22. März 2014

Zuckererbsen für Proletarier

Jaroslav Seifert 1981 - Fotoquelle: Wikipedia

Vor dreißig Jahren erhielt Jaroslav Seifert den Literaturnobelpreis

Heidi Beutin

Heidi Beutin, geb. 1945 in Hamburg, arbeitet nach journalistischer Tätigkeit als freie Wissenschaftspublizistin und engagiert sich ehrenamtlich als stellvertretende Vorsitzende von ver.di Nord. Aktuelle Buchveröffentlichung: Heidi Beutin, Wolfgang Beutin, Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Herbert Schmidt, Claudia Wörmann-Adam (Hg.): »Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen«. Vom Mythos Morgenland zur Wirklichkeit. Talheimer Verlag, Mössingen 2013, 216 Seiten, 29 Euro

Der tschechische Dichter Jaroslav Seifert (1901–1986) wurde 1984, also vor dreißig Jahren, mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. In einem seiner frühen Gedichte hatte er die Sehnsüchte des Proletariers zum Ausdruck gebracht, darunter auch dessen Verlangen, die von der Not diktierte Askese zu beendigen, um sich, den Bürgern gleich, an kulinarischen Genüssen zu delektieren, womit er die von Heinrich Heine ausgegebene Parole »Zuckererbsen für jedermann« erneuerte:

Wir wollen eine neue Welt nach unsern Maßen.
Wie schön das Leben ist! Vom Maienlicht erhellt,
schöpft neu die Erde voller stiller Freude Atem.
Wir Proletarier sehnen uns nach unsrer Welt.
(…)
Und jener, der sein Leben lang nur fastet,
will endlich auch von Sorgen unbelastet,
am speisenüberladnen Tische sitzen
und will den schönen Geigenklängen lauschen,
als höre er der Engel Flügel rauschen.
(…)
Auch uns gelüstet’s, Schweinefleisch mit Kraut zu essen
und Kalbsgebratenes, gefüllt mit Paprika.
(…)
Auch uns gelüstet es, Burgunderwein zu trinken …

Seifert berichtet in seinem 600 Seiten umfassenden autobiographischen Werk »Alle Schönheiten der Welt«1, nach dem Druck dieser Verse sei in der Öffentlichkeit ein gewaltiger Sturm losgebrochen. Die Kritik kam nicht bloß von seiten der Bürgerlichen: »Bohumir Šmeral, ein Führer der Kommunistischen Partei und Redakteur des Rudé Právo bestellte mich zu sich in die Redaktion und ließ mich mit freundlicher Entschiedenheit wissen, die Verse seien dumm und schadeten der Sache der Arbeiterklasse.« Andere Mitstreiter urteilten anders.

Die Avantgarde-Strömung, mit der Seiferts Name in der Literaturgeschichte regelmäßig in Verbindung gebracht wird, ist der Poetismus. Über ihn kann man aus der deutschsprachigen Literaturhistoriographie sowie aus Nachschlagewerken nicht eben viel erfahren. Das mag daran liegen, daß es sich um eine Richtung der literarischen Moderne im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts handelt, die ihre Wirkung ausschließlich in einem einzigen Land entfaltete: in der Tschechoslowakischen Republik, einem der kleineren Staaten Europas. Die Poetisten waren ein Zusammenschluß tschechischer Autoren seit 1920, zeitlich eine Parallele zum französischen Surrealismus, mit dem sie manche Motive und künstlerische Methoden verbinden. Auch andere experimentelle Kunstströmungen der Epoche beeinflußten ihn, so der von Deutschland ausstrahlende Expressionismus. Das organisierende Zentrum des Poetismus bildete die Künstlergruppe Devetsil (übersetzt etwa »Neunkraft«, zugleich das tschechische Wort für Pestwurz), die am 5.10.1920 in Prag von marxistisch jungen Künstlern gegründet worden war. In den ersten Jahren stand sie der Proletkult-Bewegung nahe. Die Manifeste des Poetismus stammten von Seiferts Altersgenossen Karel Teige (1900–1951), Julius Fucik (1903–1943, in NS-Haft ermordet), Vitezslav Nezval (1900–1958) und Seifert selbst. Das Ende des Poetismus – nicht zugleich des poetischen Schaffens der Autoren, die erst am Anfang ihrer Entwicklung standen – kam mit dem Übergang Teiges und Nezvals zum Surrealismus und ihrer Gründung einer Prager surrealistischen Gruppe.2

