25. Juli 2012

Zum dritten Mal London

London 1908: Für Italien in die Bresche gesprungen – feierlicher Einzug der Mannschaften im White City Stadium (13.7.1908)

Am Freitag werden in der britischen Hauptstadt die olympischen Sommerspiele 2012 eröffnet. Rückblick und Ausblick

Klaus Huhn

London, das vom 27. Juli bis 12. August Gastgeber der Spiele sein wird, schrieb in den fast 120 Jahren olympischer Geschichte zwei bedeutende Kapitel und scheint auf gutem Wege, ein drittes hinzuzufügen.

1908 gab London sein Debüt mit einer Veranstaltung, die, was ihre Dauer betraf, einmalig blieb. Die 187 Tage (27. April bis 31. Oktober) wurden nie mehr übertroffen, allerdings lassen die Zahlen nicht auf Anhieb erkennen, daß man an der Themse damals faktisch Sommer- und Winterspiele austrug. Im Oktober 1908 waren zum ersten Mal auch Eiskunstlaufwettbewerbe mit Medaillen geehrt worden.

Weit gravierender als die Dauer der Spiele aber war die Tatsache, daß London in letzter Minute als »Ersatz«-Veranstalter eingesprungen war und damit faktisch die Fortsetzung der Spiele im Vierjahre-Rythmus sicherte.

Berlin oder Rom?

Die Vorgeschichte ist lang, illustriert aber die damalige olympische Situation. Nach dem gelungenen Auftakt in Athen (1896) waren die Spiele 1900 in Paris und 1904 in Saint Louis fast zu Jahrmarktsfesten verkommen. Ursprünglich waren die Spiele 1908 nach Berlin vergeben worden, nachdem deutsche Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) 1901 den Antrag gestellt hatten, sie dort auszutragen. Als 1903 überraschend Rom sein olympisches Interesse bekundete, machte IOC-Präsident Pierre de Coubertin kein Hehl daraus, daß ihm die ehemalige Metropole des antiken römischen Reichs als olympische Kulisse reizvoller erschien als Berlin und tat das Nötige, um den Wechsel zu befördern. Dann aber zeigten die Römer unerklärlicherweise zunehmend weniger Interesse, und im Januar 1906 löste sich das so spektakulär gebildete Organisationskomitee kommentarlos wieder auf. Nach dem verheerenden Ausbruch des Vesuvs am 7. April 1906 hatte man auch ein triftiges Argument, auf die Bewerbung über Nacht zu verzichten. Italien brauchte jede Lire für den Wiederaufbau Neapels.

Also stand Coubertin plötzlich ohne Austragungsort für 1908 da, was durchaus das Ende der Olympischen Spiele hätte bedeuten können. Allerdings hatten sich inzwischen die Griechen wieder gemeldet und darauf bestanden, für alle Zeiten die »Heimat« Olympias zu bleiben! Sie opponierten gegen Coubertins Plan, das Fest jeweils an eine andere Stadt zu vergeben und schlugen vor, den Abstand auf zwei Jahre zu reduzieren und wollten zwischen den an andere Städte vergebenen Spielen alle vier Jahre in Athen Gastgeber sein.

1906 fanden in Athen die einzigen »Zwischenspiele« der olympischen Geschichte statt. Coubertin blieb ihnen demonstrativ fern. Auch ohne ihn arrangierten die Griechen erfolgreiche Spiele. Rund 900 Aktive kämpften in 15 Disziplinen um die Medaillen. Zum ersten Mal zogen die Aktiven bei einer Eröffnungszeremonie hinter ihren Landesfahnen ins Stadion. Bei den Siegerehrungen wurden die Nationalhymnen gespielt, und zum ersten Mal wurden die Athleten gemeinsam untergebracht, womit die Idee des Olympischen Dorfes geboren wurde.

Die Rolle Ferenc Keménys

Coubertins Mißbehagen über das Athener Fest war nicht unbegründet. Seine Abwesenheit hatten Rivalen nutzen wollen, um das so mühsam von ihm auf die Beine gebrachte IOC zu »reformieren«: Deutsche IOC-Mitglieder hatten mit den Schweden vereinbart, das Athener Organisationskomitee als neues IOC zu inthronisieren. Wes Geistes Kind die »Reformer« waren, verriet allein die Tatsache, daß man das langjährige ungarische IOC-Mitglied Ferenc Kemény nicht in das neue IOC aufnehmen wollte – weil er Jude war.

