisches Gebiet.

Nach der Gefangennahme Umar Al-Muktars brach der Widerstand weitgehend zusammen. Das militärische Oberhaupt der Senussi wurde nur wenige Tage später, am 16. September 1931, öffentlich hingerichtet.

1932 erklärte General Graziani die Eroberung für beendet und rief die »Pax Romana« aus. 1939 wurde Libyen zum Bestandteil des italienischen Staates erklärt.

Auf Seiten der Briten kämpfende Senussi-Truppen beteiligten sich im Zweiten Weltkrieg an der Befreiung ihres Landes. Im Oktober 1942 flohen die Reste der geschlagenen italienischen Truppen und ihrer deutschen Verbündeten aus einem verwüsteten Land. Etwa 100000 Bewohner Libyens hatte die faschistische Besatzung das Leben gekostet.

Koloniale Landnahme

Das Königreich Italien hatte im Jahre 1902 in einem Vertragsschluß mit Frankreich die kolonialen Interessensphären gegeneinander abgegrenzt; das heutige Libyen zählte danach als italienische Einflußzone. Eine zunehmende wirtschaftliche Durchdringung durch italienische Handelshäuser ging mit einer aggressiven nationalistischen Rhetorik einher. Der italienische Chauvinist Giuseppe Bevione verkündete im Mai 1911: »Libyen ist das gelobte Land, Italien von der Vorsehung zugesprochen.« Im Zuge der kolonialen Eroberung wurden allein bis zum Jahr 1930 etwa 200000 Hektar, hauptsächlich fruchtbare Ländereien Tripolitaniens, enteignet und Italienern zur Nutzung übergeben. Die scheinbar »herrenlosen« Wüstengebiete des Landesinneren fielen dagegen an den italienischen Staat.

General Graziani verkündete nach dem militärischen Sieg eine Übergabe geraubter Ländereien an »Arbeiterheere von reiner Rasse und italienischer Gesinnung«. Tatsächlich siedelten die Faschisten über 100000 Landarbeiter, hauptsächlich aus dem unterentwickelten Süden Italiens, in Tripolitanien und der Kyrenaika an. Zuerst bediente sich die faschistische Führung selbst. Der faschistische Gouverneur Graf Volpi sicherte sich beispielsweise gleich Tausend Hektar, Graziani teilte sich dagegen nur bescheidene 731 Hektar zu.

Das faschistische Siedlungsprojekt scheiterte. Der größte Teil der Kolonialbevölkerung kehrte gegen Ende des Zweite Weltkrieges nach Italien zurück; die letzten Italiener wurden nach dem von Oberst Gaddafi geführten Umsturz von 1969 ausgewiesen.

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