In einem Bericht von 1924 über den aktuellen Poetismus verknüpfte der Literaturkritiker Josef Hora (1891–1945) dessen Entstehung mit den umstrittenen Versen Seiferts, um den Übergang dieses Dichters von einem – wie er wertete – allzu einfachen Revolutionsbegriff zum Poetismus zu erhellen: »Jaroslav Seifert hat früher einmal reichlich primitiv in seinen Versen die Hoffnung ausgesprochen, daß auch wir, die Proletarier, uns einmal an vollen Tischen mit Fleisch, Fischen, Käse, Wein und Branntwein niedersetzen werden, und wenn wir das alles zusammenrechnen, sind wir bei dem, was wir beweisen wollten: Diese jüngste Poesie, die nicht proletarisch sein will, was die Tendenz angeht, ist nicht nur Widerhall und gelegentlich auch Nachhall fremder Vorbilder, irgendeiner L’art-pour-l’art-Kunst, sondern auch die primitive Volksauffassung der Revolution, des psychischen Massenklimas, in dem wir leben.« Hora versuchte, den Poetismus auf der Folie der tschechischen Geschichte in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg zu würdigen. Er vermerkte: »Jaroslav Seifert, der ein Büchlein revolutionärer Gedichte geschrieben hat, in denen er sich vom häuslichen Glück mit der Geliebten lossagt, um auf die Barrikaden sterben gehen zu können, fängt auf einmal an, Verse über alle Schönheiten der Welt zu schreiben, Verse, die den Arbeitern von Grund auf unverständlich sind, aber in höchstem Grad seiner künstlerischen Ehrlichkeit und seinem Glauben entsprechen. Er will nicht Revolution machen, er will nicht in Versen denken, er will nicht in der Poesie Elend und Fluch des Kapitals aufdecken, er will die lachende Schönheit, das Spiel lieblicher Worte, keine Poesie vom Lebensmangel, sondern eine Poesie des Überflusses und des Überschäumens, die Poesie der Sonntagnachmittage, der Ausflüge, Cafés, der belebten Boulevards, der Stille, der Nacht, der Ruhe und des Friedens, wie es Karel Teige für den Devetsil formuliert hat.« Hora sprach dem Poetismus seine soziale Funktion zwar nicht ab, erhob jedoch einen gravierenden Vorwurf gegen ihn: daß er im Kern »eine enge Kunst« sei, »die nur das im Leben Erträumte und die Passivität ausdrückt, aber nicht die Lebensaktivität«.3

Seifert betrachtete den Poetismus als erfolgreich, als eine »Generation der Avantgarde, von der manche jungen Leute heute wie von etwas Legendärem sprechen«. Auf vielen Gebieten kam der Erfolg: in der Lyrik, der bildenden Kunst, der Musik, der Architektur. Der Poetismus existierte gerade einmal zwölf Jahre – immerhin zwölf Jahre, könnte es auch heißen. Als er gegründet wurde, war die 1918 entstandene neue Tschechoslowakische Republik zwei Jahre alt. Als er endete, hatte diese eben noch vier bis fünf Jahre vor sich (das Münchner völkerrechtswidrige »Abkommen«: September 1938, Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Rest-Tschechoslowakei: März 1939). Seifert verzeichnet, in der Zeit kurz vor dem 2. Weltkrieg sei den meisten Künstlern seines Landes klargeworden, daß es notwendig sein würde, sich der fatalen Entwicklung entgegenzustemmen, die eine Gefährdung ebenso sämtlicher kulturellen Errungenschaften bedeutete wie überhaupt des Lebens aller Menschen in der Tschechoslowakei. »Mit raschen Schlägen näherte sich dieser neue Krieg. Immer häufiger mußten die Schriftsteller zusammenkommen, um ihren leidenschaftlichen und entschiedenen Widerstand gegen den Faschismus und ihre Treue zur Demokratie, die nach dem Einmarsch der Nazis in Österreich gefährlich bedroht war, zu bekunden.« Seifert besteht darauf: »Wir wußten genau, es ging nicht um das Regime und die Republik, es ging um alles: Es ging um unsere Sprache, unsere Kultur und all das, was man als Tschechentum bezeichnen kann, und es wäre für Hitler kein Problem, unser Volk auf der Weltkarte auszuradieren.« (Was der NS dann in seinem »Generalplan Ost« in der Tat vorsah.)