Das zu erwähnen ist von Belang, denn der ungarische Pädagoge und Humanist hatte als erstes IOC-Mitglied Kontakte zur damals gerade entstehenden Friedensbewegung geknüpft. Kemény und seine Familie wurden während des Zweiten Weltkriegs Opfer der faschistischen Judenpogrome in Ungarn.

Zurück nach Athen ins Jahr 1906 und zu Coubertins Sorgen, wer Gastgeber der nächsten Spiele werden könnte. In Athen hatten sich die Briten kaum an den »Reformvorschlägen« beteiligt, aber bald erkannt, daß kaum eine Stadt bereit war, in der verbleibenden Frist von knapp zwei Jahren die Spiele zu übernehmen. Nach der Heimkehr der Offiziellen aus Athen führte man lange streng geheimgehaltene Verhandlungen in London und überraschte die Welt am 24. November 1906 mit der Mitteilung, die Spiele übernehmen zu wollen. Mit Lord Desborough war bereits einer der erfahrensten Organisatoren von Großveranstaltungen zum Präsidenten des Organisationskomitees gewählt worden, und der entschied, daß neben den eigentlichen »Sommerspielen« noch drei weitere Veranstaltungsphasen stattfinden sollten. Die »Frühjahrsspiele« (Ende April bis Mitte Juni) umfaßten vier Ballsportarten. Von Ende Juli bis Ende August folgten die »nautischen Spiele« mit den Wassersportarten. Den Abschluß bildeten in der zweiten Oktoberhälfte die »Winterspiele« mit Sportarten, die in Großbritannien traditionell hauptsächlich in der kühleren Jahreshälfte betrieben werden (Boxen und verschiedene Ballsportarten). Da eine Halle zur Verfügung stand, in der künstlich Eis erzeugt werden konnte, war es auch erstmals möglich, Wettkämpfe im Eiskunstlauf auszutragen. Coubertin machte aus seiner Begeisterung über dieses Angebot kein Hehl.

Am 31. Oktober 1908 fand im Londoner Restaurant »Holborn« das Abschlußbankett statt. Coubertin war nicht anwesend, weil er nach der Nachricht, daß seine Eltern kurz nacheinander gestorben seien, nach Hause gereist war. Sein Urteil – auch was die Zukunft der Spiele betraf – aber hatte er schon am 24. Juli bei einem Bankett der britischen Regierung geäußert: »Wir sind tief beeindruckt von dieser IV. Olympiade, die uns dank des Fleißes und der gewaltigen Anstrengungen der englischen Kollegen als Meilenstein auf dem Weg der technischen Perfektion in Erinnerung bleiben wird.

Die Fortschritte des Komitees, in dessen Namen ich die Ehre habe zu sprechen, sind bislang bemerkenswert und rasch erzielt worden. Aber wenn ich an die Anfeindungen denke, denen wir ausgesetzt waren, an die vielen Hinterhalte, an die vielen Hindernisse, die wir überwinden mußten, an unglaubliche Intrigen und Eifersucht, die uns in den vergangenen 14 Jahren begleitet haben, glaube ich manchmal, daß dieser Kampf eine Sportart ist, die uns von unseren Gegnern nach dem Prinzip auferlegt wird: ›Ringen um jeden Preis‹.

Letzten Sonntag, als in Saint-John eine Zeremonie zu Ehren der Athleten stattfand, hat der Bischof von Pennsylvanien in begeisternden Worten wiederholt: Bei den olympischen Spielen ist nicht der Sieg entscheidend, sondern die Teilnahme. Merken wir uns, meine Herren, diese starken Worte wohl.