Woher konnte Rettung kommen, woran sollten sich die Künstler in den Zeiten der größten Not halten? Seifert forschte kaum nach auswärtigen Mächten, deren Waffen vielleicht hätten Hilfe bringen können und schließlich (1945) auch brachten. Nach dem Desaster von München 1938 fühlten sich allzu viele Tschechen »verraten und verkauft«, zu Recht. In seiner Autobiographie beschreibt Seifert all das, was ihm unter den Begriff der »Schönheiten« dieser Welt gehörte: die Stadt Prag und den Stadtteil seiner Herkunft, die Natur, die Frauen und Mädchen – wie er sich denn auch als Feminist bekennt –, den künstlerischen Avantgardismus, die Stätten des Lebensgenusses: die Tanzlokale, die Oper, den Jazz. Unter diesen Schönheiten erschien ihm als die wichtigste, rettende in der Notzeit die erste. Dazu die Menge der schöpferischen Gestalten aus seinem Volke. Er resümierte, wie das tschechische Volk sich in den Gefahren der Zeit vor dem 2. Weltkrieg und in diesem verhielt. In seiner Autobiographie heißt es: »Ein zahlenmäßig so kleines Volk wie das unsere schart sich in der Stunde der Gefahr eng um das Andenken und die Werke seiner großen Menschen. Diese lebendigen Schatten sind nicht loszureißen von den Mauern unserer Hauptstadt, wo die meisten von ihnen gelebt und gewirkt haben. (…) in schlimmen Zeiten führen alle Wege in diese Stadt, und durch die Stadt führt dann der einzige Weg zur Hoffnung. Wie zitterten wir um ihr Schicksal und zugleich um das Schicksal unseres Volkes, als die Sirenen auf den Dächern heulten.«

In der Gegenwart ist der Nobelpreis in den unterschiedlichen Sparten auf dem Wege, in Verruf zu geraten, bedingt durch mehrfache Mißgriffe bei seiner Verleihung. Dabei gehört es zu den begrüßenswerten Auswirkungen des Literaturnobelpreises, den Blick des literarischen Publikums in aller Welt verstärkt auch auf Autorinnen und Autoren kleinerer Nationen zu lenken. Mit der Ehrung Jaroslav Seiferts rückte zugleich noch einmal die tschechische Dichtung seiner Epoche ins Licht, der Poetismus samt seinen literarischen Leistungen. Soll die Ehrung nicht als Augenblickseinfall des preisverleihenden Komitees rasch verklingen, sollte das Lesepublikum sie als Aufforderung nehmen, Seiferts Bücher fortan mitzudenken, wenn von der Literatur des 20. Jahrhunderts die Rede ist, wie ebenso die Bücher seiner Weggefährten und diejenigen vieler Autorinnen und Autoren aus anderen kleineren Ländern.

1 Erschienen zuerst 1981 in den tschechischen Exilverlagen Sixty-Eight Publishers (Toronto) und Index Verlag (Köln); in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik zuerst 1982 mit leichten Kürzungen (Prag). Von mir benutzte Ausgabe: Berlin 1992

2 Diesen Passus formulierte ich in Anlehnung an den Eintrag »Poetismus« im Metzler Literatur Lexikon. Stichwörter zur Weltliteratur, hg. von Günther und Irmgard Schweikle, Stuttgart 1984, S. 335. – Vgl. auch Reinhard Ibler: »Auf der Höhe der europäischen Avantgarde: Poetismus«, in: Walter Koschmal u. a. (Hg.): Deutsche und Tschechen, Geschichte – Kultur – Politik. Bonn 2005, S. 259–267

3 Josef Hora: »Das Ende der sozialen Dichtung?«, in: Ilse Seehase (Hg.): Von der Verantwortung der Kunst. Dokumente zur tschechischen marxistischen Literaturprogrammatik 1918–1938, Berlin 1976, S. 149–158

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2014/03-22/003.php