Das Wichtige im Leben ist nicht der Sieg, sondern der Kampf. Das Entscheidende ist nicht, jemanden besiegt zu haben, sondern sich gut geschlagen zu haben. Der Internationalismus, so wie wir ihn verstehen, besteht aus der Verehrung der Heimatländer und dem edlen Wettkampf der Sportler, deren Herzen höher schlagen, wenn als Lohn ihrer Arbeit die Landesfarben an den Masten hochgezogen werden. Auf Ihre Länder, meine Herren, auf den Ruhm Ihrer Fürsten, auf die Größe ihrer Regentschaft, auf den Wohlstand ihrer Regierungen und Völker.«

Die erste Antidopingregel

Am 24. Juli war der Marathonlauf ausgetragen worden. Wenige Schritte vor dem Ziel war der Italiener Pietri vor Schwäche zusammengebrochen, hatte sich aber wieder aufgerafft und war von übereifrigen Helfern über die Ziellinie geführt worden, was ihm die Disqualifikation eintrug. Für die Akribie, mit der die Engländer die Spiele vorbereitet hatten, sprach die Tatsache, daß sie allein für den Marathonlauf ein elf Punkte umfassendes Reglement formuliert hatten. Die erste Regel lautete: »1. Der Marathonlauf von 42 Kilometern wird auf einem auf öffentlichen Straßen von der Amateur-Athletik-Assoziation markierten Kurs gelaufen und endet auf der Aschenbahn des Stadions, wo noch eine Runde zu laufen ist.« Regel 4: »Kein Teilnehmer darf am Start oder im Verlauf des Rennens Drogen zu sich oder entgegennehmen. Die Verletzung dieser Regel führt zu unwiderruflicher Disqualifikation.« Nicht auszuschließen, daß dies die erste internationale Antidopingregel war, die allerdings davon ausging, daß Kampfrichter beobachtet hätten, wie ein Läufer eine Dopingpille schluckte. Die Disqualifikation Dorandos – die Eintragung seines Namens in die Startliste war einer der wenigen Fehler, die den Veranstaltern unterliefen, denn er hieß nicht Dorando Pietri sondern Pietri Dorando – hatte die Gemüter im Stadion ereifert, zumal einer der als »Helfer« an der Disqualifikation »Mitschuldigen« Sir Arthur Conan Doyle – der Erfinder von Sherlock Holmes – war. Die britische Königin Alexandra zeichnete Dorando während der offiziellen Siegerehrung für den US-Amerikaner Hayes in der Königsloge mit einem goldenen Pokal aus und erntete dafür minutenlangen Beifall.

Bei aller Mühe, die sich die Briten gegeben hatten, faire Spiele zu organisieren – bei vorangegangenen hatten sich die Gastgeber oft unlautere Vorteile verschafft – kam es auch in London zu Konflikte auslösenden Kontroversen. Hoch schlugen die Wogen des Regelstreits zwischen den Briten und den Amerikanern in der Leichtathletik. Nach dem 400-Meter-Lauf drohten die Amerikaner sogar mit der Abreise. »In der Leichtathletik«, schrieb Coubertin hinterher, »erreichte das anglo-amerikanische Duell seinen Höhepunkt. Man trug es von beiden Seiten mit solcher Erbitterung und Wut aus, daß man hätte meinen können, alle historischen Erinnerungen seien wieder erwacht, und die nationale Ehre stünde auf dem Spiel.«

 

Wie hektisch die Atmosphäre war, verrät auch ein Protest, der von US-amerikanischer Seite gegen die siegreiche britische Mannschaft im Tauziehen eingereicht worden war. Angeblich hätten die Londoner Polizisten – die Mannschaft der City Police gewann die Goldmedaille – Spezialschuhe getragen. In einem offiziellen englischen Bericht dazu heißt es: »Die Amerikaner waren prächtige Athleten, aber sie hatten nicht die geringste Ahnung davon, wie man eine Schlaufe richtig verankert. Sie waren beim besten Willen für diese Disziplin nicht zu gebrauchen und waren natürlich sehr überrascht, wie wenig ihre Kraft gegen die Geschicklichkeit auszurichten vermochte. Die englischen Polizisten trugen normale Schuhe. Als sie von dem Protest hörten, erklärten sie sich bereit, in Socken anzutreten.«

Festzustellen ist dennoch vor allem: Mit London waren die Olympischen Spiele auf feste Gleise gerollt. Stockholm setzte das 1912 fort, Olympia war endgültig auf der Siegerstraße!

1948: Wieder Retter in der Not

1936 nutzte Hitler die Spiele, um der Welt seine Aggressionspläne zu verschleiern, und der Zweite Weltkrieg brachte den olympischen Rhythmus ins Schlingern. Erst mußte Helsinki die Spiele 1940 absagen, dann überfiel Japan China, und die inzwischen nach Tokio vergebenen Spiele wurden abgesagt. Im Juni 1939 stimmte das IOC dessenungeachtet über den Austragungsort 1944 ab, wobei die Wahl auf London fiel. Als der Zweite Weltkrieg vorüber war, übernahm die britische Hauptstadt ohne Abstimmung die Spiele 1948. Ein gewagtes Vorhaben, denn inzwischen tobte der Kalte Krieg und gefährdete auch Feste wie die Olympischen Spiele. Auch in London wehte der eiskalte Wind des Antikommunismus, aber es fanden sich dennoch genügend Anhänger der olympischen Sache, die sich davon nicht beeindrucken ließen. An eine Teilnahme der Sowjetunion war allerdings nicht zu denken, schon weil das IOC Hemmungen demonstrierte, und die zu einer anderen Gesellschaftsordnung tendierenden Länder Osteuropas wurden mit Zurückhaltung empfangen, was Athleten wie der Tschechoslowake Emil Zátopek zu spüren bekamen.

Ein neues Stadion stand nicht zur Verfügung. So mußte man auf den guten alten Wembley Ground zurückgreifen, konnte aber nicht einmal nötige Umbauten vornehmen, weil das Sta­dion inzwischen einem Windhundrennen-Unternehmen gehörte, das sich nicht sehr kooperativ zeigte. Für die Boxer und Ringer fand man einen originellen Ausweg: Nach den Wettkämpfen der Schwimmer wurde im Wembley-Bad ein »Ponton« verankert, auf dem man den Ring und die Matte verankerte.

Vor allem aber wußte man nicht, wie man die Athleten entsprechend versorgen könnte. Die Schweden hegten die Absicht, ihre Mannschaft in Göteborg zu stationieren und die beteiligten Athleten täglich nach London zu fliegen. Doch dann wurde eine große europäische Aktion gestartet. Allein Dänemark lieferte 160000 Eier. Die US-Schwimmerin Brenda Heiser erinnerte sich: »Wir erwarteten ein England wie im Märchenbuch und Engländer wie die in England geborenen Hollywood-Filmstars. Aber England war düster, schäbig und verunstaltet, genauso wie die Nerven der Menschen. Unser Olympisches Komitee hatte als eine Geste des guten Willens beschlossen, ihr Los zu teilen. Wir sollten die gleichen Rationen wie die Engländer essen.« Immerhin hatte das britische Ernährungsministerium entschieden, die Athleten entsprechend der geltenden Lebensmittelkarten für Schwerarbeiter zu versorgen. Die Amerikanerin klagte, daß ihre Mannschaft die einzige war, die sich daran hielt. »Unsere erbärmliche Verpflegung war kein Geheimnis. Die Argentinier aßen fette Steaks, und bei uns waren es Steaks, die wie Schuhabsätze aussahen, für die reserviert, die ein Finale bestritten.«

Nur schneeweiße Tauben

Der 29. Juli war der Tag der Eröffnung. Der Hürdenolympiasieger von 1928, Lord Burghley, hielt die Eröffnungsrede: »Eine Traumvision ist heute schöne Wirklichkeit geworden. Als der Krieg, der die ganze Welt erfaßt hatte, 1945 zu Ende ging, waren so viele Organisationen und Institutionen verschwunden, nur die stärksten haben überlebt. Wie, so haben sich viele gefragt, wie hat sich die große olympische Bewegung gehalten? Hier und heute in dieser großen Arena sind 4000 Athleten versammelt, die Blüte der Jugend der Welt, aus 59 Nationen. Sie sind dem Ruf gefolgt, und sie geben die Antwort auf diese Frage. Sie sind der Beweis für die Stärke der olympischen Bewegung.«

5000 Tauben – man hatte nur ganz weiße ausgesucht – stiegen in den Himmel dieses großen Nachmittags. Die ersten Spiele der Nachkriegszeit hatten begonnen, und die Welt hoffte, daß die Kette der Olympischen Spiele nicht mehr durch Mord und Terror unterbrochen würde!

Die niederländische »Königin«

Die Niederländerin Fanny Blankers-Koen war bei den Leichtathletinnen favorisiert, übertraf aber alle Erwartungen. Die 30jährige Mutter zweier Kinder holte vier Goldmedaillen und den »Titel« »fliegende Hausfrau«. Ihr Londoner »Programm«:

Sonnabend: 100 m – 12,0 s

Montag mittag: 100 m – 12,0 s

Montag nachmittag: 100 m – 11,9 s, Olympiasieg

Dienstag: 80 m Hürden (H) – 11,3 s

Mittwoch mittag: 80 m H – 11,4 s

Mittwoch nachmittag: 80 m H – 11,2 s, Olympiasieg

Donnerstag: 200 m – 25,7 s

Freitag mittag: 200 m – 24,3 s

Freitag nachmittag: 200 m – 24,4 s, Olympiasieg

Sonnabend: 4x100 m – 47,6 s

Sonntag: 4x100 m – 47,5 s, Olympiasieg

Elfmal ging sie an den Start, und elfmal kehrte sie als Siegerin zurück! Ihr größtes Rennen lief sie in der Staffel: Als sie den Stab als letzte Läuferin der Niederlande übernahm, lagen die australische Schlußläuferin fünf Meter, die britische gut drei Meter und die kanadische zwei Meter vor ihr. Auf den letzten Metern ließ sie alle hinter sich. 1999 wählte die International Association of Athletics Federations (IAAF) Fanny zur Leichtathletin des Jahrhunderts. Später litt sie an Altersdemenz und verbrachte ihre letzten Lebensjahre in einem Pflegeheim in Hoofddorp, wo sie am 25. Januar 2004 im Alter von 85 Jahren verstarb.

Das Gailly-Drama

Viele der Großen von einst fehlten in London. Sie waren auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs begraben worden.

Der Marathonlauf bereicherte die Geschichte dieser Prüfung um ein weiteres dramatisches Kapitel. Manches glich dem tragischen Finale, das vier Jahrzehnte zuvor Hunderttausende erregt hatte: Der erste, der auf die Aschenbahn kam, taumelte mehr, als er lief: Der Belgier Etienne Gailly. Bleich und seiner Sinne kaum mehr Herr, quälte er sich zum Ziel. Der Rest von Willen aber, der noch in ihm steckte, war nicht mehr stark genug, die Muskeln zu kontrollieren. Ein Läufer glitt an dem taumelnden Belgier vorüber und Sekunden darauf noch ein zweiter. Der Mann, der als erster die Aschenbahn betreten hatte, wurde nur Dritter, der Sieger Delfo Cabrera kam aus Argentinien.

Doch der belgische Fastsieger wurde zwei Jahre später ein Opfer des nächsten Krieges! Die USA hatten, ihre Vormachtstellung in der UNO nutzend, eine »UNO-Streitmacht« für Korea beschließen lassen, die dort nur für US-amerikanische Interessen kämpfte. Gailly – Belgien gehörte schon zur NATO – geriet in diese Armee. Eines nachts schleppten ihn Freunde schwerverletzt vom Schlachtfeld. Noch im Lazarett wußte er, daß er nie wieder auf einer Aschenbahn würde laufen können: Man hatte ihm einen Fuß amputieren müssen.

Auf dem Weg nach London hatte die olympische Flamme zum ersten Mal in der Geschichte am Grabmal eines Unbekannten eine Nacht verbracht. Das war in Brüssel gewesen, wo der Oberbürgermeister und der britische Botschafter im Schatten des Feuers derjenigen gedacht hatten, die weltweit in Soldatengräbern ruhten – und nicht ahnen konnten, daß ein Belgier schon bald nach Olympia ein Opfer eines weiteren Krieges werden sollte!

Der dritte Anlauf

Als London sich zum dritten Mal um die Spiele bewarb war kein Mangel an Kandidaten. Bis zum Ablauf der Meldefrist am 15. Juli 2003 hatten sich neun Städte beworben: Havanna, Istanbul, Leipzig, London, Madrid, Moskau, New York, Paris und Rio de Janeiro. Nach der Überprüfung durch eine Evaluationskommission schieden Havanna, Istanbul, Leipzig und Rio de Janeiro aus. Im Verlauf der 117. IOC-Session in Singapur fand die Wahl am 6. Juli 2005 statt. Die erste Bewerbungsrede hielt Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac, für New York warb Hillary Clinton, danach wandte sich der russische Präsident Wladimir Putin per Video in englischer Sprache an das IOC.

Der erste Wahlgang endete mit 22 Stimmen für London, 21 für Paris, 20 für Madrid. Im zweiten erreichte Madrid 32 Stimmen, London 27, Paris 25. Im dritten Wahlgang schied Madrid (31) hinter Paris (33) und London (39) aus. Im letzten erreichte London 54 Stimmen und Paris 50.

Eingeweihte schrieben das Ergebnis vor allem dem Umstand zu, daß London mit dem Mittelstrecken-Olympiasieger Sebastian Coe einen Mann zum Chef des Organisationskomitees berufen hatte, der eine kluge, weil sachliche Werbekampagne gesteuert hatte. Seit der erfolgreichen Bewerbung plädierte er in vielen Ländern für wirksame Aktionen zugunsten der Jugend. Er stellte das Sport-, Erziehungs- und Gesundheitsprogramm »Internationale Inspiration« vor, das inzwischen rund zwölf Millionen Kinder in 20 Nationen erreicht haben soll. In Bangladesch waren nach der Flutkatastrophe Zehntausende Kinder ertrunken, weil sie nicht schwimmen konnten. Mit Schwimmunterricht soll solchen Katastrophen nun begegnet werden.

Auch Giftmörder am Start

Aber nicht alles in London trägt olympischen Glanz. Seit 1984 werden die Spiele bekanntlich hemmungslos vermarktet. Umso empörender war, daß die Olympiastadt den weltweit operierenden Chemieriesen Dow Chemical in den Kreis der Millionensponsoren aufnahm. Er hatte nicht nur die Katastrophe von 1984 im indischen Bhopal – 20000 Tote – mitzuverantworten, sondern auch den mörderischen Entlaubungskrieg gegen Vietnam.

Dow Chemical führte im Vorfeld der Spiele als »Begründung« ins Feld, daß das Unternehmen die Firma Union Carbide erst Jahrzehnte nach dem Vietnamkrieg erworben habe. Sebastian Coe ignorierte das nicht, meinte aber: »Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, daß Dow Chemical zum Zeitpunkt des Unglücks in Bhopal und während der entscheidenden Auseinandersetzungen nicht verantwortlich war«. In Indien ist man anderer Meinung. Einer der berühmtesten Hockeyspieler und auch olympischer Goldmedaillen-Gewinner, Aslam Sher Khan, wandte sich nun an Sonia Gandhi, die Präsidentin der regierenden Kongreßpartei.

Es ist kaum damit zu rechnen, daß sich die Londoner Stadien ohne die Werbung des Chemieriesen präsentieren werden oder daß das Internationale Olympische Komitee dem Sponsor noch »kündigen« wird, aber auch Olympia ist längst zum Faktor der Marktwirtschaft geworden, und Coubertin würde sich im Grabe umdrehen, wenn er das noch erlebt hätte.

Vor allem aber erhöhte sich das Risiko, ungestörte Spiele zu erleben. Daß die Briten in letzter Stunde das Aufgebot der die olympischen Anlagen sichernden Kräfte verstärkten, signalisierte, wie ernst Scotland Yard seine Aufgabe nimmt. Daß sogar aus Afghanistan zurückgekehrte Soldaten eingesetzt werden – die dort Krieg führten und nun das Weltfriedensfest des Sports sichern helfen sollen –, ist ein Aspekt, den die olympische Geschichte noch nicht erlebt hat.

Der Autor gibt seit 17 Jahren die Halbjahreszeitschrift Beiträge zur Sportgeschichte heraus, deren Nummer 34 (www. sportgeschichte.net) am Morgen nach dem Ende der Spiele im Internet erscheinen wird. Im Mittelpunkt: »Täves Olympia-Tagebuch«

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2012/07-25/022.php